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Das Erbe der braunen Bonzen - The Legacy of the Brown Fat Cats

1970
1945
SWR 10 April 2013

Das Erbe der braunen Bonzen

Andrea Bambi, Provenienzforscherin der Bayrischen Staatsgemäldesammlungen, über die Kunstschätze der NS-Granden

Der Wandteppich von Hermann Göring, der jahrelang unbemerkt im Kanzleramt hing, ist nur einer von etlichen hundert Kunstgegenständen aus der Nazizeit, die heute noch in deutschen Museen ausgestellt werden und deren ursprüngliche Besitzer noch immer nicht ausfindig gemacht wurden. Besonders viel Kunst aus NS-Besitz gelangte in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Dort ist jetzt Andrea Bambi, die einzige Provenienzforscherin des Bayerischen Staates, damit beschäftigt, einen Forschungsauftrag zu formulieren, der erstmals das Erbe aus ehemaligem NS-Besitz in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen unter die Lupe nehmen soll.

Die Amerikaner haben unmittelbar nach Ende des Krieges ein Gesetz erlassen, das die Enteignung aller führenden NS-Kader und Hauptschuldigen vorsieht, Frau Bambi. Daraufhin gab es erste Prüfungen. Aber in den letzten 30 Jahren ist nicht mehr viel passiert. Woran liegt das?

Ich denke, das liegt an einer Formulierung, die man damals gewählt hat, um diese Objekte in den Beständen zu deklarieren. Die wurden alle mit dem Erwerbungshinweis "aus Staatsbesitz überwiesen“ versehen. Das war die Provenienz, die angegeben wurde. Woher sie tatsächlich kamen, etwa aus der Sammlung Göring oder vom Gauleiter Wagner oder aber von anderen Nazigrößen, das war nicht mehr nachvollziehbar.

Das bedeutet, die Formulierung "aus Staatsbesitz überwiesen" hat in den letzten 30 Jahren zu einer Verschleierung der ursprünglichen Herkunft geführt.

Sie haben diverse Mappen im Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gesichtet. Eine davon enthält Listen von Gemälden, Grafiken und anderen Kulturgütern aus dem Ex-Vermögen des damaligen Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, einem der schlimmsten NS-Kriegsverbrecher. Wie planen Sie da vorzugehen?

Unsere Vorgehensweise konzentriert sich auf die Erfassung der in diesen Mappen aufgeführten Kunstgegenstände und der dort genannten Herkunftsorte sowie Hinweise auf Vorbesitzer. Neben dieser Erfassung denke ich an ein Projekt mit Aufgabenbereichen, wie die ausgiebige Recherche der Herkunft – und: Wie kam Hans Frank zu diesem Kunstbesitz. Sprich: Welches waren seine Einkaufsorte? Wo hatte Frank Zugriff auf Kunst? Wo befindet sich möglicherweise Raubkunst unter diesen Beständen?

In jedem Fall ist das, was Sie untersuchen, eine Mischung aus Raubkunst und Kunst, die sich einfach so in NS-Besitz befunden hat.

Natürlich. Wir haben den klassischen Ankaufsort, die große deutsche Kunstausstellung im „Haus der Kunst“ in München. Hier gibt es inzwischen auch die Datenbank DDK-Online. Ein Teil dieser Bestände besteht aus diesem eher langweiligen Kunstbestand, der dort in den 1933er Jahren gezeigt wurde. Das ist klassisch erworben worden und nicht geraubt. Doch das ist nur ein Teil des Bestandes.

Warum gestaltet sich die Provenienzforschung gerade im Falle dieser Kunstwerke aus NS-Besitz so extrem schwierig?

Weil ein enormer Zeitabstand zu überwinden ist. Die vorhandenen Informationen sind mit der Erfassung durch die Amerikaner zuletzt stehengeblieben. Das bedeutet, wir müssen an diesen Zeitpunkt anknüpfen. Dabei gehen wir zeitlich weit zurück.

Es ist eigentlich ein Skandal. Deshalb noch mal die Frage: Woran liegt es, dass da so lange nichts passiert ist?

Sicherlich auch an den personellen Möglichkeiten. Wir hatten hier für die Staatsgemäldesammlung 2004 glücklicherweise das Projekt von Ilse von zur Mühlen, die die Sammlung Göring bearbeitet hat. Das konnten wir publizieren. Nach 2004 gab es   keine Stelle mehr. Erst 2008 habe ich selbst meine Stelle angetreten.

Wie realistisch ist es, heute noch Erben zu finden, die Anspruch auf die gestohlenen Kunstwerke haben, also in Sachen Raubkunst?

Wir haben durch die Möglichkeit der Meldung an die Datenbank LostArt eine sehr große Reichweite. Das ist weltweit einsehbar für diese Kunstwerke. Und wir haben es auch, wenn wir gute Daten haben, mit Sammlern zu tun, die vielleicht bei einem Kollegen in einem anderen Museum schon aufgetaucht sind. Hier finden sich dann eventuell weitere Hinweise. Bei dem Thema Netzwerk-Provenienzforschung ist es ganz wichtig, dass man sich austauscht, denn da ergeben sich immer wieder neue Möglichkeiten.

Wie sieht es mit den Museen aus? Empfinden die Verantwortlichen diese Bestände, die da in ihren Depots lagern, als moralische Belastung?

Ich denke, das ist für alle Referenten immer ein Thema, und seit der Handreichung zu einer Verpflichtung geworden.

Seit dieser Handreichung von 1999, meinen Sie.

Ja, genau.

Was motiviert Sie persönlich, sich dieser schwierigen und sehr mühsamen Aufgabe zu stellen, beziehungsweise was wäre für Sie der größte anzunehmende Erfolg Ihres Projekts?

Für mich wäre es wichtig, wenn wir dieses Forschungsprojekt im Kontext sehen. Wenn es gelingt, nicht nur die Herkunft zu klären, sondern wenn wir uns auch diesem wichtigen Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte annehmen.

Immer, wenn ich diese Dokumente aus den 1950er und 1960er Jahren durchlese, bin ich ziemlich irritiert über den Umgang mit diesen Objekten und die Verwertung, wie man das Thema damals angegangen ist. Das würde man heute sicherlich anders beurteilen. Da würde ich mir eine objektive zeithistorische Aufarbeitung wünschen.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit der Provenienzforscherin Andrea Bambi führte Doris Maull am 10.04. 2013 um 7.45 Uhr

http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturgespraech/suche-nach-ns-kunstraeuber/-/id=9597128/nid=9597128/did=11257220/1rtfr59/index.html
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