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Teil zwei im Kunstkrimi Gurlitt

1970
1945
Berliner Zeitung 13 February 2014
Von Ingeborg Ruthe

Gurlitts unscheinbares Schatz-Haus in der Salzburger Carl-Storch-Straße
Gurlitts unscheinbares Schatz-Haus in der Salzburger Carl-Storch-Straße
Foto: Getty Images/Jörg Koch

Inzwischen mutet die Causa Gurlitt an wie eine unendliche Krimi-Serie: Fortsetzung folgt, und auch wenn der oder die Täter von Anfang an feststehen, bleibt der Fall aufregend, spannend, zwielichtig, sind die Gefühle der Zuschauer zwiespältig. Also mehr davon.

Und wer da schon glaubte, in die Story um den greisen Cornelius Gurlitt, den reichlich verwirrten, unter Betreuung gestellten Sohn des mit dem NS-Regime dubios verbandelten Kunstsammlers Hildebrand Gurlitt (1895–1956) sei mittlerweile viel klärendes Licht eingedrungen, weiß nun, dass er sich geirrt hat.

Abermals mischt eine Sensationsmeldung – diesmal aus Österreich – die Öffentlichkeit auf. Im verlassen wirkenden Salzburger Haus der Familie Gurlitt wurden, wie es heißt, am Dienstag – durch die Anwälte Gurlitts, nicht etwa durch die Behörden – 60 Meisterwerke sichergestellt: Gemälde von Monet, Manet, Corot, Courbet, Renoir – die frühe französische Moderne.

Auch über diesen Fund breitet sich, wie über den in Gurlitts Münchener Wohnung 2012, sogleich ein dunkler Verdacht: Es könnte sich womöglich um NS-Raubkunst handeln. Schließlich betrifft das, wie die Forschung ergab, etwa 600 Werke aus der spektakulären, erst im November 2013 bekannt gewordenen Entdeckung durch Zollfahnder. Gesichert wurden damals etwa 1 400 Bildwerke berühmter Künstler der frühen europäischen Moderne, über die inzwischen alle Welt mutmaßt, Provenienzexperten fieberhaft forschen, deretwegen Juristen, Auktionshäuser, Nachfahren jüdischer Privatsammler, Museumsleute – und Politiker – in helle Aufregung gerieten.

Seltsam, dass man, nach dem Schwabinger Spektakel, nicht auch im Verbund mit österreichischen Behörden mal in dem Gurlitt-Anwesen am Salzburger Stadtrand nachschaute. Das unscheinbare Schatzhäuschen hatte der Kunsthändlersohn nach dem Tod der Mutter verlassen, um in München zu leben.

Und wieder schlagen Emotionen Wellen und Fantasien Purzelbäume. Gurlitt habe auch diese Salzburger Bilder „gehortet“ heißt es, so als sei der alte Mann der mystische Zwerg Alberich. Dagegen halten Gurlitts Anwälte, es sei Privatsache. Man habe die Bilder nur gesichert, „um sie vor Einbruch und Diebstahl zu schützen“. Spekulationen über weitere Verstecke werden zurückgewiesen. Ohnehin vertreten Gurlitts Juristen den Standpunkt, die Münchener Bilder seien zu Unrecht beschlagnahmt worden; müssten komplett zurückgegeben werden.

Ein erster Abgleich der Salzburger Bilder „im Auftrag von Herrn Gurlitt“, wie betont wird, mit dem lostart-Register und Raubkunst-Listen der US-Armee habe „keine Übereinstimmung ergeben“. Bleibt zu klären, woher das Konvolut französischer Meisterwerke stammt, wo und wie Hildebrand Gurlitt die Bilder versteckt hatte, bevor sein Sohn sie verwahrte.

So kommen viele neue Fragen zu den reichlich alten. Doch die von der Bundesregierung eingerichtete Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ will sich nicht zu den Neuigkeiten aus Österreich äußern. Das sei nicht Gegenstand der Arbeit, eher „eine private Maßnahme“, heißt es. Man untersuche derzeit ausschließlich den Münchner Fund. Es geht also weiter mit der Gurlitt-Kunstkrimiserie. Ende offen.

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/ns-raubkunst-teil-zwei-im-kunstkrimi-gurlitt,10809150,26176740.html
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