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«Sehr viele Bilder gelangten zu Unrecht in die Museen» - "There are a lot of problem paintings in the [Swiss] museums"

1970
1945
Der Landbot 24 June 2015
Von Christian Gurtner

Raubkunstexperte Thomas Buomberger fordert die Schweizer Museen auf, ihre Herkunftsrecherchen zu intensivieren.


Gibt aus freien Stücken eine Zeichnung an die Erben von Rudolf Mosse zurück: Die Stiftung Oskar Reinhart. Bild: Michele Limina

Das Museum Oskar Reinhart gibt ein Raubkunstbild zurück. Wie beurteilen Sie den Fall?
Thomas Buomberger: Bei der Bewertung muss man vorsichtig sein, weil nicht alle Details bekannt sind. Allgemein wird zwischen Raubkunst und sogenannt verfolgungsbedingten Verlusten unterschieden. In die erste Gruppe fallen Werke, die wirklich geraubt wurden, in die zweite zum Beispiel auch solche, die unter Zwang zu einem zu tiefen Wert verkauft werden mussten. Die Schweizer Museen werden, anders als in Deutschland, nur bei Raubkunst aktiv und nicht bei verfolgungsbedingten Verlusten.

Laut dem Anwalt des Museums handelt es sich um Raubkunst.
Dann wird also die gängige Praxis bestätigt. Sehr positiv finde ich, dass das Museum über die Rückgabe informiert hat. Die meisten Rückgaben und Entschädigungen werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzogen. Viele Museen sind eine Blackbox: Man weiss nicht, ob und wie sie Herkunftsforschung betreiben und was dabei herauskommt.

Sind die Museen nicht verpflichtet, die Herkunft abzuklären?
Doch, das Washingtoner Abkommen verpflichtet staatliche Museen zu Recherchen. Über ihr Vorgehen geben die Museen aber wie gesagt nur in seltenen Fällen Rechenschaft.

Wie läuft eine Rückerstattung im Normalfall ab? Gehen die Museen von sich aus auf die Erben zu, oder klopfen deren Anwälte bei den Museen an?
In den meisten Fällen werden die Museen von Anwälten kontaktiert. Diese präsentieren die Resultate von Herkunftsrecherchen, aus denen sich Ansprüche ihrer Mandanten ergeben.

Amerikanische Anwälte?
Nicht unbedingt, es gibt auch viele Schweizer und deutsche Anwälte auf diesem Gebiet. Wenn sich ein Anwalt meldet, haben die Museumsdirektoren oft Angst, ein Bild hergeben zu müssen. Das ist aber nicht zwingend der Fall. Es kann auch eine Entschädigung an die Erben bezahlt werden. Oft wünschen sich die Nachkommen auch nur, dass bei einem Bild die Herkunftsgeschichte öffentlich dargestellt wird. Vieles ist Verhandlungssache.

Wie wird bei einem Bild, das zurückgegeben wird, die Wertsteigerung berechnet?
Es ist nicht so schwierig, eine zuverlässige Schätzung des aktuellen Wertes zu erhalten. Dafür gibt es ja Auktionshäuser und andere Stellen. Schwieriger ist es, den früheren Wert von Bildern zu ermitteln. Wenn zum Beispiel ein Naziopfer gezwungen wurde, ein Bild für 10 000 Mark zu verkaufen, ist schwer abzuschätzen, ob es damals eigentlich 20 000 oder 30 000 Mark wert gewesen wäre.

Wie viel Raubkunst gibt es hierzulande?
Das ist unmöglich zu sagen. Man darf davon ausgehen, dass sehr viele Werke nicht rechtmässig in den Besitz der Museen gelangt sind. Dies einfach darum, weil es sehr viele solche Werke gibt. Man spricht von Hunderttausenden verschollenen Kunstwerken.
Hunderttausende?
Ja. Es wurden ja zum Beispiel auch ganze Bibliotheken bestohlen. Wenn man die Bücher einzeln zählt, kommt man in den Bereich von Millionen von Werken.

Es wird sicher unmöglich sein, alle gestohlenen Werke zurückzugeben.
Ja, zumal viele Erben bestohlener Personen gar nicht wissen, dass sie Anspruch auf die Werke haben. Nur in den seltensten Fällen kommt es dazu, dass sich ein Erbe einen Anwalt nimmt und ein Werk einfordert.

Wie viele verdächtige Bilder hängen in den Museen? Anders gefragt: Wie hoch ist der Anteil der Werke, die in der Zeit des Nationalsozialismus gekauft wurden?
Da machen Sie, wie viele andere Leute auch, einen Denkfehler. Die meisten Werke, die gestohlen wurden, gelangten erst nach der Nazizeit in den Besitz von Museen, nicht während dieser Zeit. Darum muss die Herkunftsforschung alle Werke umfassen, die ab 1933 erworben wurden, nicht nur die von 1933 bis 1945.

Also wohl die meisten Werke. Das ist sehr viel Arbeit.
Ja. Wie gesagt, dazu sind die Museen verpflichtet.

Wie lautet Ihre Empfehlung für das Museum Oskar Reinhart?
Das Museum sollte in die Offensive gehen und seine Herkunftsabklärungen intensivieren. Werke, bei denen man nicht weiterkommt, könnte man ins Internet stellen, um Hinweise zu erhalten.

Die Museen sind wohl kaum daran interessiert, Begehrlichkeiten zu wecken.
Wie gesagt: Die Museumsdirektoren haben oft Angst um ihre Bestände. Ein Raubkunstwerk zu identifizieren heisst aber nicht zwingend, es abgeben zu müssen.




http://www.landbote.ch/winterthur/stadtkultur/Sehr-viele-Bilder-gelangten-zu-Unrecht-in-die-Museen/story/17366485
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