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Raubkunst-Wissen soll ins Web - Information about Looted Art on the Web

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NDR 18 December 2013
 

Ute Haug befasst sich mit der Herkunft von Kunstwerken.
Ute Haug schlägt vor, Informationen über die Herkunft der Kunstwerke des Galeristen Gurlitt im Internet zu veröffentlichen.


"Man kann die Geschichte eines Kunstwerks oft nicht lückenlos ermitteln, wenn man sich nur an dem Bild orientiert." Das sagt die Wissenschaftlerin Ute Haug von der Hamburger Kunsthalle mit Blick auf die spektakulär in München entdeckten Kunstwerke des Galeristen Hildebrand Gurlitt. "Man muss den Kontext erforschen, das heißt die Biografie, das Netzwerk von Gurlitt, das sehr umfangreich ist, weil er eben in verschiedenen Funktionen im Kunstmarkt tätig war.

Ute Haug ist Provinienzforscherin, sie befasst sich mit der Recherche zur Herkunft von Kunstwerken und damit der Frage, ob ein Kunstwerk als NS-Raubkunst einzustufen ist. Haug macht jetzt den Vorschlag, alle Erkenntnisse über die Raubkunst verdächtigen Bilder des Galeristen Gurlitt im Internet zu veröffentlichen. Vorbild dafür ist die Website "Alfred Flechtheim.com".

Das Forschungsprojekt "Alfred Flechtheim.com" hat die Herkunft von Raubkunst des Galeristen Flechtheim klären können. Das wäre nach Expertenansicht auch im Fall Gurlitt möglich.

Öffentlichkeit soll Herkunft kennen

Der Kunsthändler und Galerist Alfred Flechtheim musste 1933 vor den Nazis aus Deutschland fliehen, seine Galerien wurden liquidiert, die Privatsammlung zerschlagen. 15 Museen haben sich im Oktober 2013 zu einem gemeinsamen Projekt zusammengeschlossen. Kernstück ihrer Arbeit ist das Web-Portal "Alfred Flechtheim.com". Die Datenbank listet mehr als 300 Kunstwerke auf, die durch ihre Herkunft in Verbindung mit den Galerien von Alfred Flechtheim stehen. Damit soll die Öffentlichkeit nachvollziehen können, auf welchen Wegen die Kunstwerke in die Museen gelangten.

Gewinn für die Provinienzforschung

Bei Flechtheim haben Forscher den Weg der Werke über Sammler und Auktionen bis in die Museen detailliert nachgezeichnet. Das Web-Portal präsentiert daraus die Informationen zur Biografie Flechtheims und zu den Künstlern, die er vertrat.

Was ist Provenienzforschung?

Provenienzforscher suchen nach der Herkunft von Kunstgegenständen. Bei der Holocaust-Konferenz in Washington 1998 hatte sich unter anderem Deutschland dazu verpflichtet zu klären, ob seine Museen von den Nazis beschlagnahmte Kunstgegenstände besitzen. Wenn ja, muss das Museum die Erben der ursprünglichen Eigentümer informieren.

Die Wissenschaftlerin Ute Haug gehörte im Jahr 2000 zu den Gründungsmitgliedern des "Arbeitskreises Provenienzforschung", der die Herkunft von NS-Raubkunst klären will. Heute umfasst der Arbeitskreis mehr als 100 Mitglieder.

Task Force arbeitet im Verborgenen

Statt sich der Kenntnisse erfahrener Wissenschaftler zum Thema Raubkunst zu bedienen, arbeitet im Fall Hildebrand Gurlitt eine von Behörden eingesetzte Sonderkommission, die sogenannte Task Force, im Verborgenen. Sie leistet zuallererst der bayerischen Staatsanwaltschaft Amtshilfe. Die Beteiligten unterliegen der Verschwiegenheitspflicht.

Ute Haug ist nicht Mitglied der Task Force. Mit ihrem Vorschlag, parallel zur Arbeit der Kommission ein wissenschaftliches Portal zu Hildebrand Gurlitt einzurichten, will sie Dokumente zu fraglichen Kunstwerken sammeln und Erkenntnisse für die Öffentlichkeit transparent machen. Das historische Archiv der Hamburger Kunsthalle könne anderen Häusern helfen, die Herkunft ihrer Werke zu recherchieren. Auch die Kunsthalle selbst habe einige Kunstwerke mit nicht vollständig geklärtem Werdegang im Bestand.

Internet hilft Expertenwissen zu bündeln

An den verschiedenen Orten, wo Hildebrand Gurlitt gewirkt hat - Hamburg, Zwickau, Dresden - und dort wo die Verwandten waren, könnten Experten sitzen, die Erkenntnisse zur Herkunft von Kunstwerken zusammenführen und vertiefen, schlägt Haug vor.

Das Ziel: Herkunft und Wege von Raubkunst zu klären, aber auch ein detailliertes wissenschaftliches Bild des Händlers zu bekommen. Auch Aktivitäten anderer Kunsthändler der Nationalsozialisten könne die Arbeitsgemeinschaft Provenienzforschung mit Hilfe einer internetbasierten Datenbank kontinuierlich erforschen. Alles sei eine Frage der Finanzierung.


http://www.ndr.de/kultur/kunst_und_ausstellungen/gurlittprojekt101.html
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