News:

Die Gurlitt-Aufklärer - The Gurlitt Spotters

1970
1945
Frankfurter Allgemeine Zeitung 12 January 2014
Von Patrick Bahners

New York: Die Namen der Experten, die die Herkunft der Kunstwerke im Besitz von Cornelius Gurlitt aufklären sollen, waren bisher unbekannt. Jetzt hat sie die „New York Times“ publik gemacht.

© dpa Vergrößern Als „Taskforce“-Mitglied bereits bekannt: Ingeborg Berggreen-Merkel

Als Bundesregierung und Bayerische Staatsregierung im November eine „Taskforce“ zur Aufklärung der Herkunft der Kunstwerke im Besitz von Cornelius Gurlitt einsetzten, wurden die Namen der in die Arbeitsgruppe berufenen Experten nicht bekanntgemacht. In der Öffentlichkeit tritt lediglich Ingeborg Berggreen-Merkel in Erscheinung, die frühere Amtschefin der Behörde des Kulturstaatsministers, die vor ihrer Berufung nach Berlin Spitzenbeamtin im bayerischen Kultusministerium gewesen war.

Die Anonymität ist nun durchbrochen: Die „New York Times“, die bei ihrer lokalen Leserschaft ein lebhaftes Interesse an einer wachsamen Begleitung des Raubkunst-Skandals voraussetzen kann, hat die Namen der beiden Mitglieder der Kommission veröffentlicht, die von der Conference on Jewish Material Claims Against Germany nominiert wurden, einer 1951 gegründeten Organisation mit Sitz in New York, die Entschädigungsansprüche von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und deren Nachkommen wahrnimmt.

Die österreichische Provenienzforscherin Sophie Lillie, die an der Columbia-Universität in New York Kunstgeschichte studierte, legte 2003 das 1450 Seiten starke „Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens“ vor. Bis 2001 leitete sie die Anlaufstelle für NS-Verfolgte der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Lillie konnte nachweisen, dass bei vielen der 1996 im Museum für angewandte Kunst in einer Benefizauktion zugunsten von Holocaust-Überlebenden versteigerten Werke, die der österreichische Staat vom Central Art Collecting Point in München übernommen hatte und als „herrenlos“ bezeichnete, die Eigentümer hätten ermittelt werden können. Im Streit um Gustav Klimts Beethoven-Fries in der Wiener Secession legten Erben Erich Lederers, der das vierunddreissig Meter breite Werk 1973 der Republik Österreich verkaufte, ein Gutachten von Frau Lillie vor, das belegen soll, dass der Verkauf nicht als freiwillig angesehen werden könne.

Deutschlands „moralische Führung“

Die ungarische Rechtsanwältin Agnes Peresztegi ist die europäische Direktorin der Commission for Art Recovery, einer 1997 auf Initiative von Ronald Lauder gegründeten Einrichtung des Jüdischen Weltkongresses, die mit juristischen, politischen und wissenschaftlichen Mitteln für die Rückgabe von Raubgut kämpft. Die Kommission setzt sich für eine rückgabefreundliche Gesetzgebung ein und betreibt Provenienzforschung zur Untermauerung von Rückgabeforderungen.

In einem Verfahren vor den amerikanischen Bundesgerichten vertritt Frau Peresztegi die Erben des 1934 verstorbenen Bankiers Baron Mor Lipot Herzog, die von Budapester Museen die Herausgabe von Bildern von Cranach, El Greco, van Dyck, Corot und Courbet verlangen. Die Anwältin hat sich auch zu ethischen Fragen des Handels mit ehemals geraubten Kunstwerken geäußert und sich beispielsweise dagegen ausgesprochen, dass Juden aus Pietätsgründen vom Kauf liturgischer Geräte absehen: „Es dient nicht unseren Zwecken, den Markt auszuschalten; denn wenn Judaica aus Silber wegen zweifelhafter Eigentumsrechte nicht verkauft werden können, werden sie vielleicht eingeschmolzen.“

Greg Schneider, Vizepräsident der Claims Conference, äußerte in der „New York Times“ unterdessen seine Erwartung, dass Deutschland durch eine Aufhebung gesetzlicher Verjährungsfristen die „moralische Führung“ in der europäischen Restitutionspolitik übernehmen werde.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/der-fall-gurlitt/schwabinger-kunstfund-die-gurlitt-aufklaerer-12748387.html
© website copyright Central Registry 2019