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Gurlitt zeigte seine Bilder 1953 in Luzern - Gurlitt exhibited his pictures in Lucerne in 1953

1970
1945
Basler Zeitung 21 November 2013
Von Michael Soukup.  

Ein Ausstellungskatalog zeigt: Etliche Gemälde, die angeblich bei einem Bombenangriff auf Dresden vernichtet worden waren, präsentierte Hildebrand Gurlitt 1953 der Öffentlichkeit.

1/30 Die Justiz und die Öffentlichkeit stellten «alles falsch dar», sagt er zum «Spiegel»: Bild Cornelius Gurlitt im Bericht des Nachrichtenmagazins. (Screenshot: Spiegel.de)

Luzern ist eine Musikmetropole von Weltrang. Die Zeiten, als Luzern als Kunststandort weltweit für Schlagzeilen sorgte, sind aber schon eine Weile her: Während der Naziherrschaft war das ­Luzerner Auktionshaus Fischer einer der wichtigsten Umschlagplätze für «entartete Kunst» und später auch Raubkunst (TA vom 5. 11. 2013). Dank seiner Beziehungen zu den Nationalsozialisten durfte der ­Luzerner Kunsthändler Theodor Fischer am 30. Juni 1939 aus den deutschen Museen beschlagnahmte Kunstwerke versteigern.

Geliefert hatte die Werke unter anderem Fischers Freund und Nazi-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt. Er ist der Vater von Cornelius Gurlitt, in dessen Münchner Wohnung vor einiger Zeit 1406 Bilder beschlagnahmt wurden. Die Kunstwerke sollen während der Naziherrschaft von Hildebrand Gurlitt unter zweifelhaften Umständen zusammen­getragen worden sein. «Der materielle Wert der seit über 70 Jahren verschollenen Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken lässt sich nur erahnen», schrieb das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus», das den Fund Anfang November publik machte.

Schirmherren: Heuss und Etter

Hildebrand Gurlitt hatte immer behauptet, die Werke seien bei einem Bombenangriff verbrannt – und sie galten deshalb als verschollen. Etliche von ihnen wurden aber nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Luzern gezeigt. Vom 4. Juli bis zum 2. Oktober 1953 fand im Kunstmuseum die Aus­stellung «Deutsche Kunst – Meisterwerke des 20. Jahrhunderts» statt. Sie war in jeder Hinsicht hochkarätig (siehe Liste unten). Die Ausstellung stand unter dem Patronat von Theodor Heuss, Präsident der Bundesrepublik Deutschland, und Philipp Etter, Bundespräsident der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Im Vorwort des Ausstellungskatalogs spricht Heuss die «arge Erinnerung» an, die «an der wunderbaren Stadt Luzern» hänge: «Dort wurden 1939 die Werke deutscher Menschen, die von der dumpfen Introversion des Hitler als ‹Entartete Kunst› gebrandmarkt waren, in der Welt versteigert.» Die Ausstellung stand damit im Zeichen der erst zaghaft begonnenen Vergangenheitsbewältigung.

Im Ausstellungskatalog sind auch die Mitglieder des deutschen und des schweizerischen Ehrenkomitees aufgelistet: Unter den Namen zahlreicher prominenter Botschafter, Politiker und Industriellen fällt insbesondere einer auf: Dr. Hildebrand Gurlitt, Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf. Geht man anschliessend die Liste der mehreren Hundert Ausstellungswerke durch, bleiben die Augen immer wieder am gleichen Namen hängen: Dr. H. Gurlitt, Düsseldorf. Insgesamt stammen 24 Bilder aus seinem Besitz. Darunter Werke weltberühmter Maler wie Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, August Macke, Franz Marc, Oskar Kokoschka, Otto Dix, Max Beckmann, Wassily Kandinsky oder Paul Klee.

Die Öffentlichkeit getäuscht

Eines der bekanntesten Werke, die ­Gurlitt in Luzern ausstellte, ist der 1930 entstandene «Löwenbändiger» von Max Beckmann. Der «Löwenbändiger» galt seit Jahrzehnten als verschollen. Anfang November, als der Münchner Kunstfund publik wurde, sorgte gerade dieses Werk weltweit für Schlagzeilen. So wurde erst im Nachhinein bekannt, dass es Cornelius Gurlitt war, der dieses Werk im Herbst 2011 dem Münchner Auktionshaus Lempertz zur Versteigerung lieferte. Da die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim Anspruch darauf erhoben, musste das Werk erst restituiert werden.

Heute stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass Hildebrand Gurlitt einen Teil seines Kunstschatzes 1953 im Kunstmuseum Luzern unbehelligt ausstellen konnte, obwohl er aller Welt erzählte (und die glaubte ihm das), dass dieser beim Bombardement Dresdens zerstört worden war. Ein erster Hinweis, dass Gurlitt gelogen hatte, war eine Liste seiner Werke, die 1946 von Kunstrettern einer amerikanischen Spezialeinheit angefertigt wurde und auf der auch Werke aus dem Besitz Gurlitts stehen. In der ersten Aufregung um die Berichterstattung über den sensationellen Münchner Kunstfund ging das vergessen. In Vergessenheit geriet auch die Ausstellung im ­Luzerner Kunstmuseum – jedenfalls wussten angefragte Schweizer Kunst­experten nicht davon.

Warten auf die Aufarbeitung

Bemerkenswert ist zudem ein Vergleich der Liste des Central Art Collecting Point, der unter amerikanischer Besatzung in München eingerichteten zentralen Sammelstelle für aufgefundene Kunstwerke, und der im Luzerner Ausstellungskatalog aufgelisteten Werke Gurlitts: Viele der 1953 in Luzern ausgestellten Werke fanden die US-Soldaten bei der Beschlagnahmung nicht vor. So etwa «Blonder Mädchenkopf» von Otto Dix, «Grieche und Barbar» von Klee oder sieben Werke von Kirchner. Die vollständige Klärung dieser Divergenzen steht noch aus.

Im Kunstmuseum Luzern vom 4. Juli bis 2. Oktober 1953 ausgestellte Leihgaben von Hildebrand Gurlitt

Max Beckmann
Max Carl Friedrich Beckmann (* 12. Februar 1884 in Leipzig; † 27. Dezember 1950 in New York City) war ein deutscher Maler, Graphiker, Bildhauer und Autor.


Erich Heckel
(* 31. Juli 1883 in Döbeln; † 27. Januar 1970 in Radolfzell am Bodensee) war ein deutscher Maler und Grafiker des Expressionismus.


Ernst Ludwig Kirchner
Ernst Ludwig Kirchner (* 6. Mai 1880 in Aschaffenburg; † 15. Juni 1938 in Frauenkirch-Wildboden bei Davos) war ein deutscher Maler und Grafiker des Expressionismus.


Karl Schmidt-Rottluff
Karl Schmidt-Rottluff (* 1. Dezember 1884 in Rottluff; † 10. August 1976 in Berlin) war ein deutscher Maler, Grafiker und Plastiker.


Christian Rohlfs
Christian Rohlfs (* 22. November 1849 in Gross Niendorf, Kreis Segeberg; † 8. Januar 1938 in Hagen) war ein deutscher Maler der Moderne.


August Macke
August Robert Ludwig Macke (* 3. Januar 1887 in Meschede, Hochsauerland; † 26. September 1914 bei Perthes-lès-Hurlus, Champagne) war einer der bekanntesten deutschen Maler des Expressionismus.


Franz Marc
Franz Moritz Wilhelm Marc (* 8. Februar 1880 in München; † 4. März 1916 in Braquis bei Verdun, Frankreich) war ein deutscher Maler, Zeichner und Grafiker.


Otto Dix
Wilhelm Heinrich Otto Dix (* 2. Dezember 1891 in Untermhaus, heute Stadtteil von Gera; † 25. Juli 1969 in Singen am Hohentwiel) war ein bedeutender deutscher Maler und Grafiker des 20. Jahrhunderts.


Georg Grosz
George Grosz (* 26. Juli 1893 als Georg Ehrenfried Gross in Berlin; † 6. Juli 1959 ebenda) war ein deutsch-amerikanischer Maler, Grafiker und Karikaturist.


Joachim Ringelnatz
Joachim Ringelnatz (* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlinwar ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler.


Quellen: Wikipedia / Ausstellungskatalog „Deutsche Kunst - Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“, Kunstmuseum Luzern, Prestel Verlag Münche

http://bazonline.ch/kultur/kunst/Gurlitt-zeigte-seine-Bilder-1953-in-Luzern/story/17045544
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