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Auf Spurensuche in der Sammlung der Emder Kunsthalle

1998
1970
1945
NWZ 4 March 2021
Jana Wollenberg

Während des 2. Weltkriegs wurden Juden in Deutschland verfolgt und ihres Besitzes beraubt – Nationalsozialisten eigneten sich viele Kunstwerke an. Kunsthistorikerin Katharina Rüppell erforscht, ob Stücke in der Kunsthalle Emden eine solche Geschichte haben.




Emden
Rund 1500 Stiftungswerke befinden sich in der Sammlung der Kunsthalle Emden. Dazu gehören Gemälde, Skulpturen, Kunstgewerbe sowie Arbeiten auf Papier wie Aquarelle und Druckgrafiken. Auf welchem Weg diese Werke zu der Stiftung gelangt sind, ist nicht für jedes eindeutig geklärt. Die Provenienzforscherin Katharina Rüppell befindet sich derzeit auf der Suche nach Hinweisen darauf, ob sich in der Sammlung Werke befinden, die ihren Besitzern während der NS-Zeit verfolgungsbedingt entwendet wurden. Provenienzforschung – das bedeutet Forschung nach der Herkunft.

„Ab 1938 wurden Juden in Deutschland systematisch enteignet“, erklärt die 37-Jährige. Die Kunstwerke, die sich die Nationalsozialisten auf diese Weise aneigneten, fanden ihren Weg zum Beispiel über Auktionshäuser zu neuen Besitzern. „Dahinter stecken viele Einzelschicksale“, sagt die Forscherin. Die Eigentümer wurden in Deutschland verfolgt und ihnen wurde ihr Besitz genommen. Andere mussten das Land verlassen und brauchten schnell Geld, sodass sie Kunstwerke teils weit unter Wert verkauften.

Ob auch Stücke aus der Kunsthalle Emden eine solche Geschichte haben, ist noch nicht klar. „Der Stifter der Kunsthalle, Henri Nannen, hat die Werke in bestem Gewissen in den 70er und 80er Jahren gekauft“, so Rüppell. 100 von ihnen, die vor 1945 entstanden sind, nimmt sie derzeit genau unter die Lupe.

Besitzgeschichte oft lückenhaft

Dafür wurde an der Kunsthalle eine vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projektstelle eingerichtet. In der ersten Phase des Projektes erstellt Rüppell ein eigenes digitales Archiv mit Fotos der Werke und allen Informationen, die über sie zu finden sind. Die stammen aus hausinternen Aufzeichnungen, wie zum Beispiel handschriftliche Inventaraufzeichnungen einer Mitarbeiterin von Henri Nannen. Auch die Kontaktaufnahme mit Stiftern und Schenkern oder deren Erben zur Bestätigung oder Ergänzung der Datenlage gehört dazu.

„Ich versuche alles zu finden, was Informationen zur Geschichte des Werks geben kann“, erzählt die Forscherin. Aufschluss über vorherige Besitzer geben dabei auch die Rückseiten der Bilder: Stempel, Aufkleber, Etiketten oder Kürzel können verraten, wo das Bild ausgestellt wurde oder wo es sich befand, bevor es in den Besitz von Henri Nannen gelangte.

Die Kunstwerke werden in drei Kategorien eingeteilt: „unbedenklich“, wenn die Besitzgeschichte eindeutig geklärt ist, „unbekannt“ wenn sie größere Lücken aufweist und „verdächtig“, wenn sich Hinweise zum Beispiel auf Namen oder Auktionshäuser finden, deren Bezug zu Raubkunst bekannt ist. „Den größten Teil dieser 100 Werke werde ich genauer untersuchen müssen“, sagt die Forscherin. Aus der Kategorie „verdächtig“ sei ihr bisher nichts aufgefallen. „Es gibt viele Werke in der mittleren Kategorie.“ Das heißt solche, deren Besitzgeschichte Lücken aufweist.

Transparenz schaffen

Im zweiten Schritt sollen die gefundenen Lücken in der Dokumentation geschlossen werden. „Wenn man zum Beispiel einen Hinweis auf eine Ausstellung findet, in der das Werk zu sehen war, kann man sich auf die Suche machen“, erzählt Rüppell von ihrer Arbeit. Dazu kommt die Suche in Datenbanken, Archiven und die Kontaktaufnahme mit Galerien, um so viel wie möglich über die Besitz- und Ausstellungsgeschichte herauszufinden. „Wenn es Hinweise gibt, dass das Bild entwendet wurde, dann muss man nach den Erben suchen.“ Das funktioniert zum Beispiel über die „lost.art“-Datenbank, in der Vorbesitzer oder deren Nachfahren nach verlorenen Kunstgegenständen suchen können. Mit der Unterzeichnung des Zuwendungsvertrags vom Deutschen Museum für Kulturgutverluste hat sich die Kunsthalle verpflichtet, ihre Provenienzen, auch die unklaren, dort zu veröffentlichen.

Trotz aller Hinweise: „Ich bin um jedes Bild froh, dessen Geschichte ich rekonstruieren kann“, meint Rüppell. Was die Arbeit erschwert ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten kaum erfasst wurde, welchen Weg ein Werk ging. „Man erhofft sich natürlich, dass man so wenig wie möglich findet.“ Gleichzeitig will die Forscherin die Besitzgeschichte der Kunstwerke so lückenlos wie möglich aufklären. Ihr Antrieb, so sagt sie selbst, sei der Wille, eine größtmögliche Transparenz zu schaffen.

Und wenn nachgewiesen wird, dass es sich bei einem Stück um Raubkunst handelt? Ziel sei es, mit den Erben der ursprünglichen Besitzer eine Einigung über die Zukunft des Werkes zu finden, sagt Rüppell. Zum Beispiel, indem die Besitzgeschichte offengelegt wird, wenn das Bild oder die Skulptur in Zukunft ausgestellt wird. „Was dabei eine entscheidende Rolle spielt ist, welche Bedeutung das Werk für die Sammlung hat.“ Eine Möglichkeit sei auch, die Erben finanziell zu entschädigen und ihnen das Werk abzukaufen. „Und als letzte Möglichkeit gibt es die Rückgabe.“

Weiteres Projekt geplant

Was nach Rüppells Forschung passieren könnte, zeigt das Beispiel des Bilds „Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen“ von Otto Mueller, das sich in der Sammlung von Henri Nannen befand. Ende 1998, fast 20 Jahre nach Nannens Ankauf, erfuhr die Stiftung durch die Anfrage einer Journalistin von der bisher unbekannten Vergangenheit des Gemäldes. Unter Druck der Nazi-Repressionen und Verfolgungsmaßnahmen hatte sich der ursprüngliche Besitzer Dr. Ismar Littmann aus Breslau das Leben genommen. Die Witwe gab das Gemälde von Otto Müller und andere Stücke aus finanzieller Not zur Versteigerung in das Auktionshaus Max Perl, wo es von der Gestapo beschlagnahmt wurde.

Nach Bekanntwerden der Geschichte des Bildes beschloss die Stiftung, es den Nachkommen von Dr. Littmann zurückzugeben, bat aber auch um Ankauf nach heutigem Marktwert. Die Familie stimmte zu, sodass sich das Werk heute im Besitz der Stiftung befindet.

Das Thema der Provenienzforschung ist in der Kunsthalle Emden also keineswegs neu. Mit dem aktuellen Forschungsprojekt übernimmt die Einrichtung nach eigener Aussage eine Vorreiterrolle in der deutschen Museumslandschaft. Sie sei eine der ersten Stiftungen privaten Rechts, die sich zur kritischen Prüfung der Besitzverhältnisse ihrer Kunstwerke entschlossen hat.

„Es ist ein großartiger Weg, den die Kunsthalle geht“, sagt Katharina Rüppell. „Die Transparenz kann auch dem Museum guttun“, glaubt sie. Den Gästen könne auf diese Weise ein besseres und vollständigeres Wissen über die ausgestellten Werke vermittelt werden. Die Forschung soll zunächst für ein Jahr laufen. Geplant ist aber ein Anschlussprojekt, damit Rüppell noch mehr der Stiftungswerke einer genauen Prüfung unterziehen kann.

Zur Person

Katharina Rüppell studierte Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, der Universität Roma Tre in Rom und der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Von 2018 bis 2020 was sie kuratorische Assistentin an der Fondation Beyeler in Basel in der Schweiz.

In der Provenienzforschung beschäftigt sie sich mit der Herkunft und der Besitzgeschichte von Kulturgütern. Ziel ist es dabei, Eigentumsverhältnisse, Rechtsgeschäfte und Besitzwechsel möglichst lückenlos zu rekonstruieren.


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