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Debatten in Deutschland ├╝ber Umgang mit NS-Raubkunst und die Provenienzforschung - Debate in Germany about Nazi Looted Art and Provenance Research

1970
1945
02 Elf Abendblatt 17 December 2013

Von 1910 bis zu seinem Tod war Hans Posse als Direktor der Gemäldegalerie in Dresden tätig. Darüber hinaus agierte er als Kommissar des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig und prägte die Internationale Kunstausstellung 1926 in Dresden. Unter seiner Leitung avancierte Dresden zu einem wichtigen Ort im NS-Kunstverschiebesystem.

Die Fachtagung wurde von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) veranstaltet und fand in der Dresdner Schlosskapelle statt. Die Teilnehmerzahl war fast doppelt so hoch wie geplant – über 150 Besucher. D.h. die Veranstaltung war viel besser besucht, als dies bei solchen fachwissenschaftlichen Tagungen normalerweise der Fall ist.

Diese erhebliche Resonanz erhielt die Veranstaltung selbstverständlich teilweise durch den sogenannten Fall Gurlitt. Die Konferenz war jedoch ausschließlich der Persönlichkeit von Hans Posse gewidmet, und es wurde von Anfang an angekündigt, man werde diese Posse-Sitzung keinesfalls zu einer Gurlitt-Sitzung machen. Der Fall Gurlitt schwebte allerdings über der ganzen Tagung.

Das liegt an dem Thema selbst, das immer noch höchst heikel bleibt. Das Problem der NS-Raubkunst und der „entarteten Kunst“ ist jetzt wieder in aller Munde, was noch vor einigen Jahren zumindest in Deutschland nicht der Fall war. Man kann in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Forschungen zu Hans Posse nicht hoch genug einschätzen, weil ein Großteil der von ihm aufgebauten Sammlung für das Projekt „Sonderauftrag Linz“ gerade aus Raubkunst bestand. Am Beispiel von Posses Biographie wird die enge Verbindung von Institutionsgeschichte und Provenienzforschung, von Kunst und Politik, von persönlicher Verantwortung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sehr deutlich und veranschaulicht. Eine nähere Auseinandersetzung mit der Figur von Posse macht generell die Ambivalenz von Persönlichkeiten und deren Handeln in schwieriger Zeit sichtbar.

Anlass des Symposiums zu Forschungen über Posse war der 15. Jahrestag der Washingtoner Erklärung 1998 zum Umgang mit der NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunst. Mit anderen Worten geht es um die Kunstwerke, die zwischen 1933 und 1945 entzogen oder beschlagnahmt wurden. In diese Zeit fiel der “Sonderauftrag Linz”. Von 1910 bis 1938 war Hans Posse Direktor der Dresdner Gemäldegalerie und ab 1939 war er als erster “Sonderbeauftragter” mit dem Aufbau einer Sammlung für das geplante Museum in Hitlers Heimatstadt beauftragt. Für das sogenannte “Führermuseum” wurden Kunstwerke in ganz Europa aufgekauft und auch den jüdischen Besitzern unrechtmäßig entzogen. Dazu betätigte Posse sich als Großeinkäufer auf dem internationalen Kunstmarkt, aber er bediente sich auch am beschlagnahmten Besitz jüdischer Sammler. Dresden wurde in Folge zu einem wichtigen Ort im NS-Kunstverschiebesystem. Die zweitägige Konferenz in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) war lange geplant und, wie Fachleute meinen, schon fast überfällig.

Wie meinst du, warum?

Die Diskussionen haben ein weiteres Mal gezeigt, dass es noch offene Themen gibt, die bisher gar nicht ausreichend behandelt worden sind und weiter diskutiert werden müssen. Manche Fragen kamen erst im Laufe der Veranstaltung tatsächlich ans Licht, wie zum Beispiel die Frage des Antisemitismus bei Posse, also welche Rolle der Antisemitismus bei ihm gespielt hat.

Prof. Gilbert Lupfer, Leiter Forschung und wissenschaftliche Kooperation der SKD, der bei der Tagung auch einen Vortrag gehalten und dann die Abschlussdiskussion moderiert hat, sieht als ein zentrales Thema bei den Forschungen zu Hans Posse dessen Verhältnis zur damaligen zeitgenössischen Kunst – z.B. zum Expressionismus oder zur neuen Sachlichkeit.

Eine viel diskutierte Frage ist, wie Hans Posse dazu gekommen war, 1939 zum Hitler-Sonderbeauftragten zu werden.

In kunsthistorischen Kreisen ist heute die herrschende Meinung, dass Posse beim Aufbau der geplanten Sammlung generell sehr rücksichtslos und ohne großen Skrupel vorgegangen ist. Gilbert Lupfer betont, es ginge für Posse um die Verführung mit praktisch unbegrenzten Mitteln, ein Museum nach seinen Vorstellungen einrichten zu können, die ihn alle Skrupel vergessen ließ.

Die Forschungen zu Hans Posse wurden in Deutschland – nicht nur in Dresden, sondern auch an vielen anderen Stellen – erst Anfang der 2000er Jahre aufgenommen, d.h. kurz nach der Verabschiedung der Washingtoner Prinzipien. Erst damals, als der internationale Druck kam, begann man sich in Deutschland mit dem Thema der NS-Raubkunst richtig auseinanderzusetzten. Vorher waren ähnliche Studien – zu Posse und zum „Sonderauftrag Linz“ – nur in den USA begonnen worden, die den deutschen Kunsthistorikern einen gewissen Anstoß gegeben haben.

Der Nachfolger von Posse – Hermann Voss – ist heute im Unterschied zu Posse wissenschaftlich ziemlich gut erforscht. Denn seine Biographie und seine Rolle sind nicht dermaßen komplex und nicht eindeutig wie im Fall Posse. Heutzutage kommt den Forschungen zu zahlreichen Kunsthändlern der damaligen Zeit, die in diesem Kontext tätig waren, eine große Bedeutung zu – wie z.B. Ferdinand Möller oder aber auch Hildebrand Gurlitt, dessen Sohn jetzt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten ist.

Wie wird Proveninzforschung in Deutschland finanziert?

Aus unterschiedlichen Quellen: mit staatlichen Mitteln auf der Landes- sowie auf der Bundesebene und auch mit privaten Mitteln. Zum Beispiel unterstützen solche Einrichtungen wie die Ferdinand-Möller-Stiftung oder die Thyssen-Stiftung ziemlich großzügig die Arbeit im Bereich Provenienzforschung. Bei der Dresdner Galerie werden die Forschungen vor allem vom Freistaat Sachsen finanziert. Die SKD nehmen seit 2007-2008 ihren Millionenbestand an Kunstwerken genauer unter die Lupe. Bei dem von Gilbert Lupfer geleiteten Provenienz-Rechercheprojekt “Daphne” werden Herkunft und Geschichte aller Kunstwerke erforscht und dokumentiert. Somit hat man in Dresden eine Vorreiterrolle auf dem Gebiet Provenienzforschung übernommen.

Heutzutage, vor allem im Zusammenhang mit dem Fall Gurlitt, gibt es viel Kritik an deutschen Museen, Provenienzforschern sowie staatlichen Einrichtungen, dass sie quasi nichts täten und ihre Arbeit völlig uneffektiv sei. Ist diese Kritik berechtigt?

Es gibt ganz unterschiedliche Einschätzungen und Meinungen dazu, ob deutsche Museen ihren Aufgaben in diesem Bereich gewachsen sind. Kritische Einschätzungen kann man vor allem in ausländischen Medien lesen – wie z.B. in amerikanischen oder israelischen. Der von uns schon zitierte Gilbert Lupfer nennt jedoch diese Kritik völlig absurd und meint, dass sie total unsachlich und unzutreffend sei. Denn sie resultiere entweder aus mangelnder Information oder verfolge möglicherweise andere Ziele. Man konnte den deutschen Museen zurecht lange vieles vorwerfen, weil man sich tatsächlich mit der Provenienzforschung nicht beschäftigen wollte und die Arbeit einfach verschleppt wurde. Selbst nach der Washingtoner Erklärung ist die Aufarbeitung der NS-Raubkunst immer noch langsam gewesen. Die Situation hat sich jedoch seit etwa fünf Jahren erheblich verändert. 2008 wurde die Arbeitsstelle für Provenienzforschung ins Leben gerufen, die vom Bund finanziert wird und die selbst Forschungsprojekte in mehreren Museen finanziell unterstützt. Beispielsweise wird an der Hamburger Kunsthalle seit Jahren sehr effektiv Provenienzforschung betrieben. Gilbert Lupfer hält auch die Kritik an der Magdeburger Koordinierungsstelle Lost Art für ungerechtfertigt. Denn Lost Art bietet nur eine Plattform für Meldungen und kann nicht jeden Antrag im Einzelnen überprüfen.

Was man sich bei der Konferenz ein weiteres Mal deutlich vor Augen führen konnte, war, dass vieles, was mit diesen Themen in Verbindung steht, oft noch weiterer umfangreicher Recherche bedarf. Das betrifft sowohl die Einschätzung von Persönlichkeiten wie Hans Posse als auch die Untersuchung der Wege, die die Kunst genommen hat.

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