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Deutschland verschärft die Suche nach Nazi-Raubkunst - Germany to Press Search for Nazi-Looted Art

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Wall Street Journal 12 February 2014
Von Mary M Lane

[image] Agence France-Presse/Getty Images

Im Salzburger Haus des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt sind weitere 60 Kunstwerke aufgetaucht. Damit dürften Kritiker der deutschen Gesetze zum Umgang mit NS-Raubkunst neues Futter bekommen.

BERLIN—Eine neue, unabhängige Forschergruppe soll künftig deutsche Museen nach Raubkunst der Nazis durchforsten. Mit diesem Vorschlag reagiert die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf anhaltende Kritik, dass Deutschland bei der Restitution gestohlener Kunstwerke zu lax vorgehe.

Auslöser der Debatte um Deutschlands Umgang mit Nazi-Raubkunst war der spektakuläre Fund eines Kunstschatzes von mehr als 1.400 Werken in der Münchner Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt im Jahr 2012. Mehrere Hundert der inzwischen beschlagnahmten Bilder stehen im Verdacht, von den Nazis unrechtmäßig entwendet worden zu sein.

Wie am Dienstag bekannt wurde, umfasst die Sammlung Gurlitts, dessen Vater ein Kunsthändler Hitlers war, sogar noch mehr Werke als bisher angenommen. In einem zweiten Wohnsitz im österreichischen Salzburg ließ Gurlitts vorläufiger amtlicher Betreuer weitere 60 Bilder sicherstellen, darunter wertvolle Gemälde von impressionistischen Meistern wie Monet, Renoir und Manet.

Eine erste Durchsicht habe zwar keinen Hinweis darauf geliefert, dass es sich bei dem zweiten Fund um NS-Raubkunst handelt, teilte Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger am Dienstag in München mit. Dennoch dürfte die neueste Sensationsenthüllung die Diskussion um deutsche Raubkunstgesetze weiter anheizen.

Mehrere Familien jüdischer Holocaust-Opfer haben im Zuge steuerlicher Ermittlungen Ansprüche auf einige der 1.400 Bilder der Münchner Gurlitt-Sammlung angemeldet. Unter ihnen sind auch Verwandte von Anne Sinclair, der Ex-Frau des ehemaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn. Sie stellen Besitzansprüche an ein Portrait des Künstlers Henri Matisse, dem Experten einen Auktionswert von bis zu 20 Millionen US-Dollar zuschreiben.

Der Münchner Kunstschatz Gurlitts besteht überwiegend aus Zeichnungen und Grafiken, während die in Salzburg entdeckten Werke größtenteils Gemälde sind. Auch eine Zeichnung des berühmten Künstlers Pablo Picasso befindet sich darunter. Gemälde erzielen auf dem Kunstmarkt in der Regel höhere Preise als Zeichnungen.

Schwächen im deutschen System offenbart

In einem Interview mit dem Wall Street Journal am Montag räumte Kulturstaatsministerin Grütters ein, dass der Fall Gurlitt Schwächen im deutschen Restitutionssystem offenbart habe. Die verschiedenen zuständigen Institutionen seien bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit „etwas schüchtern" gewesen, sagte Grütters. Nun müsse es darum gehen, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, fügte Grütters hinzu.

Sie hat deshalb die Schaffung eines Forschungszentrums angeregt, das zwischen den deutschen Museen und der Bundesregierung angesiedelt und die Herkunft musealer Kunstwerke prüfen soll. Noch diskutiert sie mit den 16 Bundesländern über die Einzelheiten für eine entsprechende Initiative.

Kunstexperten und Kunsthistoriker monieren seit langem, dass es in Deutschland keine unabhängige Organisation mit ausreichend Geld und Befugnissen gebe, um die Kunstbestände der deutschen Museen zu sondieren. Bisher haben ledigliche einzelne Museen Historiker eingestellt, die ihre Sammlungen nach möglicherweise gestohlener Kunst durchforsten.

Laut Grütters könnten die rechtlichen und finanziellen Details eines solchen Kunstforschungszentrums bereits im März feststehen. Möglicherweise könnten die Kunstfahnder bereits im Herbst ihre Arbeit aufnehmen.

Zu einem möglichen Budget wollte sich Grütters nicht äußern. Sie sagte aber, dass die Regierungsausgaben für eine solche Herkunftsforschung von derzeit 2 Millionen Euro im Jahr verdoppelt werden und Teile der bisherigen Arbeit in die neue Organisation einfließen sollten. Inklusive der Betriebskosten könnte das Budget der neuen Organisation damit bei knapp unter 10 Millionen Euro liegen.

Grütters warnte aber, dass die Initiative keinen Versuch darstelle, die Museen von ihrer Pflicht zu befreien, selbst nach möglicher Raubkunst zu fahnden.

Es ist unklar, wie viele verschollene Werke der Impressionisten und modernen Meister noch existieren. Viele Werke, die in Aufzeichnungen der Künstler auftauchen, galten als spurlos verschwunden oder als im Krieg zerstört – bis der riesige Kunstschatz im Hause Gurlitts auftauchte und alle bisherigen Annahmen über den Haufen warf.

http://www.wsj.de/article/SB10001424052702303650204579377710834169156.html
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