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Doppelt enteignet - Doubly dispossessed

2021
1970
1945
Sueddeutsche Zeitung 21 March 2019
Von Catrin Lorch

(English translation below)

Anne Webber fahndet mit ihrer Organisation Commission for Looted Art nach von den Nazis enteigneten Bildern. Doch ihr jüngster Erfolg wird durch die frustrierenden Erfahrungen mit den deutschen Behörden getrübt.



In dieser Woche konnte John Graykowski, der Urenkel von Mathilde und Gottlieb Kraus, in Xanten endlich das "Holländische Platzbild" entgegennehmen, acht Jahre nachdem die Commission for Looted Art (CLAE) beim Dombauverein seine Ansprüche auf Rückgabe geltend gemacht hatte. Doch das ist nicht das Ende des Skandals. Anne Webber von der CLAE sagt, dass die bayerische Regierung ihr damaliges Versprechen, die Vorgänge aufzuklären, nicht erfüllt hat.

SZ: Nach acht Jahren ist das Bild endlich wieder bei seinem rechtmäßigen Besitzer. Das ist doch ein Grund zum Feiern?

Anne Webber: Es ist immer ein Moment, den wir hoch schätzen, wenn es zu einer Restitution kommt. Die Commission for Looted Art ist immer bemüht, einvernehmliche Lösungen zu finden und der Gegenseite die Bedeutung solcher Fälle wirklich zu vermitteln. Wir arbeiten meist auch nicht mit der Öffentlichkeit oder skandalisieren unsere Fälle. Allerdings hat es nicht nur drei weitere Jahre nach Bekanntwerden gedauert, bis es zur Rückgabe kam. Viele Fragen sind immer noch offen.

Warum? Es gab doch eine öffentliche Diskussion, die Geschichte war Anlass zu historischen Forschungen.

Wir haben als Commission for Looted Art vor drei Jahren das bayerische Parlament und das Kultusministerium aufgefordert, die Historie aufzuarbeiten. Immerhin war Bayern dafür verantwortlich, dass die von den Amerikanern sichergestellte Raubkunst in der Nachkriegszeit nicht den Opfern des Holocaust, sondern ehemaligen NS-Größen ausgehändigt wurde. Nur 70 Gemälde, die an NS-Familien gingen, hat man seither auf der Website Lost Art veröffentlicht: drei Kunstwerke, die man der Familie von Hans Frank zurückgegeben hat, 61 Gemälde, die an die Familie von Hermann Göring gingen, sechs Bilder an die Familie von Heinrich Hoffmann. Das ist überraschend, denn im Oktober des Jahres 2016 hatte der damalige Kultusminister Spaenle im Parlament zugegeben, dass 24 Werke aus der Sammlung von Heinrich Hoffmann an den Fotografen zurückgegeben wurden und darüber hinaus noch weitere an seine Tochter Henriette Hoffmann-von Schirach. Aber keines dieser Werke ist bei Lost Art eingestellt worden und nur sechs der an Henriette Hoffmann-von Schirach zurückgegebenen Werke wurden dort veröffentlicht. Unsere Bitte an den bayerischen Staat, uns eine vollständige Liste aller an NS-Familien ausgehändigten Besitztümer zur Verfügung zu stellen, ist man nicht nachgekommen, und das Ergebnis ist, dass Familien wie die Familie Kraus immer noch nicht wissen, wo ihre geraubten Gemälde sind. Dabei ist das doch das eigentliche Ziel aller Provenienzrecherchen im Sinn der Washingtoner Erklärung: Raubkunst zu identifizieren und den Nachfahren zurückzuerstatten. Wir hatten darauf vertraut, dass die bayerische Regierung nach der öffentlichen Erklärung dieser Verpflichtung nachkommen würde.

Woran machen Sie das Versagen fest? Es gibt doch eine Forschungsstelle in den Gemäldesammlungen, und auch das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) ist eingebunden.

Die Einträge auf der Seite von Lost Art, die vom DZK in Magdeburg betreut werden, sind nicht korrekt und unvollständig. Beispielsweise die Informationen zu den Gemälden, die einst Gottlieb und Mathilde Kraus gehörten. Obwohl wir die Ergebnisse unserer Forschung mit dem bayerischen Staat geteilt haben, steht dort, das Gemälde von van der Heyden habe einem unbekannten Vorbesitzer gehört, bevor Heinrich Hoffmann es im Jahr 1942 gekauft habe. Und es sei im Jahr 1962 dann einer Privatperson verkauft worden. Warum wird da nicht auf Gottlieb und Mathilde Kraus als Vorbesitzer hingewiesen, denen das Gemälde vor Hoffmann gehörte. Und warum wird die "Privatperson" nicht als Henriette Hoffmann identifiziert? Das war doch der Skandal: Dass die Behörden in der Nachkriegszeit die Raubkunst nicht den jüdischen Eigentümern, sondern den NS-Größen zurückgegeben hatten.

Warum ist das so wichtig? Immerhin sind die Werke eingestellt.

Größtmögliche Korrektheit, die präzise Darstellung dessen, was wirklich passiert ist, ist doch der Kern aller Forschung. Es ist für mich und die Familie verwirrend zu erleben, dass wir einerseits nicht angefragt werden und man auf unsere Recherchen nicht zurückgreift - und andererseits von Institutionen wie dem DZK falsche Informationen verbreitet werden. Gerade was das zweite Bild, die noch immer verschollene "Berglandschaft mit Burg und Fischern" von Nicolaes Berchem, angeht, ist die Frage virulent. Aber es ist, als agierte die Forschung in Deutschland zuweilen in einem Vakuum, als blende man aus, was das eigentliche Ziel sein sollte.

Ein strukturelles Problem?

Deutsche Museen und Forscher stellen zu selten die Opfer in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Wir sind mit dieser Geschichte vor drei Jahren nicht an die Öffentlichkeit gegangen, um sie zu skandalisieren oder Druck aufzubauen gegenüber dem Dombauverein. Es ging auch darum, das andere Gemälde wiederzufinden. Aber statt die Nachfahren von Gottlieb und Mathilde Kraus dabei zu unterstützen, ist das DZK jetzt im Auftrag von Ferdinand von Schirach mit der Aufarbeitung der Sammlung von Schirach beschäftigt - ohne die Familie Kraus zu berücksichtigen oder ihnen mitzuteilen, dass an einem solchen Report gearbeitet wird.

Restitution auf bayerisch

Gemälde wie das "Holländische Platzbild" hatten die Monuments Men, eine Einheit der US-Armee, nach dem Krieg in Bunkern und Höhlen gefunden, wo die Größen des NS-Regimes ihre Sammlungen versteckt hatten. Das Werk, eine Kopie nach einem Gemälde von Jan van der Heyde, das im Louvre hängt, hatte zur Sammlung von Heinrich Hoffmann gehört, dem Leibfotografen von Adolf Hitler. Eigentlich hätte es nach dem Krieg an die Familie von Gottlieb und Mathilde Kraus restituiert werden müssen, die es als Juden bei ihrer Flucht nach dem Anschluss Österreichs in Wien zurückgelassen hatten. Stattdessen wurde es in der Nachkriegszeit für einen Bruchteil seines Werts von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen an Hoffmanns Tochter Henriette verkauft, der geschiedenen Frau Baldur von Schirachs, der als Reichsstatthalter für die Deportation von mehr als 185 000 österreichischen Juden verantwortlich war. Dass sie - wie auch Familien anderer NS-Größen - in Bayern von ihren guten Beziehungen zu Staat, Verwaltung und Kultur profitierte, wurde vor drei Jahren zum Skandal. Damals machte die Commission for Looted Art in Europe (CLAE) ihre Recherchen zum Verbleib der Sammlung der Familie Kraus publik, weil das Bild, das der Xantener Dombauverein in den Sechzigern gekauft hatte, noch immer nicht restituiert worden war. Zudem hatten die Staatsgemäldesammlungen sowohl den Vertretern der Opferfamilien als auch einem Sondergesandten für Post-Holocaust-Fragen aus Washington Einblick in ihre Archive verwehrt. Erst mit der Veröffentlichung der SZ wurden die Briefe von Henriette von Schirach, die sich nach der Scheidung wieder Hoffmann nannte, bekannt.

English translation

Anne Webber, with her organisation, the Commission for Looted Art in Europe, searches for paintings  expropriated by the Nazis. But her recent success is clouded by her frustrating experiences with the German authorities.

This week, John Graykowski, the great-grandson of Mathilde and Gottlieb Kraus, finally received back the 'View of a Dutch Square' in Xanten, eight years after the Commission for Looted Art (CLAE) had submitted its claim for restitution to the Dombauverein. But that is not the end of the scandal. Anne Webber of the CLAE says that the Bavarian government has failed to fulfil its promise of three years ago to clarify the case.

SZ: After eight years, the painting is finally back with its rightful owner. That's a reason to celebrate?

Anne Webber: It's always a moment we value highly when it comes to restitution. The Commission for Looted Art always strives to find amicable solutions and to really communicate to the other side the importance of such cases. We usually do not go public on our cases or seek headlines for them. However, not only did it take another three years after this case became known until the painting was returned, but many questions are still open.

SZ: Why? After all, there was a public discussion, and this case stimulated historical research.

Anne Webber: Three years ago, our Commission for Looted Art in Europe called on the Bavarian parliament and the Bavarian Ministry of Culture to come clean on the history of these return sales. After all, Bavaria was responsible for the fact that looted art recovered by the Americans in the post-war period was not handed over to the victims of the Holocaust, but to former Nazis. But since we made this public, only 70 paintings that were returned to Nazi families have been published on the Lost Art website: three works of art returned to Hans Frank's family, 61 paintings to Hermann Göring's family and six paintings to the family of Heinrich Hoffmann. This is surprising, because in October 2016 the then Bavarian Minister of Culture Spaenle admitted to the Bavarian Parliament that 24 artworks from the collection of Heinrich Hoffmann were returned to him and others to his daughter Henriette Hoffmann-von Schirach. But none of these works and only six of the works returned to Henriette Hoffmann-von Schirach have been published on Lost Art. Our request to the Bavarian state to provide us with a complete list of all property returned to Nazi families has not been complied with, and the result is that families like the Kraus family still do not know where their stolen paintings are. Yet this is the actual goal of all provenance research in the sense of the Washington Declaration: to identify looted art and to restitute it to the descendants. We had trusted that the Bavarian government would fulfil its obligations after its public commitment to do so.

SZ: How do you understand this failure? After all, there is a research team at the Bavarian State Paintings Collections and also the German government's Centre for Cultural Property Losses (DZK) has also been involved.

Anne Webber: The entries listed on Lost Art, which are maintained by the DZK in Magdeburg, are incorrect and incomplete, for example, the information on the paintings that belonged to Gottlieb and Mathilde Kraus. Although we shared the results of our research with the Bavarian state, Lost Art states that the painting by Van der Heyden belonged to an unknown previous owner before Heinrich Hoffmann bought it in 1942. It then states that it was sold in 1962 to a "private person". Why does it not state that it was Gottlieb and Mathilde Kraus who were the previous owners, who owned the painting before Hoffmann? And why is the "private person" not identified as Henriette Hoffmann? That was the scandal: that the authorities in the post-war period had returned the looted art not to the Jewish owners, but to the high ranking Nazi families.

SZ: Why is that so important? At least the paintings are published.

Anne Webber: The greatest possible accuracy, the precise description of what really happened, is the core of all research. It is confusing for us and the family to experience that, on the one hand, we are not asked to assist in or provide our research - and on the other hand, false information is disseminated by institutions such as the DZK. Especially regarding the second picture, the still lost "Mountain landscape with castle and fishermen" by Nicolaes Berchem, the question is particularly acute. But it is as if research in Germany sometimes operates in a vacuum, as if there is a blindness about what the real goal should be.

SZ: Is this a structural problem?

AW: German museums and researchers rarely put the victims at the centre of their efforts. Three years ago, we did not go public with this story with the sole aim of revealing this scandal or of putting pressure on the Dombauverein. It was also about finding the other missing paintings. But instead of supporting the descendants of Gottlieb and Mathilde Kraus, the DZK is instead working on documenting the Hoffmann-von Schirach collection on behalf of Ferdinand von Schirach - without considering the Kraus family or informing them that such a report is being undertaken.

SZ: In the past too, you have tried to involve the Schirach family in your research.

AW: But that did not work, they said they did not know about the whereabouts of the painting. The von Schirachs may be the only people who can easily say where the second picture is. They could look for it in their homes or give us access to files and documents. We once heard a rumour that the second painting was also handed over to an auction house. If the family asked the auctioneer to tell us what happened, that would be very helpful. You could summarise this story by saying that a perpetrator family which had the property of the family of victims of the Nazis refuses to help but we would like to see such families to whom such works were returned really helping. 

SZ: Is it not right to approach research in a very in-depth way, even if it takes longer?

Anne Webber: There are ways to accelerate the publication of looted artworks, and we as well as others have already pointed that out. It does not make sense to wait to publish until all research and investigation is completed. That's another way to waste time, and if you want to understand what's at stake, the Kraus family is a great example. When we made our claim eight years ago, the descendants to whom the return would have meant much - like John Graykowski's mother or his uncle Alexander - were both alive and very active. Meanwhile, his mother has died and his uncle has become too old to travel. "That's the price that any delay in restitution can mean to a family," says John Graykowski, who now says his son will have to carry on the search for the still missing 150 artworks from his family.  

Restitution in Bavaria
Paintings such as the "View of a Dutch Square" were found by the Monuments Men, a US Army unit, in bunkers and caves after the war, where the Nazi regime hid their collections. The work, a copy after a painting by Jan van der Heyden which hangs in the Louvre, had belonged to the collection of Heinrich Hoffmann, the photographer of Adolf Hitler. After the war, it should have been restituted to the family of Gottlieb and Mathilde Kraus, who had left their collection behind as they fled Vienna following Austria's Anschluss. Instead, it was sold in the post-war period for a fraction of its value by the Bavarian State Painting Collections to Hoffmann's daughter Henriette, the divorced wife of Baldur von Schirach, who, as Reich Governor, was responsible for the deportation of more than 185,000 Austrian Jews. The fact that she, like other Nazi families, benefited from her good relations with the state, administration and cultural sector in Bavaria, became a scandal three years ago. At that time, the Commission for Looted Art in Europe (CLAE) publicised its research into the whereabouts of the Kraus family's collection, because the painting that the Xantener Dombauverein had bought in the 1960s had still not been restituted. In addition, the State Painting Collections had denied both victims' families and the US Special Envoy for Post-Holocaust issues access to their archives. It was not until the publication of this story by SZ that the correspondence of Henriette von Schirach, who called herself Hoffmann again after the divorce, became known.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/ns-raubkunst-fahndung-1.4377469?reduced=true
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