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Ein Mann bringt System ins Museum - The Man who brought System to a Museum

1970
1945
Freie Presse 10 December 2013
von Torsten Kohlschein

Petra Lewey - Leiterin der Zwickauer Kunstsammlungen

Mit einer Matinee zu Hildebrand Gurlitt leistete das Theater am Sonntag Aufklärungsarbeit über einen wenig Bekannten.

Zwickau. Nicht nur in der Kunstwelt, auch in den Medien hatte vor fünf Wochen die Nachricht vom jahrzehntelang verborgenen Kunstschatz des Cornelius Gurlitt eingeschlagen wie eine Bombe. Mehr im Hintergrund war in der darauf entflammenden Diskussion die Rolle von Hildebrand Gurlitt, dem Vater von Cornelius und Anhäufer des der Bildersammlung erörtert worden, wobei seine Zeit in Zwickau als erster hauptamtlicher Leiter des Städtischen Museums von 1925 bis 1930 eher eine Fußnote war.

Wer aber war dieser Gurlitt? Dazu mehr zu erfahren, waren am Sonntagvormittag rund 40 Interessierte ins Theater in der Mühle gekommen. Das Theater hatte zu einer von Opernchef Stefan Bausch moderierten Matinee mit Kunstsammlungschefin Petra Lewey und Kulturamtsleiter Michael Löffler geladen, die etwas Klarheit bringen sollte. Und brachte. "Gurlitt war die tragende Figur, die ins Zwickauer Museum System gebracht hat", so Petra Lewey. Denn was Gurlitt bei seiner Bestellung 1925 zum Hausherrn im Museum vorfand, war ein Sammelsurium - nicht von ungefähr: "Das Museum, in dem verschiedenste Vereine und Interessengruppen ihre Sammlungen zusammentrugen, hatten in den ersten Jahren allein Ehrenamtliche geführt", berichtete Löffler, der bereits 1995, zum 100. Geburtstag Gurlitts, eine 42-seitige Broschüre über den frühen Förderer der Moderne verfasst hatte.

Einen, der aber noch andere Qualitäten hatte als die eines Kunstkenners, der der Malerei- und Grafiksammlung ein zeitgemäßes Profil verpasste, wie der promovierte Historiker betonte: "Die heutige Ordnung der Mineraliensammlung ist sein Werk." Mithin sei er in seinen ersten Jahren unangefochten gewesen. Der Erfolg gab ihm Recht. Das Museum hatte damals jährlich mehr als 20.000 Besucher. Auch einer regen Vortragstätigkeit halber, die allein schon jährlich 5000 Interessierte in das Haus am Schießanger lockte. Zum Vergleich: 2006, als die Kunstsammlungen auch wegen der Hundertwasser-Ausstellung 15.000 Besucher hatten, galt als extrem gutes Jahr. Gurlitts Gegener, auch solche aus dem Kunstverein, seien erst um 1928 "gekrochen gekommen", so Löffler, als der 33-Jährige an einer komplizierten Erkrankung laborierte. Im Nachhinein habe sich Gurlitts Ankaufspolitik, die der Moderne den Vorzug gab, als völlig richtig herausgestellt. Viele der damals erworbenen Bilder wurden später von den Nazis beschlagnahmt. Ihren Wert beziffert Löffler so: "Wenn wir die noch hätten, wäre die Versicherungsprämie heute kaum mehr zu bezahlen."

 

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