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Bildersturm und Bilderflut

1970
1945
Die Zeit 20 February 2014
von Thomas E. Schmidt

Im Fall Gurlitt kündigt sich ein Justizskandal an.

Cornelius Gurlitt ließ vorletzte Woche durch seine Anwälte sechzig Bilder aus seinem Salzburger Haus sicherstellen, wo sie schutzlos vor sich hin faulten. Es sind bedeutende Werke von Courbet, Liebermann, Pissaro, darunter ein Porträt von Renoir, ein Meerbild von Manet, eine Waterloo-Brücke von Monet sowie eine Zeichnung von Pablo Picasso. Es war auch nicht unbekannt, dass Gurlitts Sammlung größer ist als das in München von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmte Konvolut.

Es gibt auch keinen Zweifel mehr daran, dass Gurlitt der rechtmäßige Eigentümer all dieser geerbten Bilder ist. So ist es konsequent, dass seine Anwälte den Salzburger Bestand nun dem Zugriff der Taskforce entziehen, die ja im Rahmen eines Strafverfahrens tätig geworden ist. Informationen über privaten Besitz dürfen vom Staat nicht in die Öffentlichkeit getragen werden. Es wird also nichts mehr Neues geben auf lostart.de. Die ersten, raschen Abgleiche mit Raubkunst-Registern reichen allerdings nicht hin, um zu behaupten, keines der sechzig Bilder habe mit verfolgungsbedingtem Verlust zu tun, wie es Gurlitts Anwalt Hannes Hartung letzte Woche tat.

Auch wenn nun tatsächlich Raubkunst unter den Salzburger Bildern sein sollte: Cornelius Gurlitt, der sich im Augenblick von den Folgen einer Bypass-Operation erholt, steht für einvernehmliche Lösungen mit den Erben zur Verfügung. Das bestätigte sein Sprecher Stephan Holzinger der ZEIT auf Anfrage. Die Position der Anwälte ist seit Montag unter gurlitt.info auf einer neuen Website einsehbar. Was den beschlagnahmten Teil der Sammlung anlangt, so gibt es derzeit gerade einmal sechs Restitutionsansprüche, die sich teils auf ein Werk kumulieren.

Was Hildebrand Gurlitt seinerzeit für sich erwarb und was er ergaunerte, darüber geben seine sorgfältig geführten Geschäftsunterlagen genaue Auskunft. Sie liegen der Taskforce seit Langem vor, eine Veröffentlichung der Bilder auf lostart.de ist gar nicht nötig. So hatte Gurlitt-Vater zum Beispiel den von Lempertz versteigerten Löwenbändiger von Max Beckmann im Juni 1933 beim Kunsthändler Alfred Flechtheim regulär erworben. Die Fakten über Hildebrand Gurlitt sind vorhanden, aber die Taskforce informierte die Öffentlichkeit nicht. Auch nicht darüber, dass das bedeutende Gemälde von Matisse schon einmal von der Bundesregierung entschädigt wurde. Warum diese Untätigkeit, wozu dieses Schweigen?

Und die Vorwürfe der Steuerhinterziehung gegen Cornelius Gurlitt? Dem Vernehmen nach erhielt er aus den Guthaben auf seinem Schweizer Konto gar keine Zinszahlungen, für die er Steuern hätte zahlen müssen. Nicht gezahlte Einfuhrumsatzsteuer bei Grenzüberschreitung? Wenn überhaupt, dann längst verjährt. Es gibt keinen Fall Gurlitt mehr, es gibt einen Fall deutscher Behördenwillkür, Bayern treibt dem nächsten Justizskandal entgegen.

http://www.zeit.de/2014/09/gurlitt-justizskandal
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