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Das dunkle Netzwerk vom Bodensee: Wie Kunsthändler mit geraubten Bildern Geschäfte machten - The dark network of Lake Constance: How art dealers traded looted art

1970
1945
Suedkurier 4 May 2018
Von Johannes Bruggaier

Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen hat seinen Bestand nach möglicher Raubkunst durchforstet. Dabei stießen die Experten auf verdächtige Dokumente, ausgetauschte Rahmen und dubiose Biografien. Mit ihren ländlichen Strukturen, vor allem aber wegen ihrer Nähe zur Schweiz war die Region bestens geeignet für den Handel mit gestohlenen Bildern


Das Amsterdamer Rijks-Museum im Jahr 1950: Experten sichten Kunstwerke, die von den Nazis beschlagnahmt, aber dann nicht verkauft worden sind. Ein hoher Anteil der Raubkunst verschwand jedoch in dunklen Kanälen – manches davon dürfte auch in der Bodenseeregion wieder aufgetaucht sein. | Bild: Collection Spaarnestad

Viele glauben, die Bodenseeregion verdanke ihre kulturelle Bedeutung der Schönheit ihrer Natur. Das ist falsch. Wichtiger waren Krieg, Vertreibung und kriminelle Geschäfte. Krieg und Vertreibung haben Künstler wie Erich Heckel und Otto Dix dazu veranlasst, sich fluchtbereit in Schweizer Grenznähe niederzulassen. Dieser Umstand ist bereits bekannt.

Neu ist, dass nach den Künstlern auch ein Kunsthandel mit zum Teil mafiösen Strukturen in die Region gekommen ist. Experten vom Friedrichshafener Zeppelin-Museum sind der Sache nachgegangen. In einer Ausstellung geben sie Einblicke in die Abgründe eines lukrativen Geschäfts.

Es geht um jüdische Sammler wie Max Strauss, um Museumschefs wie Herbert Hoffmann und um gut vernetzte Händler wie Benno Griebert. Vor allem aber geht es um Bilder wie den "Blumenstrauß" von Otto Dix, gemalt 1923.


Bild: VG Bild Kunst

Jahrzehnte hatte das Werk als verschollen gegolten. In den Revolutionswirren von 1989 tauchte es in einem Schweizer Zollfreilager wieder auf: abgestellt angeblich von einem Privatmann aus Prag. Als das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen sich 1990 zum Kauf entschloss, interessierte sich niemand dafür, wo es eigentlich in all den Jahren abgeblieben war.

Die Herkunft eines Kunstwerks, die sogenannte Provenienz, schien lange Zeit unwichtig zu sein. 2013 änderte sich das schlagartig: Damals fanden Zollfahnder in einer Münchner Wohnung mehrere hundert verschollen geglaubte Bilder. 

Cornelius Gurlitt, Sohn des im Dritten Reich einflussreichen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, hatte sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs in dieser Wohnung versteckt gehalten.

Der spektakuläre Fall sensibilisierte die Kunstszene. "Wir mussten erleben, dass die Tate Gallery in London unsere Leihgabe einer Zeichnung von Otto Dix abgelehnt hat, weil wir deren Provenienz nicht lückenlos nachweisen konnten", sagt die Friedrichshafener Museumschefin Claudia Emmert. Leihgeschäfte sind wichtig für ein Museum. Es liegt deshalb in seinem eigenen Interesse, die Herkunft seines Bestands erforschen.

Normalerweise gibt die Rückseite eines Bildes Aufschluss über seine Geschichte. Bei einem seriös gehandelten Werk wie bei diesem Bild verraten Ausstellungs- und Transportzettel, Stempel und Schriftzeichen, wann es wo zu sehen war und in den Besitz welcher Person geraten ist. 


Bild: Wikipedia / www.geheugenvannederland.nl

Auf  Dix' "Blumenstrauß" aber ist nur ein einziger Stempel zu finden: "Stockholm 1948". Er befindet sich auf dem Zierrahmen, der offenbar im genannten Jahr komplett ausgetauscht wurde. 

Wer lässt ein Bild neu rahmen und zerstört damit mutwillig sämtliche Angaben zu seiner bisherigen Geschichte?

Fanny Stoye ist Provenienzforscherin am Zeppelin-Museum. Sie hat herausgefunden, dass Dix' Galerist Karl Nierendorf den "Blumenstrauß" 1925 an den jüdischen Rechtsanwalt und Kunstsammler Max Strauss verkauft hat. Unklar ist, unter welchen Umständen der Berliner Jurist das Bild wieder abgegeben hat.

Jüdische Rechtsanwälte wie Strauss sind früh ins Visier der Nazis geraten: Nach ihrer Machtergreifung stürmten Einheiten der SA ihre Kanzleien. Strauss musste 1933 nach Paris flüchten. Als dort 1940 die Deutschen einmarschierten, wanderte er in die USA aus.


Bild: Zeppelin Museum

Emigrationen waren teuer. Bereits seit 1931 war eine sogenannte "Reichsfluchtsteuer" fällig, und Kunstbesitz durfte man auch nicht ohne Weiteres ausführen. Dass der Anwalt seinen Dix freiwillig verkaufte: Unter diesen Bedingungen erscheint das unwahrscheinlich. Eher dürfte er zum Verkauf gezwungen gewesen sein.

Max Strauss starb 1956 in New York. Weder hat er nach Kriegsende Suchanträge gestellt, noch schien er sich für den Verbleib seiner Kunstsammlung überhaupt zu interessieren. "Seine Enkel waren überrascht, als wir ihnen sagten, dass ihr Großvater eine große Kunstsammlung besessen hatte", sagt Stoye: "Die wussten von nichts!" Doch das sei typisch für jüdische Sammler, die unter den Nazis ihre Bilder verloren haben. "Sie wollten nach dem Krieg nur noch mit der Vergangenheit abschließen. Und dem Nachkriegsdeutschland trauten sie ohnehin nicht über den Weg."

Zurück blieben Kunstwerke mit ungewissem Schicksal. Zwar hatten die westlichen Alliierten begonnen, Kunstwerke an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben (George Clooneys Film "Monuments Men" erzählt davon). Doch viele Bilder waren bereits mit gefälschen Dokumenten versehen oder gleich komplett neu gerahmt – wie der "Blumenstrauß" von Otto Dix.

Sie zu verkaufen, war gleichwohl nicht einfach. Vor allem in den Großstädten waren viele Käufer misstrauisch. Leichter ging es in ländlichen Regionen und im Ausland. Geradezu ideal war die Gegend am Bodensee. Vor allem die Nachbarschaft zur Schweiz erwies sich für den Handel mit Werken von fragwürdiger Herkunft als ideal. "Im Krieg waren es die Künstler, die aus guten Gründen die Nähe zur Grenze suchten", sagt Stoye: "Nach dem Krieg kamen die Kunsthändler nach – und auch sie hatten ihre Gründe." Wenn auch ganz andere als die Möglichkeit zur Flucht. Vielmehr: die Chance auf gute Geschäfte.

Benno Griebert hatte im Dritten Reich als Referent bei der Reichskammer der Bildenden Künste gearbeitet. Seine Aufgabe: Ausstellungen daraufhin zu überprüfen, ob sie mit der NS-Ideologie vereinbar waren. Nach dem Krieg wurde Griebert im Entnazifizierungsverfahren lediglich als "Sympathisant" eingestuft. Er gründete eine Galerie in Meersburg und war bald der einflussreichste Kunsthändler am See. Aufnahmen, die ihn zeigen und gedruckt werden dürfen, gibt es heute offenbar nicht mehr. Sein noch heute lebender Sohn ist vor einiger Zeit wegen seiner Rolle bei der Rückgabe eines lange vermissten Bildes in die Schlagzeilen geraten.

Besonders eifrig, sagt Stoye, habe Griebert hinter der Grenze eingekauft. Mit Vorliebe in der Luzerner Galerie Fischer: "Das war der Nabel der Raubkunstszene mit extrem umfangreichen Lagerbeständen." Über Griebert seien zahlreiche Werke mit unklarer Herkunft an den Bodensee gelangt. Grund dafür war vor allem das Zeppelin-Museum, das damals noch "Bodensee-Museum" hieß. Im Krieg war es komplett zerstört worden.

 
Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen

Nach 1945 wollte die Stadt nicht nur das Museum wieder aufbauen, sondern auch eine neue Sammlung: eine gute Gelegenheit für den Geschäftsmann Benno Griebert, der von seinen regelmäßigen Besuchen in der Luzerner Galerie Fischer ein Gemälde nach dem anderen über die Grenze brachte. Viele davon bot er in Friedrichshafen zum Kauf an.

Dort wirkte ein weiterer Mann, dessen Name im Kunst-Netzwerk am Bodensee von entscheidender Bedeutung war: Herbert Hoffmann, einst Chef des Stadtmuseums Zittau. 


Bild: Denkmalpflege in Baden-Württemberg

Für die Nazis, sagt Stoye, habe Hoffmann im Krieg die Expertise zu Kunstdiebstählen geliefert. Das erklärt auch, weshalb er nach Einmarsch der Roten Armee nicht mehr nach Zittau zurückging. Die sowjetischen Besatzer nämlich sahen bei der Neubesetzung von Ämtern im Kulturwesen deutlich schärfer hin als dies im Westen der Fall war. In Baden-Württemberg reichte es für Hoffmann immerhin zu einem Job im Tübinger Landesamt für Denkmalpflege.

Das war zwar weit unter seinen Ansprüchen. Dafür aber durfte er die Stadt Friedrichshafen beim Aufbau einer neuen Sammlung fürs Bodensee-Museum beraten. Dabei fiel kundigen Beobachtern sehr wohl auf, dass der erfahrene Kunstprofi zu erstaunlicher Schlampigkeit neigte, sobald es um Fragen der Provenienz ging. Auf die Idee, hier könnte Absicht vorliegen, kam niemand.

1959 überzeugte Hoffmann das Museum davon, die "Anbetung" zu kaufen, eine spätgotische Tafel aus der Werkstatt eines unbekannten Meisters. Im Krieg ist es noch Teil der Sammlung Hermann Görings gewesen. Der Nazi-Führer hatte es 1939 bei der Amsterdamer Galerie Goudstikker gekauft - jener Galerie, die er nach Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande 1940 "arisieren" ließ: Erst wurde Galerist Jacques Goudstikker gezwungen, seinen Lagerbestand zum Schleuderpreis an einen Münchner Bankier zu verkaufen. Dann sicherte sich Göring die interessantesten Stücke selbst. Eine Fotoaufnahme zeigt Göring beim Verlassen der Amsterdamer Galerie.


Bild: Nationaal Archief Anefo

Nach Kriegsende war das Bild zunächst spurlos verschwunden. 1958 tauchte es in Amsterdam wieder auf. Herbert Hoffmann besichtigte das Werk und empfahl es der Stadt Friedrichshafen zum Kauf. Ein wichtiges Argument: seine historische Bedeutung – angeblich hatten die Nazis geplant, das Werk im für Linz vorgesehenen "Führermuseum" auszustellen. Ein Zettel auf der Rückseite des Bildes verweist noch heute auf die Galerie Goudstikker.


Bild: Zeppelin Museum

Die Stadt schlug zu, der Kaufpreis ging an eine Treuhandfirma in Liechtenstein. Wie aber kam das Bild dorthin? Und hatte Göring dieses Werk wirklich legal erworben? Oder war auch 1939 schon Zwang im Spiel?

Am Bodensee mochte sich niemand mit solchen Feinheiten befassen. Kein Wunder: Haben doch ehemalige Handlanger des NS-Regimes den Kunstmarkt unter sich aufgeteilt und dabei ein undurchsichtiges Netzwerk geschaffen. Beim Meersburger Kunsthändler Benno Griebert kaufte etwa der Zürcher Waffenfabrikant Emil G. Bührle, der als Lieferant des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg zu immensem Reichtum gelangt war. In Griebes Meersburger Wohnung zu Gast war zeitweise auch Bruno Lohse, der die Kunstraubzüge der Nazis in den besetzten Ländern koordiniert hatte. Eine Hand wusch die andere: Niemand konnte durchschauen, aus welchem Grund verschollene Werke plötzlich wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangten.

Jacques Goudstikker starb auf der Flucht in die USA an einem tragischen Unfall. Hermann Göring kam 1945 während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses durch Selbstmord seiner Hinrichtung zuvor. An der spätgotischen Tafel hatte er sich bereits 1944 sattgesehen und sie gegen einen vermeintlichen Vermeer eingetauscht – allerdings entpuppte sich dieser später als Fälschung. Herbert Hoffmann konnte seine berufliche Zurücksetzung zum Denkmalpfleger bis zu seinem Tod 1986 nicht verwinden. Benno Griebert stand bis zu seinem Tod im Verdacht, selbst am Kunstraub für die Nazis beteiligt gewesen zu sein. Ein Beweis dafür wurde aber nie erbracht.

All diese Zeitzeugen sind tot. Zurück bleiben Bilder. Und ein Museum, das heute nach den dazu gehörenden Geschichten sucht.

Die Ausstellung

Das Zeppelin-Museum hat seine Recherchen in einer Ausstellung aufbereitet. Die Schau "Eigentum verpflichtet – Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand" ist bis zum 3. Februar 2019 zu sehen. Zur Ausstellung gibt es ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm. Die Öffnungszeiten sind von Mai bis Oktober täglich 9-17 Uhr, von November bis April Di.-So. 10-17 Uhr. Weitere Informationen: www.zeppelin-museum.de

Benno Griebert und seine Kontakte

  • Benno Griebert (1909-2000), war promovierter Kunsthistoriker. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete er ab 1934 in der Reichskammer der Bildenden Künste. Dort überprüfte er Ausstellungen auf ihre ideologische Eignung. Seine Rolle im Krieg konnte nie ganz geklärt werden. Der Journalist Stefan Koldehoff schreibt in seinem Buch "Die Bilder sind unter uns", er sei als Berater für den "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" tätig gewesen, eine Rauborganisation der NSDAP für Kulturgüter aus den besetzten Ländern. Nach dem Krieg eröffnete Griebert in Meersburg eine Galerie und stieg schon bald zum bedeutendsten Kunsthändler der Bodenseeregion auf. Allein das Bodensee-Museum in Friedrichshafen erlangte über ihn 50 Werke. In sämtlichen Fällen waren Grieberts Angaben zu deren Herkunft – sofern es überhaupt welche gab – ungenau.
  • Adolf Weinmüller (1886-1958) war im Dritten Reich als Vorsitzender des Reichsverbands des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels aktiv an der Verdrängung jüdischer Kunsthändler beteiligt. Zwischen 1936 und 1944 versteigerte er in München und Wien mehr als 34 000 Objekte, viele davon waren Eigentum jüdischer Sammler. Während des Zweiten Weltkriegs verkaufte er in den Niederlanden beschlagnahmte Kunstwerken.Nur drei Jahre nach Kriegsende war er wieder als Kunsthändler tätig – eine Einstufung im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer machte es möglich. Benno Griebert ging bei Weinmüller ein und aus: Mehrere Gemälde und Skulpturen sind auf seine Vermittlung hin ins Bodensee-Museum Friedrichshafen gelangt.
  • Herbert Hoffmann (1905-1986) war von 1934 bis 1945 Direktor der Städtischen Museen Zittau. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Nach Angaben der Friedrichshafener Provenienzforscherin Fanny Stoye war er an Kunstraubaktionen der Nationalsozialisten beteiligt. Nach dem Krieg kehrte er nicht mehr nach Zittau zurück. Er begann 1946 mit einer Tätigkeit im Landesamt für Denkmalpflege. In dieser Position beriet er das Bodensee-Museum in Friedrichshafen beim Aufbau einer neuen Sammlung. Dabei wurde Benno Griebert sein wichtigster Ansprechpartner.
  • Bruno Lohse (1911-2007) wurde promovierter Kunsthistoriker und ab 1933 Mitglied der SS. 1942 wurde er zum SS-Obersturmführer ernannt. Von 1941 bis 1944 arbeitete er als stellvertretender Direktor der NS-Kunstrauborganisation "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" in Paris. Er versorgte unter anderem Hermann Göring regelmäßig mit wertvollen Kunstwerken, die meist von jüdischen Besitzern geraubt wurden. Nach dem Krieg wurde Lohse wegen Kunstraubs angeklagt. Nach fünfjähriger Inhaftierung erfolgte ein Freispruch, dessen Hintergründe wegen der Geheimhaltungsvorschriften unklar blieben. Vermutet wird, dass ihm seine Bereitschaft zur Mithilfe bei der Aufklärung des Kunstraubs zugutekam. Eine Wiederaufnahme der Tätigkeit als Kunsthändler war ihm verboten worden. 1950 wohnte er für einige Zeit bei Benno Griebert in Meersburg, den er von seinem Studium in Berlin her kannte. Nach seinem Tod 2007 kam im Safe einer Schweizer Bank ein lange vermisster Pissarro zum Vorschein: Er war im Dritten Reich aus jüdischem Besitz geraubt worden.
  • Max Grünbeck (1907-1984) war der erste gewählte Bürgermeister Friedrichshafens nach dem Zweiten Weltkrieg. Zuvor hatte er im Dritten Reich im Auswärtigen Amt als Sachbearbeiter für Devisenrecht gearbeitet, später wurde er Referatsleiter in der Handelspolitischen Abteilung unter Außenminister Ribbentrop. Seit 1933 war er Mitglied der SS, 1937 trat er in die NSDAP ein. Nach dem Krieg bestritt er seine SS-Mitgliedschaft und verlegte seinen Parteieintritt ins Jahr 1939. 

 

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