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„Deutschlands organisierte Verantwortungs-losigkeit“ - 'Germany's organised irrresponsibility'

1998
1970
1945
Die Welt 18 November 2018
von Cornelius Tittel

Vor 20 Jahren unterzeichnete Deutschland die Washingtoner Prinzipien zur Restitution von Raubkunst. Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, wirft der deutschen Politik vor, sich hinter der Bürokratie zu verstecken.

Vor 20 Jahren setzten sich Vertreter von Staaten, nicht staatlichen Organisationen und jüdischen Opferverbänden in Washington zusammen. Sie beschlossen eine Selbstverpflichtung zur Identifizierung durch die Nationalsozialisten beschlagnahmter Kunstwerke und ihrer Restitution – die Washingtoner Prinzipien. Ronald S. Lauder setzt sich seitdem für ihre Umsetzung ein. 

Lauder empfängt im obersten Stock seiner Neuen Galerie, dem wohl schönsten Privatmuseum New Yorks. Am Abend wird er hier seine jüngste Ausstellung eröffnen, die der Freundschaft von Franz Marc und August Macke gewidmet ist. Doch jetzt, sagt er, gibt es ein noch wichtigeres Thema zu besprechen: das Versagen ausgerechnet deutscher Politiker und Museumsleute bei der Rückgabe von NS-Raubkunst.

WELT AM SONNTAG: Mr. Lauder, am 26. November halten Sie die „Keynote Speech“ auf der Konferenz zum 20. Jahrestag der Washingtoner Prinzipien im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Viele Leute haben Angst vor Ihren Reden.

Ronald S. Lauder: Das sollten sie auch. Weil ich die Wahrheit sage.

WELT AM SONNTAG: Was können wir von Ihrer Rede erwarten? Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie über 20 Jahre Washingtoner Prinzipien nachdenken?

Lauder: Meine Rede wird vor allem um das gehen, was in den letzten 20 Jahren erreicht wurde – und was nicht. Es gibt Länder, die in diesen 20 Jahren gute Arbeit geleistet haben. Ein Land, das viel zu wenig getan hat, ist Deutschland. Deutschland hat eine historische Verantwortung, das Richtige zu tun. Wir alle wissen, dass der Holocaust dort seinen Ursprung hat und von dort aus weitergetragen wurde. Das wird die Essenz meines Vortrags sein. Ich werde auch über die Rolle der Regierungen sprechen, da sie sich viel zu oft hinter Bürokratie verstecken. Ein Ausdruck, den ich gestern gelernt habe, ist: „organisierte Verantwortungslosigkeit“.

WELT AM SONNTAG: Wer hat das gesagt?

Lauder: Das ist nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr, was es bedeutet. Es ist eine passende Umschreibung für meine Erfahrungen in Deutschland. Viel zu oft verstecken sich Leute hinter vermeintlichen Problemen. In Deutschland gibt es vier Bundesmuseen und mehr als 5000 weitere öffentliche Kultureinrichtungen, von denen wir bis heute keine detaillierten Informationen über ihre Sammlungen haben. Das muss sich langfristig ändern. Bevor ich auf Einzelheiten zu sprechen komme, möchte ich aber auf einen sehr wichtigen Punkt eingehen. Wann begann die Verfolgung von Juden in Deutschland?

WELT AM SONNTAG: Für mich 1933.

Lauder: Für mich auch. Aber manchmal höre ich Menschen, wie sie darüber diskutieren, ob die Verfolgung erst 1935 begann. Es war aber 1933.

WELT AM SONNTAG: Was große Konsequenzen für diese Debatte hat. Bitte erklären Sie.

Lauder: Wenn man 1935 sagt, dann fällt alles, was zwischen 1933 und 1935 passiert ist, unter den Tisch. Aber gerade in diesem Zeitraum fand die Enteignung und der Raub vieler Kunstwerke statt. Wenn man nun behauptet, es sei 1935 gewesen, leugnet man einen Großteil der Enteignungen und damit einen großen Teil des Unrechts.

WELT AM SONNTAG: Vielleicht ist Enteignung auch ein Wort, das nicht immer unmittelbar verstehen lässt, was passierte. In vielen Fällen wurden die Menschen unter Druck gesetzt zu verkaufen, weil sie das Land verlassen mussten.

Lauder: Für mich bedeutet Enteignung immer Zwang, auch wenn es unterschiedliche Fälle gibt. Es wird oft das Argument angeführt, dass einige ihre Kunst für einen guten Preis verkaufen konnten. Darum aber geht es nicht, weil sie in letzter Konsequent alle gezwungen wurden. Wenn jemand vor der Verfolgung in Deutschland fliehen musste und gezwungen war, sein Hab und Gut zu verkaufen, war dies nicht sein freier Wille. Das wird dann aber als „Fluchtgut“ bezeichnet – es gibt viele solcher Grauzonen, die Deutschland bis heute nicht anerkennt. Letztendlich ist es eine Frage des Willens. Aber zu oft verstecken sich die Verantwortlichen  in Deutschland hinter der Bürokratie. Warum ist es für Deutschland so wichtig, an diesen gestohlenen Kunstwerken festzuhalten? Wenn man zum Beispiel in New York lebt und versucht, ein Kunstwerk zurückzufordern, gibt es in Deutschland keine Ansprechpartner. Wenn man als Antragsteller die Limbach-Kommission anrufen möchte, setzt dies ein Einverständnis der   Gegenseite voraus. Hinzu kommt, dass viele Institutionen auf Kommunikation in deutscher Sprache bestehen. So wird den  Menschen, die ihre Kunstwerke zurückfordern wollen, eine Hürde nach der anderen errichtet.

WELT AM SONNTAG: In Ihrer letzten Rede im Februar 2018 haben Sie auf fast polemische Art gesagt, dass in 20 Jahren nichts erreicht wurde.

Lauder: Ich sage Ihnen eines: In 15 Jahren hat die Limbach-Kommission 15 Empfehlungen abgegeben. Das ist nichts.

WELT AM SONNTAG: Wirklich nichts? Ich habe mit dem Anwalt der Mosse-Familie gesprochen, und momentan ist die Familie optimistisch, dass die deutschen Museen bereit sind, zu kooperieren. Was natürlich ein anderer Fall ist, wenn man nicht in Berlin vor Ort sein kann, sondern hier in New York lebt.

Lauder: Das „Mosse Art Restitution Project“ hat zugestimmt, die betroffenen Werke über einen längeren Zeitraum hinweg nicht aus Deutschland auszuführen. Und der einzige Grund, warum sie beteiligt sind, ist, dass die Beteiligte auf der anderen Seite ein Projekt mit der Universität durchführen möchte. Von außen sieht es nach einer guten Kooperation aus, aber wenn man an der Oberfläche kratzt, dann ändert sich das. Warum kümmert sich die Regierung so sehr um diesen Fall, aber um keine anderen privaten Antragsteller? Die Regierung bietet privaten Antragstellern kein Geld an, um einen Rückgabeantrag zu stellen und ein Kunstwerk aus Deutschland zu exportieren.

WELT AM SONNTAG: Das ist ein wichtiger Punkt.

Lauder: Wenn ein rechtmäßiger Besitzer eines Werkes kommt und Anspruch erhebt und die Regierung irgendwann zustimmt, ein Schild an einer Wand anzubringen, das den rechtmäßigen Besitzer des Werkes in der Vorkriegszeit nennt, und vielleicht sogar eine geringe Entschädigung gewährt, aber das Werk nicht zurückgibt... zählt das dann als Restitution? Der Grund dafür, dass viele Menschen solche Maßnahmen irgendwann akzeptieren, ist, dass sie innerlich aufgegeben haben. Vor allem die älteren Menschen haben oft nicht mehr die Kraft zu kämpfen und geben sich dann damit zufrieden. Aber das ist nicht richtig. Deutschland sollte alles in seiner Macht Stehende tun, um den Opfern und ihren Erben die Rückgabe der Werke zu erleichtern. Schließlich hat das „Dritte Reich“ auch alles in seiner Macht Stehende getan, um den Leuten die Kunstwerke wegzunehmen.

WELT AM SONNTAG: Was kann Deutschland noch tun?

Lauder: Deutschland muss an der Transparenz arbeiten. Wir haben es immer wieder erlebt, wie Museen und Sammlungen versuchen, alles zu verbergen. Warum? Welchen Unterschied macht es, wenn sie ein paar Kunstwerke verlieren? Wir sprechen über den Ruf des Landes. Deutschland hatte nach dem Krieg den denkbar schlechtesten Ruf – heute hat es in sehr vielen Bereichen einen ausgezeichneten. Aber die Tatsache, dass sich Deutschland, seine Institutionen, Museen und Sammlungen dieser Angelegenheit nicht vollständig verschreiben, schadet seinem Ruf.

WELT AM SONNTAG: Die Konferenz im November stellt die Frage, was der Plan für die nächsten 20 Jahre sein könnte.

Lauder: Weitere Bemühungen bei der Provenienzforschung und der Digitalisierung. Einige Länder haben begonnen, ihre öffentlichen Kunstsammlungen online verfügbar zu machen. In Deutschland ist dies nicht der Fall. Vieles wird auf Papier dokumentiert und dann weggelegt. Was wäre falsch daran, die Informationen offenzulegen und sie für die Provenienzforschung zu öffnen? Man sagt oft, es geht um Datenschutz – das ist nicht wahr! Was wir brauchen, ist ein ehrgeiziges, umfassendes Digitalisierungsprojekt, das Archive international vernetzt und dazu beiträgt, die Lücken in der Provenienzforschung zu schließen. Das ist es, was ich mit dem „Jewish Digital Cultural Recovery Project“ vorhabe. Ich glaube jedoch, dass es die Unterzeichnerstaaten sein sollten, die dies vorantreiben, und nicht nur meine persönliche Initiative. Deutschland gibt jedes Jahr mehr Geld, macht aber keine nennenswerten Fortschritte in der Digitalisierung und Provenienzforschung. Auch das wird Teil meiner Rede sein. Dann werde ich auf die Limbach-Kommission eingehen. Erstens, 15 Entscheidungen in 15 Jahren sind wirklich keine Erfolgsgeschichte. Zweitens brauchen Sie immer zwei Parteien: eine, die den Anspruch geltend macht, und eine andere, gegen die Ansprüche geltend gemacht werden und die ihre Zustimmung erteilen muss. Und dann braucht man dazu eine ausgewogene Kommission mit Experten mit internationaler Erfahrung. Wir haben hart mit der Regierung gerungen, um ein oder zwei jüdische Mitglieder in die Kommission zu bekommen. All diese Punkte müssen geändert werden. Ich begrüße daher die von Frau Staatsministerin Grütters erst vor wenigen Tagen geäußerte Absicht, die Limbach-Kommission ein zweites Mal zu reformieren. Ich freue mich, dass Frau Grütters sich der Kritikpunkte annimmt und eine Lösung finden möchte. Denn diesmal müssen alle strittigen Punkte angedacht und gelöst werden im Sinne der Opfer des Holocausts und ihrer Erben. Es gibt aber ein weiteres Problem.

WELT AM SONNTAG: Welches?

Lauder: Die Limbach-Kommission wurde kritisiert, kein standardisiertes Vorgehen für ihre Verfahren zu haben, sodass sich Einzelpersonen mangels vorhandener Strukturen nicht auf ihre Anhörungen vor der Kommission vorbereiten konnten. Als vor einigen Jahren zwei neue Mitglieder in die Kommission aufgenommen wurden, bestanden diese darauf, formale Prozesse einzuführen. Aber Personen, die sich gegen die Verbesserung der Prozesse stellten, argumentierten, dass neue Mitglieder noch nicht über die erforderliche Erfahrung verfügen würden und daher diese Verbesserungen nicht eingeführt werden sollten. Wenn Frau Grütters nun die Limbach-Kommission erneut reformieren will, müssen auch diese Prozesse verändert werden.

WELT AM SONNTAG: Auch die FDP hat einen Vorschlag zur Reform der Kommission veröffentlicht. Unterstützen Sie ihn?

Lauder: Ich hoffe, dass alle Parteien und die Kunstwelt eine konstruktive Diskussion um beide Vorschläge führen. Am Ende muss eine Lösung stehen, die die Interessen der Opfer und ihrer Erben bestmöglich berücksichtigt. Deutschland hat eine historische Verantwortung und muss eine Vorreiterrolle einnehmen.

WELT AM SONNTAG: Sind andere Länder besser abgeschnitten als Deutschland?

Lauder: Es gibt Länder, die sich besser geschlagen haben als Deutschland. Zum Beispiel in Bezug auf die Digitalisierung: Das Vereinigte Königreich hat seine gesamte Gemäldesammlung bei Art UK online gestellt und fügt jeden Tag mehr Objekte hinzu. Österreich hat ein Restitutionsgesetz erlassen und öffentliche Sammlungen systematisch überprüft, um Kunst zurückzugeben. Die USA haben auf meine private Initiative hin den HEAR Act (Holocaust Expropriated Art Recovery Act von 2016, Anm. d. Red.) verabschiedet und die Verjährungsfristen vorübergehend aufgehoben, sodass die derzeitigen Eigentümer sich nicht hinter technischen Abwehrmaßnahmen verstecken können.

WELT AM SONNTAG: Sie fordern mehr Transparenz vonseiten der deutschen Museen.

Lauder: Ich garantiere Ihnen eines: Wenn man heute die Museen fragen würde, welche Kunst sie zwischen 1933 und 1945/46 bekommen haben, würde es viele Werke ohne Herkunft geben. Ich glaube, viele Werke verstecken sich in den Katakomben der Museen, ohne dass irgendjemand weiß, dass sie dort sind.

WELT AM SONNTAG: Aber das ist etwas, was Sie nicht beweisen können.

Lauder: Nein, man könnte es beweisen, wenn sie es online veröffentlichen und damit Transparenz schaffen würden. Die Sache ist die: Es ist absurd, dass Museen das, was sie in ihrem Inventar haben, nicht online offenlegen. Kuratoren wollen alle Kunstwerke in Museen ausstellen, damit sie für die Öffentlichkeit zugänglich sind – dass ist das, was sie sagen. Gleichzeitig wählen sie aus, was ausgestellt werden soll. Kunst in öffentlichen Sammlungen gehört der Öffentlichkeit, und es ist inakzeptabel, der Öffentlichkeit das Recht zu verweigern, zu wissen und zu sehen, was ihre Museen haben. Kunst muss öffentlich zugänglich sein. Ansonsten können Museen nicht erwarten, dass ihnen die Öffentlichkeit abnimmt, dass sie keine gestohlenen Kunstwerke beherbergen.

WELT AM SONNTAG: In Ihrer Sammlung in der New Yorker Neuen Galerie befinden sich ein paar Meisterwerke, die Sie kaufen und denen Sie ein neues Zuhause geben konnten, nachdem sie an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden waren. Wenn Sie sich eines aussuchen könnten, bei dem der Prozess der Rückforderung gut gelaufen ist, welches würden Sie sich aussuchen?

Lauder: Das wichtigste Werk ist natürlich die „Adele Bloch-Bauer I“ von Klimt, das in unserer Dauerausstellung hängt. Es war Teil einer der größten österreichischen Kunstrestitutionen, die im Januar 2006 entschieden wurde. Die Familie wollte, dass das Gemälde in der Hand einer öffentlich zugänglichen Sammlung bleibt – sie wollte es nicht mehr in Österreich haben. Wir haben ihr ein ständiges Zuhause in der Neuen Galerie angeboten. Dies war ein entscheidender Moment für dieses kleine Museum. Um das Werk kaufen zu können, mussten wir mehrere Werke aus unserer Sammlung verkaufen.

WELT AM SONNTAG: Wenn man sich die aktuelle politische Lage in Europa anschaut – wir sprachen vorhin über Österreich und dessen rechtspolitische Partei in der Regierung, dazu in Deutschland die AfD –, macht dies die Kunstrestitution noch dringlicher als zuvor?

Lauder: Es ist keine Frage der Dringlichkeit, es ist immer dringlich. Es geht darum, das Richtige zu tun. Und natürlich gibt es in diesen nationalistischen Gruppen viele Neonazis. Wenn man sich zum Beispiel die Ausschreitungen in Chemnitz oder Dortmund anschaut, bei denen die Neonazis mitmarschierten. Uns als Juden, die wir diese Märsche sehen und die antisemitischen Parolen und „Heil Hitler“-Rufe hören, erinnert das daran, was in der Kristallnacht 1938 passiert ist. Es hängt alles miteinander zusammen – man kann gewisse Dinge von gewissen Ländern erwarten, aber nicht von Deutschland. Und wenn Deutschland so etwas zulässt, sendet das ein Signal an den Rest der Welt, das zeigt, dass Deutschland seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Wenn man sich nicht mit der Vergangenheit befasst, kann man auch nicht in die Zukunft blicken. Auch wenn es wie ein elitäres Problem erscheint, ist es symbolisch für das, was passiert ist, und für die Zukunft. Das Interessante ist, dass Deutschland die Macht und die Gesetzte hat, es zu stoppen. Wenn sich die Gesellschaft einsetzt, wenn die Regierung sich einsetzt, wenn Journalisten darüber schreiben, all das hat einen Effekt. Was mir Sorgen macht, ist, wohin der Weg führt.  

WELT AM SONNTAG: Hatten Sie bereits Gelegenheit mit Angela Merkel zu sprechen?

Lauder: Nicht über dieses Thema.

WELT AM SONNTAG: Würden Sie nicht sofort einen Termin bei ihr bekommen?

Lauder: Sie weiß darüber Bescheid. Die Frage ist doch, was wir als Gesellschaft dagegen tun. Die AfD begann nicht mit Tausenden von Anhängern, es waren nur wenige. Und schauen Sie, wo sie heute steht. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, um in der Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Dies gilt auch für die vielen geraubten Kunstwerke, nach denen die Erben auch 73 Jahre nach dem Ende des Holocausts noch immer suchen.


Ronald S. Lauder wurde am 26. Februar 1944 in New York geboren. Er ist der Sohn von Estée Lauder, in deren Kosmetikunternehmen er seine berufliche Laufbahn begann, bevor er in die Politik wechselte. 1986 wurde Lauder von US-Präsident Ronald Reagan zum Botschafter in Österreich ernannt. 2001 eröffnete er in New York die Neue Galerie, ein Museum für deutsche und österreichische Kunst, in das er seine Privatsammlung einbrachte. Seit 2007 ist der Philanthrop, Investor und Kunstsammler Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 

English translation

20 years ago, Germany signed the Washington Principles on the Restitution of Looted Art. Ronald S. Lauder, President of the World Jewish Congress, accuses German politics of hiding behind the bureaucracy.

Twenty years ago, representatives of states, non-governmental organizations, and Jewish victim organizations met in Washington. They decided on a self-commitment to the identification by the National Socialists of confiscated works of art and their restitution - the Washington Principles. Since then, Ronald S. Lauder has been committed to their implementation.

Lauder receives visitors on the top floor of his Neue Galerie, probably New York's most beautiful private museum. In the evening, he will open his latest exhibition here, dedicated to the friendship between Franz Marc and August Macke. But now, he says, there is an even more important topic to discuss: the failure of German politicians and museum people of all people to return Nazi looted art.

WELT AM SONNTAG: Mr. Lauder, on November 26, you will give the "Keynote Speech" at the conference marking the 20th anniversary of the Washington Principles at the House of World Cultures in Berlin. Many people are afraid of your speeches.

Ronald S. Lauder: They should be. Because I'm telling the truth.

WELT AM SONNTAG: What can we expect from your speech? What is important to you when you think about 20 years of Washington principles?

Lauder: My speech will focus on what has been achieved in the last 20 years - and what has not. There are countries that have done good work over these 20 years. One country that has done far too little is Germany. Germany has a historic responsibility to do the right thing. We all know that the Holocaust originated there and was carried on from there. That will be the essence of my lecture. I will also talk about the role of governments, because all too often they hide behind bureaucracy. One expression I learned yesterday is "organized irresponsibility".

WELT AM SONNTAG: Who said that?

Lauder: That's not important. What is important is what it means. It's a fitting paraphrase for my experiences in Germany. Far too often people hide behind supposed problems. In Germany there are four federal museums and more than 5000 other public cultural institutions, of which we still have no detailed information about their collections. That must change in the long term. Before I go into details, however, I would like to address one very important point. When did the persecution of Jews in Germany begin?

WELT AM SONNTAG: For me 1933.

Lauder: For me too. But sometimes I hear people discussing whether the persecution only began in 1935. But it was 1933.

WELT AM SONNTAG: What great consequences this has for the debate. Please explain.

Lauder: When you say 1935, everything that happened between 1933 and 1935 falls by the wayside. But it was during this period that the expropriation and theft of many works of art took place. If one now claims that it was 1935, one denies a large part of the expropriations and thus a large part of the injustice.

WELT AM SONNTAG: Perhaps expropriation is also a word that does not always immediately understand what happened. In many cases, people were put under pressure to sell because they had to leave the country.

Lauder: For me expropriation always means coercion, even if there are different cases. It is often argued that some have been able to sell their art for a good price. But that's not the point, because in the end they were all forced to sell. If someone had to flee from persecution in Germany and was forced to sell his belongings, this was not his free will. However, this is then referred to as "refugee goods" - there are many such grey areas that Germany still does not recognize today. Ultimately, it is a question of will. But too often those responsible in Germany hide behind the bureaucracy. Why is it so important for Germany to hold on to these stolen works of art? For example, if you live in New York and try to reclaim a work of art, there are no contacts in Germany. If you want to call the Limbach Commission as an applicant, you need the consent of the other side. In addition, many institutions insist on communication in German. Thus, people who want to reclaim their artworks are faced with one hurdle after the other.

WELT AM SONNTAG: In your last speech in February 2018, you said almost polemically that nothing had been achieved in 20 years.

Lauder: I'll tell you one thing: in 15 years, the Limbach Commission has made 15 recommendations. That is nothing.

WELT AM SONNTAG: Really nothing? I spoke to the lawyer of the Mosse family, and at the moment the family is optimistic that the German museums are willing to cooperate. Which is another case, of course, if you can't be in Berlin, but live here in New York.

Lauder: The Mosse Art Restitution Project has agreed not to export the affected works from Germany for a longer period of time. And the only reason why they are involved is that the participant on the other side wants to carry out a project with the university. From the outside, it looks like good cooperation, but if you scratch the surface, that changes. Why is the government so concerned about this case, but not about other private applicants? The government doesn't offer private applicants any money to apply for a return and to export a work of art from Germany.

WELT AM SONNTAG: That's an important point.

Lauder: If a rightful owner of a work of art comes and makes a claim and the government at some point agrees to put a sign on a wall that names the rightful owner of the work in the pre-war period, and perhaps even gives a small compensation, but does not return the work... Does that count as restitution? The reason many people accept such measures at some point is because they have given up internally. Older people in particular often no longer have the strength to fight and then settle for it. But that is not right. Germany should do everything in its power to make it easier for the victims and their heirs to return the works. After all, the "Third Reich" did everything in its power to take away the works of art from the people.

WELT AM SONNTAG: What else can Germany do?

Lauder: Germany must work on transparency. We have seen again and again how museums and collections try to hide everything. Why? What difference does it make if they lose a few works of art? We're talking about the country's reputation. After the war, Germany had the worst reputation imaginable - today it has an excellent reputation in many areas. But the fact that Germany, its institutions, museums and collections are not fully committed to this matter damages its reputation.

WELT AM SONNTAG: The November conference asks what the plan could be for the next 20 years.

Lauder: Further efforts in provenance research and digitisation. Some countries have started to make their public art collections available online. This is not the case in Germany. Much is documented on paper and then put away. What would be wrong with disclosing the information and opening it up to provenance research? People often say it's about data protection - that's not true! What we need is an ambitious, comprehensive digitisation project that networks archives internationally and helps close the gaps in provenance research. That is what I have in mind for the Jewish Digital Cultural Recovery Project. I believe, however, that it should be the signatory states that push this forward, and not just my personal initiative. Germany gives more money every year, but makes no significant progress in digitisation and provenance research. That will also be part of my speech. Then I will deal with the Limbach Commission. Firstly, 15 decisions in 15 years really are not a success story. Secondly, you always need two parties: one to assert the claim and the other to assert the claim and give its consent. And then we need a balanced Commission with experts with international experience. We have struggled hard with the government to get one or two Jewish members into the Commission. All these points need to be changed. I therefore welcome the intention expressed only a few days ago by Mrs Grütters, Minister of State, to reform the Limbach Commission a second time. I am pleased that Mrs Grütters is taking up the criticisms and wants to find a solution. For this time all the points of contention must be considered and resolved in the interests of the victims of the Holocaust and their heirs. But there is another problem.

WELT AM SONNTAG: Which one?

Lauder: The Limbach Commission was criticised for not having a standardised procedure for its procedures, so that individuals could not prepare for their hearings before the Commission due to a lack of existing structures. When two new members were admitted to the Commission a few years ago, they insisted on introducing formal processes. But people who opposed the improvement of the processes argued that new members did not yet have the necessary experience and therefore these improvements should not be introduced. If Mrs Grütters now wants to reform the Limbach Commission again, these processes must also be changed.

 WELT AM SONNTAG: The FDP has also published a proposal to reform the Commission. Do you support it?

 Lauder: I hope that all parties and the art world will have a constructive discussion on both proposals. The end result must be a solution that takes the best possible account of the interests of the victims and their heirs. Germany has a historical responsibility and must play a pioneering role.

 WELT AM SONNTAG: Are other countries better off than Germany?

Lauder: There are countries that have done better than Germany. For example, in terms of digitisation: the UK has put its entire collection of paintings online at Art UK and is adding more objects every day. Austria has enacted a restitution law and systematically reviewed public collections to return art. On my private initiative, the US passed the HEAR Act (Holocaust Expropriated Art Recovery Act of 2016) and temporarily suspended the statute of limitations so that the current owners cannot hide behind technical defensive measures.

WELT AM SONNTAG: They demand more transparency on the part of German museums.

Lauder: I can guarantee you one thing: if you were to ask museums today what art they received between 1933 and 1945/46, there would be many works without origin. I believe that many works hide in the catacombs of museums without anyone knowing that they are there.

WELT AM SONNTAG: But that's something you can't prove.

Lauder: No, you could prove it by publishing it online and creating transparency. The thing is: It's absurd that museums don't disclose online what they have in their inventory. Curators want to exhibit all works of art in museums so that they are accessible to the public - that's what they say. At the same time, they choose what to exhibit. Art in public collections belongs to the public, and it is unacceptable to deny the public the right to know and see what their museums have. Art must be open to the public. Otherwise, museums can't expect the public to buy them, they can't expect them to house stolen works of art.

WELT AM SONNTAG: There are a few masterpieces in your collection at New York's New Gallery that you were able to buy and give a new home to after they were returned to their rightful owners. If you could choose one where the reclaim process went well, which one would you choose?

Lauder: The most important work, of course, is Klimt's "Adele Bloch-Bauer I", which hangs in our permanent exhibition. It was part of one of the largest Austrian art institutions, which was decided in January 2006. The family wanted the painting to remain in the hands of a publicly accessible collection - they no longer wanted it in Austria. We offered her a permanent home in the Neue Galerie. This was a decisive moment for this small museum. In order to buy the work, we had to sell several works from our collection.

WELT AM SONNTAG: If you look at the current political situation in Europe - we talked earlier about Austria and its legal party in government, in Germany the AfD - does this make art restitution even more urgent than before?

Lauder: It is not a question of urgency, it is always urgent. It is about doing the right thing. And of course there are many neo-Nazis in these nationalist groups. For example, if you look at the riots in Chemnitz or Dortmund in which the neo-Nazis marched along. We as Jews who see these marches and hear the anti-Semitic slogans and "Heil Hitler" shouts are reminded of what happened on Kristallnacht 1938. It's all connected - you can expect certain things from certain countries, but not from Germany. And if Germany allows this to happen, it sends a signal to the rest of the world that Germany is not living up to its responsibilities. If you don't look at the past, you can't look into the future. Even if it appears to be an elitist problem, it is symbolic of what has happened and of the future. The interesting thing is that Germany has the power and the laws to stop it. When society gets involved, when the government gets involved, when journalists write about it, all this has an effect. What worries me is where the road leads. 

WELT AM SONNTAG: Have you already had the opportunity to talk to Angela Merkel?

Lauder: Not about this topic.

WELT AM SONNTAG: Wouldn't you get an appointment with her right away?

Lauder: She knows about it. The question is, what do we as a society do about it? The AfD didn't start with thousands of followers, there were only a few. And look where it stands today. We have to learn from the past in order to make the right decisions in the future. This also applies to the many stolen works of art, for which the heirs are still searching 73 years after the end of the Holocaust.

  

Ronald S. Lauder was born in New York on February 26, 1944. He is the son of Estée Lauder, in whose cosmetics company he began his professional career before switching to politics. In 1986, US President Ronald Reagan appointed Lauder Ambassador to Austria. In 2001, he opened the Neue Galerie in New York, a museum for German and Austrian art in which he contributed his private collection. Since 2007, the philanthropist, investor and art collector has been president of the Jewish World Congress.

 

 

 

 

 

 

LAUDER ÜBER NS-RAUBKUNST 

 

„Deutschlands organisierte Verantwortungslosigkeit“ 

Stand: 18.11.2018 | Lesedauer: 12 Minuten

 

Von Cornelius Tittel




 

 

Ronald S. Lauder, Philanthrop: "Deutschland hat eine historische Verantwortung, das Richtige zu tun"

Quelle: Martin U. K. Lengemann

 

 

Vor 20 Jahren unterzeichnete Deutschland die Washingtoner Prinzipien zur Restitution von Raubkunst. Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, wirft der deutschen Politik vor, sich hinter der Bürokratie zu verstecken.

 

V

 
or 20 Jahren setzten sich Vertreter von Staaten, nicht staatlichen Organisationen und jüdischen Opferverbänden in Washington zusammen. Sie beschlossen eine Selbstverpflichtung zur Identifizierung durch die Nationalsozialisten

beschlagnahmter Kunstwerke und ihrer Restitution die Washingtoner Prinzipien (https://www.preussischer-

 

kulturbesitz.de/meldung/article/2018/11/26/veranstaltung-20-jahre-washingtoner-prinzipien-wege-in- die-zukunft.html). Ronald S. Lauder (https://lauderfoundation.com)setzt sich seitdem für ihre Umsetzung ein.

 

Lauder empfängt im obersten Stock seiner Neuen Galerie, dem wohl schönsten Privatmuseum New Yorks. Am Abend wird er hier seine jüngste Ausstellung eröffnen, die der Freundschaft von Franz Marc und August Macke gewidmet ist. Doch jetzt, sagt er, gibt  es ein noch wichtigeres Thema zu besprechen: das Versagen ausgerechnet deutscher Politiker und Museumsleute bei der Rückgabe von NS-Raubkunst.

 

WWELT AM SONNTAG: Mr. Lauder, am 26. November halten Sie die Keynote Speech auf der Konferenz zum 20. Jahrestag der Washingtoner Prinzipien im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Viele Leute haben Angst vor Ihren Reden.

 

RRonald S. Lauder: Das sollten sie auch. Weil ich die Wahrheit sage.

 

WWELT AM SONNTAG: Was können wir von Ihrer Rede erwarten? Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie über 20 Jahre Washingtoner


Prinzipien nachdenken?

 

LLauder: Meine Rede wird vor allem um das gehen, was in den letzten 20 Jahren erreicht wurde und was nicht. Es gibt Länder, die in diesen 20 Jahren gute Arbeit geleistet haben. Ein Land, das viel zu wenig getan hat, ist Deutschland. Deutschland hat eine historische Verantwortung, das Richtige zu tun. Wir alle wissen, dass der Holocaust dort seinen Ursprung hat und von dort aus weitergetragen wurde. Das wird die Essenz meines Vortrags sein. Ich werde auch über die Rolle der Regierungen sprechen, da sie sich viel zu oft hinter Bürokratie verstecken. Ein Ausdruck, den ich gestern gelernt habe, ist: „organisierte Verantwortungslosigkeit“.

 

WWELT AM SONNTAG: Wer hat das gesagt?

 

LLauder: Das ist nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr, was es bedeutet. Es ist eine passende Umschreibung für meine Erfahrungen in Deutschland. Viel zu oft verstecken sich Leute hinter vermeintlichen Problemen. In Deutschland gibt es vier Bundesmuseen und mehr als 5000 weitere öffentliche Kultureinrichtungen, von denen wir bis heute keine detaillierten Informationen über ihre Sammlungen haben. Das muss sich langfristig ändern. Bevor ich auf Einzelheiten zu sprechen komme, möchte ich aber auf einen sehr wichtigen Punkt eingehen. Wann begann die Verfolgung von Juden in Deutschland?

 

WWELT AM SONNTAG: Für mich 1933.

 

LLauder: Für mich auch. Aber manchmal höre ich Menschen, wie sie darüber diskutieren, ob die Verfolgung erst 1935 begann. Es war aber 1933.


WWELT AM SONNTAG: Was gre Konsequenzen für diese Debatte hat. Bitte erklären Sie.

 

LLauder: Wenn man 1935 sagt, dann llt alles, was zwischen 1933 und 1935 passiert ist, unter den Tisch. Aber gerade in diesem Zeitraum fand die Enteignung und der Raub vieler Kunstwerke statt. Wenn man nun behauptet, es sei 1935 gewesen, leugnet man einen Großteil der Enteignungen und damit einen großen Teil des Unrechts.

 

WWELT AM SONNTAG: Vielleicht ist Enteignung auch ein Wort, das nicht immer unmittelbar verstehen lässt, was passierte. In vielen Fällen wurden die Menschen unter Druck gesetzt zu verkaufen, weil sie das Land verlassen mussten.

 

LLauder: Für mich bedeutet Enteignung immer Zwang, auch wenn es unterschiedliche Fälle gibt. Es wird oft das Argument angeführt, dass einige ihre Kunst für einen guten Preis verkaufen konnten. Darum aber geht es nicht, weil sie in letzter Konsequent alle gezwungen wurden. Wenn jemand vor der Verfolgung in Deutschland fliehen musste und gezwungen war, sein Hab und Gut zu verkaufen, war dies nicht sein freier Wille. Das wird dann aber als „Fluchtgut“ bezeichnet es gibt viele solcher Grauzonen, die Deutschland bis heute nicht anerkennt. Letztendlich ist es eine Frage des Willens. Aber zu oft verstecken sich die Verantwortlichen in Deutschland hinter der Bürokratie. Warum ist es für Deutschland so wichtig, an diesen gestohlenen Kunstwerken festzuhalten? Wenn man zum Beispiel in New York lebt und versucht, ein Kunstwerk zurückzufordern, gibt es in Deutschland keine Ansprechpartner. Wenn man als Antragsteller die Limbach-Kommission anrufen möchte, setzt dies ein Einverständnis der Gegenseite voraus. Hinzu kommt, dass viele Institutionen auf Kommunikation in deutscher Sprache bestehen. So wird den Menschen, die ihre Kunstwerke zurückfordern wollen, eine Hürde nach der anderen errichtet.

 

WWELT AM SONNTAG: In Ihrer letzten Rede im Februar 2018 haben Sie auf fast polemische Art gesagt, dass in 20 Jahren nichts erreicht wurde.


LLauder: Ich sage Ihnen eines: In 15 Jahren hat die Limbach-Kommission 15 Empfehlungen abgegeben. Das ist nichts.

 

WWELT AM SONNTAG: Wirklich nichts? Ich habe mit dem Anwalt der Mosse-Familie gesprochen, und momentan ist die Familie optimistisch, dass die deutschen Museen bereit sind, zu kooperieren. Was natürlich ein anderer Fall ist, wenn man nicht in Berlin vor Ort sein kann, sondern hier in New York lebt.

 

LLauder: Das Mosse Art Restitution Project hat zugestimmt, die betroffenen Werke über einen längeren Zeitraum hinweg nicht aus Deutschland auszuführen. Und der einzige Grund, warum sie beteiligt sind, ist, dass die Beteiligte auf der anderen Seite ein Projekt mit der Universität durchführen möchte. Von außen sieht es nach einer guten Kooperation aus, aber wenn man an der Oberfläche kratzt, dann ändert sich das. Warum kümmert sich die Regierung so sehr um diesen Fall, aber um keine anderen privaten Antragsteller? Die Regierung bietet privaten Antragstellern kein Geld an, um einen Rückgabeantrag zu stellen und ein Kunstwerk aus Deutschland zu exportieren.

 

WWELT AM SONNTAG: Das ist ein wichtiger Punkt.

 

LLauder: Wenn ein rechtmäßiger Besitzer eines Werkes kommt und Anspruch erhebt und die Regierung irgendwann zustimmt, ein Schild an einer Wand anzubringen, das den rechtmäßigen Besitzer des Werkes in der Vorkriegszeit nennt, und vielleicht sogar eine geringe Entschädigung gewährt, aber das Werk nicht zurückgibt... zählt das dann als Restitution? Der Grund dafür, dass viele Menschen solche Maßnahmen irgendwann akzeptieren, ist, dass sie innerlich aufgegeben haben. Vor allem die älteren Menschen haben oft nicht mehr die Kraft zu kämpfen und geben sich dann damit zufrieden. Aber das ist nicht richtig. Deutschland sollte alles in seiner Macht Stehende tun, um den Opfern und ihren Erben die Rückgabe der Werke zu erleichtern. Schließlich hat das „Dritte Reich“ auch alles in seiner Macht Stehende getan, um den Leuten die Kunstwerke wegzunehmen.


WWELT AM SONNTAG: Was kann Deutschland noch tun?

 

LLauder: Deutschland muss an der Transparenz arbeiten. Wir haben es immer wieder erlebt, wie Museen und Sammlungen versuchen, alles zu verbergen. Warum? Welchen Unterschied macht es, wenn sie ein paar Kunstwerke verlieren? Wir sprechen über den Ruf des Landes. Deutschland hatte nach dem Krieg den denkbar schlechtesten Ruf heute hat es in sehr vielen Bereichen einen ausgezeichneten. Aber die Tatsache, dass sich Deutschland, seine Institutionen, Museen und Sammlungen dieser Angelegenheit nicht vollständig verschreiben, schadet seinem Ruf.

 

WWELT AM SONNTAG: Die Konferenz im November stellt die Frage, was der Plan für die nächsten 20 Jahre sein könnte.

 

LLauder: Weitere Bemühungen bei der Provenienzforschung und der Digitalisierung. Einige Länder haben begonnen, ihre öffentlichen Kunstsammlungen online verfügbar zu machen. In Deutschland ist dies nicht der Fall. Vieles wird auf Papier dokumentiert und dann weggelegt. Was wäre falsch daran, die Informationen offenzulegen und sie für die Provenienzforschung zu öffnen? Man sagt oft, es geht um Datenschutz das ist nicht wahr! Was wir brauchen, ist ein ehrgeiziges, umfassendes Digitalisierungsprojekt, das Archive international vernetzt und dazu beiträgt, die Lücken in der Provenienzforschung zu schließen. Das ist es, was ich mit dem „Jewish Digital Cultural Recovery Project“ vorhabe. Ich glaube jedoch, dass es die Unterzeichnerstaaten sein sollten, die dies vorantreiben, und nicht nur meine persönliche Initiative. Deutschland gibt jedes Jahr mehr Geld, macht aber keine nennenswerten Fortschritte in der Digitalisierung und Provenienzforschung. Auch das wird Teil meiner Rede sein. Dann   werde ich auf die Limbach-Kommission eingehen. Erstens, 15 Entscheidungen in 15 Jahren sind wirklich keine Erfolgsgeschichte.

Zweitens brauchen Sie immer zwei Parteien: eine, die den Anspruch geltend macht, und eine andere, gegen die Ansprüche geltend gemacht werden und die ihre Zustimmung erteilen muss. Und dann braucht man dazu eine ausgewogene Kommission mit Experten mit internationaler Erfahrung. Wir haben hart mit der Regierung gerungen, um ein oder zwei jüdische Mitglieder in die


Kommission zu bekommen. All diese Punkte müssen geändert werden. Ich begrüße daher die von Frau Staatsministerin Grütters erst vor wenigen Tagen geäußerte Absicht, die Limbach-Kommission ein zweites Mal zu reformieren. Ich freue mich, dass Frau Grütters sich der Kritikpunkte annimmt und eine Lösung finden möchte. Denn diesmal müssen alle strittigen Punkte angedacht und gelöst werden im Sinne der Opfer des Holocausts und ihrer Erben. Es gibt aber ein weiteres Problem.

 

WWELT AM SONNTAG: Welches?

 

LLauder: Die Limbach-Kommission wurde kritisiert, kein standardisiertes Vorgehen für ihre Verfahren zu haben, sodass sich Einzelpersonen mangels vorhandener Strukturen nicht auf ihre Anhörungen vor der Kommission vorbereiten konnten. Als vor einigen Jahren zwei neue Mitglieder in die Kommission aufgenommen wurden, bestanden diese darauf, formale Prozesse einzuführen. Aber Personen, die sich gegen die Verbesserung der Prozesse stellten, argumentierten, dass neue Mitglieder noch nicht über die erforderliche Erfahrung verfügen würden und daher diese Verbesserungen nicht eingeführt werden sollten. Wenn Frau Grütters nun die Limbach-Kommission erneut reformieren will, müssen auch diese Prozesse verändert werden.

 

WWELT AM SONNTAG: Auch die FDP hat einen Vorschlag zur Reform der Kommission veröffentlicht. Unterstützen Sie ihn?

 

LLauder: Ich hoffe, dass alle Parteien und die Kunstwelt eine konstruktive Diskussion um beide Vorschläge führen. Am Ende muss eine Lösung stehen, die die Interessen der Opfer und ihrer Erben bestmöglich berücksichtigt. Deutschland hat eine historische Verantwortung und muss eine Vorreiterrolle einnehmen.

 

WWELT AM SONNTAG: Sind andere Länder besser abgeschnitten als Deutschland?


LLauder: Es gibt Länder, die sich besser geschlagen haben als Deutschland. Zum Beispiel in Bezug auf die Digitalisierung: Das Vereinigte Königreich hat seine gesamte Gemäldesammlung bei Art UK online gestellt und fügt jeden Tag mehr Objekte hinzu. Österreich hat ein Restitutionsgesetz erlassen und öffentliche Sammlungen systematisch überprüft, um Kunst zurückzugeben. Die USA haben auf meine private Initiative hin den HEAR Act (Holocaust Expropriated Art Recovery Act von 2016, Anm. d. Red.) verabschiedet und die Verjährungsfristen vorübergehend aufgehoben, sodass die derzeitigen Eigentümer sich nicht hinter technischen Abwehrmaßnahmen verstecken können.

 

WWELT AM SONNTAG: Sie fordern mehr Transparenz vonseiten der deutschen Museen.

 

LLauder: Ich garantiere Ihnen eines: Wenn man heute die Museen fragen würde, welche Kunst sie zwischen 1933 und 1945/46 bekommen haben, würde es viele Werke ohne Herkunft geben. Ich glaube, viele Werke verstecken sich in den Katakomben der Museen, ohne dass irgendjemand weiß, dass sie dort sind.

 

WWELT AM SONNTAG: Aber das ist etwas, was Sie nicht beweisen können.

 

LLauder: Nein, man könnte es beweisen, wenn sie es online veröffentlichen und damit Transparenz schaffen würden. Die Sache ist die: Es ist absurd, dass Museen das, was sie in ihrem Inventar haben, nicht online offenlegen. Kuratoren wollen alle Kunstwerke in Museen ausstellen, damit sie für die Öffentlichkeit zugänglich sind dass ist das, was sie sagen. Gleichzeitig wählen sie aus, was ausgestellt werden soll. Kunst in öffentlichen Sammlungen gehört der Öffentlichkeit, und es ist inakzeptabel, der Öffentlichkeit das Recht zu verweigern, zu wissen und zu sehen, was ihre Museen haben. Kunst muss öffentlich zugänglich sein. Ansonsten können Museen nicht erwarten, dass ihnen die Öffentlichkeit abnimmt, dass sie keine gestohlenen Kunstwerke beherbergen.


WWELT AM SONNTAG: In Ihrer Sammlung in der New Yorker Neuen Galerie befinden sich ein paar Meisterwerke, die Sie kaufen und denen Sie ein neues Zuhause geben konnten, nachdem sie an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden waren. Wenn Sie sich eines aussuchen könnten, bei dem der Prozess der Rückforderung gut gelaufen ist, welches würden Sie sich aussuchen?

 

LLauder: Das wichtigste Werk ist natürlich die Adele Bloch-Bauer I von Klimt, das in unserer Dauerausstellung hängt. Es war Teil einer der größten österreichischen Kunstrestitutionen, die im Januar 2006 entschieden wurde. Die Familie wollte, dass das Gemälde in der Hand einer öffentlich zugänglichen Sammlung bleibt sie wollte es nicht mehr in Österreich haben. Wir haben ihr ein ständiges Zuhause in der Neuen Galerie angeboten. Dies war ein entscheidender Moment für dieses kleine Museum. Um das Werk kaufen zu können, mussten wir mehrere Werke aus unserer Sammlung verkaufen.

 

WWELT AM SONNTAG: Wenn man sich die aktuelle politische Lage in Europa anschaut wir sprachen vorhin über Österreich und dessen rechtspolitische Partei in der Regierung, dazu in Deutschland die AfD , macht dies die Kunstrestitution noch dringlicher als zuvor?

 

LLauder: Es ist keine Frage der Dringlichkeit, es ist immer dringlich. Es geht darum, das Richtige zu tun. Und natürlich gibt es in diesen nationalistischen Gruppen viele Neonazis. Wenn man sich zum Beispiel die Ausschreitungen in Chemnitz oder Dortmund anschaut, bei denen die Neonazis mitmarschierten. Uns als Juden, die wir diese Märsche sehen und die antisemitischen Parolen und „Heil Hitler“-Rufe hören, erinnert das daran, was in der Kristallnacht 1938 passiert ist. Es hängt alles miteinander zusammen man kann gewisse Dinge von gewissen Ländern erwarten, aber nicht von Deutschland. Und wenn Deutschland so etwas zulässt, sendet das ein Signal an den Rest der Welt, das zeigt, dass Deutschland seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Wenn man sich nicht mit der Vergangenheit befasst, kann man auch nicht in die Zukunft blicken. Auch wenn es wie ein elitäres Problem erscheint, ist es symbolisch für das, was passiert ist, und für die Zukunft. Das Interessante ist, dass Deutschland die Macht und die Gesetzte


hat, es zu stoppen. Wenn sich die Gesellschaft einsetzt, wenn die Regierung sich einsetzt, wenn Journalisten darüber schreiben, all das hat einen Effekt. Was mir Sorgen macht, ist, wohin der Weg führt.

 

WWELT AM SONNTAG: Hatten Sie bereits Gelegenheit mit Angela Merkel zu sprechen? LLauder: Nicht über dieses Thema.

WWELT AM SONNTAG: Würden Sie nicht sofort einen Termin bei ihr bekommen?

 

LLauder: Sie weiß darüber Bescheid. Die Frage ist doch, was wir als Gesellschaft dagegen tun. Die AfD begann nicht mit Tausenden von Anhängern, es waren nur wenige. Und schauen Sie, wo sie heute steht. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, um in der Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Dies gilt auch für die vielen geraubten Kunstwerke, nach denen die Erben auch 73 Jahre nach dem Ende des Holocausts noch immer suchen.

 

Ronald S. Lauder (https://www.worldjewishcongress.org/de/about/president) wurde am 26. Februar 1944 in New York geboren. Er ist der Sohn von Estée Lauder, in deren Kosmetikunternehmen er seine berufliche Laufbahn begann, bevor er in die Politik wechselte. 1986 wurde Lauder von US-Präsident Ronald Reagan zum Botschafter in Österreich ernannt. 2001 eröffnete er in New York die Neue Galerie, ein Museum für deutsche und österreichische Kunst, in das er seine Privatsammlung einbrachte.

Seit 2007 ist der Philanthrop, Investor und Kunstsammler Präsident des Jüdischen Weltkongresses

(https://www.worldjewishcongress.org/de/about/president). 

 

 

 

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