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Auf der Suche nach Bismarcks Erben - In search of Bismarck's heirs

1970
1945
Sächsische Zeitung 30 July 2018
Von Theresa Hellwig

Dresdner Forscher prüfen, ob sich unter den Büchern der Landes- und Universitätsbibliothek NS-Raubgut findet.


Nadine Kulbe (l.) und Elisabeth Geldmacher durchsuchen die Bestände der Slub. Akribisch fahnden sie in den Büchern nach Stempeln, Notizen, Kritzeleien, Widmungen oder Autogrammen. All das kann Hinweise liefern auf deren frühere Besitzer.

Von Gang zu Gang nimmt die Farbvielfalt ab. In den hinteren Reihen im düsteren Keller der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (Slub) werden die Buchrücken zunehmend brauner, vergilbter, es riecht ein bisschen muffig. Elisabeth Geldmacher und Nadine Kulbe stoppen vor einem der Regale. Hier wird es interessant. Schon vor etwa sieben Jahren standen Kollegen der beiden an diesem Ort und zogen Buch für Buch aus den Regalreihen, schauten sie einzeln an, blätterten Seite für Seite durch. Immer auf der Suche nach Hinweisen: Darf die Bibliothek dieses Buch besitzen? Oder könnte es sich dabei um Raubgut aus NS-Zeiten handeln?

Der einsame „Eiserner Kanzler“

Viele denken bei dem Stichwort „NS-Raubgut“ an große verdächtige Sammlungen, an aus jüdischem Besitz gestohlene Kunst. Doch nicht nur Gemälde und Skulpturen haben im „Dritten Reich“ unrechtmäßig den Besitzer gewechselt. Auch Bücher wurden geraubt. Deshalb betreibt auch die Slub seit 2009 Provenienzforschung. Die Projektmitarbeiter machen NS-Raubbücher im Bestand ausfindig und suchen nach den eigentlichen Besitzern oder noch lebenden Angehörigen.

Eine Projektmitarbeiterin ist Elisabeth Geldmacher. Sie zieht ein Buch mit dunkelblauem vergilbten Einband aus dem Regal. „Bismarck“, steht in goldenen altdeutschen Lettern darauf, „Das Volksbuch vom eisernen Kanzler“. Es war lange zu Unrecht im Besitz der Slub. Mit Füllfeder hat jemand auf die erste Seite geschrieben: „E. Angel“, ordentlich, leicht geschwungen. „Eine typisch weibliche Schrift“, erklärt Geldmacher. Ein Indiz auf der Suche nach dem Geheimnis hinter dem Buch. Sogar Straße und Ort stehen darunter.

Ob das E für Elsa oder ihre Tochter Eva steht, konnte zwar nicht geklärt werden. Aber dieses Buch ist eines der wenigen, das nach all den Jahren ein positives Ende gefunden hat, wenn man es so sehen will: „Über den Verein Stolpersteine e.V. konnten wir tatsächlich die Familie ausfindig machen“, erzählt Geldmacher. Heute leben die Angehörigen der beiden in einem fernen Land. Als die Projektmitglieder die Familie damals fanden, erfuhren sie, dass die Angehörigen dachten, sie besäßen gar nichts mehr von ihrer Familie, außer einem Silberlöffel. Dennoch haben sie den „Bismarck“ der Slub geschenkt.

Wie dieses Buch finden sich überwiegend Publikationen des Alltagsgebrauchs in der Bibliothek. Ehemalige und natürlich längst überholte Schulbücher zum Beispiel. Rein finanziell haben sie meistens keinen Wert. Doch sind sie oft das einzig Physische, was den Familien von NS-Opfern geblieben ist. „Die Bücher spiegeln einen Teil des Lebens der Betroffenen wider. Um beispielsweise ihren Namen hineinzuschreiben, müssen sie es ja einst angefasst haben“, erklärt Nadine Kulbe.

Die Recherchen sind für die Provenienzforscher aufwendig und benötigen viel Feingefühl. Akribisch sezieren sie die Bücher, suchen darin nach Stempeln, Kratzern, Notizen, Kritzeleien, Widmungen, Autogrammen oder im besten Fall sogar Exlibris. Klingt der Name jüdisch, gibt es Hinweise auf eine jüdische Gemeinde oder finden sie eine Körperschaft, die arisiert wurde, liegt der Verdacht nahe, dass das Buch tatsächlich unrechtmäßig in den Besitz der Bibliothek gelangt ist, also NS-Raubgut ist. Dann fotografieren die Mitarbeiter die entsprechenden Merkmale. Über 16 500 Fotos haben sie dafür bislang aufgenommen. Mithilfe von Datenbanken für Raubgut gleichen sie schließlich die Merkmale mit denen anderer Bücher ab.

Es gilt aber auch, Schriften mit ähnlichen Merkmalen zu sammeln, um die Angehörigen nicht unnötig oft mit dem Thema konfrontieren zu müssen. Eine solche Buchrückgabe kann sehr emotional und belastend für die Betroffenen sein. Oder eben auch sehr erfreulich.

Von Dresden in die Emigration

Ein Buch hat tatsächlich seinen Weg zurück zu den rechtmäßigen Besitzern gefunden und steht dort im Regal der Nachfahren: das von Max Geyerjetzt günstig Bahn fahren - [kontextR-Anzeige]. Für Avril Lambersky und Linda Geyer-Bolder bedeutet es „eine Verbindung zur Jugend unseres Vaters. Solche Projekte helfen Holocaust-Überlebenden und ihren Familien, sich ihren gestorbenen Verwandten nahe zu fühlen.“

Das Buch von Max Geyer ist das bislang einzige aus dem aktuellen Projekt, das die Mitarbeiter zurückgeben konnten. Im April übergaben sie es bei der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Geyer an den Cousin von Avril Lambersky und Linda Geyer-Bolder in Dresden. Hier war Max Geyer 1918 geboren worden. Seine Eltern führten ein Kurzwarengeschäft. „Das Nazi-Regime verbot jüdischen Menschen, die 

Universität zu besuchen. Weil Max ein gutes mathematisches Verständnis hatte, zahlte seine Mutter für seine Ausbildung“, erinnern sich Avril Lambersky und Linda Geyer-Bolder. Max’ Mutter wurde in Auschwitz ermordet, der Vater starb an Krebs. Er selber wurde nach Dachau deportiert und später entlassen. Er konnte in die USA emigrieren, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau ein neues Leben aufbaute. Wann und wie der Band abhanden kam, ist heute allerdings nicht mehr nachvollziehbar.

Derzeit werden die Zugänge in die Sächsische Landesbibliothek von 1945 bis 1990 untersucht. Die Bestände von 1933 bis 1945 waren Teil eines ersten Projekts; es umfasste insgesamt knapp 26 000 Objekte. Darunter Bestände aus Freimaurerlogen, polnische Provenienzen, von der Gestapo überwiesene Dokumente. Immer noch auf der Suche sind die Mitarbeiter dabei nach jüdischen Gemeindebibliotheken.

Die Basis für Projekte wie dieses ist die Washingtoner Erklärung. Darin erklären sich Bund, Länder und Kommunen bereit „zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“.

Ein Problem für die Provenienzforscher der Slub: Sie sind an Fristen und Fördermittel gebunden. „Wir haben momentan 800 zu recherchierende Fälle. Bricht man das auf die drei Jahre Projektlaufzeit herunter, macht das bei 200 Arbeitstagen im Jahr etwa drei Fälle pro Tag“, bilanziert Jana Kocourek. „Das ist leider nicht zu schaffen.“

Das aktuelle Projekt der Raubkunst-Rechercheure an der SLUB wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert


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