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Eine Stunde in der Gurlitt-Wohnung - An Hour in Gurlitt's Apartment

1970
1945
Schaumberger Zeitung 5 December 2013
von Thomas Meinecke [English summary below}

Sie stammt aus Luhden: Provenienzforscherin Dr. Vanessa-Maria Voigt und der Schwabinger Kunstfund



Luhden. Was ist das verbindende Glied zwischen der Kunstsammlung in einer Münchner Wohnung, die weltweit Schlagzeilen produziert hat, und einem Dorf in Norddeutschland? Was hat Luhden mit dem Kunstfall Gurlitt zu tun? Die Verbindung knüpft Dr. Vanessa-Maria Voigt: Die aus Luhden stammende Provenienzforscherin ist Ende Februar 2012 dabei gewesen, als auf Antrag der Staatsanwaltschaft Augsburg in der Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt 1280 Kunstwerke beschlagnahmt worden sind.

„Ich habe damals in der Pinakothek gearbeitet“, erinnert sich Vanessa-Maria Voigt. Sie und eine Kollegin seien von den Ermittlungsbehörden als Kunstsachverständige zu der Aktion hinzugezogen worden. „Die hatten sich im Vorfeld wohl über Herrn Gurlitt im Internet informiert und dabei mein Buch entdeckt – darin gibt es ja auch ein Kapitel über Gurlitts Vater“, vermutet die Expertin für die Herkunft von Kunstwerken, wie es zu diesem besonderen Auftrag gekommen sein könnte. In ihrer Doktorarbeit zum Thema „Kunsthändler und Sammler der Moderne im Nationalsozialismus“ hatte sich die Kunsthistorikerin im Jahr 2005 mit der Sammlung des Sprengelmuseums in Hannover befasst. Besagtes Kapitel behandelt den Kunsthändler und -sammler Hildebrand Gurlitt, der damals die Kontaktperson für die Kunstsammler Margit und Bernhard Sprengel war.

Vanessa-Maria Voigt widerspricht Berichten, wonach die Wohnung von Cornelius Gurlitts vermüllt gewesen sei. „Das stimmt definitiv nicht. Die Wohnung war so aufgeräumt, wie man es bei älteren Menschen erwartet. Da war nichts dreckig, und da hat auch nichts unangenehm gerochen oder gar gestunken. Ein ,Messi’ war er sicherlich nicht.“ Wie sich die Kunsthistorikerin erinnert, hatte der Wohnungsinhaber sämtliche Kunstwerke in einem der drei Zimmer gelagert – hinter einem Vorhang, der die Bilder vor schädlichem Tageslicht schützen sollte.

Nur etwa eine Stunde am ersten Tag der mehrtägigen Aktion hat sich Vanessa-Maria Voigt in der Wohnung Gurlitts aufgehalten. „Mir war schnell klar, dass wir da zunächst nichts machen können. Die Bilder lagen offenbar schon sehr lange in der Wohnung. Die Werke mussten zunächst einmal in eine klimatisch für sie günstigere Umgebung gebracht werden. Insofern mussten vor allem Restauratoren und Konservatoren sich ihrer annehmen.“

In den Schlagzeilen war zu Beginn von einem schier unglaublichen Wert der Sammlung die Rede. Auf eine Milliarde Euro wurde der „Schatz“ taxiert. Verkauft sich als Schlagzeile gut, ist aber von der Wahrheit so weit entfernt wie der Mond von der Erde. „Das ist natürlich totaler Quatsch gewesen“, sagt die Forscherin. Der größte Teil der Sammlung – sie schätzt: vielleicht 80 Prozent – habe aus grafischen Arbeiten bestanden. „Grafiken erzielen auf Auktionen nie derart hohe Preise, um am Ende auf einen solch hohen Gesamtwert zu kommen.“ Und selbst Pressemeldungen, wonach der Gesamtwert der Sammlung auf „nur“ 50 Millionen Euro geschätzt worden ist, hält sie für immer noch übertrieben.

Vanessa-Maria Voigt ist in Bückeburg geboren worden und in Luhden aufgewachsen. Nach dem Abitur am Gymnasium Ernestinum in Rinteln hat sie Kunstgeschichte an der Universität Münster studiert. Von ihrer Promotion (2001 bis 2005) war schon die Rede, die Doktorarbeit ist im Juli 2007 im Reimer-Verlag Berlin erschienen. In die junge Fachrichtung der Provenienzforschung ist Frau Voigt nach eigenen Worten „so reingerutscht“, was dazu geführt hat, dass sie in den ersten Jahren einer von bundesweit lediglich fünf Fachleuten gewesen ist. Bis 2009 war sie in ihrem Fach für die Museen der Stadt Hannover tätig. Seit dem Jahr 2005 arbeitet sie auch frei als Provenienzforscherin für Museen in Deutschland, Österreich und Amerika. Heute ist sie für das Stadtmuseum München tätig.

English Summary:

What is the connecting link between the art collection in a Munich apartment that has produced headlines around the world, and a village in northern Germany? What does Luhden have to do with the Gurlitt art case? The connection is with Dr. Vanessa -Maria Voigt: A native of Luhden, the provenance researcher was at the end of February 2012, at the request of the public prosecutor of Augsburg, at the home of art collector Cornelius Gurlitt when 1280 works of art were seized .

"I worked at that time in the Pinakothek," Vanessa -Maria Voigt recalls. She and a colleague had been called in by the investigating authorities as art experts in the action. "They had probably looked up Mr. Gurlitt on the internet and discovered my book - in it there is also a chapter on Gurlitt's father," suggested the provenance expert, explaining how she came by this particular job.  In her doctoral thesis on "Art dealers and collectors of modernity in National Socialism" , the art historian had dealt in 2005 with the collection of the Sprengel Museum in Hannover.  One chapter deals with the art dealer and collector Hildebrand Gurlitt, who was the contact person for the art collectors Margit and Bernhard Sprengel.

Vanessa -Maria Voigt contradicts reports that the home of Cornelius Gurlitt was full of trash . "That's not true. The apartment was as tidy as you would expect for someone elderly. Nothing was dirty, and there was nothing with an unpleasant smell or which stank . "A mess it certainly was not. " The art historian remembers that the, the householder had all the works of art stored in one of three rooms - . Behind a curtain, which was to protect the images from harmful sunlight.

Vanessa-Maria Voigt only stayed about an hour on the first day of the multi-day action in the Gurlitt apartment. "I quickly realized that we couldn't do anything at that time. The pictures were apparently a very long time in the apartment. The works had first to be brought into a more favorable climate for them. It was particularly important that restorers and conservators took care of them."

In the news, there was talk at the beginning of an unbelievable value forthe collection.  Talk of one billion euros for the treasures.  That sold well as a headline, but was so far from the truth as the moon from the earth. "This is obviously total nonsense," says the researcher. The largest part of the collection - they underestimated: perhaps 80 percent - was made up of graphic works . " Graphics never achieve such high prices at auctions." And even press reports that the total value of the collection has now been estimated at "only" 50 million euros is still exaggerated.

Vanessa-Maria Voigt was born in Biickeburg and raised in Luhden. After graduating from high school in Ernestinum Rinteln she studied art history at the University of Münster. Her PhD thesis (2001 to 2005) was published in July 2007 by Reimer -Verlag Berlin.  In the young field of  provenance research, Ms. Voigt was one of only five experts from Germany in the early years. Until 2009 she worked for the museums of the City of Hanover in this field. Since 2005 she has also worked as a freelance provenance researcher for museums in Germany, Austria and America. She now works for the City Museum of Munich.

http://www.schaumburger-zeitung.de/portal/lokales/sz-heute/eilsen_Eine-Stunde-in-der-Gurlitt-Wohnung-_arid,576907.html
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