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Enteignungen: Ab 1938 traf es die Sammlung des Wiener Industriellen Julius Priester

1998
1970
1945
Der Standard 14 November 2021
Von Olga Kronsteiner

Die Ausstattung der Wohnung in dem 1883 erbauten und bis heute erhaltenen Gebäude in der Ebendorferstraße im ersten Wiener Gemeindebezirk, mag die Beamten, die hier im November 1938 einige Kunstwerke beschlagnahmten, überrascht oder auch beeindruckt haben. Die Räume waren mit Antiquitäten gefüllt, mit historischem Mobiliar, antiken Teppichen, die Vitrinen voll mit Silbergegenständen, an den Wänden wertvolle Tapisserien und eine Vielzahl von Gemälden, mehrheitlich von Alten Meistern, da und dort auch von solchen des 19. Jahrhunderts.

Davon zeugen alte Schwarzweißfotos, die sich in einem Akt im Archiv des Bundesdenkmalamtes (BDA) erhalten haben, der die Geschichte der Sammlung von Julius und Camilla Priester auszugsweise dokumentiert: vom Zeitpunkt der Beschlagnahmungen in den Monaten nach dem "Anschluss", über die Suche und teilweise Auffindung von Kunstwerken nach dem Zweiten Weltkrieg, vereinzelten Rückgaben an die Familie bis hin zur öffentlichen Fahndung Mitte der 1950er Jahre.


In der Wohnung von Julius und Camilla Priester hing bis 1938 El Grecos Bildnis eines Edelmannes. 2015 wurde das Bild über die Vermittlung von CLAE von einem Kunsthändler an die Familie restituiert und wird nun in London versteigert.

Causa seit 20 Jahren bekannt

Den Fall des Industriellen Julius Priester und seiner Frau Camilla beleuchtete Provenienzforscherin Sophie Lillie erstmals vor fast 20 Jahren in ihrer Publikation "Was einmal war" (Czernin Verlag, 2003), dem "Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens".

Demnach hatte Priester, 1870 im böhmischen Wolschy geboren, eine ihm gehörende Mineralölgesellschaft in den frühen zwanziger Jahren verkauft und mit dem Erlös eine Kunstsammlung aufzubauen begonnen. Eine Ambition, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten jäh endete.

In der für Personen jüdischer Herkunft verpflichtenden Vermögensanmeldung war die Einrichtung der Wohnung 1938 mit insgesamt 45.000 Reichsmark bewertet worden, davon belief sich allein der Wert der 51 Bilder auf knapp 30.000 Reichsmark (RM).

Dazu gehörten ein von "Il Greco" gemaltes Porträt (1000 RM), ein Kircheninterieur von Emanuel de Witte (300 DM) sowie das Männerporträt eines "unbekannten flämischen Künstlers" (600 RM).

Die Gemeinsamkeit dieses Trios? Diese Werke wurden erst in den vergangenen Jahren über Vermittlung der Commission for Looted Art Europe (CLAE) aus Privatsammlungen und aus dem internationalen Kunsthandel an die Nachfahren von Julius und Camilla restituiert und werden am 7. Dezember bei Christie’s in London in deren Auftrag versteigert.

Eine historische Aufnahme, die vor 1938 entstand und einen mit Antiquitäten und Gemälden ausgestatteten Salon der Familie Priester in ihrer Wohnung in der Ebendorferstraße (Wien 1) zeigt. Foto: Courtesy of the Commission for Looted Art in Europe

"Ein schwaches Bild…"

Das von Doménikos Theotokópoulos, genannt El Greco, im 17. Jahrhundert geschaffene Bildnis eines Herrn soll gemäß der im Vorfeld bezifferten Erwartungen umgerechnet zwischen 930.000 und 1,4 Millionen Euro einspielen: Der "sogenannte ¸Greco´" sei "ein schwaches Bild aus der Bassanowerkstatt, dessen Oberhaut weg ist", lautete einst das abschätzige Urteil der Direktion des Kunsthistorischen Museums (KHM), nachdem man im August 1938 die Sammlung in der Ebendorferstraße vor der Beschlagnahme erster Werke der Sammlung Priester besichtigt hatte.

An anderen Werken meldete der Leiter der Gemäldegalerie in dem Schreiben an die "Zentralstelle für Denkmalschutz" jedoch indirekt sehr wohl Interesse an: Das "Männerbildnis" und das zugehörige Frauenpendant von Hans Mielich "im Eckzimmer" seien "zu sperren", ebenso zwei Aquarelle von Rudolf von Alt, eine Ansicht von Salzburg und ein Schlossinterieur im "Damenschlafzimmer".

Im Bescheid des Wiener Magistrats vom 4. November 1938 scheint neben den genannten Werken zusätzlich ein Porträt von Franz Hals, einen "Mann mit Halskrause" darstellend auf. Die Sicherstellung erfolgte, um eine drohende "Verschleppung der Kunstgegenstände" zu verhindern. Priester und seine Frau befanden sich zu diesem Zeitpunkt längst im Ausland. Sie waren Ende März zuerst nach Paris und später nach Mexiko geflüchtet.


Das Gemälde Emanuel de Wittes, das ein Kircheninterieur zeigt, wurde im Februar 1944 von der Gestapo beschlagnahmt und tauchte jüngst in einer österreichischen Sammlung wieder auf. 2019 wurde es an die Priester-Nachfahren restituiert und soll jetzt zumindest an die 600.000 Euro bringen. Foto: Christie’s

Beschlagnahmen 1938 bis 1944

Ihre Sammlung war von den NS-Behörden sukzessive enteignet worden. Im Mai 1939 kam es zu einer weiteren Beschlagnahme in der Wohnung, der 1944 eine in den Räumlichkeiten der Firma Oskar Föhr folgte, die den Großteil der Einrichtung angeblich im Auftrag von Priester eingelagert hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich der Industrielle um die Auffindung seiner mobilen Vermögenswerte. Mit bedingtem Erfolg. Die dem KHM zugewiesenen Werke aus der ersten Beschlagnahme wurden ebenso wie in Alt Aussee aufgefundenen 1947 restituiert: insgesamt 14 Gemälde und ein Gobelin. Vieles blieb verschwunden, manches fand sich: 1948 etwa neun (von ehemals 30) antike Perserteppiche, 1953 Peter Paul Rubens "Mann im Pelzrock" bei einem in Fünfhaus niedergelassenen Händler, im gleichen Jahr zwei Werke Van Dycks im Besitz eines Hofrates. All das bekam die Familie zurück.

Anders tauchte erst auf, nachdem Julius 1955 und seine Witwe Camilla 1962 verstorben waren. 1973 etwa bei den Erben Föhrs, die Teile der Sammlung Priester unterschlagen und veräußert haben sollen. Das Greco-Gemälde, das 2015 an die Familie restituiert wurde, entdeckte man im Londoner Kunsthandel. Es war über einen Gestapo-Schätzmeister im Bestand der Galerie St. Lucas gelandet, die es 1952 an ihren 1939 nach New York emigrierten einstigen Geschäftsführer Fritz Mondschein verkauft hatte.

Fahndung 1954

Das nun bei Christie’s zur Auktion kommende Bildnis des "Meisters von Frankfurt", das Kaiser Ferdinand I. zeigen soll, war im Oktober 1995 einem Nachfolger Hans Holbeins zugeschrieben im Dorotheum versteigert worden. Als es 2006 bei Christie’s in London neuerlich versteigert werden sollte, meldeten die von CLAE vertreten Priester-Nachfahren ihre Ansprüche an. 2008 erfolgte die Restitution.

Nach diesem Werk war ebenso wie nach Emanuel De Wittes Kircheninterieur 1954 von der Bundespolizeidirektion Wien gefahndet worden. Gesucht wurden damals 17 Gemälde, die "dem Generaldir." Julius Priester 1938 "abhanden gekommen" waren. Das nun auf 590.000 bis 930.000 Euro geschätzte Kircheninterieur fand sich in einer österreichischen Privatsammlung, aus der es 2019 restituiert wurde. Die Suche nach Werken der Sammlung Priester ist noch nicht beendet, wie eine Anfrage bei der Commission for Looted Art ergab: mehr als 20 seien noch immer verschollen.


https://www.derstandard.at/story/2000131106464/enteignungen-ab-1938-traf-es-die-sammlung-des-wiener-industriellen
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