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Ein weiterer Fall von Raubkunst - Another case of looted art

1970
1945
Basler Zeitung 19 February 2020
Joël Hoffmann

Das Basler Kunstmuseum besitzt Werke aus der Sammlung des von den Nazis verfolgten Unternehmers Julius Freund.Das Museum behauptet, die Bilder sauber erworben zu haben. Es sei folglich keine Raubkunst. Protokolle belegen das Gegenteil

Während das Basler Kunstmuseum mit den Nachkommen des deutschen Kunstsammlers Curt Glaser über die Rückgabe der 1933 billig erworbenen Raubkunst verhandelt, liegen im Keller des Kunstmuseums weitere Raubkunstbilder. Dabei handelt es sich um sieben Werke aus der Sammlung des jüdischen Berliner Textilhändlers Julius Freund.

Die Sammlung Freund ist von hoher internationaler Bedeutung. 2005 wurden in Deutschland erstmals Bilder aus der Sammlung an die Erben zurückgegeben. Es war der Präzedenzfall im Umgang mit verfolgungsbedingten Verlusten von Kunstwerken zur Nazizeit. Anders gesagt: Erstmals wurden die auch von der Schweiz unterschriebenen Washingtoner Prinzipien im Umgang mit Fluchtgut angewendet - so wie es das Kunstmuseum bekanntlich nun auch im Fall Glaser tut, wenn es mit den Erben um eine «faire und gerechte Lösung» verhandelt.

In den meisten Fällen von Raubkunst handelt es sich nicht direkt um von den Nazis gestohlene Kunst, sondern um sogenanntes Fluchtgut, also Kunst, die von den Besitzern verkauft werden musste, um die Flucht zu finanzieren.

Doch trotz der internationalen Bedeutung des Falles hält das Museum die Sammlung Freund für unproblematisch. Für die Basler Kunstkommission handelt es sich nämlich nicht um Raubkunst im Sinne von Fluchtgut. Kommissionspräsident Felix Uhlmann verweist auf den Bergier-Bericht, also die Untersuchung zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Darin wird zwar die Sammlung Freund erwähnt. Aber: «Aus dem Bericht ergeben sich weder Hinweise darauf, dass der Verkauf zum Zwecke der Emigration erfolgte, noch auf einen Verkauf unter Wert; vielmehr bestand im Kunstmuseum Basel die Ansicht, dass die Preise generell recht hoch seien», behauptet Uhlmann.

Uhlmann hat recht mit seiner Einschätzung, wenn er sich auf den Bergier-Bericht bezieht. Doch aus den der BaZ vom Kunstmuseum ausgehändigten Protokollen von 1942, als das Museum die Bilder erworben hatte, geht das Gegenteil hervor: «Überraschend günstig» und «ganz billig» wurden Werke, etwa von Max Liebermann, erworben.

Diese Protokolle wurden offensichtlich von der Bergier-Kommission unter Federführung des Basler Historikers Georg Kreis nur lückenhaft berücksichtigt. Der Bergier-Bericht zitiert aus denselben Aufzeichnungen und erwähnt die angeblich hohen Preise, obwohl in den Protokollen das Gegenteil steht.

Auch ein Blick in die Geschichte Julius Freunds und seiner Familie zeigt: Ohne die Judenverfolgung der Nazis wäre es nie zum Verkauf der Sammlung gekommen. Julius Freund war Textilhändler in Berlin. Sein Vermögen investierte er in Kunst. Ein Schwerpunkt der Sammlung war deutsche Grafik des 19. und 20. Jahrhunderts. In den 30er-Jahren brachte er seine Sammlung nach und nach vor den Nazis in Sicherheit. Ein Grossteil der Werke war in Winterthur untergebracht, doch auch im Basler Kunstmuseum kamen einige Werke unter. 1939 schliesslich flüchtete das Ehepaar nach London.

Wegen der «Judenvermögensabgabe» und der «Reichsfluchtsteuer» wurde aus dem einst wohlhabenden Unternehmer ein fast mittelloser Flüchtling. 1940 entzog Reichsführer-SS Heinrich Himmler dem Ehepaar Freund die deutsche Staatsbürgerschaft, und das ganze restliche Vermögen ging ans Deutsche Reich.

Im selben Jahr flüchteten die Freunds wegen der Deustchen Bombenangriffe aus London, wobei Julius Freund einen Schlaganfall erlitt. Ein paar Monate später erlag er 1941 den Folgen des Schlaganfalls in einem Armenhospital. Nun entschloss sich die mittellose Familie für den Notverkauf der Sammlung in der Schweiz. Die Auktion fand im Frühling 1942 in der Galerie Fischer in Luzern statt.

Die Freund-Auktion stiess wegen ihrer Qualität auf grosses Interesse in der Kunstszene. Auch Adolf Hitler war wegen der umfangreichen Sammlung deutscher Künstler angetan. Er schickte Hans Posse nach Luzern. Der Direktor der Dresdner Gemäldegalerie war auch Beauftragter für das geplante Führermuseum in Linz. Hitlers Auftrag für Posse: Er solle die Romantik-Sammlung «retten».

359 Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken wurden für knapp 200000 Franken versteigert. Das Geld wurde nach Buenos Aires überwiesen, wo Freunds Tochter, die bekannte Fotografin Gisèle Freund, lebte. Sie hielt im Auktionskatalog fest, dass die Bilder eigentlich nie zum Verkauf gedacht waren, sondern einem deutschen Museum vermacht werden sollten, dass es dazu jedoch wegen der Judenverfolgung nicht mehr gekommen sei.

An der Auktion ersteigerte etwa auch die bekannte Berner Galerie Kornfeld mehrere Arbeiten, vor allem von Käthe Kollwitz. Das Zürcher Kunsthaus erwarb acht Bilder, Hitlers Kunstbeauftragter Posse kaufte 29, und das Basler Kunstmuseum ersteigerte sieben Werke.

Für Basel vor Ort war Kunstmuseumsdirektor Georg Schmidt, der seinen Vorgänger Otto Fischer mitnahm. Nach der Auktion folgte ein Dinner mit Damen, bei dem sich die Käufer im ungezwungenen Gespräch näherkommen konnten. Die Galerie Fischer machte noch bis 1944 im grossen Stil Geschäfte mit dem Führermuseum in Linz.

Zurück in Basel musste Schmidt der Kunstkommission über die Auktion und die Erwerbungen berichten. Im Protokoll vom 12. 5. 1942 erklärt der Konservator, dass man wegen der deutschen Bieter an der Auktion sich die «ersten Wünsche» nicht habe leisten können. «Trotzdem sind wir mit einer ganzen Reihe von Wünschen überraschend günstig gefahren», erklärt Schmidt. Und weiter: «Ganz billig haben wir eine Zeichnung 'Badende am Strand' von Max Liebermann, ein hervorragendes Stück, bekommen.» Total hat Schmidt 2695 Franken ausgegeben, etwas mehr als die vorab genehmigten 2500 Franken.

Wie schon sein Vorgänger Fischer bei der Glaser-Auktion in Berlin, kam auch Schmidt in einen, wenn auch kleineren, Kaufrausch. Er ersteigerte aus persönlicher Begeisterung ein Werk, das jedoch von der Mehrheit der Kunstkommission abgelehnt wurde. Wie bereits bei der Glaser-Auktion war den Verantwortlichen im Vorfeld der Auktion sehr wohl bewusst, aus welcher Sammlung sie Bilder erwerben wollten. Aber wie andere bedeutende Kunstakteure auch wollte sich Schmidt «das bedeutendste Graphik-Angebot des Jahres» nicht entgehen lassen.

 Werke aus der Sammlung sind heute über die ganze Welt verteilt. Bei einem Grossteil der Werke ist nicht bekannt, wo sich diese befinden. 2005 empfiehlt eine Kommission der Bundesregierung erstmals, Bilder aus der Freund-Sammlung an die Erben zurückzugeben. Die Kommission stellte fest, dass der Verkauf allein aufgrund einer wirtschaftlichen Notlage erfolgte, die ihrerseits ausschliesslich auf der Judenverfolgung der Nazis beruhte.Das Basler Kunstmuseum erhält vom Bund Subventionen für die Herkunftsforschung. Eines der Projekte widmet sich der Aufarbeitung der Erwerbungen im Kupferstichkabinett zwischen 1933 und 1945. Darunter fällt der bekannte Fall Curt Glaser, aber auch die Sammlung Julius Freund gehört dazu. Doch die Diskrepanz zwischen den Aussagen des Kunstkommissionspräsidenten Uhlmann heute, den vorliegenden Protokollen sowie der aktuelleren Forschung ist offenkundig.


 

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