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Bayern verkaufte Nazi-Raubkunst an Familien ehemaliger NS-Größen - Bavaria sold Nazi looted art to the families of high-ranking Nazis

1970
1945
Sueddeutsche Zeitung 12 October 2016
Von Jörg Häntzschel (Guide English Translation below)

 Die Identifizierung und Restitution von Raubkunst an bayerischen Museen wird offenbar auch weiterhin so halbherzig und schleppend betrieben wie bisher. Das war jedenfalls der Eindruck, der sich am vergangenen Mittwoch im Wissenschaftsausschuss des Landtags aufdrängte, wo Kulturminister Ludwig Spaenle zu im Juni in der SZ erhobenen Vorwürfen Stellung nahm. Die SZ hatte über mehrere hundert Raubkunstwerke berichtet. Diese wurden von den bayerischen Finanzbehörden und den Staatsgemäldesammlungen versteigert oder direkt an Familien von NS-Funktionären, bei denen die Amerikaner sie 1945 beschlagnahmt hatten, zurück verkauft oder zurückgegeben.

Die Amerikaner hatten bei ihrem Abzug 1948 die Deutschen angewiesen, die rechtmäßigen Besitzer jedes einzelnen Werks zu ermitteln. Doch weder bei den Finanzbehörden, die die Bilder treuhänderisch übernahmen, noch bei den Staatsgemäldesammlungen, in deren Bestand 890 Werke eingegliedert wurden, kümmerte man sich bis Ende der Neunzigerjahre darum. In seinem Bericht, einer Antwort auf Anfragen der Fraktionen von Grünen, SPD und CSU, bestätigte Spaenle alle diese Vorgänge; die SZ berichtete darüber am Dienstag. Doch statt Kritik an den Entscheidungen seiner Vorgänger in der bayerischen Regierung und Verwaltung zu üben, schien der Minister sie zu verteidigen. Es seien eben andere Zeiten gewesen.

Die Sprecher der anderen Fraktionen griffen Spaenle dafür heftig an. Michael Piazolo von den Freien Wählern sagte, der Bericht habe ihn "in Teilen erschreckt". Er sprach von "Rechtfertigung für Nichtstun über Jahrzehnte". Auch Sepp Dürr von den Grünen meinte, es sei ihm "unerklärlich", wie Spaenle "die Machenschaften der Vorgängerregierungen" in Schutz nehmen und bagatellisieren könne: "Kein kritisches Wort, kein kritisches Bewusstsein!" Spaenle verwahrte sich energisch gegen die Vorwürfe. Ein Bericht wie dieser habe "deskriptiv" zu sein, nicht wertend.

Doch auch in der wichtigeren Frage, was die Regierung tue, um das damalige Unrecht wiedergutzumachen, wurde er von Abgeordneten der anderen Fraktionen teils heftig kritisiert. Mit seinen Hinweisen auf die Anstrengungen, die in den letzten Jahren unternommen worden seien, um die Provenienzforschung auszubauen, konnte Spaenle die Abgeordneten der Opposition nicht überzeugen. Auch nicht mit dem aufwendig gedruckten Bericht des "Forschungsverbunds Provenienzforschung Bayern", den er im Landtag verteilen ließ.

"Wem tut das denn weh, wenn so etwas vor die Limbach-Kommission kommt?"

Dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen seit 1999 lediglich zwölf Kunstwerke restituiert haben - bei weit über 1000 verdächtigen Werken -, sei "blamabel", sagte Dürr. "Das haben Sie uns vor drei Jahren auch schon gesagt." Und von den angekündigten zusätzlichen Stellen sei auch nichts zu sehen: "Sie machen sich lächerlich!" Spaenle versuchte, die Abgeordneten zu beruhigen. Die Aufarbeitung des Raubkunstproblems sei für ihn "zentrale kulturpolitische Aufgabe", sagte er und versprach "zusätzliche Ressourcen" für die Provenienzrecherchen.

Nur sei es eben, so sagte Georg Rosenthal (SPD), mit zusätzlichem Personal nicht getan. "Wir können nicht länger Verantwortung für die Handlungen unserer Vorgänger aus den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren übernehmen", meinte er und forderte den überfälligen Bruch mit der Nachkriegsmentalität. "Es geht um die Glaubwürdigkeit denen gegenüber, die das Gefühl haben, sie seien nach 1945 ein zweites Mal entrechtet worden."

Eher listig verpackte der stellvertretende Ausschussvorsitzende Oliver Jörg (CSU) eine ähnliche Kritik in einen überschwänglichen Dank an den "lieben Ludwig", als er von der jüdischen Familie Hagen berichtete, die davon überzeugt sei, das in der Münchner Alten Pinakothek hängende Gemälde "Das Zitronenscheibchen" sei ihr unrechtmäßig in der NS-Zeit entzogen worden. Die Staatsgemäldesammlungen kamen jedoch zu einem anderen Schluss und weigern sich, den Fall vor der Limbach-Kommission verhandeln zu lassen.

Er bitte doch darum, dass man im Sinne der Wiedergutmachung mehr tue, als Recht und Gesetz verlangten: "Wem tut das denn weh, wenn so etwas vor die Limbach-Kommission kommt? Es muss doch möglich sein, dass man in so einem Fall über den eigenen Schatten springt."

Guide English Translation

In the Landtag (Bavarian Parliament), the Minister of Culture, Spaenle,  expressed his opinion on the questionable attitude of Bavarian authorities to the Nazis. But instead of practicing criticism, he still seems to defend the course of action taken. They had been other times.

The identification and restitution of robbery at Bavarian museums will continue to be as half-hearted and sluggish as before. This was at least the impression which was expressed on Wednesday by the Science Committee of the Landtag, where the Minister of Culture, Ludwig Spaenle, took a position on the allegations raised in the SZ in June. The SZ had reported on several hundred looted works of art. These paintings, found by the Americans in 1945, were auctioned off by the Bavarian financial authorities and the State Paintings Collection, or sold back directly to families of Nazi officials.

The Americans, in their withdrawal in 1948, had instructed the Germans to determine the legal owners of each individual work. But neither the financial authorities, who took the pictures into trusteeship, nor the State Paintings Collections, with 890 works integrated, looked after them until the end of the 1990s.

In his report, a response to requests from the political groups of the Greens, SPD and CSU, Spaenle confirmed all these events But instead of criticizing the decisions of his predecessors in the Bavarian government and administration, the Minister seemed to defend them. They had been other times.

The speakers of the other factions attacked Spaenle. Michael Piazolo from the Freie Wähler said the report had "scared him in part". He spoke of "justification for doing nothing for decades". Sepp Dürr of the Greens also said that it was "inexplicable" to him how Spaenle could "protect and minimize the machinations of his predecessors": "No critical word, no critical awareness!" Spaenle vigorously rejected the accusations. A report like this had to be "descriptive", not evaluative.

But even in the more important question of what the government is doing to remedy the injustice of the day, he was criticized by Deputies of the other political groups. With his references to the efforts undertaken in the past few years to expand  provenance research, Spaenle was unable to convince the members of the opposition, not even with the elaborately printed report of the "Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern", which he distributed in the State Parliament.

"Who is hurt when a case comes before the Limbach Commission?"

The fact that the Bavarian State Painting Collections have only restored twelve works of art since 1999 - with well over 1,000 suspicious works - is a cause for "blame," said Dürr. "You told us this three years ago." And there is nothing to be adduced from the announced additional posts: "They are ridiculous!"

Spaenle tried to calm the Deputies. He said that the problem of the problem of spoliation was "a central cultural policy task," he said, promising "additional resources" for provenance research.

Additional staff are beside the point, said Georg Rosenthal (SPD). "We can no longer take responsibility for the actions of our predecessors from the 1950s, 1960s and 1970s," he said, calling for a break with the post-war mentality. "It is about the credibility of those who have the feeling that they were deprived a second time after 1945.

The deputy chairman of the committee, Oliver Jörg (CSU), put a similar criticism into his exuberant thanks to "dear Ludwig" when he reported on the Jewish family Hagen, who was convinced that the painting "Das Zitronenscheibchen" hanging in the Munich Alte Pinakothek had been illegally taken in the Nazi era.

However, the State Paintings Collection came to a different conclusion and refused to allow the case to be heard by the Limbach Commission.

He asked that, in the sense of reparation, more than the law and than the law required be done: "Who is hurt when such a case comes before the Limbach Commission? In such a case, it can only be your own shadow".

http://www.sueddeutsche.de/bayern/muenchen-bayern-verkaufte-nazi-raubkunst-an-familien-ehemaliger-ns-groessen-1.3202955
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