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Berggreen-Merkel: "Wir forschen mit gro├čer Kraft weiter" - "We're carrying out further research with great energy"

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Deutsche Welle 13 October 2015

Ende 2015 wird die Taskforce zur Erforschung des "Schwabinger Kunstfundes" aufgelöst. Aber der Auftrag geht weiter, der Fall Gurlitt sei noch längst nicht abgeschlossen, sagt die Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel.

DW: Die Arbeit der Taskforce "Schwabinger Kunstfund" hat naturgemäß eher im Hintergrund stattgefunden, trotzdem gab es öffentliches Erstaunen, dass sie Ende 2015 ihre Arbeit beendet wird – mit welchen Resultat? Sind alle Aufgaben erledigt?

Dr. Berggreen-Merkel: Zunächst ist festzuhalten, dass wir nicht am Ende unserer Tätigkeit sind, sondern noch mitten drin. Wir forschen mit großer Kraft weiter. Provenienz-Recherche in diesem Umfang – in München waren es 1258 Kunstwerke und in Salzburg nochmals 239 – kann nicht in zwei Jahren abgeschlossen werden. Das konnte niemand erwarten. Andererseits war die Taskforce von Anfang an ein befristetes Projekt. Zunächst auf ein Jahr – und dann, nach Annahme der Erbschaft durch die Stiftung Kunstmuseum Bern – wurde mittels einer Vereinbarung zwischen dem Bund, dem Freistaat Bayern und der Berner Stiftung die Laufzeit auf zwei Jahre verlängert. Bis Ende 2015 wird die Taskforce zu jedem Werk aus dem Münchner Fund – und auch zu einer Reihe von Salzburger Werken – einen Status-quo Bericht erstellen.

Sie haben in einem international zusammengesetzten Team gearbeitet, welchen Zugewinn an Know How hatten die deutschen Provenienzforscher? Können Sie ein Beispiel nennen, wo der Blick von außen auf Deutschland hilfreich war?

Die Konstellation der Taskforce ist genau so einzigartig wie es der Kunstfund selbst ist. Der Umgang mit Kunst und der Kunstmarkt selbst hatten bereits in der Zeit des Nationalsozialismus internationale Dimensionen. Das gilt für die Künstler, für Kunstsammler – aber auch für das NS-Regime selbst: Ein nicht geringer Anteil des Geschäftsverkehrs von Hildebrand Gurlitt spielte sich beispielsweise in Frankreich ab. Das bedingt die Notwendigkeit, unsere Recherche auch international zu betreiben. Wir sind den französischen Behörden sehr dankbar, dass wir Einblick in die dortigen Archive erhalten. Wir haben auch eine förmliche Kooperation mit der französischen Entschädigungsbehörde CIVS geschlossen.

Ein schwieriges Erbe: die Kunstsammlung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt beschäftigt bis heute die Behörden.

Auch die USA sind uns ein wesentlicher Partner. Viele Nachfahren der Opfer der Shoah leben heute in diesem Land, das mit seinen Archiven über eine große Menge von Materialien verfügt. Wir haben das große Glück, über unsere israelischen Taskforcemitglieder Zugang zu so entscheidenden Datenbanken wie Yad Vashem zu haben. Hinzu kommt die Internationalität, die durch die Einbindung der Opferverbände, wie Jewish Claims Conference, gegeben ist und sich immer wieder als hilfreich erweist. Die Arbeit innerhalb der Taskforce ist vom Austausch der Ergebnisse, der Funde, der Ideen und Vermutungen unter allen Mitgliedern der Taskforce geprägt – alle bringen sich mit ihrer gesamten Expertise in die Arbeit der Taskforce ein.

Hauptaufgabe der Taskforce war herauszufinden, bei welchen der sichergestellten Kunstwerke aus der Sammlung Gurlitt es sich um Nazi-Raubkunst handelt. Wie viel zweifelsfreie Fälle an Raubkunst konnten sie herausfinden?

Für vier Werke, bei denen es sich mit hoher und höchster Wahrscheinlichkeit um – wie wir es bezeichnen – NS-verfolgungsbedingten Entzug handelt, liegen derzeit abschließende Berichte vor. Und wir konnten den früheren rechtmäßigen Eigentümer feststellen. Aber diese Anzahl sagt wenig über die eigentliche Arbeit der Taskforce. Denn auch die Feststellung, dass es sich bei einem Werk nicht um NS-verfolgungsbedingten Entzug handelt, ist eine Klärung und schließt die Arbeit der Taskforce für dieses Kunstwerk ab. Das ist bei über 500 Werken von den 1258 Werken aus dem Münchner Bestand der Fall.

Erfolgreiche Restitution: das Matisse-Bild "Sitzende Frau" konnte an die Familie Rosenberg zurückgegeben werden

Davon abgesehen ist immer wieder zu betonen, dass es sich bei den Beständen von Cornelius Gurlitt nicht um geordnete Museumsbestände mit Inventar und Eingangslisten handelte, sondern um Privatbestand, der erst einmal wissenschaftlich erschlossen werden musste, ehe man damit arbeiten konnte. Wenn sich aber bei aller Nachforschung die Herkunft eines Kunstwerkes nicht klären lässt, weil die Quellen dazu nicht die hinreichenden Auskünfte geben, dann ist das als gegenwärtiger Stand der Erkenntnisse und der Forschung auch festzuhalten. Die Versäumnisse der Provenienz-Recherche in den 50er und 60er Jahren sind die Schwierigkeiten von heute.

Der Nachlassverwalter von Cornelius Gurlitt hat der Taskforce Umzugskarton mit Fotos, privaten Tagebüchern und Geschäftsunterlagen aus dem Kunsthandel seines Vater Hildebrandt übergeben, konnten sie das erfolgreich für die Provenienz-Recherche nutzen?

Zu den Unterlagen, die bei Cornelius Gurlitt in München beschlagnahmt wurden, kamen noch einmal 17 Umzugskartons aus dem Salzburger Haus hinzu. Bei diesen Materialien können wir nicht mit Sicherheit einschätzen, ob sie sich noch im ursprünglichen historischen Kontext befinden. Diese Quellen werden zurzeit durch das Zentralinstitut für Kunstgeschichte und das Institut für Zeitgeschichte, beide in München, erschlossen und für die weitere Forschung aufbereitet.

Wie viele Anfragen - auch aus dem Ausland – nach Nachforschungen und wie viele Anspruchsanmeldungen haben Sie insgesamt erhalten? Wie viele konnten Sie entsprechen?

Rund 300 Anfragen aus dem In- und Ausland haben die Taskforce bislang erreicht. Davon bezogen sich 187 Anfragen auf Kunstwerke oder Werke eines bestimmten Künstlers. 499 Werke sind bei Lost Art publiziert, weil bei ihnen ein Verdacht auf NS-verfolgungsbedingten Entzug nicht ausgeschlossen werden konnte. Bei diesem Bestand liegen uns 113 konkrete Ansprüche auf 104 Werke vor.

Schwierige Provenienzrecherche: von Max Liebermanns Motiv "Zwei Reiter am Strand" gibt es 64 Versionen.

Der Unterschied in den Zahlen macht deutlich, dass es für einige Werke auch konkurrierende Ansprüche gibt. Die Klärung eines Anspruches bedeutet nicht automatisch die Klärung der Provenienz eines Kunstwerkes: Wenn z. B. die Forschung ergeben hat, dass ein Kunstwerk bis zu einem bestimmten Jahr einem bestimmten Eigentümer gehörte, sich dessen Spur aber noch vor 1945 verliert, dann ist die Provenienz eben nicht abschließend geklärt.

Inwieweit mussten für diese, vor allem jüdischen Anspruchsanmeldungen Dokumente oder Beweismaterial für ehemaligen Besitz mit eingereicht werden? Viele Holocaustüberlebende werden das vermutlich nicht mehr können.

Die Aufgabe der Taskforce besteht ausschließlich in der Klärung der zwei Leitfragen: A) Handelt es sich um ein Werk, für das ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nachgewiesen werden kann? B) Wem wurde das Werk seinerzeit entzogen? Dabei sind wir natürlich dankbar, wenn dem Anspruch eine Dokumentation mitgeliefert wurde, wie das bei 17 Ansprüchen der Fall war. 96 Ansprüche enthalten demgegenüber keinerlei weiterführende Hinweise. Man muss sich die Situation der Entziehung, der Flucht und so oft der Deportation vor Augen halten, um zu verstehen, wie schwer es ist, heute noch Unterlagen vorlegen zu können.

Die Taskforce ist auch für diejenigen da, die nicht die Mittel haben, um mit Hilfe von Anwälten und Forschern eine derartige Dokumentation zusammen zu stellen. Die Taskforce arbeitet auch dann, wenn kein Anspruch zu einem Kunstwerk vorliegt. Der millionenfache Mord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden hat dazu geführt, dass oft kein Mitglied der Familie den Holocaust überlebte. In diese historischer Verantwortung treten wir mit unserer Aufklärungsarbeit ein.

Das Kunstmuseum Bern hat das umstrittene Erbe von Cornelius Gurlitt offiziell angetreten.

Eines der Hauptprobleme zu Anfang der Recherchen war ja, die genaue Identität der einzelnen Kunstwerke festzustellen. Wie haben sie da die Prioritäten in der Taskforce gesetzt?

Die Klärung der Werkidentität ist in der Tat, neben der Zuschreibung zu einem Künstler, eine große Herausforderung. Viele Künstler haben ein und dasselbe Sujet mehrfach bearbeitet. Max Liebermann z.B. hat allein 64 mal "Reiter am Strand" gemalt. Hier darf die Taskforce keinen Fehler machen: Sorgfalt geht vor Schnelligkeit. Bei ihren Prioritäten ließ sich die Taskforce davon leiten, ob es bei einem Anspruch noch Überlebende der Shoah gab. Danach wurden Ansprüche mit sehr guter Dokumentation bearbeitet. Auch herausragende oder bekannte Werke wurden vorrangig untersucht – unabhängig davon ob ein Anspruch vorlag. Es ist aber nochmals festzuhalten, dass in Kürze für alle Werke aus dem Münchner Fund die oben beschriebene Grundrecherche abgeschlossen sein wird.

Das war ja auch ein politisch motivierter Auftrag, der vom Ausland aus genauestens verfolgt wurde. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz als Leiterin der Taskforce aus?

Für mich ist die Leitung der Taskforce neben all ihrer politischen Dimension vor allem ein ganz persönliches Anliegen: Wenn man versucht, die Herkunft dieser Bilder zu klären, dann begegnet man großartigen Persönlichkeiten und erfährt aus dem Studium der Akten deren barbarische Erniedrigung, die Zerstörung ihrer Würde, den Raub ihrer Kunstschätze und so oft ihre grauenvolle Ermordung. Hier aufzuklären ist und bleibt unsere deutsche Verantwortung. Ich bin dankbar, dass ich hieran ein wenig mitwirken darf.

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