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Freimaurer erhielten Nazi-Raubgut zurück - Nazi looted books returned to Freemasons

1970
1945
Nordbayern 14 November 2016
von Johannes Alles

Im Fürther Logenhaus wechselten 170 Bücher den Besitzer


FÜRTH - Nazi-Raubgut, das Frankens Gauleiter Julius Streicher in den Krallen hatte: 170 Bücher sind den Freimaurern am Sonntag im Fürther Logenhaus zurückgegeben worden.


Leibl Rosenberg (rechts) hatte ein besonderes Geschenk für die Freimaurer. Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, nahm die 170 Bücher entgegen.

Gerd Scherm ist Schriftsteller, zuletzt arbeitete er aber wie ein Detektiv. Er half herauszufinden, wem mehrere hundert Bände gehörten, die Nationalsozialisten in ganz Europa geraubt hatten.

Da war etwa das Büchlein mit dem Exlibris in einer besonderen Geheimschrift der Freimaurer. Lesen konnte Scherm das nicht, also zog er die Schwarmintelligenz des Internets zu Rate, genauer gesagt: ein Forum für Kryptologen. Nach vier Tagen stand fest, dass sich einst eine Loge in Straßburg Besitzerin nennen durfte.

Mit seiner Arbeit unterstützte der gebürtige Fürther, der heute nahe Ansbach lebt, den NS-Forscher Leibl Rosenberg. Der Nürnberger hat sich 1997 daran gemacht, eine Sammlung von 9000 Bänden zu erforschen, die man bei Kriegsende in den Redaktionsräumen des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ gefunden hatte sowie bei dessen Herausgeber: Julius Streicher, fränkischer Gauleiter mit Wohnsitz auf dem Landgut Pleikershof bei Cadolzburg.

Geraubt hatten die Nazis die Bücher überwiegend von Juden, aber auch von Freimaurern, Priestern, Funktionären der Arbeiterbewegung und anderen ihnen missliebigen Menschen. Die US-Militärregierung stellte die Sammlung nach Kriegsende der jüdischen Gemeinde zur Verfügung, die zunächst keine Verwendung dafür hatte und sie der Stadt Nürnberg als Dauerleihgabe überließ.

Rosenbergs Mission: Er möchte klären, wem die Schriften gehörten, um sie zurückzugeben. Dabei fand er heraus, dass zur Beutesammlung eine Abteilung Freimaurerei mit rund 350 Titeln gehörte. Gemeinsam mit Gerd Scherm konnte er bei 170 Bänden zweifelsfrei die freimaurerische Herkunft klären. Manchmal half ein Exlibris oder ein handschriftlicher Eintrag, manchmal waren es Zettel, die in den Büchern lagen: persönliche Notizen, die Einladung zu einer Logenversammlung oder ein Spendenaufruf.
Aus dem Wasser gefischt

Am Sonntag übergab Rosenberg, gläubiger Jude und Freimaurer, die 170 Schriften an Vertreter der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Bei der feierlichen Zeremonie im Logenhaus in der Dambacher Straße stand ihm und Scherm die Freude darüber ins Gesicht geschrieben. Dass Fürth Schauplatz der Rückgabe wurde, liegt an Scherm: „In dieser Loge wurde ich vor einem Vierteljahrhundert aufgenommen, so eine Nabelschnur reißt nie ab.“

Leibl Rosenberg berichtete zufrieden, dass er bis dato von den gut 9000 Bänden der früheren Stürmer-Sammlung immerhin 700 an 140 Vorbesitzer oder ihre Nachkommen zurückgeben konnte. Sie leben heute in elf Ländern: von Australien bis Kanada, von den Niederlanden bis Russland. Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen, verlieh Rosenberg für sein langjähriges Engagement die Matthias-Claudius-Medaille.

Die 170 Freimaurer-Bände stammen laut Gerd Scherm aus drei Jahrhunderten. Darunter ist Heimatkundliches und Belletristik, in erster Linie sind es aber Bücher von Freimaurern über die Freimaurerei. Den Nazis war das Freimaurertum, das sich den Idealen Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit verschrieben hat, verhasst. 1935 verboten sie es. Logen wurden geschlossen, Besitz eingezogen.

Die Fürther Freimaurer konnten ihre Bibliothek weitgehend retten. Den Großteil brachte ein Professor rechtzeitig in Sicherheit. Die restlichen Bücher, so hat es Gerd Scherm erzählt bekommen, holten SA-Leute ab, um sie in einem Fluss zu entsorgen. Was sie nicht bemerkten: Ein Logen-Bruder fuhr den Nazis hinterher und holte viele Schriften aus dem Wasser.

http://www.nordbayern.de/region/fuerth/freimaurer-erhielten-nazi-raubgut-zuruck-1.5617279
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