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«Wir wollen keine Raubkunst in unseren Sammlungen» - German museums say we don't want looted art in our collections

1970
1945
Neue Zürcher Zeitung 15 February 2014
Joachim Güntner

(English summary below)

 Der Verdacht ist übel: Deutsche Museen und Behörden bunkern angeblich wissentlich Raubkunst aus der NS-Zeit. Das unterstellt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Eine Berliner Pressekonferenz zur deutschen Provenienzforschung hat nun versucht, die Dinge ins rechte Licht zu setzen.

Hätte jemand in den 1960er Jahren vorhergesagt, dass deutsche Museen ein halbes Jahrhundert später heftig über die Rückgabe von NS-Raubkunst debattieren würden, hätte man über ihn ungläubig den Kopf geschüttelt. Hatte nicht Deutschland nach dem Krieg vielfach «Wiedergutmachung» geleistet? Das Thema schien erledigt, so dass man sich über die Rückgabe von Kunstwerken keine Gedanken machte. Erst mit der «Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust» von 1998 kam die Frage auf die politische Agenda. Deutschland richtete in Berlin eine Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP) ein, und in Magdeburg begann die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste mit dem Ausbau einer Datenbank für «Lost Art».

Noch bis 2008 aber sollte es dauern, bis dass der Bund und die Länder begannen, die AfP und die Museen für Recherchen mit nennenswerten Beträgen zu unterstützen. Gleichwohl konnten bisher nur wenige deutsche Museen feste Stellen für hauseigene Rechercheure etablieren. Immerhin wähnte man sich auf dem richtigen Weg. Dann kam der Schwabinger Kunstfund beim NS-Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt, ein grosses Staunen über Umfang und Verborgenheit dieses Schatzes setzte ein, und obwohl es sich um eine private und darum von der Washingtoner Erklärung gar nicht erfasste Sammlung handelte, verbreitete sich ein Verdacht: Sollten etwa auch die Museen der öffentlichen Hand, ähnlich wie der Privatmann Gurlitt, ihre Dunkelkammern haben? Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, verschärfte den Verdacht zum Vorwurf, deutsche Museen und Behörden hielten wissentlich NS-Raubkunst zurück. Er sprach von den Werken als «letzten Kriegsgefangenen», bemängelte das Fehlen eines Rückgabegesetzes für Raubkunst in Deutschland, forderte ein Ende der Verjährung des Kunstraubes und zur Überwachung eine internationale Kommission, in die er sich gern selbst berufen würde.

Nun traten am vergangen Mittwoch in Berlin einige Verantwortliche vor die Presse, um über den Stand der Dinge zu berichten. Versammelt hatten sich Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler, Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, Baden-Württembergs Kulturstaatssekretär Jürgen Walter, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Hartwig Fischer, und Uwe Hartmann, Leiter der AfP. Es sollte keine Anti-Lauder-Veranstaltung sein, vielmehr sei die Pressekonferenz schon länger plant gewesen, tat man kund. Einhellig gestand man zu, dass sich Deutschland jahrzehntelang zu wenig um die NS-Raubkunst in seinem Besitz gekümmert habe. Aber das Blatt habe sich seit 2008 gewendet, die zurzeit kursierenden Vorwürfe seien unbegründet.

«Unsere Bestände werden systematisch durchforstet», sagte Walter im Blick auf die vier staatlichen Kunst- und kulturgeschichtlichen Museen in Baden-Württemberg. Der Klärung von Provenienzen könne man sich nun einmal nicht mit «projektorientierten Schnellschüssen nähern», setzte Kisseler hinzu. Allein der Grafikbestand der Hamburger Kunsthalle umfasse 120 000 Blätter. Die 14 staatlichen Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) kommen auf 1,5 Millionen Objekte. Wie lange dauert deren Prüfung? Das verrieten weder Kisseler noch Fischer. Aber dass die Provenienzforschung sich gerade zum Metier entwickelt, durch welches Wissenschafter auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ins Brot gesetzt werden, war mit Händen zu greifen.

Permanent wurde in Berlin mit Zahlen jongliert. Man wollte konkret werden. Doch was bedeuten die in Magdeburg festgehaltenen zwölftausend Restitutionen, wenn bei der Erfassung einmal Einzelstücke gezählt werden, dann aber wieder ganze Konvolute als ein einziger Fall? Belastbar sind die Zahlen nicht, denn es besteht keine Pflicht, Rückgaben von Raubkunst der Datenbank lostart.de zu melden. Von 170 Anspruchsstellern insgesamt weiss die Koordinierungsstelle, das ist jedoch keineswegs die Summe aller in den Bundesländern anhängigen oder beendeten Verfahren. Fischer sprach für die SKD von fünftausend restituierten Objekten, über dreihundert Vorgänge habe man behandelt. Solche Angaben lassen vieles im Vagen. Dass man in Ostdeutschland nicht nur mit der nationalsozialistischen Verfolgung der Juden, sondern auch mit den Beschlagnahmungen durch die Rote Armee und den sogenannten Schlossbergungen (Enteignungen der Adligen und «Junker» als Teil der sozialistischen Bodenreform 1945) zu tun hat, verkompliziert die Sache.

Unser Gesamteindruck nach der Berliner Pressekonferenz war dieser: Es melden sich letztlich doch sehr wenige NS-Opfer oder deren Erben, um Ansprüche geltend zu machen. Viele Familien sind ausgelöscht oder zerrissen, die Erlebnisgeneration ist tot, und den Enkeln fehlt es, da die kulturelle Überlieferung zerbrach, an Wissen, welche Kunstwerke, Möbel, Uhren oder Münzen einst zum Haushalt gehörten. Anders aber als Ronald S. Launer meint, nutzen die deutschen Museen dies nicht aus. Oder sagen wir: Heute jedenfalls nicht mehr. Anstatt Objekte zurückzuhalten, legen sie Ehrgeiz ein, selbsttätig zu forschen und von sich aus auf etwaige Eigentümer zuzugehen. Ihre Forscher seien unparteilich, betonte Walter, es bedürfe keiner internationalen Kommission. Auf Verjährung berufe sich auch niemand. «Wir wollen einfach keine Raubkunst in unseren Sammlungen», hiess es mit grosser Entschiedenheit. Das müsse «Leitbild» sein. Gewiss. Bis ein solches allerdings auch in jeder kleinen kommunalen Einrichtung fest implantiert ist, kann noch einige Zeit vergehen.

English summary:

A press conference in Berlin on German provenance research tries to put the record straight.. Hamburg Culture Senator Barbara Kisseler, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Secretary General of the Cultural Foundation of the Laender, Baden-Württemberg State Secretary for Culture Jürgen Walter, the Director General of the Dresden State Art Collections Hartwig Fischer, and Uwe Hartmann, head of the AfP.

 They say that until 2008 little was done, but since it's all changed. The criticisms made of Germany are "unfair".

"Our stocks are systematically scoured," Walter said of the four state-owned museums in Baden-Württemberg . Clarifying provenances is not a quick fix, said Kisseler. But the graphics component of the Hamburger Kunsthalle encompasses 120 000 sheets. The 14 state museums of  the Dresden State Art Collections (SKD) have 1.5 million objects. How long does the examination take? Kisseler says provenance research is a scientific business for professionals, for which years if not decades are ncessary for . 

Throughout the press conference, they juggled with figures. They wanted to be specific, but couldn't quite manage it. Does lostart.de count each item once or should they only count each case, with as many items as each one contains. They weren't sure. Anyway, there is no obligation to report restitutions to lostart. They talked of 170 claimants but this bears no relation to the pending or completed cases. Fischer said there were 5,000 objects restituted from the SKD involving 300 transactions or cases. This is very vague and misleading information. It includes the Red Army confiscations and the expropriations of the German nobility, the Junker. No clear figures were provided on Nazi looted restitutions.

Our overall impression after the Berlin press conference was this: very few Nazi victims or their heirs are engaged with. Many familes of course were wiped out and the generation that knew what was in the family is dead now, so long after the thefts. But this is no excuse. Our researchers are impartial, stressed Walter, there was no need for any international commission. Nor should there be a time limit. "We just do not want looted art in our collections," they said with great determination. This should be their "mission statement". Certainly. Firmly implanted in every small community and college. Yet it may take some time.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/wir-wollen-keine-raubkunst-in-unseren-sammlungen-1.18242931
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