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Bührle-Stiftungsdirektor droht mit Abzug der Bilder - Bührle foundation director threatens to withdraw the paintings

1998
1970
1945
SonntagBlick 14 November 2021
Interview: Reza Rafi

Lukas Gloor bringt im Zürcher Kunststreit den Rückzug der umstrittenen Werke aus dem Zürcher Kunsthaus ins Spiel. Zugleich kündigt er im SonntagsBlick seinen Abtritt als Direktor an

Herr Gloor, das Onlinemagazin «Republik» berichtet von einem Geheimvertrag zwischen Bührle-Stiftung und Kunsthaus-Trägerschaft, gemäss dem ein belastetes Werk sowieso nie zurückgegeben werden müsse. Ist also die ganze Provenienzforschung sowieso eine Farce?
Lukas Gloor: Das ist schlicht wahrheitswidrig.

Dem Journalist liegt ein Brief der Stadt Zürich vor.
Darin teilt die Stadt mit, dass sie für entsprechende Entscheide nicht zuständig sei. Das hat nichts mit einem geheimen Deal zu tun. Aber der Autor des Artikels hat instinktiv gespürt, dass bei dem Fall der Schlüssel zum Ganzen liegt. Denn die Debatte dreht sich um ein Gemälde …

Claude Monets «Mohnblumenfeld bei Vétheuil».
Bereits 2012 war das in den Schlagzeilen. Damals kamen die Nachfahren des ehemaligen Besitzers Max Emden zu uns und behaupteten, dass ihr Vater Hans Erich Emden das Werk 1940 von seinem Vater Max geerbt habe und danach zu einem Schleuderpreis an Emil Bührle verkaufen musste, um seine Flucht nach Südamerika zu finanzieren. Wir konnten mit Vermögensdeklarationen von 1940 bis 1944 akribisch belegen, dass Hans Erich Emden das Gemälde nicht in Not und Pein veräusserte, sondern im Rahmen einer geordneten Emigration. Er hatte ein halbes Jahr Zeit, um sein Erbe und seine Überfahrt zu regeln. Seither haben wir nichts mehr gehört.

Ehemalige Mitglieder der Bergier-Kommission werfen der Bührle-Stiftung vor, sie belogen zu haben: Die Stiftung habe 2001 behauptet, das Archiv sei verschollen. Später tauchte es dann wieder auf.
Das betraf Stiftungsratspräsidentin Hortense Anda-Bührle. Dass sie gegenüber Georg Kreis und Esther Tisa Francini ihre subjektive Wahrheit sagte, kann ich unter Eid sagen. Circa 1964 hatte Frau Anda das letzte Mal das Archiv gesehen. Als sie dann erfuhr, dass das Archiv noch da ist, hat sie sich ehrlich gefreut. Wir haben Dokumente daraus schon 2010 im Kunsthaus gezeigt. Die Bergier-Kommission hat das damals festgestellt, und ich kann nicht verstehen, warum sie sich jetzt erneut empört. Historiker sollten es doch begrüssen, wenn Archive geborgen und erschlossen werden.

Stehen Sie mit Stadt und Kanton in Kontakt, seit diese eine externe Überprüfung wollen?
Wir haben um ein Gespräch bei Stadtpräsidentin Mauch ersucht. Da wurde ein Entscheid getroffen, ohne vorher mit uns zu reden. Das ist doch etwas merkwürdig.

Was erwarten Sie von einer externen Evaluation?
Materiell nichts Neues. Die Auseinandersetzung wird sich aber auf die Frage verschieben, wer die Evaluation vornimmt. Aus Deutschland kommt wachsender Druck, die Schweiz nicht länger als Sonderfall zu behandeln, sondern davon auszugehen, dass Emigranten im Krieg auch hier unter NS-Verfolgungsdruck standen.

Die Situation ist verkachelt. Wie wollen Sie da wieder raus?
Unsere Stiftung hat sicher nicht zum Ziel, zur Dauerbelastung für das Kunsthaus und für Zürich zu werden. Wir stehen für vernünftige Vorschläge zur Verfügung. Derzeit werden neben jedem Bild QR-Codes angebracht, die direkt zu unserer Provenienzforschung führen, eine prima Form, Transparenz zu schaffen. Es darf aber nicht sein, dass die Sammlung zu einer Gedenkstätte für NS-Verfolgung wird, das wird den Bildern nicht gerecht.

Sie hören Ende Jahr als Stiftungsdirektor auf. Warum?
Meine Aufgabe ist abgeschlossen. Die Bilder sind im Kunsthaus. Ich werde der Stiftung weiterhin beratend zur Seite stehen, in einer Form, die noch bestimmt werden muss. Die ursprüngliche Idee war, dass das Kunsthaus unsere Provenienzforschung übernimmt. Nun ist durch den Übergriff der Stadt auf die Autonomie des Kunsthauses eine neue Situation entstanden. Wenn jetzt die Stadt Zürich dem Kunsthaus diktiert, wie die Sammlung Emil Bührle dem Publikum zu erklären ist, können wir nicht mehr mitmachen.

English translation:

"The collection must not become a Nazi memorial"

In the Zurich art dispute, Lukas Gloor brings the controversial works out of the Zurich art house into play. At the same time, he announced his departure as director to the SonntagsBlick.

Mr. Gloor, the online magazine “Republik” reports on a secret contract between the Bührle Foundation and the Kunsthaus sponsorship, according to which a contaminated work never has to be returned anyway. So is all of provenance research a farce anyway?
Lukas Gloor: That is simply untruthful.

The journalist has a letter from the city of Zurich.
In it, the city announced that it was not responsible for making such decisions. It has nothing to do with a secret deal. But the author of the article instinctively sensed that this case was the key. Because the debate is about a painting ...

Claude Monet's “Poppy Field near Vétheuil”.
It was in the headlines back in 2012. At that time the descendants of the former owner Max Emden came to us and claimed that their father Hans Erich Emden inherited the work from his father Max in 1940 and then had to sell it to Emil Bührle at a bargain price in order to finance his escape to South America. With asset declarations from 1940 to 1944 we were able to meticulously prove that Hans Erich Emden did not sell the painting in distress and pain, but as part of an orderly emigration. He had six months to organize his inheritance and his passage. We haven't heard anything since then.

Former members of the Bergier Commission accuse the Bührle Foundation of having lied to them: In 2001 the foundation claimed that the archive was lost. It then reappeared later.
This concerned the President of the Board of Trustees, Hortense Anda-Bührle. I can say under oath that she told her subjective truth to Georg Kreis and Esther Tisa Francini. Ms. Anda saw the archive for the last time around 1964. When she found out that the archive was still there, she was genuinely happy. We showed documents from it in 2010 at the Kunsthaus. The Bergier Commission discovered that at the time, and I cannot understand why it is now outraged again. Historians should appreciate it when archives are salvaged and opened up.

Have you been in contact with the city and canton since they wanted an external review?
We asked for an interview with Mayor Mauch. A decision was made without talking to us beforehand. That's a bit strange.

What do you expect from an external evaluation?
Nothing new materially. However, the discussion will shift to the question of who is carrying out the evaluation. There is growing pressure from Germany not to treat Switzerland as a special case any longer, but to assume that emigrants during the war were under Nazi persecution pressure here too.

The situation is complex. How are you going to get out of it again?
Our foundation certainly does not aim to become a permanent burden for the Kunsthaus and Zurich. We are available for reasonable suggestions. At the moment, QR codes are attached next to each image, which lead directly to our provenance research, a great way of creating transparency. But it cannot be that the collection becomes a memorial for Nazi persecution, that does not do justice to the pictures.

You will retire as director of the foundation at the end of the year. Why?
My job is done. The pictures are in the Kunsthaus. I will continue to advise the foundation in a form that has yet to be determined. The original idea was for the Kunsthaus to take over our provenance research. The city's encroachment on the autonomy of the Kunsthaus has now created a new situation. If the city of Zurich now dictates to the Kunsthaus how the Emil Bührle Collection is to be explained to the public, we can no longer take part.

 

https://www.blick.ch/politik/sammlung-darf-keine-ns-gedenkstaette-werden-buehrle-stiftungsdirektor-droht-mit-abzug-der-bilder-id16985209.html
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