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Weimarer Klassik-Stiftung auf der Suche nach Raubgut - The Weimar Klassik Foundation in search of stolen property books

1970
1945
Thueringische Landeszeitung 14 March 2017
Von Michael Helbing

Die Weimarer Klassik-Stiftung durchforstet seit Jahren Erwerbungen aus der Nazi-Zeit. Nun zieht sie eine Zwischenbilanz.

Harry Graf Kessler, hier 1919, war ein politisch Verfolgter des NS-Regimes. Seine Weimarer Bibliothek wurde aber nicht zum Raubgut. Sie wurde versteigert, weil er hohe Schulden hatte.

Weimar. Harry Graf Kessler ist ein Sonderfall. Der Mäzen und Kunstermöglicher der Moderne, am national-konservativen Weimar gescheiterter Museumsdirektor, der liberale Republikaner und Pazifist war zweifellos ein politisch Verfolgter des NS-Regimes. 901 Bücher seiner Weimarer Bibliothek aber, die bis 1938 in die heutige Anna-Amalia-Bibliothek gelangten, verlor er nicht deshalb.

Kessler befand sich seit 1933 im Exil (und starb Ende 1937 in Lyon). Dass derweil sein Hab und Gut in Weimar und Berlin unter den Hammer kam, hatte er aber selbst verschuldet: lange bevor Nazis zur Macht gelangten. So steht’s im Bericht des Historikers Rüdiger Haufe.

"Kesslers einstmals beachtliches Vermögen ging infolge der Inflation, der Wirtschaftskrise und der hohen finanziellen Aufwendungen für die ,Cranach-Presse‘, aus denen zwar buchkünstlerische, aber keine kommerziellen Erfolge resultierten, weitgehend verloren." Gleichwohl, liest man weiter, behielt er einen aufwendigen Lebensstil bei, verschuldete sich hoch – und ruinierte sich.

Haufe legte der Klassik-Stiftung 2015 den Bericht vor. Eine Arbeitsgruppe und ein Fachbeirat zum "NS-Raubgut" befassten sich damit. "Nach eingehender Prüfung" scheint der prominente Fall inzwischen klar.

Dass man ihn erst jetzt öffentlich werden lässt, macht ihn, so untypisch er sein mag, doch exemplarisch für "Provenienzforschung zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern". In dem Projekt recherchieren Historiker, was rechtmäßig in Vorgängereinrichtungen der Stiftung gelangte und was nicht.

Rechtssicherheit für die Bestände schaffen

Sie sammeln Fakten zu verdächtigen Objekten und einstigen Eigentümern, sie legen sie zur Bewertung auf den Tisch, dann wird mitunter heftig diskutiert. "Wir lernen auch selbst etwas bei unserer Arbeit", sagt Rüdiger Haufe, den die Stiftung seit 2009 mit ersten Recherchen beauftragte.

Gemäß ihrem Leitbild durchforstet die Stiftung Bestände aus eigener Initiative, nicht erst auf Anfrage. Sie will wissen und offenlegen, woher ihre Objekte stammen. "Es geht aber auch darum, Rechtssicherheit für die Bestände zu schaffen", so Haufe.

Nachdem er bei einem Fünftel der fraglichen Erwerbungen einen Anfangsverdacht ermittelt hatte, konnte er seit 2013 mit zwei Fachkollegen und einer Juristin in die Tiefe gehen. Nun beendeten sie Forschungen für die Zeit bis 1939. Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Objekte ist unverdächtig. Bei einem Zehntel sind weitere Recherchen notwendig. Das Team wies aber eben auch eindeutig NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter nach: 210 Objekte, die sich acht Fällen zuordnen ließen.

Einer ist der von Susanne Türck: Tochter des Weimarer Privatgelehrten Hermann Türck, der aus jüdischem Elternhaus stammte. Er starb 1933 und hinterließ eine Bibliothek, die im Kern Bücher zu Shakespeare und Goethe umfasste, vor allem zum "Faust". Mindestens 80 dieser Bände stehen heute bei Anna Amalia. Nach weiteren wird dort noch gesucht.

Susanne Türck verkauft sie im Herbst 33 nicht aus freien Stücken. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit", so Haufe, sah sie sich dazu gezwungen, um ihre Emigration zu finanzieren. Die promovierte Gymnasiallehrerin bekam als "Halbjüdin" keine Anstellung und floh nach England.

Ein klarer Fall für die Restitution, die die Stiftung 2016 beschloss. Es fehlt: deren Adressat. Susanne Türck starb 1976 in England, Erbberechtigte waren bislang nicht auszumachen.

Ähnliches gilt für die jüdische Kammersängerin Jenny Fleischer, deren Villa in Weimar man zum Ghettohaus machte. Via "Sicherungsanordnung" war sie faktisch enteignet worden. Die 78-jährige Witwe nahm sich 1942 das Leben, auch aus Angst vor der bevorstehenden Deportation. Ihr Eigentum wurde schließlich 1944 versteigert.

Ein Gemälde, eine Handzeichnung, ein Kästchen, ein Bauernschrank, eine Grafikmappe, sechs Bücher tauchten in der Klassik-Stiftung auf. Sie sind in der Datenbank "Lost Art" gelistet, wer Anspruch darauf hat, ist unklar. Es gibt zwar Verwandte in Edinburgh. Ein Testament Jenny Fleischers machte aber ihren Neffen zum Erben, der als "jüdischer Mischling" verfolgt wurde. Die Spur seiner Kinder verliert sich bislang in den Siebzigern in Westdeutschland.

Es geht wie meistens nicht um spektakuläre Objekte – was etwa den Wert auf dem Kunstmarkt betrifft. Es geht aber bei den oft kleinteiligen und deshalb nicht minder aufwendigen Recherchen "um den ideellen Wert sowohl für vormalige Eigentümer bzw. deren Erben als auch im Sammlungszusammenhang", so Haufes Kollege Sebastian Schlegel.

Was man als unrechtmäßigen Besitz der Stiftung identifiziert, wird in jedem Fall restituiert. Bei entsprechendem Sammlungsinteresse versucht die Stiftung dann, es anzukaufen oder als Leihgabe zu erhalten.

Zwei Goethe-Briefe gingen an Erben in der Schweiz zurück

Bei zwei Goethe-Briefen scheiterte sie damit. Sie gehörten der verwitweten Jüdin Josefine Lechner in Wien, wo die Gestapo sie 1939 beschlagnahmte. Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, überstellte sie an Gauleiter Fritz Sauckel in Weimar, für das Goethe-Schiller-Archiv. Dessen Direktor, Hans Wahl, dankte "schönstens".

Haufe konnte das Schicksal der Briefe wie auch der Eigentümerin nachvollziehen, deren Erben man in der Schweiz ausfindig machte. Die wollten die Goethe-Briefe nicht verkaufen und erhielten sie also Ende 2012 zurück. Sie gehörten zwar zum Kernbestand des Archivs – aber eben nicht rechtmäßig.

Anderes Raubgut in ihren Beständen erwarb die Stiftung in der Vergangenheit neu: 2005 den Reformationsteppich von 1555, der dem jüdischen Ehepaar Oppenheimer gehörte, 2012 die Almanach-Sammlung Arthur Goldschmidts, 2013 Zeichnungen Carl Ferdinand Sprosses, Moritz von Schwinds und Friedrich Prellers d.Ä., aus der Kunstsammlung Michael Berolzheimers.

Ob sich anspruchsberechtigte Nachfahren finden lassen oder nicht: Es geht um Transparenz. Die Klassik-Stiftung will selbst verpflichtend die Herkunft ihrer Bestände offenlegen. Das tut sie auch mit der "Mobilen Vitrine" in ihren Einrichtungen, die einzelne Fälle von Raubkunst und die Arbeit daran nacherzählt. 2018, wenn die Washingtoner Erklärung zur NS-Raubkunst 20 Jahre alt wird, widmet die Stiftung ihr wissenschaftliches Jahrbuch diesem Thema.

Derweil befassen sich Rüdiger Haufe und Sebastian Schlegel nun mit wohl noch einmal so vielen Erwerbungen aus der Zeit bis 1945, später dann mit jenen, die bis 1990 hinzukamen. Auch dann noch könnten sie durchaus auf NS-Raubgut stoßen, das erst lange nach Kriegsende Weimar erreichte. Parallel dazu wird man sehen, was womöglich unter der sowjetischen Besatzungsmacht und in der DDR Privatleuten unrechtmäßig entzogen worden war.

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