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Galerist Kornfeld sieht sich als Opfer – Experten fordern mehr Transparenz- Galerie Kornfeld sees itself as a victim - Experts call for more transparency

1970
1945
Bieler Tagblatt 3 December 2013
Michael Feller und Helen Lagger

 Der Berner Galerist Eberhard W. Kornfeld ist nach dem Fund von Gurlitts Kunstschatz Teil einer medial ausgeschlachteten Geschichte um «entartete Kunst» und Raubkunst geworden. Er sieht sich als Opfer und beantwortet keine Fragen. Die Kunstszene hält zu ihm, doch Experten bleiben skeptisch.

  • 1/10 Bilder: Keystone
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Bildergalerie Gurlitt: Veröffentlichung der NS-Raubkunst nur "ein erster Schritt"

In den Schlagzeilen wider Willen: Eberhard W. Kornfeld, Auktionator und Galerist, handelte mit Cornelius Gurlitt und geriet so in die Kritik. Bild: Hervé Le Cunff


Am Anfang steht der Rückzug eines Interviews. Zwei Tage nachdem das Magazin «Focus» Anfang November den Münchner Kunstfund öffentlich gemacht hat, gibt Eberhard W. Kornfeld dieser Zeitung ein Interview. Wir wollen von ihm wissen, wie seine geschäftlichen Beziehungen zu Cornelius Gurlitt aussahen. Noch am selben Abend zieht er das Interview zurück. Sein Anwalt Peter Bratschi lässt verlauten, Kornfeld nehme vorläufig keine Stellung zum Fall Gurlitt.

In der «Neuen Zürcher Zeitung» äussert sich Kornfeld später dennoch. Er berichtet in einer ausführlichen Stellungnahme von einem Telefongespräch mit einem «Focus»-Journalisten, der ihn nach seiner Beziehung zu Gurlitt befragte. Gutgläubig und ehrlich habe er zugegeben, diesen zu kennen. Dass aus diesem nicht einmal einminütigen Gespräch so ein Rummel um seine Person entstehen würde, habe er nicht ahnen können. Kornfeld sieht sich als Opfer eines Medienhypes. Die wirklich dringlichen Fragen – ging je Raubkunst durch seine Hände? Kann man von Gurlitt kaufen und sicher sein, dass es sich nicht um Raubkunst handelt? In welchem Verhältnis stand Kornfeld zu Hildebrand und Cornelius Gurlitt? – sind damit weder abschliessend beantwortet noch endgültig vom Tisch.

9000 Euro aus Handel

Zur Erinnerung: Cornelius Gurlitt wurde 2010 auf seiner Zugfahrt von Zürich nach München angehalten, weil man in ihm einen Steuerbetrüger vermutete. Er trug 9000 Euro aus einem Kunsthandel mit Eberhard W. Kornfeld auf sich. Zwei Jahre später fanden Beamte den umfangreichen Kunstschatz in Cornelius Gurlitts Münchner Wohnung, wo er das Erbe seines Vaters Hildebrand Gurlitt gehortet hatte. Dieser hatte während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der Nazis Kunst gehandelt – und rettete dadurch viele Werke vor den Flammen.

Zunächst sieht es danach aus, als hätte Cornelius Gurlitt vor drei Jahren mit Kornfeld Kontakt gehabt, was dieser im unveröffentlichten Gespräch mit dieser Zeitung bestreitet. Später erklärt Gurlitt gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel», er habe das Geld von einem Schweizer Konto abgehoben, das seit dem Handel existiere, der weitere zehn Jahre zurückliege. Die Angabe deckt sich mit Kornfelds Aussage. Er hat 1990 vier Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Gurlitt gehandelt.

«Eberhard W. Kornfeld ist sehr enttäuscht über die zum Teil unseriöse Berichterstattung der Medien», sagt Galerist Bernhard Bischoff, der ab Dezember als Partner im Auktionshaus Kornfeld antritt. «Diesen angeblichen Skandal hat man künstlich aufgebauscht; viele Fakten waren ja schon länger bekannt», sagt Bischoff.

Auch Bischoff selbst geriet kurz ins Schussfeld der Medien. Ein Reporter habe ihn angerufen und salopp gefragt, wie er sich dabei fühle, bei einer «Nazi-Galerie» arbeiten zu gehen. «Erst als ich ihn auf seine Unverschämtheit hinwies, hat er sich gemässigter ausgedrückt und von einer Galerie, die mit ‹Nazi-Kunst› zu tun habe, gesprochen.»

Er wollte weiter handeln Bernhard Bischoff kritisiert auch das Vorgehen der deutschen Behörden. «Ich frage mich, ob es wirklich gerechtfertigt ist, aus einem leisen Verdacht heraus einfach jemanden zu observieren und schliesslich bei ihm einzubrechen – immerhin hatte Herr Gurlitt ja nichts Unrechtes getan, als er mit 9000 Euro über die Grenze fuhr.»

Kornfeld habe in Geschäften mit Gurlitt «juristisch nichts Problematisches» gesehen. Bischoff weiss, dass die Galerie Kornfeld sogar versuchte, nach 1990 in Kontakt mit Herrn Gurlitt zu bleiben – die Post kam ab einer gewissen Zeit aber einfach ungeöffnet zurück. Bischoff will die Problematik nicht schönreden: «Es gibt leider immer noch etliche ungeklärte Fälle aus dem düsteren Kapitel im Umgang mit Kunst im Dritten Reich. Es ist unbedingt nötig, Transparenz zu schaffen, um echtes Unrecht wiedergutzumachen.» Heute gibt es dafür auch Hilfsmittel wie etwa das «Art Loss Register», die es erlauben, problematische Kunst leichter zu identifizieren. Kornfeld arbeite in dieser Hinsicht sehr genau: «Die Galerie lässt ihre Auktionskataloge jeweils systematisch auf Problemkunst hin untersuchen.»

Hört man sich in der Kunst- und Galerienszene um, äussern sich die Befragten wohlwollend oder gar mit Beileidsbekundungen über Kornfeld. Der Ehrenbürger von Bern und Kunsthändler von Weltruf scheint nicht an Ansehen eingebüsst zu haben.

Experten sind skeptisch

Skeptischer tönt es vonseiten aussenstehender Experten. Zuerst äusserte sich der Historiker und Provenienzforscher Thomas Buomberger in dieser Zeitung. Kornfeld verharmlose die Thematik. Und: «Wer bei Gurlitt kauft, muss eine erhöhte Sensibilität an den Tag legen.» Der Zürcher Kunstrechtsexperte und Anwalt Marc Weber, der Rückforderungskläger vertritt, fordert vom Kunsthandel Transparenz: «Wer nichts zu verbergen hat, legt offen.» Freiwillig geschehe dies allerdings kaum. «Meiner Meinung nach müssen die Interessen des Berechtigten dem Geschäftsgeheimnis des Kunsthändlers vorgehen.»

Kornfeld ist nicht der Einzige

Eberhard W. Kornfeld führe akribisch Buch über seine Ankäufe und Versteigerungen. «Man müsste seine Aufzeichnungen einsehen, um seine Tätigkeiten besser beurteilen zu können.» Als Händler und Auktionator sei er verpflichtet, dem Verkäufer Fragen der Herkunft zu stellen, etwa nach früheren Eigentümern und Einfuhrpapieren. Diese strengen Sorgfaltspflichten sind in der Schweiz allerdings erst seit 2005 im Gesetz festgeschrieben, «zuvor waren das lediglich ungeschriebene Regeln». Weber arbeitet zurzeit an einem Restitutionsfall, der mit der Galerie Kornfeld zu tun hat. Ob dabei etwas herauskomme, sei im Moment unklar. Er dürfe auch noch keine Details bekannt geben. «Es kann aber gut sein, dass Kornfeld künftig vermehrt über seine Geschäftstätigkeit Rechenschaft ablegen muss – notfalls vor dem Richter.»

Historiker wussten nichts Der US-amerikanische Historiker Jonathan Petropoulos forscht seit Jahrzehnten über den Kunstraub der Nationalsozialisten und die Restitution nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war vom Kunstfund überrascht. «Interessant ist, dass weder ich noch ein anderer Restitutionsexperte, mit dem ich gesprochen habe, je von der Sammlung Gurlitts gehört hatte.»

Eberhard W. Kornfeld ist nicht der Einzige, der sich bedeckt hält. Der Kunsthandel hält dicht, obwohl nach vielen bekannt gewordenen Fällen von Raubkunsthandel Transparenz gefordert wäre.

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