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Bedeutender Ankauf der Kunsthalle Karlsruhe: Die Kunstsammlung Haymann - The Haymann Collection: A significant purchase by the Kunsthalle Karlsruhe

1970
1945
SWR2 30 May 2016
von Marie-Dominique Wetzel

Während der Weimarer Republik gab es, vor allem in der gebildeten Mittelschicht, ein großes Interesse an zeitgenössischer Kunst, insbesondere an Druckgraphik. Zahlreiche kleinere private Kunstsammlungen entstanden. So wie die Sammlung des jüdischen Psychiaters Hermann Haymann aus Badenweiler bei Freiburg. Als die Nazis an die Macht kamen, konnte Haymann fliehen, seine Kunstsammlung wurde beschlagnahmt und landete in der Kunsthalle Karlsruhe. Dort ist nun ein Teil der Sammlung in einer Ausstellung zu sehen.

Eigentlich galt der "Fall Haymann" in der Kunsthalle Karlsruhe als abgeschlossen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der jüdische Kunstsammler Hermann Haymann, der in die USA geflohen war, gemeldet. Ihm war zu Ohren gekommen, dass seine Druckgraphiken in der Kunsthalle Karlsruhe gelandet waren. Nachdem die Rechtmäßigkeit des Anspruchs geklärt war, ging die komplette Kunstsammlung 1951 zurück an ihren Besitzer. Dachte man bisher. Aber vor ein paar Monaten machte die Provenienzforscherin der Kunsthalle Karlsruhe, Tessa Rosebrock, eine Entdeckung:

"Im Vorfeld der letzten Ausstellung, die wir hier hatten, hab ich die Exponate überprüft und deren Provenienz. Und wir hatten da ein Selbstbildnis von Lovis Corinth, eine sehr sehr schöne Kaltnadelradierung, da bin ich irgendwie über die Inventarnummer gestolpert. Das war eine Inventarnummer von 1944 und da habe ich dann angefangen zu forschen und da stellte sich heraus, dass diese 6 Mappen und zwei weitere sowie ein Kunstbuch, 1951 vergessen worden waren an Hermann Haymann zurück zu schicken." Tessa Rosebrock

Warum sie vergessen wurden, darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht lag es wirklich an dem Durcheinander, das in der Nachkriegszeit in der ausgebombten Kunsthalle herrschte. Die 78 in Karlsruhe verbliebenen Druckgraphiken stammen vor allem aus Mappen, die der "Kreis Graphischer Künstler und Sammler" in den 20er Jahren jedes Jahr an seine Mitglieder verkaufte. Die erste Ausgabe der Mappen erschien in einer Auflage von 150, von der zweiten wurden schon 250 Exemplare gedruckt.

"Man kann sich das vorstellen wie einen Kunstverein: da werden ja auch Jahresgaben verschickt. Und Badenweiler ist jetzt tatsächlich wirklich in der Provinz und auf jeden Fall ist das für ihn natürlich eine Möglichkeit gewesen, am Zeitgeschehen teilzunehmen. Tessa Rosebrock

Druckgraphiken waren nach dem ersten Weltkrieg in Mode gekommen und so befinden sich in den Mappen die Werke vieler großer Künstler dieser Zeit: Max Beckmann, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Alfred Kubin, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rotluff und viele mehr. Außerdem besaß Hermann Haymann fast das gesamte graphische Werk von Max Liebermann und eine große Sammlung von Käthe Kollwitz.
Viel weiß man nicht über den engagierten Kunstsammler, der auch eine wertvolle Bibliothek besaß, die leider größtenteils vernichtet wurde: Hermann Haymann wurde 1879 in Laupheim geboren, dort lernte er auch seine spätere Frau Tina kennen. Haymann studierte in Freiburg und ließ sich dann als Nervenarzt in Badenweiler nieder. Als die Nazis 1935 allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen, beschloss Hermann Haymann auszuwandern. Auf seiner Flucht durch Frankreich wurde er jedoch festgenommen und im Konzentrationslager Gurs inhaftiert, ebenso wie später seine Frau Tina, die ihm nach der Reichpogromnacht nachgefolgt war. Beide konnten jedoch mit Hilfe von Freunden aus dem Lager fliehen und kamen 1941 in New York an.
Tessa Rosebrock hat bei ihren aufwendigen Recherchen auch eine rechtmäßige Erbin des kinderlosen Hermann Haymann ausfindig gemacht: eine 97-jährige Nichte, die in einem israelischen Kibbuz lebt. Da sie und ihre Familie aber keine Möglichkeit sah, die wertvollen graphischen Blätter angemessen aufzubewahren, beschloss sie, die Kunstwerke der Kunsthalle Karlsruhe zu verkaufen. Die Kunstwerke sind eng verbunden mit der Geschichte dieses Hauses, sagt die Direktorin der Karlsruher Kunsthalle, Pia Müller-Tamm und deswegen sei sie froh, dass sie mit Hilfe des Landes Baden-Württemberg erworben werden konnten.

"Dass nämlich das Museum sich künftig auch um das Wachhalten der Erinnerung an Hermann Haymann kümmern kann, sich das zur Aufgabe machen kann. Und da ist das Museum eigentlich der einzige Ort, der das gewährleisten kann, dass nämlich die Werke mit ihrer Geschichte wirklich in Verbindung bleiben und wir eben die Möglichkeit haben, es nach außen hin sichtbar zu machen – in Form einer Ausstellung und in Form einer Publikation." Pia Müller-Tamm

Die Ausstellung "Erworben aus jüdischem Vermögen" mit grafischen Blättern aus der Sammlung Haymann ist noch bis zum 3. Juli in der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen. Über die Sammlung und ihre Geschichte gibt es auch ein sehr schön gestaltetes Bändchen in der neuen Reihe "Spurensuche", die die Provenienzforschung der Karlsruher Kunsthalle dokumentieren soll.

http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kultur-regional-kunst-kunsthalle-karlsruhe-sammlung-haymann/-/id=9597116/did=17510638/nid=9597116/1xvkea8/index.html#utm_source=Twitter&utm_medium=referral&utm_campaign=SWR.de%20like
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