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Die Suche nach der Beute der Nazis - The Search for the Prey of the Nazis

1970
1945
Stuttgarter Nachrichten 7 November 2016
Von Frank Rothfuss

Den Ehering, eine Uhr, ein Besteck und den Zahnersatz durften die Juden behalten. Alles andere von Wert mussten sie 1939 abliefern. Einzelne Stücke dieser Beute landeten in der Sammlung des Stadtmuseums. Helena Gand sucht nun nach den Besitzern.

Stuttgart - An ihrem Arbeitsplatz muss man sich warm anziehen. Kühl ist es in den Katakomben des Stadtarchivs in Bad Cannstatt. Die Stücke der stadtgeschichtlichen Sammlung sollen frisch bleiben, manche haben schon Jahrhunderte auf dem Buckel. Hier lagern Skulpturen vom Alten Rathaus, Büsten, Möbel, Werbetafeln von Bleyhle und Eszet, Wirtshausschilder, Plakate vom S21-Protest, Sensen, Gläser, Besteck, Uhren, Spielzeug, Hausschuhe von Königin Olga, Büttelschellen und vieles mehr.

Ein Sammelsurium hat man angehäuft seit 1928. Gelagert auf Paletten, Regalen und in Schränken. Hier ist der Arbeitsplatz von Helena Gand (28). Historikerin ist sie und Kulturanthropolgin. Anthropologen sind Leute, die gemeinhin Knochen ausbuddeln und zusammensetzen. Helena Gand gräbt die Geschichten von Objekten aus und verfolgt ihren Werdegang. Seit dem Sommer sichtet sie den Bestand des Stadtmuseums, versucht herauszufinden, welche der gut zehntausend Stücke von den Nazis geraubt oder ihren Besitzern abgepresst wurden.

1442 Stücke wurden während der Nazizeit erworben

Eine Zahl hat sie schon einmal: 1442 Stücke kamen von 1933 bis 1945 in die Sammlung. Woher die Möbel, die Instrumente, das Silber stammen? Es gibt Einträge im Findbuch oder auf Karteikarten. Doch die Erläuterungen sind oft wenig aussagekräftig. Und vieles ging verloren während des Kriegs.

So muss sich Helena Gand anders behelfen. Sie sucht nach Rechnungen und Briefen, sehr verdächtig ist, wenn die Objekte bei Auktionen erworben wurden. Am 3. Dezember 1938 erließen die Nazis die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens. Bis zum 31. März 1939 mussten sie alles von Wert „verkaufen“, behalten durften sie nur den Ehering, eine Uhr, ein vierteiliges Besteck, und Zahnersatz, sofern er sich „im persönlichen Gebrauch“ befinde. Die Sachen waren bei städtischen Pfandleiheanstalten abzuliefern. Für einen Spottpreis. Alles wurde versteigert, zum Wohle des Staates, der Auktionatoren, Händler – und Museen. Die kauften nämlich gerne ein.

Ein Schrank voller Silberware

So findet sich in der stadtgeschichtlichen Sammlung ein Schrank voll mit Silberware. „Das ist das so genannte Judensilber“, sagt Helena Gand, es stamme aus dem Besitz Stuttgarter Juden; ist also unrechtmäßig im Besitz der Stadt. Doch wie will Helena Gand nun die Eigentümer und ihre Nachkommen finden? Das ist bei Alltagsgegenständen weitaus schwieriger als bei Kunstwerken, die einzigartig und leichter zu identifizieren sind. So hat die Staatsgalerie Stuttgart das Bild „Junge Frau mit Kätzchen“ von Lovis Corinth an die Enkelin der einstigen Besitzerin zurückgegeben. Die Frau war 1938 nach Holland geflüchtet. Dort geriet sie 1943 in die Fänge der Nazis, sie wurde in Auschwitz ermordet, das Bild landete in der Staatsgalerie. Sieben Werke hat die Staatsgalerie bisher den Erben der ehemaligen Eigentümer übergeben.

So weit ist Helena Gand noch nicht. Sie muss sich nun durch Papierberge etwa in der Landesbibliothek oder bei der Zentralstelle von NS-Verbrechen in Ludwigsburg wühlen, hoffend, dass sich Objekte mit Namen verknüpfen lassen. 60 Stücke hat sie fotografiert, Beschreibungen unter www.lostart.com ins Internet gestellt. Dort tragen Museen aus ganz Deutschland ihre von den Nazis geraubten Objekte ein, auf dass die Erben der Besitzer sie erkennen.

Deutschland unterzeichnete1998 die Washingtoner Erklärung

Doch wer weiß schon, dass gerade dieser Silberleuchter der Oma in Stuttgart gehörte? Oder dass die Silberbecher mit der Gravur „Christian Friedrich Weck 1750“ bei den Großeltern in der Vitrine stand. Hätte man früher gesucht, hätte man vielleicht die Besitzer noch gefunden. Warum also so spät?

Das erklärt sich gut an der Geschichte des Ernst Buchner. Der war seit 1932 Generaldirektor der Gemäldesammlungen Münchens. Und ein Kunstdieb, der in Pau in Frankreich höchstpersönlich den Genter Altar stahl. Nach einer Schamfrist wurde er 1953 wieder Chef der Gemäldesammlungen und baute die Alte Pinakothek auf. So jemand hat kein Interesse daran, die eigenen Verbrechen aufzuarbeiten. Natürlich waren auch an anderen deutschen Museen wieder ehemalige Nazis, Helfershelfer und Mitläufer tätig. Und die Opfer waren tot oder weit weg, oft sprachen erst die Enkel für sie.

1998 unterzeichneten 44 Staaten die Washingtoner Erklärung. Auch Deutschland verpflichtete sich darin, Raubkunst zu identifizieren und Besitzer oder Erben zu finden. Dabei hilft das Deutsche Zentrum Kulturforschung, es wird getragen von Bund, Ländern und den Kommunen. Sie finanziert auch für ein Jahr die Stelle von Helena Gand.

Ein halbes Jahr kann sie noch forschen,wie es dann weitergeht „wird man sehen“. Arbeit hat sie s genug, was man 70 Jahre versäumte, lässt sich nicht in einem Jahr nachholen. Bei der Eröffnung des Stadtmuseums im Herbst werden ihre Erkenntnisse zu sehen sein: Man will sich endlich der eigenen Geschichte stellen.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.forschung-im-stadtmuseum-die-suche-nach-der-beute-der-nazis.892eba5c-22fa-4dd1-8e9b-a6d0e706577f.html
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