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NS-Raubkunst: Bayerische Staatsgemälde- sammlungen lassen jüdische Erben abblitzen - Bavarian State Paintings Collections Rebuff Jewish Heirs

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Kontraste 16 January 2014

Während die Politik als der Schwabinger Kunstfund bei Cornelius Gurlitt öffentlich wurde, sofort eine "Task Force" einrichtete, um die jüdischen Eigentümer die einst verfolgungsbedingt ihre Kunstwerke verloren, aufzuspüren, kämpft eine Familie nur wenige Kilometer weiter seit Jahren mit der Bayerischen Staatsgemäldesammlung um die Rückgabe eines Ölgemäldes.

Kein Einzelfall, auch über 15 Jahre nach der Washingtoner-Holocaust-Konferenz haben 60 Prozent der deutschen Museen nicht geprüft, ob sich Raubkunst in ihren Beständen befindet.

Eigentlich dachten wir, der Fall um den Kunstsammler Gurlitt, der jahrzehntelang Nazi-Raubkunst in seiner Wohnung versteckte, sei schon absurd genug. Doch jetzt ergaben unsere Recherchen: Auch deutsche Museen horten unzählige kostbare Gemälde in ihren Depots, deren Herkunft sie bis heute nicht geklärt haben. Und das obwohl sich Deutschland dazu international verpflichtet hat! Rene Althammer, Chris Humbs und Markus Pohl mit einem Beispiel aus Bayern, wo sie einen bisher unbekannten Fall von NS-Raubkunst ausfindig gemacht haben.

Filmausschnitt: The Monuments Men
„Unser Auftrag lautet, Auffinden und Sichern von über 5 Millionen gestohlenen Kunstgegenständen."

„The Monuments Men", ein Hollywood-Film, der demnächst ins Kino kommt. Er handelt vom größten Kunstraub der Geschichte durch die Nationalsozialisten.

Nach dem Krieg sammeln die Alliierten unzählige Raubkunstwerke ein, versuchen deren Herkunft zu rekonstruieren. Oft vergeblich. Viele Eigentümer wurden ermordet oder waren nicht zu ermitteln. Häufig landete die Raubkunst im Laufe der Zeit in den Beständen deutscher Museen, die Eigentümer haben sie nie zurückbekommen.

Auch dieses Bild war jahrelang in einem Museumsdepot versteckt. Louis Hagen ist überzeugt, dass es sich auch dabei um Raubkunst handelt. Denn das alte niederländische Gemälde mit dem Titel „Das Zitronenscheibchen" wurde seinem Großvater, dem jüdischen Bankier Louis Georg Hagen, im Zuge der Judenverfolgung abgepresst.

Louis Hagen
“Diese Familie hat durch das Dritte Reich, die Nazis, ihr gesamtes Vermögen verloren, einige Familienmitglieder waren im KZ, ein Mitglied ist auch im KZ erschossen worden."

Heute gehört das Bild den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die von Ansprüchen der Erben nichts wissen wollen. Warum fällt es so schwer, das Bild einfach zurück zu geben?

KONTRASTE
“Hat es einen hohen Wert für die Gemäldesammlung oder ist das jetzt eher eine Grundsatzfrage?“
Prof. Klaus Schrenk
Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen

„Also, die Frage verstehe ich nicht. Also es ist Bestand, es gehört den Bayrischen Staatsgemäldesammlungen und wir verschenken Bilder nicht."

Louis Hagen
„Das zeigt, dass hier jemand sitzt, der mit völliger Unsensibilität gegenüber der Geschichte und den Schicksalen, die Menschen hier erleiden mussten in Deutschland, agiert.“

Die Erben kamen dem „Zitronenscheibchen" nur auf die Spur, weil es auf dem Kunstmarkt für 600.000 Dollar verkauft wurde. Der Deal platzte aber, nachdem die Hagens protestierten. Denn die Gemäldesammlung hatte die Herkunft des Bildes nicht korrekt recherchiert.

Prof. Klaus Schrenk
Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen

„Das war, weil es andere Forschungsschwerpunkte im Augenblick gab im Hause, die sich mit diesen Fragestellungen beschäftigten, und dieses Bild gehörte in dem Moment noch nicht dazu."

Kein Wunder, für die Provenienz-, also Herkunftsforschung gab es im Museum damals keine einzige Stelle.

Und das trotz der Washingtoner Holocaust-Konferenz von 1998. Damals versprach Deutschland: Alle öffentlichen Sammlungen werden ihre Bestände auf mögliche Raubkunstfälle überprüfen und gegebenenfalls die jüdischen Erben suchen.

Louis Hagen
„Eigentlich wäre ja zu erwarten, gerade nach der Washingtoner Erklärung, dass man auf uns zugekommen wäre und angeboten hätte, lass uns das herausfinden, die Provenienz. Stattdessen hat man sich eher tot gestellt und jahrelang nichts gemacht."

Das „Zitronenscheibchen" ist eines von 21 Gemälden, die die Berliner Privatbank im Besitz der Familie Hagen Ende der 20er Jahre als Sicherheit für einen Kredit übernimmt.

Im Zuge der von den Nazis betriebenen „Entjudung der deutschen Wirtschaft" wird die Bank 1938 in die Liquidation getrieben, die Hagens müssen die Bilder losschlagen.

Die Staatsgemäldesammlung in München spricht dabei von einem „normalen und üblichen Geschäftsvorgang".

KONTRASTE
„Wenn das Bankhaus Hagen die Sammlung verfolgungsbedingt , sie haben es ja damals nicht freiwillig gemacht, zu diesem Zeitpunkt, selbst verkaufen musste …“
Prof. Klaus Schrenk
Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen

„Nein, nein, nein. Also ich glaube, dass muss man…also, das ist eine der Schwierigkeiten zu entscheiden. In diesem Fall wurde ein normaler Kreditfall abgewickelt."

Ein ganz normales Geschäft für Juden - im November 1938? Überall in Deutschland brennen die Synagogen, Juden werden ihres Vermögens beraubt. So gibt es auch keinen Beleg, dass die Familie Hagen oder das Bankhaus auch nur eine Reichsmark für das Bild erhalten haben. Louis Georg Hagen sitzt zu dieser Zeit bereits in Gestapo-Haft.

Der von Bund und Ländern eingesetzte Experte für die Rückgabe von Raubkunst, Uwe Hartmann, hält die historischen Umstände für entscheidend.

Uwe Hartmann
Arbeitsstelle für Provenienzforschung

„Eine Veräußerung, ein Verkauf, eine Versteigerung Ende 1938, nach der Pogromnacht, dann ist in der Regel davon auszugehen, dass dies unter Zwang geschah, dann ist das in unserem Sinne auch ein NS-verfolgungsbedingter Verlust, in diesem Fall von Kunst und Kulturgut."

Und damit ein Fall von Raubkunst. Louis Georg Hagen kann sich 1940 noch in die USA retten, die Nazis konfiszieren den Rest seines Vermögens.

Doch für die Bayerische Staatsgemäldesammlungen spielt all das offenbar keine Rolle. Eine Abwehrhaltung, die symptomatisch ist.

In einer Umfrage des Instituts für Museumsforschung zum Thema Raubkunst unter den 6.355 deutschen Museen geben nur 340 an, ihre Bestände überhaupt nach fragwürdigen Werken zu durchforsten.

Der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann wirft den deutschen Museen vor, den Appell der Washingtoner Erklärung zu missachten:

Prof. Michael Naumann
ehem. Kulturstaatsminister

„In Deutschland haben wir ja eine kleine Spezialität, dass Diebesgut nach einer Frist von 30 Jahren ersessen werden kann. D.h. es gehört einem dann. Und in der Tat glauben dann solche Museumsdirektoren, die das Bild nun schon seit einem halben Jahrhundert im Depot haben, dass es ihnen gehört. Denn schließlich, wenn es gestohlen worden wäre, wäre der Diebstahl verjährt."

Deshalb fordert das American Jewish Committee jetzt die Politik auf, aus moralischer Verantwortung im deutschen Recht für Raubkunst Ausnahmeregeln einzuführen.

Deidre Berger
Direktorin American Jewsih Committee Berlin

„Ich hoffe sehr, dass der neue Bundestag jetzt dieses Thema verschärft angehen wird, hoffentlich eine Enquete-Kommission oder irgendeine Form von Kommission einsetzt, um zu sehen, was müssen wir tun, um die rechtlichen Bedingungen zu schaffen, und was an Ressourcen müssen wir stellen, dass soviel wie möglich ihre Kunst zurück bekommen."

Kleine Ergänzung: Die Bayrischen Staatsgemälde-Sammlungen wollen aufgrund unserer Recherchen die Herkunft des Gemäldes im Fall Hagen nun doch noch mal überprüfen! Gut, dass wir drüber gesprochen haben!

 

Beitrag von René Althammer, Chris Humbs und Markus Pohl

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