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«Ich fände es völlig unmoralisch, das Bild zurückzufordern» - "I would find it completely immoral to make a claim for the painting"

2022
1998
1970
1945
Tagesanzeiger 20 November 2021
By Rico Bandle

 

Seit Monaten steht das Zürcher Kunsthaus wegen der Bührle-Sammlung unter Beschuss. «Völlig absurd», sagt der legendäre Kunsthändler Walter Feilchenfeldt.

(English translation below)

«Es geht nur ums Geld»: Kunsthändler Walter Feilchenfeldt.

Eigentlich könnte sich auch er als Bührle-Opfer aufspielen. Seine Eltern waren 1939 in der Schweiz gestrandet, durften als Flüchtlinge zwar hierbleiben, erhielten aber keine Arbeitsbewilligung. Als 1942 das Geld ausging, verkaufte sein Vater ein Gemälde von Henri de Toulouse-Lautrec via einen Kunsthändler für 45’000 Franken an den Waffenproduzenten Emil Georg Bührle (1890–1956).

Solche in der Not veräusserten Gemälde gelten heute vielerorts als «kontaminiert», häufig fordern die Nachkommen der einstigen Eigentümer eine Rückerstattung. Walter Feilchenfeldt käme das nie in den Sinn. «Das erhaltene Geld war für meine Eltern von existenzieller Bedeutung.» Sie seien Bührle dankbar gewesen.

Bührle-Kritik gehört zum guten Ton

Feilchenfeldts Toulouse-Lautrec ist heute im Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses zu sehen, der kürzlich eröffnet wurde. Die prächtige Sammlung Bührles bildet das Herzstück des 200 Millionen Franken teuren Gebäudes – das Museum steht deshalb seit Monaten unter medialem Dauerbeschuss.

Mehrere Zeitungen publizierten ganze Artikelserien, in denen sie die Integrität der Sammlung infrage stellen. Zwar hat die Bührle-Stiftung die Herkunft der Bilder minutiös untersuchen lassen und das Museum eigens einen Raum eingerichtet, in dem Bührles Vergangenheit als Kriegsprofiteur und Waffenlieferant der Nazis dokumentiert ist – doch das reicht den Kritikern nicht. Es gehört mittlerweile zum guten Ton, die Bührle-Ausstellung moralisch zu verurteilen und die Forschungsresultate anzuzweifeln.

Feilchenfeldt schüttelt darüber nur den Kopf. «Das ist völlig absurd», sagt er in der Villa in Zürich-Hottingen, die seine Familie seit 1948 bewohnt. Der 82-Jährige gilt als einer der renommiertesten Experten für Van Gogh und Cézanne. Ein Leben lang war er Kunsthändler, genau wie sein Vater, der den Waffenfabrikanten Bührle nach dem Krieg persönlich kennen lernte und ihm Bilder verkaufte. «Die meisten dieser Historiker und Journalisten haben leider keine Ahnung, wie der Kunstmarkt zu jener Zeit funktionierte.»

Wann war ein Verkauf rechtmässig?

Bei Kunstwerken mit Bezug zu Opfern des Nationalsozialismus wird zwischen zwei Kategorien unterschieden: Von «Raubkunst» ist die Rede, wenn die Werke durch Enteignung an die Nazis gelangten. In diesen Fällen herrscht Konsens: Sie gehören zurückerstattet, im Fachjargon: «restituiert». Auch Emil Georg Bührle gab 1948 dreizehn Werke an die rechtmässigen Eigentümer zurück, neun davon konnte er von ihnen gleich wieder zurückkaufen.

Schwieriger wird es bei der sogenannten Fluchtkunst. Dabei handelt es sich um Werke, die ihre Eigentümer in einer Notlage verkaufen mussten, zum Beispiel, um die Flucht vor dem NS-Regime zu finanzieren. Auch das Toulouse-Lautrec-Bild der Familie Feilchenfeldt gehört eigentlich unter diese Kategorie. «Ich fände es aber völlig unmoralisch, das Bild zurückzufordern», sagt Feilchenfeldt. «Das war ein rechtmässiger Verkauf, Bührle hat einen korrekten Preis bezahlt.» So sei es auch in den meisten anderen Fällen gewesen, die nun zur Diskussion stünden, sagt der Kunstexperte.

Es lockt das grosse Geld.

Die Forderung, dass auch Fluchtkunst unter Umständen zu restituieren sei, ist eine Folge des «Washingtoner Abkommens» von 1998. Durch den Boom auf dem Kunstmarkt mit seinen schwindelerregenden Preisen erhielt das Thema grosse Brisanz. Die Aussicht auf Millionensummen liess in den USA eine ganze Restitutionsindustrie entstehen: Geschäftstüchtige Anwälte spüren wertvolle Gemälde auf, kontaktieren die Nachkommen der ehemaligen Eigentümer und versuchen auf Basis einer Erfolgsprovision die Werke zurückzuholen. «Es geht nur ums Geld», sagt Feilchenfeldt. Bei Erfolg werde das restituierte Bild in der Regel sofort veräussert, um die hohen Anwaltskosten bezahlen zu können.

Im Fall Bührle ist für Feilchenfeld nicht die Faktenlage ein Problem – die Bilder seien sehr gut erforscht –, sondern die Interpretation der Washingtoner Prinzipien. «Es gibt keine Gesetzgebung dafür, aber jede Menge unterschiedlicher Meinungen darüber, wann etwas als restitutionswüdig gilt», sagt er.

Wenn plötzlich jemand ein Bild zurückwill

Von den 203 Werken der Bührle-Sammlung haben 37 im weitesten Sinne einen Zusammenhang mit NS-Verfolgung, hatten also deutsch-jüdische Vorbesitzer. 26 davon erwarb Bührle erst nach Kriegsende. Laut aktuellem Forschungsstand stammen alle Bilder aus unproblematischer Herkunft, oder man hat sich längst mit den früheren Eigentümern verständigt. Bisher konnte niemand etwas anderes nachweisen, weder die spezialisierten Anwälte, die hinter den millionenschweren Bildern her sind, noch die vielen Schweizer Historiker und Journalisten, die seit Monaten gegen die «toxische» Sammlung anschreiben.

Ein Gemälde, das immer wieder als «besonders heikel» hervorgehoben wird, ist Claude Monets «Mohnblumenfeld bei Vétheuil». Das Bild gehörte einst dem jüdischen Kaufmann Max Emden. 1928, also noch vor der Machtergreifung Hitlers, zog dieser mit dem Gemälde ins Tessin. Nach Emdens Tod 1940 verkaufte es dessen Sohn Hans Erich über den Kunsthandel an Bührle, danach emigrierte er nach Chile.

Feilchenfeldt kennt den Fall sehr gut, da sein Vater Emden beim Verkauf beratend zur Seite stand. «Mein Vater hatte auch nach dem Krieg ein sehr gutes Verhältnis zu Hans Erich Emden», sagt er. «Kein einziges Mal ist ein schlechtes Wort gefallen, zum Beispiel, dass man den Verkauf bereue oder dass er sich über den Tisch gezogen gefühlt habe.» Auch konnte nachgewiesen werden, dass Emden zum Zeitpunkt des Verkaufs über ein beträchtliches Vermögen verfügte, er das Bild also nicht aus einer Notlage heraus abtreten musste.

Dennoch wollten Emdens Nachkommen 2012 plötzlich mit der Stiftung Bührle über das Bild verhandeln. Als die Stiftung ihre Erkenntnisse zum Erwerb des Gemäldes vorlegte, schlugen die Anwälte eine Vergleichszahlung in der Höhe eines einstelligen Millionenbetrags vor. Darauf liess man sich in Zürich nicht ein. Seither haben sich die Emdens nicht mehr gemeldet – zu eindeutig ist wohl die Faktenlage.

Zürich hat schon einmal eine Sammlung verloren. Die aktuelle Diskussion könnte die Nachkommen allerdings zu einem erneuten Anlauf animieren: Im Onlinemagazin «Republik» beklagte sich Hans Erichs Sohn Juan Carlos Emden in einem rührseligen Interview darüber, wie kaltherzig die Schweiz mit seiner Familie umgegangen sei und wie schroff ihn die Bührle-Stiftung abserviert habe. 

Für Walter Feilchenfeldt ein falsches Spiel, «dominiert von den Anwälten». Dass auch über einen Monat nach Eröffnung des Kunsthauses weiter Stimmung gemacht wird gegen die Sammlung, ist ihm unverständlich. «Wir sollten froh und glücklich sein, dass wir solche Bilder in der Schweiz haben», sagt er.

Tatsächlich würde es niemanden erstaunen, wenn die Bührle-Stiftung der ständigen Angriffe bald überdrüssig wird. Jedes Museum der Welt würde die hochkarätigen Bilder mit Handkuss aufnehmen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Zürich eine Sammlung verliert. Bereits 2001 wollte Friedrich Christian Flick, der Erbe des gleichnamigen Nazi-Unternehmers, in Zürich ein Museum für seine Kunstwerke bauen. Nach massiven Protesten liess er frustriert von der Idee ab. Nutzniesser war ausgerechnet Berlin, wo die Werke fortan in den wunderbaren Hallen des Hamburger Bahnhofs zu sehen waren, bis diese abgerissen wurden und die Sammlung weiterwanderte.

Bereits damals konnte Feilchenfeldt die Aufregung nicht verstehen. «Ich sagte: ‹Es kommt auf die Qualität der Sammlung an, nicht auf die Person des Sammlers.›» Mit dieser Aussage stiess er auf viel Unverständnis. «Ich stehe noch immer dazu. Bei Bührle gilt dasselbe.»

Ist es für ihn kein Problem, dass der Waffenfabrikant Kriegsmaterial unter anderem auch an die Nazis lieferte? Also an jenes Regime, das auch seine Familie wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgte und in die Flucht trieb? Feilchenfeldt: «Es gab viele Kriegsgewinnler. Die meisten haben mit ihrem Geld Dümmeres angestellt, als Kunst zu kaufen.»

English translation

"I would find it completely immoral to reclaim the painting".

For months, the Zurich Kunsthaus has been under fire for the Bührle collection. "Completely absurd", says the legendary art dealer Walter Feilchenfeldt.

Actually, he, too, could play himself up as a Bührle victim. His parents were stranded in Switzerland in 1939 and were allowed to stay here as refugees, but were not granted a work permit. When the money ran out in 1942, his father sold a painting by Henri de Toulouse-Lautrec via an art dealer for 45,000 francs to the arms manufacturer Emil Georg Bührle (1890-1956).

Today, such paintings sold in times of need are considered "contaminated" in many places, and the descendants of the former owners often demand restitution. This would never occur to Walter Feilchenfeldt. "The money I received was of existential importance to my parents." They were grateful to Bührle.

Bührle criticism is part of good manners

Feilchenfeldt's Toulouse-Lautrec can be seen today in the extension of the Zurich Kunsthaus, which recently opened. Bührle's magnificent collection is the centrepiece of the 200-million-franc building - which is why the museum has been under constant media fire for months.

Several newspapers have published entire series of articles questioning the integrity of the collection. Although the Bührle Foundation has had the origin of the pictures meticulously investigated and the museum has set up a room in which Bührle's past as a war profiteer and arms supplier to the Nazis is documented, this is not enough for the critics. It has become commonplace to morally condemn the Bührle exhibition and to doubt the research results.

Feilchenfeldt just shakes his head at this. "That's completely absurd," he says in the villa in Zurich-Hottingen that his family has lived in since 1948. The 82-year-old is considered one of the most renowned experts on Van Gogh and Cézanne. He was an art dealer all his life, just like his father, who got to know the arms manufacturer Bührle personally after the war and sold him paintings. "Unfortunately, most of these historians and journalists have no idea how the art market worked at that time."

When was a sale legal?

In the case of artworks related to victims of National Socialism, a distinction is made between two categories: we talk about "looted art" when the works came to the Nazis through expropriation. In these cases, there is a consensus that they should be returned, or in technical jargon: "restituted". Emil Georg Bührle also returned thirteen works to their rightful owners in 1948, nine of which he was able to buy back from them immediately.

It is more difficult with so-called "escape art". These are works that their owners had to sell in an emergency, for example to finance their escape from the Nazi regime. The Toulouse-Lautrec painting by the Feilchenfeldt family actually also belongs to this category. "But I would find it completely immoral to reclaim the painting," says Feilchenfeldt. "It was a legitimate sale, Bührle paid a correct price." This was also the case in most of the other cases now under discussion, says the art expert.

Big money is tempting.

The demand for restitution of art that has fled is a consequence of the "Washington Agreement" of 1998. The boom on the art market with its dizzying prices made the issue very explosive. The prospect of millions of dollars gave rise to an entire restitution industry in the USA: Enterprising lawyers track down valuable paintings, contact the descendants of the former owners and try to get the works back on the basis of a success commission. "It's all about the money," says Feilchenfeldt. If successful, the restituted painting is usually sold immediately in order to be able to pay the high legal fees.

In the Bührle case, Feilchenfeldt says it is not the facts that are a problem - the paintings have been very well researched - but the interpretation of the Washington Principles. "There is no legislation for it, but lots of different opinions about when something is considered worthy of restitution," he says.

When suddenly someone wants a painting back

Of the 203 works in the Bührle collection, 37 have a connection to Nazi persecution in the broadest sense, meaning they had German-Jewish previous owners. Bührle acquired 26 of them only after the end of the war. According to the current state of research, all of the paintings come from unproblematic origins, or an understanding has long since been reached with the former owners. So far, no one has been able to prove otherwise, neither the specialised lawyers who are after the paintings worth millions, nor the many Swiss historians and journalists who have been writing against the "toxic" collection for months.

One painting that is repeatedly highlighted as "particularly sensitive" is Claude Monet's "Field of Poppies near Vétheuil". The painting once belonged to the Jewish merchant Max Emden. In 1928, before Hitler came to power, he moved to Ticino with the painting. After Emden's death in 1940, his son Hans Erich sold it to Bührle through the art trade, after which he emigrated to Chile.

Feilchenfeldt knows the case very well, as his father advised Emden on the sale. "My father had a very good relationship with Hans Erich Emden even after the war," he says. "Not a single bad word was uttered, for example that they regretted the sale or that he felt he had been ripped off." It could also be proven that Emden had considerable assets at the time of the sale, so he did not have to cede the painting out of necessity.

Nevertheless, Emden's descendants suddenly wanted to negotiate with the Bührle Foundation about the painting in 2012. When the foundation presented its findings on the acquisition of the painting, the lawyers proposed a settlement payment in the single-digit millions. This was not accepted in Zurich. Since then, the Emdens have not been in touch - the facts are probably too clear.

Zurich has already lost a collection once. However, the current discussion could encourage the descendants to try again: In the online magazine "Republik", Hans Erich's son Juan Carlos Emden complained in a maudlin interview about how cold-heartedly Switzerland had treated his family and how brusquely the Bührle Foundation had dumped him.

For Walter Feilchenfeldt, a false game "dominated by the lawyers".

He finds it incomprehensible that even more than a month after the opening of the Kunsthaus, the mood against the collection is still being stirred up. "We should be glad and happy that we have such paintings in Switzerland," he says.
In fact, no one would be surprised if the Bührle Foundation soon tires of the constant attacks. Any museum in the world would take the high-calibre pictures in hand in hand.

"What matters is the quality of the collection, not the person of the collector."
Walter Feilchenfeldt

It would not be the first time Zurich has lost a collection. Back in 2001, Friedrich Christian Flick, the heir to the Nazi entrepreneur of the same name, wanted to build a museum in Zurich for his works of art. After massive protests, he abandoned the idea in frustration. The beneficiary was Berlin, of all places, where the works were henceforth on display in the wonderful halls of the Hamburg railway station until it was demolished and the collection moved on.
Even then, Feilchenfeldt could not understand the excitement. "I said, 'What matters is the quality of the collection, not the person of the collector'." With this statement he met with much incomprehension. "I still stand by it. The same applies to Bührle."

Is it not a problem for him that the arms manufacturer also supplied war material to the Nazis, among others? That is, to the regime that also persecuted his family because of their Jewish roots and drove them to flee? Feilchenfeldt: "There were many war profiteers. Most of them did more stupid things with their money than buy art."


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