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Galerie der Vergessenen - Gallery of the Forgotten

1998
1970
1945
Der Tagesspiegel 14 March 2020


Das ZDF und die Museen erinnern an Raubkunst / Von Anne Reidt und Hermann Parzinger

In der „Digitalen Kunsthalle“ von ZDF Kultur ist jetzt das Projekt „Geraubte Kunst“ gestartet, eine Kooperation mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, dem Frankfurter Städel und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Einem großen Publikum soll von jenen Sammlern, Kunstfreunden, Mäzenen und Bürgern erzählt werden, deren Namen die Nazis tilgen wollten. Hier beschreiben Anne Reidt, Leiterin der Hauptabteilung Kultur des ZDF, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Projekt an konkreten Beispielen. Denn darum geht es.

Modern waren sie, kultiviert, belesen, Bürger im besten, aufgeklärten Sinn. Agathe und Ernst Saulmann verdienten ihr Geld mit einer Baumwollweberei im schwäbischen Eningen und bauten eine vorzügliche Kunstsammlung auf: Skulpturen, Gemälde, Bücher, Tapisserien. Zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nazis war das Paar gezwungen, aus Deutschland nach Italien und später nach Frankreich zu fliehen und alles zurückzulassen. Der Kunstbesitz, über 100 Objekte, und die Bibliothek gelangten im Juni 1936 in die Auktion „Alter deutscher Kunstbesitz“ bei Adolf Weinmüller in München und wurden versteigert.

Der deutsche Staat entzog den Saulmanns wenig später die deutsche Staatsbürgerschaft. Ernst und Agathe Saulmann wurden in Frankreich im Camp Gurs interniert, wo seine Gesundheit stark litt. Er verstarb 1946. Agathe Saulmann litt infolge der rassischen Verfolgung an Depressionen und starb an den Folgen eines Selbstmordversuches 1951. Die Werke, die zu ihrer Sammlung gehörten, sind verstreut und waren lange nicht dem Namen Saulmann zuzuordnen, denn der Auktionskatalog nannte als Vorbesitzer nur „S. in R.“ 1934 hatte die Reichskammer der Bildenden Künste angeordnet, dass Einlieferer im Auktionskatalog verschlüsselt anzugeben seien. Der Name der Familie geriet in Vergessenheit.

Erst vor wenigen Jahren konnte die Abkürzung im Auktionskatalog entschlüsselt werden, und bald stießen wir auch in Museumssammlungen auf den Namen Saulmann. So konnte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) „Drei Engel mit dem Christuskind“, eine Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert, die zu den wichtigsten Werken des Bildhauers Hans Multscher gehört, aus dem Bode-Museum an die Erben restituieren. Und dank ihres Entgegenkommens konnte das Werk gleich wieder von der SPK zurückgekauft werden, um es dauerhaft in der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin zeigen zu können. Ein anderes Objekt aus der einstigen Sammlung des Ehepaares Saulmann, eine Madonna mit Kind von 1360/70, war in den Bestand des Frankfurter Liebighauses gelangt und ist heute ebenfalls restituiert.

Wir haben es immer mit Einzelschicksalen zu tun, die präsent bleiben müssen - durch Medienarbeit, durch Publikationen, durch Erinnerungshinweise an Werken, in Gebäuden. Das war auch ein wesentlicher Ansatz bei der großen Konferenz „20 Jahre Washingtoner Prinzipien: Wege in die Zukunft“ des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste im November 2018, bei der der israelische Botschafter davon sprach, dass es nicht nur um geraubte Bilder, sondern auch um „geraubte Seelen“ gehe. Die Aufarbeitung des Raubs von jüdischem Kulturgut, bei dem Hunderttausende Kunstwerke, Bücher, aber auch Alltagsgegenstände den Besitzern entrissen wurden, wird noch Jahre brauchen. Und das, obwohl sich viele Museen, Bibliotheken und Archive intensiv mit der Erforschung dieses Unrechts beschäftigen. Gleichzeitig wollen wir lange vergessene Namen, auf die die Wissenschaftler bei ihren Forschungen stoßen, nicht nur den Akten überlassen.

Was waren das für Menschen, warum sammelten sie und was interessierte sie besonders, was bedeutet es für ihre Nachkommen, wenn ein Bild oder ein Buch in die Familie zurückkehrt? An ausgewählten Beispielen, darunter der einstige Aufsichtsratsvorsitzende der Dresdner Bank, Gustav von Klemperer, der Pianist Arthur Rubinstein, der Bankier James von Bleichröder und das Ehepaar Saulmann, wird gezeigt, wie der Raub vonstattenging und der Kunstmarkt von der Zwangslage jüdischer Kunstbesitzer profitierte.

Provenienzforscherinnen und -forscher aus den großen deutschen Museen haben mit den Redakteuren zusammengearbeitet, um die Geschichten hinter den Raubkunstobjekten ans Licht zu holen. Natürlich geht es auch um den Umgang der Museen mit diesen Beständen. Hier hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine Menge verändert. 75 Jahre nach der Shoah und dem Ende eines furchtbaren Krieges wollen wir ein publizistisches Zeichen setzen, indem wir an die Lebensgeschichten der jüdischen Bürger erinnern, deren Kunstwerke von den Nazis verkauft oder zerstört, deren Sammlungen auseinandergerissen worden sind.

Da ist Klemperers bedeutende Sammlung historischer Meißner Porzellane aus dem 18. Jahrhundert, die auf einen Lkw geladen wurde und dem Bombenangriff auf Dresden im Hof des Residenzschlosses ausgesetzt war. Da ist die Privatbibliothek Arthur Rubinsteins, die neben wertvollen Musikalien 1939 vom „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ beschlagnahmt und später in die Staatsbibliothek zu Berlin verbracht wurde. Da ist das Gemälde „Die Auferweckung des Lazarus“ aus dem Besitz James von Bleichröders, das der Kunsthändler Julius Böhler im Auktionshaus Lepke für 3600 Reichsmark erwarb, um es für das Doppelte an Hermann Göring weiterzuverkaufen. Alle Fälle sind erforscht, die Werke restituiert und teilweise zurückgekauft.

Wir stehen erst am Anfang. Unzählige Geschichten wären zu erzählen, um die Galerie der unbekannten Sammler und vergessenen Namen wirklich füllen zu können - Geschichten aus möglichst vielen Einrichtungen, um an all jene zu erinnern, die das Kulturland Deutschland einst geprägt haben. Es ist zu zeigen, dass faire und gerechte Lösungen auch bedeuten, den Opfern und ihren Familien ihre Würde zurückzugeben.

Digitale Kunstalle at
https://digitalekunsthalle.zdf.de/geraubtekun ...

English translation:

ZDF and the museums remind us of looted art / By Anne Reidt and Hermann Parzinger

The "Looted Art" project has now been launched in the "Digital Art Hall" of ZDF Kultur, a cooperation with the Prussian Cultural Heritage Foundation, the Bavarian State Painting Collections, the Frankfurt Städel and the Dresden State Art Collections. A large audience is to be told about those collectors, art lovers, patrons and citizens whose names the Nazis wanted to erase. Here Anne Reidt, Head of the ZDF's Department of Culture, and Hermann Parzinger, President of the Prussian Cultural Heritage Foundation, describe the project using concrete examples. Because that is what it is all about.

They were modern, cultured, well-read, citizens in the best, enlightened sense. Agathe and Ernst Saulmann made their money with a cotton weaving mill in Eningen, Swabia, and built up an excellent art collection: sculptures, paintings, books, tapestries. Two years after the Nazis seized power, the couple was forced to flee from Germany to Italy and later to France, leaving everything behind. In June 1936, the art collection, over 100 objects, and the library were put up for auction at Adolf Weinmüller's "Alter deutscher Kunstbesitz" in Munich and were sold.

The German state revoked the Saulmanns' German citizenship shortly afterwards. Ernst and Agathe Saulmann were interned at Camp Gurs in France, where his health suffered greatly. He died in 1946. Agathe Saulmann suffered from depression as a result of racial persecution and died as a result of a suicide attempt in 1951. The works that belonged to their collection are scattered and could not be attributed to the name Saulmann for a long time, because the auction catalogue only mentioned "S. in R." as the previous owner. In 1934, the Reich Chamber of Fine Arts had ordered that consignors be listed in the auction catalogue in encrypted form. The name of the family was forgotten.

It was only a few years ago that the abbreviation could be decoded in the auction catalogue, and soon the name Saulmann was also found in museum collections. Thus, the Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) was able to restitute "Three Angels with the Christ Child", a group of figures from the 15th century, one of the most important works by the sculptor Hans Multscher, from the Bode Museum to the heirs. Thanks to their kindness, the SPK was able to buy the work back immediately, so that it could be permanently exhibited in the Skulpturensammlung of the National Museums in Berlin. Another object from the former collection of the Saulmann couple, a Madonna and Child from 1360/70, was added to the collection of the Liebighaus in Frankfurt and has now also been restituted.

We are always dealing with individual fates that must remain present - through media work, through publications, through reminders of works, in buildings. This was also a key approach at the major conference "20 Years of the Washington Principles: Paths to the Future" of the German Center for Lost Cultural Assets in November 2018, at which the Israeli ambassador spoke of the fact that it was not only about stolen paintings, but also about "stolen souls". It will still take years to come to terms with the theft of Jewish cultural assets, in which hundreds of thousands of works of art, books, but also everyday objects were stolen from their owners. And this despite the fact that many museums, libraries and archives are intensively engaged in researching this injustice. At the same time, we do not want to leave long-forgotten names, which researchers come across in their research, to the files alone.

What kind of people were they, why did they collect and what interested them in particular, what does it mean for their descendants when a picture or a book returns to the family? Using selected examples, including Gustav von Klemperer, the former Chairman of the Supervisory Board of the Dresdner Bank, the pianist Arthur Rubinstein, the banker James von Bleichröder and the Saulmann couple, the exhibition shows how the robbery took place and how the art market profited from the plight of Jewish art owners.

Provenance researchers from the major German museums have worked with the editors to bring the stories behind the looted art objects to light. Of course, the issue is also how museums deal with these holdings. A lot has changed here in the last two decades. Seventy-five years after the Shoah and the end of a terrible war, we want to set a journalistic example by remembering the life stories of Jewish citizens whose works of art were sold or destroyed by the Nazis, whose collections were torn apart.

There is Klemperer's important collection of historical Meissen porcelain from the 18th century, which was loaded onto a truck and exposed to the bombing of Dresden in the courtyard of the Residenzschloss. There is the private library of Arthur Rubinstein, which, along with valuable music, was confiscated by the "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" in 1939 and later transferred to the Berlin State Library. There is the painting "The Resurrection of Lazarus" from the collection of James von Bleichröder, which the art dealer Julius Böhler acquired at the Lepke auction house for 3600 Reichsmark in order to sell it on to Hermann Göring for twice the amount. All cases have been researched, the works restituted and partially repurchased.

We are only at the beginning. Countless stories would have to be told to really fill the gallery of unknown collectors and forgotten names - stories from as many institutions as possible to remember all those who once shaped the cultural country of Germany. It must be shown that fair and just solutions also mean giving back dignity to the victims and their families.

Digitale Kunstalle (Digital Gallery) at
https://digitalekunsthalle.zdf.de/geraubtekun ...


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