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Jüdischer Weltkongress klagt über Umgang mit NS-Raubkunst - World Jewish Congress complains of handling of Nazi looted art in Germany

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Der Spiegel 20 November 2013

Der Jüdische Weltkongress macht im Fall des Münchner Kunstschatzes Druck auf die Bundesregierung. Deutschland gehe auf der Suche nach möglicher NS-Raubkunst zu langsam vor, kritisierte Präsident Lauder. Er fordert eine Kommission, die verdächtige Kunst im ganzen Land aufspüren soll.


JWC-Präsident Lauder: Verjährungsfrist abschaffen

Hamburg - Der Jüdische Weltkongress (WJC) hat die geplante Rückgabe von beschlagnahmten Gemälden an den Münchner Kunsthändlererben Cornelius Gurlitt scharf kritisiert. Nachdem der Augsburger Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz den Fund fast zwei Jahre lang geheimgehalten habe, wolle er nun offenbar das Problem so schnell wie möglich loswerden, sagte WJC-Präsident Ronald S. Lauder am Mittwoch. "Das ist unverantwortlich." Die Angelegenheit müsse auf höchster politischer Ebene behandelt und nicht einem Staatsanwalt in Augsburg überlassen werden.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hatte den Kunstschatz im Frühjahr 2012 in Gurlitts Münchner Wohnung beschlagnahmt, darunter viele Werke der klassischen Moderne. Zwei Wochen nach Bekanntgabe des Fundes hatte die Behörde am Dienstag erklärt, sie wolle Gurlitt Hunderte Bilder möglichst rasch wieder zurückgeben - allerdings nur Kunstwerke, die nicht im Verdacht der NS-Raubkunst und zweifelsfrei im Eigentum des 80-Jährigen stehen.

Lauder forderte vor allem zwei Punkte:

  • Eine Änderung der Regeln für Verjährungsfristen: Bisher gilt eine Verjährungsfrist von 30 Jahren, dies sollte laut Lauder abgeschafft werden. Kunstwerke von zweifelhafter Provenienz in privaten Händen sollten veröffentlicht werden, damit Überlebende des Holocausts und ihre Erben mögliche Ansprüche stellen könnten.
  • Die Einrichtung einer neuen Kommission: Die Bundesregierung sollte nach österreichischem Vorbild eine Kommission benennen, die alle öffentlichen Sammlungen und Museen nach NS-Raubkunst durchsucht. Zweifelhafte Fälle sollten danach ebenfalls bekanntgegeben werden, erklärte Lauder.

In der Angelegenheit gehe es auch um die Reputation Deutschlands, sagte Lauder. "Die deutsche Regierung muss sich des Problems annehmen, schließlich war der Holocaust eine beispiellose Angelegenheit", sagte Lauder. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Deutschland bei der Wiedergutmachung viel erreicht. Er verstehe nicht, warum Deutschland ausgerechnet in der Frage der Beutekunst wenig tue. "Das ist eine Ungereimtheit", sagte er. "Diese Angelegenheit könnte eigentlich ziemlich leicht erledigt werden, weil wir schließlich Unterlagen haben."

Die rund 1400 Bilder, die in der Wohnung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt in München gefunden wurden, seien vielleicht nur die "Spitze des Eisbergs", so Lauder. "Es könnte Hunderte, wenn nicht gar Tausende anderer Bilder in Deutschland geben, von denen wir nichts wissen und die eines Tages auftauchen könnten."

Der in New York ansässige Jüdische Weltkongress vertritt mehr als hundert jüdische Gemeinden und Organisationen außerhalb Israels. Seit 2007 steht ihm der Kosmetikerbe Lauder vor.

Expertenkommission sucht das Gespräch mit Gurlitt

Die von der Bundesregierung geschaffene Expertenkommission zur Aufklärung des Münchner Bilderfunds geht auf den Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt zu. "Transparenz und Aufarbeitung sind jetzt das Vordringlichste", sagte die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel. "Außerdem suchen wir mit Herrn Gurlitt das Gespräch, um mit ihm gemeinsam konstruktive Lösungen zu erarbeiten." Es sei auch in seinem Sinne, wenn er erfahre, welche seiner Werke eventuell als NS-Raubkunst belastet seien.

Die Expertengruppe wurde vom Bund und dem Freistaat Bayern eingesetzt. Sie soll herausfinden, bei welchen Kunstwerken aus Gurlitts Schwabinger Wohnung es sich um NS-Raubkunst handelt - möglicherweise sind es 590. Die Task Force will noch diese Woche weitere Werke auf der Datenbank www.lostart.de einstellen.

Etwaige Erben können sich an die Koordinierungsstelle in Magdeburg wenden, wie Berggreen-Merkel erklärte. Wie lange es dauern wird, die Herkunft der Bilder zu klären, lässt sich laut Berggreen-Merkel schwer sagen. "Es wird Bilder geben, für die man schnell belastbare Hinweise auf Voreigentümer, etwa durch Aufkleber, Signets oder Widmungen, bekommt." Es werde aber auch Kunstwerke geben, bei denen sich die Suche nach der Herkunft äußerst schwierig gestalte. "In einigen Fällen ist selbst der Künstler des Werkes unbekannt."



http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-gurlitt-juedischer-weltkongress-kritisiert-umgang-mit-beutekunst-a-934705.html
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