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Die Zeit drängt - Time is short

1970
1945
Sueddeutsche Zeitung 16 December 2016
Von Kia Vahland

Die Aufarbeitung der NS-Geschichte dauert an. Gerade die Debatten, wie man mit geraubter und verfemter Kunst oder mit der NS-Architektur umgehen soll, zeigen, dass die Zeit drängt. Denn die Stimmung kann auch in Deutschland kippen.

Der Fall Gurlitt neigt sich nun einem hoffentlich glücklichen Ende zu. Die Sammlung des Sohns eines NS-Kunsthändlers wird wohl ans Kunstmuseum Bern gehen, so wie Cornelius Gurlitt dies wünschte. Sie soll weiter auf Fälle von NS-Raubkunst erforscht werden. Das Museum verspricht, an die Erben der Opfer jene Bilder zurückzugeben, welche die Nationalsozialisten einst raubten und erpressten.

Gurlitts Vater Hildebrand war einer der Männer, die im Nationalsozialismus mit "entarteter Kunst" handeln durften. Die Nazis hatten von 1937 an die Werke von Dadaisten, Expressionisten und anderen Avantgardisten von den Wänden der Kunsthäuser gerissen und verschleudert. Deshalb entstammen viele Werke der Sammlung Gurlitt deutschen Museen. Aufgeschlossene Kuratoren und Direktoren hatten sie in der Weimarer Republik gekauft oder geschenkt bekommen. Es ist gut, diese Stücke bald wieder in öffentlichem Besitz zu wissen.

Gerade erhitzt in München der anstehende Rück- oder Umbau des Hauses der Kunst die Gemüter, des monumentalen Kunstbaus also, in dem die Nazis 1937 mit ihren monströsen Heldenskulpturen und keuschen Mädchenbildern den Feldzug gegen die in ihren Augen "entartete" Kunst begannen. Die rege Debatte zeigt, wie bewusst den Zeitgenossen ist: Kunst ist kein Nebenschauplatz, an ihr entscheidet sich das Welt- und Menschenbild einer Gesellschaft. In den Häusern der Kultur wird exemplarisch verhandelt, wie frei ein Land ist im Denken und Fühlen, wie ernst der Einzelne in seinem Selbstausdruck genommen wird oder aber ob er sich einer gleichmachenden Ideologie unterzuordnen hat.

Jetzt müssen die Enkel handeln und für Entschädigung sorgen

Gurlitts Geschichte mag bald abgeschlossen sein, die Aufarbeitung der deutschen und europäischen Museen und Privatsammlungen ist es nicht, im Gegenteil. Die öffentlichen und erst recht die privaten Kunstbesitzer beginnen gerade erst erwachsen zu werden, also Verantwortung zu übernehmen. Museale Provenienzforscher durchforsten die ständigen Sammlungen und gehen endlich ihrerseits auf Erben zu, Museumsdirektoren sprechen immer öfter (wenn auch nicht oft genug) mit Anspruchsstellern. Und seit der - im Übrigen widerrechtlichen - Beschlagnahme der Gurlitt-Bilder durch Staatsanwälte schwant auch Privatbesitzern, dass sie ein Problem haben, erst recht, wenn sie versuchen sollten, belastete Ware zu verkaufen.

Das alles ist eine Chance, vielleicht die einzige. Jetzt ist die Enkelgeneration am Zuge, Menschen also, deren Eltern als Kinder ihre Nächte im Bunker verbrachten und deren Großeltern den Nationalsozialismus aus eigener Anschauung kannten. Jene haben ihn mehrheitlich auf die eine oder andere Art gestützt und trugen Schuld und Verdrängung, aber auch das Erschrecken über sich selbst und ihre Landsleute in die Nachkriegszeit. Ihre Kinder arbeiteten sich daran ab, waren jedoch selbst emotional noch so gefangen, dass es für sie nicht immer leicht war, Schuldfragen nicht nur biografisch und moralisch, sondern auch systematisch zu klären. Dies können nun die Enkel leisten. Sie kennen noch die Geschichten der Alten, die langsam sterben, haben aber genügend persönliche Distanz, um wirklich für Wiedergutmachung zu sorgen.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/kommentar-die-zeit-draengt-1.3297824
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