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Die Auswirkungen des Falls Gurlitt - The Impact of the Gurlitt Case

1970
1945
NDR 2 December 2013
von Marie-Caroline Chlebosch

Hildebrand Gurlitt © Kunstsammlungen Zwickau Fotograf:  Fritz Alter Sen. Detailansicht des Bildes
Hilldebrand Gurlitt: Via Internet wird weiter der Herkunft seiner Sammlung nachgegangen.


Der Fall Gurlitt zeigt: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es keine "Stunde Null" auf dem Kunstmarkt. Viele der Akteure des Kunsthandels im Dienste der Nationalsozialisten waren auch nach dem Krieg tätig. Es gab im Kunsthandel keinen Bruch, sondern eher Kontinuität. Man hatte kein Unrechtsbewusstsein und erst recht kein Interesse an der Herkunft der Bilder, die auf dem Markt waren. Vielmehr war man bemüht, den nationalsozialistischen Kunstraub zu verschleiern.

Auch im Landesmuseum Hannover hängt Raubkunst. Von den Nazis ihren Besitzern entrissen, wurde sie 1949 gewinnbringend an die Stadt Hannover verkauft - insgesamt 114 Stücke vom Kunsthändler Conrad Doebbeke.

Landesmuseum und Sprengel Museum besitzen mehr als 100 Kunstwerke, deren Herkunft nicht zweifelsfrei geklärt ist. Experten untersuchen, ob es sich um NS-Raubkunst handelt.

Annette Baumann versucht jetzt ihre Herkunft zu klären, Lücken zu schließen. So zum Beispiel die vom "Tennisspieler am Meer", einem Ölbild von Max Liebermann. Einst gehörte es einem Kunstsammler und bekennenden Kommunisten aus Berlin. Das Bild wurde von den Nazis enteignet, doch danach fragte Hannover beim Kauf nicht, erzählt Annette Baumann: "Es gibt keine Äußerung darüber, dass Ankaufsbelege oder ähnliche Dinge angesehen worden sind. Man ging davon aus, dass die Werke sich rechtmäßig im Eigentum von Conrad Doebbeke befanden. Nach damaligen Gesichtspunkten hätte man bewertet, dass es sich um einen rechtmäßigen Erwerb handeln würde. Ich denke, wir bewerten diese Vorgänge heute anders."

Conrad Doebbeke wird vom Kunstsammler zum Kunsthändler

Passbild mit Hakenkreuzstempel von Conrad Doebbeke.  Detailansicht des Bildes
Dank seiner guten Kontakte als NSDAP-Mitglied kann Conrad Doebbeke zahlreiche Kunstwerke nach dem Krieg gewinnbringend verkaufen.

Doebbeke hortet während der NS-Zeit viel als "entartet" verschriene Kunst. Darunter Werke von Lovis Corinth, Emil Nolde oder Oskar Kokoschka. Rund 300 Bilder und Skulpturen versteckt er während des Krieges über ganz Deutschland. Als NSDAP-Mitglied in jungen Jahren hat Doebbeke gute Kontakte, weiß, wo Kunstwerke bei Versteigerungen und unter Galerietheken gehandelt werden. Nach dem Krieg zieht er nach Garbsen in Niedersachsen, wird vom Kunstsammler zum Kunsthändler, löst Teile seiner Sammlung auf und verkauft. Seine Kunden: Museumsdirektoren, die er noch von früher kennt.

"In dem Ausmaß, in dem Conrad Doebbeke erst in späteren Jahren angefangen hat, große Sammlungsbestände zusammenzutragen, gehört er sicher zu wenigen Figuren. Als einen Einzelfall können wir ihn nicht bezeichnen, denn es gibt auch andere Händler, die diese Jahre genutzt haben, um Kunst zu erwerben", so Baumann.

Kunstraub durch die Nazis wird nach dem Krieg nicht aufgeklärt

Provenienzforscher Willi Korte.  Detailansicht des Bildes
Nach dem Krieg habe das Interesse den Bildern gegolten, nicht deren Herkunft, sagt Provenienzforscher Willi Korte.


1945 liegen deutsche Museen in Trümmern. Viele Sammler sind vertrieben oder ermordet, ihr Besitz verschollen. Der jahrelange Kunstraub durch die Nazis wird nicht aufgeklärt. Im Gegenteil: Die Kunsthändler, die schon unter Hitler verkauften, handeln einfach weiter. Ein Neustart bleibt aus, weiß Provenienzforscher Willi Korte: "Es gab ja hier keine Zäsur 1945 bei dem Thema. Also all die Kunsthändler, die Kunstexperten, die konnten nach kurzer Verschnaufpause in der unmittelbaren Nachkriegszeit ihre Karrieren unbesehen fortsetzen."

Willi Korte ist seit Jahrzehnten der NS-Raubkunst auf der Spur. Ihre Herkunft direkt nach Kriegsende einwandfrei festzustellen war damals kaum möglich, sagt er. Auch wenn sich die Alliierten bemühten, Teile zurückzugeben. Dennoch: Ein Großteil landete bei Auktionen oder wurde direkt an Museen verkauft. Der Kunstmarkt boomte. "Wenn ich mir die Akten aus diesen Jahren ansehe: Da werden den Museen ständig Bilder dieser Moderne, dieser entarteten Kunst angeboten, und Fragen hinsichtlich der Herkunft dieser Bilder gibt es nicht. Nein, es ist nur das Interesse am Kunstwerk, nicht an der Geschichte des Kunstwerkes", sagt Korte.

Die Spurensuche ist noch nicht zu Ende

Annette Baumann.  Detailansicht des Bildes
Seit vier Jahren forscht Annette Baumann an der Doebbeke-Sammlung.

So ist es auch in Hannover: Die Stadt kauft von Doebbeke ohne Fragen zu stellen. In den 50ern stellen die Nachfahren verfolgter Juden Ansprüche auf drei Bilder aus der Sammlung. Und tatsächlich: Die Bilder sind Raubkunst. Sie werden zurückgegeben oder die Familien finanziell entschädigt. Die nächsten 50 Jahre passiert dann aber nichts. Erst Ende der 90er-Jahre kommt es zur "Washingtoner Erklärung". Darin sagt Deutschland zu, unrechtmäßig erworbene Kunst an die eigentlichen Besitzer zurückzugeben oder den entstandenen Schaden finanziell auszugleichen. Dies gilt auch für Hannover.

"Es ist allgemein so, dass man in dieser ganzen Zeit nicht so sehr auf vormalige Eigentumsverhältnisse geachtet hat. Dieses Bewusstsein ist erst durch die Washingtoner Erklärung geschärft worden", erklärt Annette Baumann. Sie forscht für die Stadt Hannover seit 2009 an der Doebbeke-Sammlung. Alle Bilder, die daraus im Sprengel-Museum hängen, sind rechtmäßig erworben. Bei über fünfzig weiteren im städtischen Besitz wird die Herkunft noch mal geklärt. Bei einem Gemälde von Lovis Corinth konnte die Forscherin Entwarnung geben. Das Bild der Frau des Malers am Strand hat Doebekke rechtmäßig ge- und wieder verkauft.

Die Spurensuche geht weiter. Auch weil die Stadt noch immer Anfragen von Familienangehörigen verfolgter Juden bekommt.

http://www.ndr.de/kultur/kunst_und_ausstellungen/gurlitt121.html
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