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Goebbels hortete "entartete Kunst" in einer Wohnung

1970
1945
Welt Online 13 March 2012

      

2010 kamen in Berlin zahlreiche Skulpturen ans Licht, die im Bombenkrieg verschüttet wurden. Jetzt steht fest: Goebbels unterhielt in dem Haus ein regelrechtes Lager.

Im Jahr 2010 machten Bauarbeiter in Berlin-Mitte einen sensationellen Fund: Unweit des Roten Rathauses stießen sie auf expressionistische ..., die zum Teil stark beschädigt waren. Jetzt konnten 15 der 16 Stücke identifiziert werden, teilte Berlins Landesarchäologe Matthias Wemhoff mit. Die Nazis hatten die Kleinplastiken als „entartet“ beschlagnahmt; sie galten seither als verschollen.
Der Berliner Skulpturenfund von 2010
Foto: Achim Kleuker 15 von 16 Kunstwerken konnten inzwischen identifiziert werden: Der "Reiter" von Fritz Wrampe (1893-1934) wurde 1937 beschlagnahmt.


Zunächst konnte nur ein kleiner Teil der Kunstwerke zugeordnet werden, die bei Arbeiten an der U-Bahn in den mit Bombentrümmern verfüllten Kellergewölben des früheren Hauses Königstraße 50 vis-à-vis des Roten Rathauses entdeckt wurden.

Nach zwei Jahren intensiver Forschung sind nun 15 der Skulpturen sicher identifiziert; darunter sind Werke von Karl Ehlers, Richard Haizmann und Will Lammert. Eine sonst nirgendwo nachweisbare Skulptur konnte der Künstlerin Milly Steger aufgrund stilistischer Eigenheit sicher zugewiesen werden.

Die Werke aller dieser Bildhauer galten im Dritten Reich als „Verfallskunst“. Rund 20.000 so diffamierte Exponate wurden ab 1937 aus Museen und Galerien in ganz Deutschland entfernt, viele im Anschluss in der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ verhöhnt. Die Nazis versuchten, viele dieser Werke im Ausland zu Geld zu machen, um die von Hitler und seinen Paladinen geschätzte ... zu kaufen. Was übrig blieb, wurde in verschiedenen Gebäuden vor allem in Berlin eingelagert.

Keine Verbindung zu Erhard Oewerdieck

Dazu gehörte auch das alte Patrizierhaus in Berlin-Mitte. Goebbels’ Propagandaministerium unterhielt hier in einer Wohnung ein Lager, in dem sich zahlreiche beschlagnahmte Kunstwerke befanden. Das konnte jetzt mit Sicherheit geklärt werden. Die 16 Skulpturen wurden möglicherweise im September 1942 in das zwei Jahre später durch Bomben zerstörte ... gebracht.

Die bisherige Vermutung, die Kunstwerke könnten sich in den im selben Haus gelegenen Büroräumen des Treuhänders Erhard Oewerdieck befunden haben, gilt nun als widerlegt. Oewerdieck unterstützte verfolgte Juden und wurde 1978 posthum zusammen mit seiner Frau Charlotte mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet.

Jedoch haben Recherchen jetzt ergeben, dass es keine Verbindung zwischen den Skulpturen und Oewerdiecks Hilfe für verfolgte Menschen gab. Es war reiner Zufall, dass Goebbels’ im selben Haus wie der Treuhänder eine Wohnung hielt.

Hunderte Kunstwerke in einer Wohnung

Die Berliner Wissenschaftler haben zudem anhand von Untersuchungen der Asche festgestellt, dass in der Wohnung nicht nur die 16 Plastiken gelagert waren. Auch Reste von Fotopapier und Leinwand sowie Farbpartikel konnten nachgewiesen werden. Also dürften Gemälde und möglicherweise Holzskulpturen hier verbrannt sein. Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin nimmt an, dass sich bis zu 300 beschlagnahmte Exponate in der Wohnung befunden haben könnten.

Allerdings wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen, welche. Noch bis kommenden Sonntag zeigt das Neue Museum im Lichthof den Skulpturenfund. Zusätzlich zu den bisher ausgestellten elf Werken werden jetzt fünf neu identifizierte Stücke gezeigt. Dann gehen sie als Wanderausstellung in verschiedene Städte Deutschlands.


Was die Nazis "deutsche Kunst" nannten
Foto: DHM Berlin Perfekt gemalte Menschen, Tiere, Landschaften wie "Die Scholle" von Max Bergmann galten als Inbegriffe "deutscher Kunst".
 
 
 
http://www.welt.de/kultur/history/article13920109/Goebbels-hortete-entartete-Kunst-in-einer-Wohnung.html
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