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Art Dealer to the F├╝hrer

1970
1945
Der Spiegel 21 December 2013
Von Bohr, Felix; Gorris, Lothar; Knöfel, Ulrike; Röbel, Sven; Sontheimer, Michael

Immer noch ist die Herkunft der Sammlung Gurlitt ungeklärt. Eine Recherche in deutschen und französischen Archiven aber zeigt, wie rücksichtslos und exzessiv Hildebrand Gurlitt während der Nazi-Zeit mit Raubkunst handelte.

Die Amerikaner kamen mittags aus westlicher Richtung. Zwei Panzer, dahinter Infanterie, die Soldaten mit Gewehr im Anschlag. Es gibt Menschen in Aschbach, einem Dorf in Oberfranken, die sich an diesen 14. April 1945 genau erinnern: wie sie als Kinder auf dem Feld standen und bei der Arbeit halfen, während die Soldaten an ihnen vorbeimarschierten. Und dass da Männer dazugehörten, deren Haut schwarz war und die ihnen Kaugummis schenkten.

Damals lebten ein paar hundert Einwohner in Aschbach. Am Ortsrand, den Hügel hoch, steht heute noch das Schloss der Adelsfamilie Pölnitz. Bräunlicher Verputz, Wilder Wein an der Fassade, ein naher See, mehrere hundert Hektar Wald. Ein Märchenschloss im Frankenland.

Die Bewohner Aschbachs hatten weiße Bettlaken aus ihren Fenstern gehängt und wurden später von den amerikanischen Soldaten registriert. Den Freiherrn von Pölnitz, der die Ortsgruppe der NSDAP geleitet hatte, nahmen sie fest.

Zu den registrierten Personen gehörte ein Mann namens Karl Haberstock, der auf einer Fahndungsliste des Geheimdienstes OSS stand, des Vorläufers der CIA. Haberstock war Kunsthändler und wohnte mit seiner Frau seit Monaten im Schloss.

Für solche Fälle hatte die amerikanische Armee eine Sondereinheit: die "Monuments, Fine Arts, and Archives Section", deren Aufgabe darin bestand, nach dem von Nazis gestohlenen Kunstgut zu fahnden.

Anfang Mai inspizierten zwei dieser "Monuments Men" das Schloss. Captain Robert K. Posey und sein Assistent Private Lincoln Kirstein fanden ein riesiges Kunstlager: Gemälde und Skulpturen aus dem Museum in Bamberg und aus der Gemäldegalerie in Kassel, deren Leiter die Sammlungen vor den Bomben hatten retten wollen. Und sie entdeckten verdächtigen Privatbesitz: 13 Kisten mit Kunst gehörten Heribert Fütterer, dem Befehlshaber des Luftgaus Böhmen und Mähren. Auch in der Schlosskapelle lagerten Koffer und Säcke voller Kunst, die Ewald von Kleist, einst Befehlshaber der Heeresgruppe A der Wehrmacht, dort abgestellt hatte. Captain Posey erklärte das Anwesen zum Sperrgebiet und ließ Schilder aufhängen: "Off Limits".

Ein paar Tage später notierte ein Monuments Man: "Darüber hinaus wurden im Schloss Räume mit Gemälden, Wandteppichen, Statuen, wertvollen Möbeln und Unterlagen aus dem Besitz zweier berüchtigter deutscher Kunsthändler gefunden." Es waren die Sammlungen von Karl Haberstock und einem gewissen Hildebrand Gurlitt, der ebenfalls mit seiner Familie im Schloss wohnte, seit ihr Haus in Dresden im Februar ausgebrannt war.

In einer Notiz vom 16. Mai heißt es: "Ein großer Raum im oberen Geschoss mit 34 Kisten, zwei Pakete mit Teppichen, acht Pakete mit Büchern ... Ein Raum im Erdgeschoss, der weitere 13 Kisten von Mr. Gurlitt enthält." Die meisten dieser Kisten enthielten Bilder, Zeichnungen.

Die Kunstfahnder der Amerikaner verfassten in den folgenden Monaten und Jahren viele Briefe, Notizen, Inventarlisten, Protokolle und Dossiers, um die Herkunft der Kunst zu klären. Zu Haberstock stellten sie fest: "Mr. Karl Haberstock aus Berlin ist der berüchtigtste Kunstsammler in Europa. Er war Hitlers privater Kunstsammler und riss jahrelang Kunstschätze in Frankreich, Holland, Belgien und sogar in der Schweiz und Italien an sich, mit illegalen, skrupellosen und sogar brutalen Methoden. Sein Name ist bei allen ehrlichen Sammlern in Europa verrufen."

Über Gurlitt heißt es: "Ein Kunstsammler aus Hamburg mit Verbindungen in hohe Nazi-Kreise. Er handelte im Auftrag von anderen Nazi-Funktionären und unternahm zahlreiche Reisen nach Frankreich, von denen er Kunstsammlungen mitbrachte. Es besteht Grund zu der Annahme, dass es sich bei diesen privaten Kunstsammlungen um Raubkunst aus anderen Ländern handelt." Für die Monuments Men war auch Hildebrand Gurlitt ein "art dealer to the Führer".

Das, was die Monuments Men im Mai 1945 im Schloss Aschbach entdeckten, hat jetzt, fast siebzig Jahre danach, dazu geführt, dass dieses Land sich wieder einmal der Vergangenheit stellen muss. Ein Kunstschatz riesigen Ausmaßes aus dem "Dritten Reich" war von Zollbeamten in einer Schwabinger Wohnung gefunden worden. Darunter 380 Bilder, die die Nazis 1937 zu "Entarteter Kunst" erklärt und aus den Museen entfernt hatten. Außerdem 590 Bilder, die das Regime und seine Handlanger jüdischen Besitzern geraubt haben könnten. Die Wohnung gehört Gurlitts Sohn Cornelius, der damals in Aschbach im Alter von zwölf Jahren das Ende des Krieges erlebte und heute der Erbe dieser Sammlung ist.

Die Herkunft der einzelnen Bilder ist ungeklärt, die von der Bundesregierung eingesetzte Task Force geht der Geschichte jedes einzelnen nach. Sie wird viel Zeit brauchen. Aber eine SPIEGEL-Recherche, unter anderem in den Archiven des französischen Außenministeriums und des Breslauer Nationalmuseums, zeigt, in welch großem Maßstab Gurlitt mit Raubkunst Geschäfte machte und mit welcher Rücksichtslosigkeit er dies tat.

Bei der Berlinale im nächsten Jahr wird ein Hollywood-Film über die Monuments Men erstmals in Europa gezeigt. Produziert hat den Film George Clooney, er hat auch Regie geführt und spielt die Hauptrolle: einen US-Soldaten, der in einer Spezialeinheit aus Kunsthistorikern, Museumsleuten und anderen Helfern den Nazis jene Kunst abjagen will, die sie während des Krieges erbeutet haben und die in den letzten Kriegstagen vor ihrer Zerstörung gerettet werden muss. Nach allem, was bekannt wurde, ist es ein ziemlich geradlinig erzähltes Epos.

Vielleicht aber wäre das, was in jenen letzten Kriegstagen und den ersten Monaten des Friedens in Aschbach geschah, der interessantere Film: ein verwunschenes Schloss in Oberfranken mit einem Herrn Baron, der sich den Nazis anschloss, während des Krieges in Paris diente, wo er Kunsthändlern von zweifelhaftem Ruf zuarbeitete und denen er schließlich, als das "Dritte Reich" dem Untergang geweiht war, Unterschlupf in seinem Schloss gewährte.

Es wäre ein Film über die Elite eines Landes, die von den Verbrechen der Nazis profitierte. Eine Geschichte über Täter, die sich rasch in vermeintlich aufrechte Demokraten verwandelten und in einem neuen Deutschland wieder zu Stützen der Gesellschaft wurden.

Und die bizarre Pointe dieses ungedrehten Films wäre es, dass ausgerechnet eine Gruppe junger Juden, die den Holocaust überlebt hatten, für viele Monate auf Schloss Aschbach unterkam und statt des Nazi-Barons die Gemächer des Schlosses bewohnte, bevor sie für immer das Land der Shoah verließ. Aber dazu später.

Hildebrand Gurlitt wurde im Juni 1945 in Aschbach von den Monuments Men vernommen. Ihnen fiel seine "extreme Nervosität" auf, sie hatten, so notierten sie es, das Gefühl, er sage nicht die ganze Wahrheit. Es waren die Tage, in denen Gurlitt, der "art dealer to the Führer", sich neu erfand: als Opfer der Nazis, als Retter der Kunst. Als jemand, der nie etwas Böses getan hatte.

Natürlich war nicht alles falsch, was er aussagte. Er betonte, dass die Nazis ihn wegen seiner jüdischen Großmutter als "Mischling" bezeichneten, der nach 1933 um seine Zukunft oder gar um sein Leben fürchten musste und deswegen kooperierte: Es habe die Gefahr bestanden, so Gurlitt während des dreitägigen Verhörs, "als 'Viertel-Jude' zur Zwangsarbeit in die ,Organisation Todt' eingezogen zu werden". Und weiter sagte Gurlitt: "Ich musste mich zwischen dem Krieg und der Arbeit für Museen entscheiden. Ich habe niemals ein Bild gekauft, das mir nicht freiwillig angeboten wurde. Wie ich gehört habe, wurden auch in Frankreich die Kunstschätze aus jüdischem Besitz per Gesetz beschlagnahmt; aber das habe ich nie mit eigenen Augen gesehen."

Den Monuments Men in Aschbach galt Karl Haberstock als der größere Kriminelle. Im Mai 1945 kam er in Untersuchungshaft, im August wurde er für 36 Tage nach Altaussee in Österreich gebracht, wo in der Nähe eines mit Kunst vollgestopften Salzbergwerks all diejenigen aussagen mussten, die man für wirklich große Kunstverbrecher hielt. Gurlitt durfte in Aschbach bleiben. Haberstock selbst machte später gegenüber deutschen Behörden keinen Hehl daraus, dass Gurlitts Rolle in der NS-Zeit von den Amerikanern unterschätzt worden sei. 1949 erwähnte er in einem Brief an einen Regierungsbeamten: "Ich habe alles belegen können, so z. B., dass ich nicht der Hauptlieferant für Linz war, während Herr Voss innerhalb seiner kurzen Amtszeit mit seinem Haupteinkäufer Dr. Hildebrand Gurlitt etwa 3000 Kunstwerke kaufte, resp. beschlagnahmte Sammlungen übernahm."

In Linz hatte Hitler sein gigantisches Führermuseum geplant. Es ist nie gebaut worden, doch es wurde so viel Kunst eingekauft, als gäbe es längst drei davon. Den Einkauf organisierte ab 1943 Hermann Voss, ein Museumsleiter aus Wiesbaden, nun auch Direktor in Dresden. Über den Mittelsmann Voss arbeitete Gurlitt fortan für Adolf Hitler. Er kaufte ebenso für gleichgeschaltete deutsche Museen oder für Privatleute wie den Hamburger Zigarettenfabrikanten Hermann F. Reemtsma ein, für den Hannoveraner Schokoladenhersteller Bernhard Sprengel genauso wie für den Kölner Juristen Josef Haubrich.

Der Kunsthistoriker Gurlitt war 1930 als Direktor des Museums in Zwickau abgesetzt worden, weil er als Verfechter moderner Kunst galt. Er ging nach Hamburg, zwei Jahre lang leitete er den dortigen Kunstverein, bis man ihm wieder seine Vorliebe für die Avantgarde, wohl auch seine jüdische Großmutter vorwarf.

Gurlitt blieb in Hamburg, wurde Händler, eröffnete ein Kunstkabinett. Die Kunst der Moderne, für die er sich stets eingesetzt hatte, war ein riskantes Geschäft geworden, deshalb kaufte und verkaufte er zunehmend ältere, traditionellere Kunst. Er bewies Geschick, knüpfte Kontakte zu Sammlern, wusste, wie er an Bilder kam. Es dauerte aber nicht lange, bis er Kunst von Verfolgten erwarb, vor allem von Juden, die verkauften, weil sie flüchten mussten, weil sie ihre Stellen verloren und Geld brauchten, um sich und ihre Familie zu ernähren, weil sie die "Judenvermögensabgabe" entrichten sollten. Und er kaufte auch über Mittelsleute Kunst, die die Gestapo beschlagnahmt hatte.

Da gibt es ein Bild des bulgarischen Malers Jules Pascin, Jahrgang 1885. Die Monuments Men fanden es im Schloss Aschbach in einer von Gurlitt beschrifteten Kiste mit der Nummer 36. Es zeigt zwei Frauen, eine nackt, eine andere im Hemd, und einen Mann. Sie scheinen einander fremd zu sein, sie sehen sich nicht einmal an, es ist eine Metapher für die Trostlosigkeit des Lebens. Pascin hat es 1909 in Paris gemalt und es "Das Atelier des Malers Grossmann" genannt. 1930 brachte sich Pascin um.

Den Amerikanern erklärte Gurlitt, das Bild habe seinem Vater gehört, der habe es erworben, bevor die Nazis an die Macht gekommen seien. Tatsächlich hatte Gurlitt den Pascin 1935 für 600 Reichsmark, deutlich unter Wert, von Julius Ferdinand Wollf gekauft, dem langjährigen Chefredakteur der "Dresdner Neuesten Nachrichten". Wollf war ein leidenschaftlicher Mann des Wortes und der Wahrheit, ein respektierter Journalist, bevor ihn die Nazis 1933 aus dem Amt drängten. Wegen seiner jüdischen Herkunft verlor er bald seinen Besitz; die SS verwüstete seine Wohnung. 1942, unmittelbar vor seiner schon angeordneten Deportation ins KZ, nahm er sich gemeinsam mit seiner Frau und seinem Bruder das Leben.

Gurlitt bekam das in Aschbach beschlagnahmte Bild 1950 von den Amerikanern zurück. Es muss später verkauft worden sein, 1969 jedenfalls war es in verschiedenen Ausstellungen zu sehen, verliehen von einer Sammlerfamilie aus Frankreich. 1972 versteigerte es Christie's in London für fast 40 000 Dollar. Später gelangte es nach Chicago.

Gurlitt wurde offizieller Verwerter der "Entarteten Kunst", also der Werke der Moderne, die im Reich nicht mehr genehm waren. Er sollte damit im Ausland handeln, Devisen heranschaffen. Und er führte auch das Geschäft mit alter Kunst fort. Am 4. Dezember 1938 erwarb er Zeichnungen des Malers Adolf Menzel aus dem 19. Jahrhundert. Sie gehörten dem jüdischen Arzt Dr. Ernst Julius Wolffson aus Hamburg, der eine Praxis in der Rothenbaumchaussee führte und Vorsitzender der Ärztekammer war. Nach 1933 wurden ihm Ansehen und Ämter genommen, 1938 auch die Approbation. Er wurde in Sachsenhausen inhaftiert, aber wieder freigelassen, weil sich einflussreiche Hamburger für ihn einsetzten. Der Familienvater war ohne Einkommen, ohne Versicherung, als er 1938 die "Judenvermögensabgabe" entrichten musste. Für neun Menzel-Zeichnungen bezahlte Gurlitt insgesamt 2550 Reichsmark, weit weniger als den Marktpreis. Zwei dieser Zeichnungen, so fand die Kunsthistorikerin Maike Bruhns heraus, wurden vom Hamburger Fabrikanten Hermann F. Reemtsma gekauft, einem Stammkunden Gurlitts.

Nach dem Krieg forderte der Anwalt der Familie Wolffson die Zeichnungen zurück, aber Gurlitt weigerte sich, Auskunft über die Käufer zu geben. Zwei dieser Wolffson-Blätter waren übrigens noch 1993 Teil einer Gedenkausstellung: "Kunstwerke, die mich angehen. Der Sammler Hermann F. Reemtsma".

Bis 1942 blieb Gurlitt in Hamburg. Mit dem anfangs so erfolgreichen Krieg erweiterte sich Gurlitts Einzugsgebiet: Holland, Belgien, Frankreich. Als seine Galerie an der Alster von Luftminen zerstört wurde, zog Gurlitt mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Dresden, in das Haus seiner Eltern. Von hier aus hielt er unter anderem Kontakt zu Cornelius Müller Hofstede, der das Schlesische Museum in Breslau leitete und es dort übernahm, die Sammlungen verfolgter Juden zu taxieren und die konfiszierten Bilder auf den Markt zu bringen. Müller Hofstede befahl, Bilder aus jüdischen Wohnungen abzuholen, er bot Gurlitt schriftlich und unterwürfig solche Bilder an - und erwähnte, er sei bereit, ihm die Objekte selbst in Dresden "vorzuführen": "Heil Hitler!"

Müller Hofstede war es auch, der Gurlitt das Liebermann-Bild "Zwei Reiter am Strand" vermittelte, das vor ein paar Wochen als eines der ersten Bilder aus der beschlagnahmten Sammlung Gurlitt in München auf einer Pressekonferenz gezeigt wurde. Die Nazis hatten es bei dem Zuckerfabrikanten David Friedmann konfisziert. Friedmann starb 1942, seine Tochter wurde 1943 im KZ umgebracht.

Voss, Koordinator für den Sonderauftrag Linz, hatte übrigens, wie Müller Hofstede in Breslau, der Gestapo zugearbeitet und als "Polizeisachverständiger" den Wert jüdischer Sammlungen geschätzt. Er ging in die Wohnungen der Verfolgten, suchte auch Stücke für sein Museum aus. 1943 war er viel unterwegs, in Berlin, Basel, Breslau, "im Führerbau" in München, er traf, so steht es in Reisenotizen, in einer Februarnacht "A. H.", und er besuchte dubiose Auktionen, war in Wien, in Linz. Paris kommt in dem Jahr nicht vor. Dort ist Gurlitt für ihn unterwegs.

Spätestens 1941, im Jahr nach dem Einmarsch der Deutschen, hatte Gurlitt in Paris erste Geschäfte getätigt. Dass die Bilder aus Frankreich kamen, erhöhte ihren Wert. Frankreich war der Sehnsuchtsort vieler deutscher Direktoren, es war auch der Sehnsuchtsort des Großeinkäufers Hitler. Bedeutende französische Sammlungen wurden enteignet oder ihre Besitzer zu Ramschverkäufen gezwungen. Um Gurlitt herum scheint es eine Clique dubioser Kunstleute gegeben zu haben, Agenten, Zuträger, Kollegen. Gurlitt war umworben, weil er Millionen Reichsmark ausgeben konnte.

Er war nun regelmäßig in Paris. Und anders, als er es später behauptete, wählte Gurlitt nicht bescheidene Pensionen, sondern logierte in Grandhotels oder in der Wohnung einer Geliebten. Dort in Paris trafen sich auch die späteren drei Aschbacher Schlossfreunde. Karl Haberstock, der Kunsthändler, war unter dem Vorgänger von Voss einer der bevorzugten Einkäufer für das Hitler-Museum gewesen. Er stieg im Ritz ab, Aufenthalte in Paris kündigte er in einer Kunstzeitschrift an. Auf Kärtchen, die er verteilte, annoncierte er, dass er nach "first class pictures" alter Meister suche.

Gerhard Freiherr von Pölnitz, der Schlossherr aus Aschbach, war in jenen Jahren als Offizier der Luftwaffe in Paris stationiert. In seiner Freizeit arbeitete er für Haberstock und Gurlitt, fädelte Geschäfte ein, repräsentierte. Jane Weyll, eine Mitarbeiterin Haberstocks, wurde die Geliebte des Freiherrn.

Im Archiv des französischen Außenministeriums findet sich ein Bericht des Pariser Kunsthistorikers Michel Martin über Hildebrand Gurlitt. Martin arbeitete in der Besatzungszeit in der Gemäldeabteilung des Louvre und erteilte die Ausfuhrgenehmigungen für Kunstwerke. Gurlitt, schreibt Martin, habe über "stetig wachsende Kredite" verfügt und insgesamt Werke im Wert "von 400 bis 500 Millionen Francs erworben".

Reiste Gurlitt zurück nach Deutschland, hatte er Fotografien ausgewählter Gemälde im Gepäck, um sie Museumsleuten zu zeigen. Außerdem habe er in Paris Werke für seine private Sammlung erworben. "Sobald Gurlitt bei seinen Kunstexporten auf unseren Widerstand stieß, sorgte er dafür, Kunstwerke ohne unsere Erlaubnis abzuholen - oder er griff auf die Hilfe der Deutschen Botschaft zurück. Gurlitt hat gegen unseren Willen wichtige Kunstwerke außer Landes geschafft."

Martin schreibt auch, dass er Gurlitt geglaubt habe, wenn der sagte, er wolle "nicht mit Kunstwerken handeln, die aus jüdischen Sammlungen stammten". Zugleich habe Gurlitt beteuert, "nur ein Funktionär" zu sein, der Befehle zu befolgen habe.

Am Ende des Krieges trafen sich Pölnitz, Haberstock und Gurlitt auf Schloss Aschbach wieder. Haberstock, den die Amerikaner schließlich der deutschen Justiz übergaben, wurde später als "entlastet" eingestuft. Nach dem Krieg lebte er als Kunsthändler in München. Er starb 1956, im selben Jahr wie der Konkurrent Gurlitt.

Freiherr von Pölnitz wurde nach Kriegsende in ein Internierungslager im oberbayerischen Moosburg gebracht und 1947 freigelassen. Seine Entnazifizierungsakte ist verschwunden. Er starb 1962 im Alter von 64 Jahren.

Gurlitt wurde von den Amerikanern in Aschbach unter Hausarrest gestellt. Er wusste sich abzulenken, vor der kleinen Kirchengemeinde hielt er Vorträge über Dürer, Barlach, Kitsch in der kirchlichen Kunst. Ansonsten tippte er Briefe, in denen er versuchte, sich für seine Einkäufe in Frankreich zu rechtfertigen.

In einem Schreiben an Madame Rose Valland, eine französische Kunsthistorikerin, die für Rückführungen zuständig war, betonte er 1947: Er sei ein"aufrichtiger Freund Frankreichs und ein echter Gegner des Nazi-Regimes" gewesen, der "immer in Wort und Schrift für Frankreichs Kunst eingetreten" sei. Nur "sonderbare Zufälle" hätten es möglich gemacht, "dass ich mich als Kunsthändler nach Frankreich retten konnte". Über seine Tätigkeit für das Führermuseum in Linz verlor er kein Wort.

Der Hausarrest wurde aufgehoben. Im Januar 1948 zog Gurlitt nach Düsseldorf, wo er Direktor des Kunstvereins wurde. Sofort verklärte er die Jahre in Aschbach als Zeit "hinter dem Mond", wo es aber auch "recht schön und friedlich" gewesen sei.

1950 bekam Gurlitt seine Kunst aus dem "Collecting Point" in Wiesbaden zurück. Vorher schon wurde er von allen Vorwürfen freigesprochen. Es waren insgesamt 140 Kunstwerke, die die Amerikaner konfisziert hatten. Tatsächlich hatte Gurlitt einen Teil seiner Sammlung in einer alten Wassermühle vor den Amerikanern versteckt und sie dann geborgen.

Wieder gehörte Gurlitt zur guten Gesellschaft, er war ein Mann, der die Düsseldorfer Unternehmer für sich einnahm, indem er ihre Kunstbestände in Ausstellungen präsentierte. Gleichzeitig begann er, seine eigene Sammlung wieder sichtbar zu machen, sie reinzuwaschen von ihrer Vergangenheit. 1953 gehörte er zum Ehrenkomitee einer Ausstellung deutscher Kunst in Luzern. Schirmherr war der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss. Einige der Bilder stammten aus Gurlitts Sammlung: ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner ("Zwei Frauenakte"), ein Aquarell von Franz Marc ("Großes Pferd").

Es waren wohl auch Tests, ob es Einwände oder Forderungen der wahren Eigentümer geben würde. Ein Jahr später präsentierte er in der Villa Hügel in Essen, dem Familiensitz der Krupps, "Werke der französischen Malerei und Grafik". Auch dort zeigte er Werke aus seiner Sammlung: Bilder französischer Impressionisten wie Paul Signac, Auguste Renoir, Edgar Degas, die heute viele Millionen Euro wert wären, darunter auch eine Ansicht der Waterloo Bridge von Claude Monet und das Courbet-Gemälde "Felsen am Wasser". Ihr Verbleib ist heute genauso unklar wie ihre Herkunft.

Und 1956 schließlich, im Jahr seines Todes, schickte er Bilder aus seinem Besitz nach New York, darunter Werke von Beckmann und Kandinsky. Er schrieb für den Katalog einen biografischen Abriss, der aber nie veröffentlicht wurde. Mutig und verwegen, so stellt sich Gurlitt dar; als Held, dessen Geschäfte im Krieg eine "gefährliche Seiltänzerei" gewesen seien und der nach der Bombardierung Dresdens nur noch einen Handwagen mit dem Nötigsten besessen habe. Was fast so klingt wie die Geschichte der jüdischen Eheleute Kaim aus Breslau, von deren Bildern er eines erworben hatte und die alles verloren und mit einem Handkarren ins Ghetto geschickt wurden.

Hildebrand Gurlitt starb 1956 nach einem Autounfall, in den Nachrufen wurde er als wichtige Figur der bundesrepublikanischen Kunstwelt gefeiert. Die Witwe Helene zog Anfang der sechziger Jahre nach München, wo sie zwei teure Wohnungen in einem Schwabinger Neubau kaufte. Im Mai 1960 ließ sie vier Werke aus der Sammlung ihres Mannes beim Auktionshaus Ketterer versteigern: Max Beckmanns Gemälde "Braune Bar" etwa, das heute einem US-Museum gehört. Auch ein Bild von Rudolf Schlichter, das Bertolt Brecht zeigt und das ins Münchner Lenbachhaus kam. Es ist eines der bekanntesten Stücke dieses Museums, ein Hauptwerk der Stilrichtung Neue Sachlichkeit.

Auch den Brecht fanden die Monuments Men einst in Aschbach. Einer ihrer damaligen deutschen Mitarbeiter war der Mann, der dann 1960 als Direktor des Lenbachhauses das Bild ersteigerte.

Es gibt viele Beispiele von Werken, die Gurlitt unter fragwürdigen Umständen erwarb. Und: Es gibt heute noch etliche Bilder in deutschen Museen von Hannover bis Wiesbaden, die er einst dorthin verkaufte. Es gibt sogar Bilder, die Gurlitt für Hitlers Museum in Linz gekauft hatte, deren Herkunft die Amerikaner aber nie aufklären konnten und die deswegen in Staatsbesitz übergingen. Ein solches Gemälde, eine Landschaft des Klassizisten Jakob Philipp Hackert, hängt heute im Auswärtigen Amt.

Etliche Bilder tauchten im Handel auf. August Mackes "Frau mit Papagei", ein frühes Werk des deutschen Kubismus, gehört dazu. 1962 und dann erst wieder 2001 war es in Ausstellungen zu sehen, jeweils als Privatbesitz. 2007 wurde es im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach für mehr als zwei Millionen Euro versteigert. Offenbar hatte es Gurlitts Tochter Benita eingeliefert. Im Mai 2012 starb sie.

Im November 1945 richteten die Amerikaner im Schloss Aschbach ein Camp für sogenannte Displaced Persons ein, für Entwurzelte. Tatsächlich waren es traumatisierte Überlebende des Holocaust, viele von ihnen war noch keine 20 Jahre alt, sie hatten ihre Jugend im Ghetto und in Konzentrationslagern verbracht und waren dann in Gruppen losmarschiert, weil sie keine Familie mehr hatten. Sie hießen Towia und Menachim, Minia und Synai, viele waren Zionisten, die sich zur Gründung eines Kibbuz zusammengefunden hatten.

Insgesamt kamen in der Zeit von November 1945 bis März 1948 mehr als 140 Personen in Aschbach unter, obwohl die Amerikaner den jungen Juden ursprünglich nicht zugetraut hatten, die Felder zu bestellen. Kontakte der Dorfbewohner zu den Juden gab es kaum, obwohl sich im frühen 18. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde in Aschbach etabliert hatte. Die letzten Aschbacher Juden waren 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert worden.

Gurlitt erwähnte die Juden im Schloss nicht. Seine eigenen Kinder waren nur wenige Jahre jünger als viele der Überlebenden, er hielt sie fern von Aschbach, schickte Sohn und Tochter in das Internat der Odenwaldschule.

Die Familie Pölnitz musste auf Anweisung der Amerikaner ihr Anwesen räumen und lebte in einer Lehrerwohnung im Dorf. Man sorgte sich, dass die Bewohner des Camps das Mobiliar nicht pfleglich behandelten. In einem Brief an die Behörden beklagte sich der Freiherr von Pölnitz darüber, dass "die Juden" in "wildem Hurra" sich seinen Besitz zu eigen machten - und seine Gattin wegen der "jüdischen Schlossbesatzung" in Ohnmacht gefallen sei.

Yehiel Hershkowitz war einer der Juden, die damals in Aschbach lebten. Er war 27 Jahre alt, als er am 20. November 1945 aufs Schloss kam. Seine Familie stammte aus Bedzin, dem früheren Bendsburg in Schlesien. Er war im September 1939 verhaftet worden, die folgenden sechs Jahre verbrachte er in insgesamt 15 Lagern der Nationalsozialisten. Amerikanische Soldaten befreiten ihn am 11. April 1945 aus dem KZ Buchenwald.

Danach lernte er seine spätere Frau Esther Urman kennen. Beide waren in Aschbach, machten sich dann auf den Weg nach Palästina. Yehiel Hershkowitz starb 1979, seine Frau elf Jahre später.

Ihr Sohn Benny ist heute 65 Jahre alt und lebt unweit von Tel Aviv. Er sagt, dass sein Vater schlecht schlief, weil die Erinnerungen ihn auch nachts verfolgten.

Und dann erzählt er, wie eines Tages der alte Kohlenofen im Haus seiner Eltern gegen einen modernen Gasofen ausgetauscht werden sollte. Sein Vater, sagt Benny Hershkowitz, habe sich kategorisch geweigert.

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