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Auf der Spur der verlorenen Bilder - Ulm Museum on the Trail of Its Lost Paintings

1970
1945
Augsburger Allgemeine 30 November 2013
von Marcus Golling

Die Ministerin wusste von nichts, das Museum will mehr wissen: Warum die Region gleich doppelt vom Fall Gurlitt betroffen ist 

 
Recherche im Museum: (von links) Azubi Andreas Felder, Leiterin Gabriele Holthuis, Registrarin Esther Siegmund-Heineke und Museologin Sabrina Stoppe.
Foto: Brücken

Ulm/Neu-Ulm Die Notiz rechts unten auf der roten Karteikarte ist klein, aber sie führt in ein dunkles Kapitel der Geschichte: „1937 Beschlagnahme“. Wenn Esther Siegmund-Heineke an ihrem Schreibtisch sitzt, ist sie von Dutzenden Karten mit diesem Vermerk umgeben. Siegmund-Heineke arbeitet als Registrarin im Ulmer Museum, sie verwaltet die Inventarlisten und -karten, die zum Großteil noch immer in hölzernen Karteikästen verwahrt werden. Derzeit gleicht ihre Tätigkeit einer Detektivarbeit: Gemeinsam mit Kollegen sucht sie nach den Spuren der Kunst, die in der NS-Zeit als „entartet“ aus dem Museum entfernt wurde.

Diese ist durch den Fall Gurlitt plötzlich wieder in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Im Ulmer Museum arbeiten derzeit Leiterin Gabriele Holthuis zufolge fast alle Mitarbeiter am Thema Raubkunst – neben ihren täglichen Aufgaben. „Wird sind an dem Thema immer dran, aber wir können mit unserer Personalausstattung nicht konstant dabei bleiben.“

Während in Ulm fieberhaft nach Informationen gefahndet wird, ist die Neu-Ulmer Donauseite vom Thema NS-Raubkunst auf ganz andere Weise betroffen: Zum Zeitpunkt der Beschlagnahmung der Bilder bei Cornelius Gurlitt lag das Justizministerium in den Händen der dortigen CSU-Abgeordneten Beate Merk. Doch im Kunstausschuss des Landtages war diese Woche zu erfahren, dass Merk erst aus den Medien von dem Fall erfuhr. Der Vorgang Gurlitt sei zwar im Ministerium bereits seit Ende 2011 bekannt gewesen, jedoch nicht bis zur Ministerin vorgedrungen – zwei Berichte habe ihr persönlicher Referent abgezeichnet, so hieß es.

Merk, inzwischen Chefin des Europaressorts in München, war für eine weitere Stellungnahme nicht zu erreichen. Über einen Staatskanzlei-Sprecher ließ sie ausrichten, dass für weitere Nachfragen weiterhin das (inzwischen von dem Aschaffenburger Winfried Bausback geführte) Justizministerium zuständig ist. Immerhin: Die Ministerin sei über den Vorgang verärgert gewesen.

Für die Ulmer Museumschefin Holthuis ist freilich kaum begreiflich, dass man die Dimension des Falls bei der Augsburger Staatsanwaltschaft und der bayerischen Staatsregierung so lange nicht erkannte. „Ich weiß nicht, was sie getrieben hat“, geht Holthuis vor allem mit der Justiz ins Gericht. Sie vermutet, dass diese mit dem Thema und seinen Auswirkungen ein wenig überfordert gewesen sei.

Doch im Museum geht man mit dem Thema pragmatisch um – und macht die nötige Arbeit. Registrarin Siegmund-Heineke geht die Kartei durch und wird dabei von Sabrina Stoppe, sonst für die Mammutaufgabe der Digitalisierung im Museum zuständig, unterstützt. Verwaltungs-Azubi Andreas Felder hat die Ergebnisse dann jeweils mit der Datenbank „Lost Art“ abgeglichen. Treffer sind bislang aber Fehlanzeige. Ob unter den bei Gurlitt beschlagnahmten Kunstwerken also tatsächlich welche aus dem Ulmer Museum sind, ist noch immer unklar. Von sieben ist immerhin bekannt, dass sie nach Beschlagnahme 1937 in die Hände des Kunsthändlers Gurlitt kamen. Danach verliert sich ihre Spur.

Für das Haus, sagt Holthuis, wäre selbst ein einzelnes Bild, das in die Sammlung zurückkehrt, ein Erfolg. Und eines habe der Fall Gurlitt bereits bewirkt: Die Öffentlichkeit sei für das Thema NS-Raubkunst sensibler geworden.

http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Auf-der-Spur-der-verlorenen-Bilder-id27935387.html
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