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Langsames Amt - A slow bureaucracy

1970
1945
Handelsblatt 31 January 2020
Von Olga Kronsteiner

Der NS-Verfolgte Ernst Bunzl besaß ein Bild von Jan van Goyen. Heute hängt es im Saarlandmuseum. Die Erben kämpfen bislang vergeblich um die Rückgabe.

Anfang des Jahres nahm der "Helpdesk NS-Raubgut" in Berlin seinen Betrieb auf.  Als zentrale Kontaktstelle will man fachliche Beratung für jene Fälle bieten, in denen Verfolgte in der NS-Zeit um ihre Kunstwerke gebracht wurden. Sowohl bei der Suche nach Kulturgütern als auch beim Ermitteln der zuständigen Ansprechpartner soll der Helpdesk unterstützen. In der entsprechenden Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste (DZK) war von "bürokratischen Hürden" die Rede, auf die Betroffene künftig nicht mehr stoßen sollten, oder auch von deren Bedürfnis nach einem Dialog "auf Augenhöhe mit Museen, Bibliotheken und Behörden in Deutschland".
 
Ein aktueller Fall zeigt indes exemplarisch, auf welche Probleme die Nachkommen von NS-Verfolgten noch immer treffen, wenn sie geraubte Kunstwerke zurückfordern.

Eingelagert im Salzbergwerk

Es geht um ein auf 1632 datiertes Gemälde Jan van Goyens, das im Sommer 1940 vom Deutschen Reich für den sogenannten "Sonderauftrag Linz" angekauft wurde.  Und zwar bei Maria Almas-Dietrich, die über ihre Galerie in München zwischen 1936 und 1944 mehr als eintausend Kunstwerke für das von Adolf Hitler in Linz geplante Museum vermittelte.
 
Aus Sorge über Kriegsschäden wurde das Gemälde 1943 im Salzbergwerk Alt-Aussee eingelagert. Nach dem Krieg gehörte es zu jenen Bildern, die 1945 zuerst in den Central Collecting Point nach München verbracht wurden und schließlich 1949 als ungeklärte Fälle in Bundesvermögen landeten. Dort befindet es sich bis heute - genauer gesagt gastiert es als Leihgabe im Saarlandmuseum in Saarbrücken.
 
2001 wurde die "Holländische Flusslandschaft mit Mühle und Fischern" als "Fundmeldung" in der vom DZK betriebenen Datenbank Lost Art registriert und 2005 die vorläufige Recherche zur Provenienz veröffentlicht. Die letzte Angabe vor dem Jahr 1933 verwies auf eine Nachlassauktion von Viktor und Helene Mautner-Markhof 1927 in Wien. Dort war das Landschaftsbild versteigert worden.  Für 11 000 Schilling, wie Medien damals berichteten. Der Käufer blieb unbekannt.
 
Für den Zeitraum nach 1938 wurden ein Ankauf der Galerie Böhler in München aus einer Berliner Privatsammlung und schließlich die Übernahme durch Almas-Dietrich genannt. Dabei stützte man sich auf eine Auskunft der Kunsthändlerin im Jahr 1951. Zum Abgleich überprüfte man 2001 das Archivmaterial der Galerie Böhler, das Florian Eitle-Böhler 1995 dem Bayerischen Wirtschaftsarchiv überlassen hatte. Als man eine passende Rechnung fand, wähnte man sich in Sicherheit. Der Haken: Wie sich 2018 herausstellte, war diese Information falsch, denn sie bezog sich auf ein anderes Bild.
 
Im März 2018 informierte Stephan Klingen vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) die Provenienzabteilung des Bundesverwaltungsamts (BVA) über die falsche Identifizierung. Der Fehler war durch eine Anfrage der österreichischen Provenienzforscherin Sophie Lillie aufgefallen. Konkret fand sich der Nachweis im Fotoarchiv der "Kunsthandlung Julius Böhler", das das ZI 2014 angekauft hatte. Die zugehörigen Karteikarten zeigen andere Werke, also erbat Klingen eine Korrektur. Das BVA stellte sie im Zuge einer Aktualisierung der Datenbank 2018 auch in Aussicht.
 
Die Herkunft der "Flusslandschaft" war zu diesem Zeitpunkt im BVA bereits ein Thema. Von Juli 2017 bis April 2018 war die Behörde dazu mit der Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzer & Partner in Kontakt. Im Namen der Erbin eines "Dr. Ernst Bunzl" ersuchte die Kanzlei um Berücksichtigung des neuen Sachverhalts und erhob Anspruch auf das Bild. Denn das Kunstwerk dürfte einst dem in Wien geborenen jüdischen Rechtsanwalt Ernst Bunzl gehört haben, der vor dem NS-Regime zuerst nach Frankreich und später nach Brasilien flüchtete. Der Witwer, dessen Ehefrau Helene Anfang 1938 verstorben war, hatte seine Habe bei einer Spedition eingelagert, um sie sich später ins Exil nachschicken zu lassen.
 
Dazu gehörte auch eine vom Ehepaar über Jahre aufgebaute Kunstsammlung bemerkenswerter Güte. Helene Bunzl entstammte der jüdischen Industriellenfamilie Waerndorfer. Ihr Vater Fritz (Friedrich) war ein bekannter Mäzen und Sammler, der unter anderem die Gründung der legendären Wiener Werkstätte finanziert hatte.
 
Die Sammlung der Bunzls ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Sie sollte dem Witwer die künftige Existenz im Exil sichern. Aufgrund ihres hohen Wertes, den Bunzl 1962 mit etwa 770 000 D-Mark bezifferte, hatte er mit der Spedition vereinbart, die Angaben für das Übersiedlungsgut so gering und vage wie möglich zu halten, um bei den Behörden keine Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Schummelei, die sich nun rächt, weil sie den Eigentumsnachweis erschwert.
 
Aufschluss über Umfang und Gehalt der Kollektion geben aber Dokumente aus dem Wiedergutmachungsverfahren. Bunzls eigene Rekonstruktion füllte mehrere Seiten, ergänzt um eidesstattliche Erklärungen von Sachverständigen. Darauf basierend wurden in der Rubrik "Suchmeldung" im August 2017 bei Lost Art rund 30 Objekte registriert, die einst Ernst und Helene Bunzl gehört hatten - darunter van Goyens "Flusslandschaft".
 
21 Monate nach der Ankündigung wurde der Eintrag in der BVA-Datenbank Ende Dezember 2019 aktualisiert: Der Verweis auf die Galerie Böhler fiel weg, ergänzt wurde die Angabe "wohl Dr. Ernst und Helene Bunzl, Wien". Dennoch bezeichnet das BVA die Provenienz weiterhin als "ungeklärt".
 
Ein Werk wurde resitutiert

Bislang hatte man angenommen, das Landschaftsbild mit Fischern sei in Frankreich beschlagnahmt worden, wohin Teile des Bunzl-Besitzes transportiert worden waren. Ein anderer Teil sei jedoch in Wien verblieben, ist Sophie Lillie überzeugt. Dafür gibt es mittlerweile starke Indizien. Etwa ein Aquarell aus der Bunzl-Sammlung, "Italienisches Bauernmädchen" (1901) von Oskar Kokoschka, das sich über Jahrzehnte in Wiener Privatbesitz befand und im November 2018 Gegenstand eines Privatvergleichs war. Oder eine einst in der Sammlung Bunzl beheimatete chinesische Skulptur. Der Kopf eines Würdenträgers aus der Song-Dynastie (960-1279 n. Chr.), wurde im Januar 2019 auf Empfehlung des Kunstrückgabebeirats aus dem Bestand des Museums für angewandte Kunst in Wien der Erbin restituiert.
 
Woher Hitlers Kunstlieferantin Almas-Dietrich die "Flusslandschaft" van Goyens letztlich hatte, konnte bisher nicht geklärt werden. Auf die Anfrage des Handelsblatts stellte das BVA nun eine "proaktive" Forschung in Aussicht.


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