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Bringschuld der T├Ąter - The Wrongdoer's Duty to Return

1970
1945
Das Erste 1 December 2013
von Andreas Krieger [English translation below]

Bausteine eines hochgotischen Kreuzgangs

Bausteine eines hochgotischen Kreuzgangs im Germanischen Nationalmuseum

Der Fall Gurlitt war nur die Spitze des Eisbergs. In Museen finden sich immer noch ganze Raubkunstkonvolute. "Ich bin eines Tages durch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg gegangen mit dem damaligen Direktor", erinnert sich der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann. "Und in einem Innenhof sah ich die Bausteine eines kompletten hochgotischen Kreuzgangs. Ich habe gefragt, wo das herkommt. – Das sei ein Kreuzgang aus Frankreich. – Was macht der hier? – Ja, der ist während des Krieges hierher gebracht worden. – Das müssen Sie doch zurückbringen. – Ja, die Gemeinde, der das gehört, die hat kein Transportgeld… So ist das in deutschen Museen."

"Pflegliche Unterbringung" von geraubter Kunst

Ulrich Großmann

Ulrich Großmann, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums

Ulrich Großmann war damals der Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums. Und ist es auch heute noch. Das Museum hat noch 30 bis 40 Kunstwerke von zweifelhafter Provenienz. "Der Kreuzgang, von dem wir anfänglich nicht wussten, wo er herkommt, ist eine Leihgabe des Freistaates Bayern", sagt Großmann. "Der Freistaat hatte die Bestände von Göring übernommen und versuchte sie pfleglich unterzubringen, bis eine Lösung gefunden worden ist." Mittlerweile ist der Innenhof leer, der Kreuzgang zurück in Frankreich. Für den Transport bezahlt hat schließlich die französische Regierung, nicht aber Deutschland.

1998. Die Washingtoner Erklärung. Eine Selbstverpflichtung Raubkunst zurückzugeben. Kulturstaatsminister Naumann schreibt den Museen, mit der Bitte der Erklärung nachzukommen. Nur einer antwortet: Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Vernichtete Spuren

Zu lange wurde nach Raubkunst nicht groß gefragt oder mit dem nötigen Aufwand geforscht, wurden die Tricksereien der Reichsbank und deutscher Kunsthändler im Krieg nicht durchleuchtet. Stattdessen: Verschleierung, Aktenvernichtung. "In den siebziger Jahren wurden die ganzen Transaktionen, die diese finanziellen Hüttchenspieler der deutschen Reichsbank in den besetzten Gebieten dokumentierten, verbrannt", sagt Naumann. "Und zwar auf, glaube ich, Anweisung eines hohen Beamten der ehemaligen Reichsbank. Es wurden Spuren vernichtet. Davon muss man leider ausgehen, jedenfalls auf staatlicher Ebene."

Die Sammlung Doebbeke in Hannover

Stefan Koldehoff

Stefan Koldehoff

Das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover. Hier, und im Sprengel Museum ist die höchst problematische Sammlung Doebbeke untergebracht. "Dieser Sammler, Conrad Doebbeke, NSDAP-Mitglied sehr früh schon, wusste, dass er NS-Raubkunst hatte", sagt Kunsthistoriker und Journalist Stefan Koldehoff. "Er hat sie trotzdem ans Museum verkaufen können. Auch ganz offen sagend: Das ist Raubkunst, lasst das Zeug lieber erst mal in den Kisten und macht keine Ausstellungen. Das ist schon reichlich skandalös, dass das 70 Jahre nach dem Holocaust immer noch nicht vollständig aufgearbeitet ist."

Marlis Drevermann, die Kulturdezernentin von Hannover

Marlis Drevermann, Kulturdezernentin von Hannover

"Es ist ein öffentlicher Nazi-Schatz von Kunstwerken, die schon immer ausgestellt waren", sagt Marlis Drevermann, die Kulturdezernentin von Hannover. "Es ist ein Schatz in Anführungsstrichen." 1949 kaufte die Stadt Hannover von Doebbeke 114 Werke der deutschen Moderne. Wo er sie her hatte, das hätte man wissen können. Bereits in den fünfziger Jahren wurden Restitutionsforderungen gestellt und damit auf die bedenkliche Herkunft der Sammlung aufmerksam gemacht. Unfassbar wie spät und mit welch geringem Aufwand geforscht wird. "Wir haben vor fünf Jahren mit einer halben Stelle begonnen", sagt Drevermann. "Haben dann aber festgestellt, gerade vor dem Hintergrund der Sammlung Doebbeke, dass das Konvolut so groß ist, dass wir die Stelle verdoppeln müssen und haben sie deswegen zu einer Gesamtstelle, also zu einer gesamten festen Stelle, eingerichtet - vor etwa drei Jahren." Nur eine Stelle für Provenienzforschung. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach den ersten Restitutionsforderungen!

Zu wenig Geld für die Forschung

Heute stellt der Bund jährlich zwei Millionen Euro für Provenienzforschung zur Verfügung. Das müssen sich die Museen teilen. Im Vergleich: eine Wildwechselbrücke irgendwo in der Provinz kostet bis zu 20 Millionen Euro. "Das sind so kleine Dotationen", sagt Naumann. "Ich glaube, mehr um das eigene Gewissen zu beruhigen, als um die Sache endlich in Schwung zu bringen."

Ehemaliger Kulturstaatsminister Michael Naumann

Der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann

Es wurde nicht genug getan. Nicht vom Bund, nicht von den Ländern - heute Treuhänder des Kunsterbes der Nazi-Zeit. Unglaublich, aber womöglich wahr: Raubkunst könnte auch heute noch in Amtsstuben hängen. Michael Naumann erinnert sich an ein Gespräch: "Während meiner Amtszeit als Staatsminister für Kultur im Kabinett von Gerhard Schröder kam ein Beamter auf mich zu und sagte: 'Wissen Sie eigentlich, dass in den Finanzbehörden des Bundes Bilder hängen, die aus dem Raubgut der Nazis stammen, aber nicht restituiert werden konnten von den Amerikanern und anderen Alliierten? Diese Bilder hängen dort mit der Maßgabe, dass sie nicht in Zimmer gezeigt werden dürfen, in denen Publikumsverkehr herrscht.' In anderen Worten: Es gab zweifellos – nennen wir es mal so: eine gewisse Zurückhaltung bei der Restituierung und Suche nach den ursprünglichen Besitzern dieser Bilder."

Eine Holschuld der Opfer?

Vom Finanzministerium bekommen wir kein Interview. Objekte aus Reichsbesitz werden auf Rückgabeansprüche überprüft, teilt man uns mit. Es sei kein Gemälde, bei dem NS-verfolgungsbedingter Entzug vorliegt, mehr vorhanden – nach dem jetzigen Kenntnisstand!

Das Tor des Finanzministeriums

Das Tor des Finanzministeriums

Wir fragen uns: Wurde wirklich genug geforscht? "Ich habe das Gefühl, das in manchen Häusern immer noch der Eindruck vorherrscht, es handele sich um eine Holschuld der Opfer", sagt Koldehoff. "Die können ja kommen und sich erkundigen, ob wir was von ihnen haben. Das Umgekehrte ist der Fall. In der Washingtoner Erklärung von 1998 haben sich die Museen verpflichtet: Wir suchen von uns aus. Wir veröffentlichen, was wir gefunden haben. Und gegebenenfalls geben wir die Bilder auch zurück. Es handelt sich also keineswegs um eine Holschuld der Opfer. Es handelt sich um eine Bringschuld der Täter."

Es ist ein Skandal, dass immer noch Raubkunst in Museen und womöglich Amtsstuben hängt. Das sollte endlich mit allen Kräften angegangen werden. Egal wie viel es kostet.

English translation:

The Gurlitt case is only the tip of the iceberg.  Museums still hold entire holdings of looted art.

"One time I walked through the Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, together with its then director ", former Cultural Minister Michael Naumann recalls. "And in a courtyard I spotted building blocks of a complete high-Gothic cloister. I asked where they came from. – I was told it was a cloister from France. – What is it doing here? – Well,it was brought here during the war. – But you are supposed to return itt. – Yes, the church community, that owns it does not have the funds to transport it… That’s what it is like in German museums."

 "Careful Safekeeping" of Looted Art

 Ulrich Großmann was the General Director of the Germanischen Nationalmuseums at the time. And still is today. The museum still has 30 to 40 objects of dubious provenance. "The cloister, which we originally did not know where it came from, was a loan from the Free State of Bavaria.", Großmann says. "Bavaria took over the Göring collection and stored it with care, until a solution was found". Today the courtyard is empty, the cloister has been returned to France. The French government paid for the transport, not Germany.

1998. The Washington Agreement. A commitment to return looted art. Cultural Minister Naumann writes to the museums and asks them to comply with the Principles. Only one replies: Klaus-Dieter Lehmann, President of the Prussian Cultural Heritage Foundation.

Destroyed Traces

For too long no questions were asked concerning looted art, no research was conducted with the diligence that would be necessary and the trickeries of the Reichsbank and German art dealers during the war were not investigated. Instead: Concealment, destruction of files. "In the '70ss entire transactions, which documented these financial tricksters of the German Reichsbank in the occupied territories were burned", Naumann says. "And that occurred, as far as I remember, by order of a high official of the former Reichsbank. Traces were erased. This is, unfortunately, what one has to assume, at least at state level."

The Doebbeke Collection in Hannover

The Niedersächsische Landesmuseum in Hannover. Here, and at the Sprengel Museum the highly problematic Doebbeke collection is held. "This collector, Conrad Doebbeke, an early member of the NSDAP, knew that he had Nazi looted art", says art historian and journalist Stefan Koldehoff. "Nevertheless he was able to sell his collection to the museum. While stating openly: This is looted art, you had better leave the stuff in boxes for now and don’t put it on display. It is quite scandalous, that 70 years after the Holocaust this still hasn’t been fully dealt with."

"It is a public Nazi treasure of artworks , which has always been on display," says Marlis Drevermann, Head of the Department of Culture for Hanover. "It is a treasure in quotation marks."  In 1949 the city of Hanover purchased 114 German Modernist works of art  from Doebbeke. They would have known where he acquired them from. Already in the '50s restitution claims were being made which made them aware of the dubious origin of the collection. It is unbelievable how late and with how little effort research is being conducted. "We started five years ago with a part-time person", Drevermann says. "But then we determined that especially in light of the Doebbeke collection, the extent is so great, that we have to double the work and have therefore changed it into a full time position, a permanent position – about three years ago." Only one position for provenance research. More than half a century after the first restitution claims!

Not enough funding for research

Today, the federal government provides €2m for provenance research. This sum has to be shared by the museums. In comparison, a deer crossing bridge in the provinces will cost somewhere up to €20 million. "These are such small endowments," says Naumann. "I think, they are more to soothe the conscience than to bring momentum to the matter at last."

Not enough has been done. Not by the federal government, not by the states – which are today’s trustees of the art heritage of the Nazi era. Unbelievable, but probably true: looted art could still hang in government offices today. Michael Naumann recalls a conversation: "During my tenure as Cultural Minister in the cabinet of Gerhard Schröder, an official came to me and said: 'Do you know that there are paintings in the offices of the Federal Finance Authorities that have their origin in Nazis looted assets, but that could not be restituted by the Americans? These paintings hang in those offices with the guideline not to put them on display in rooms in which there is public access.' In other words: Without a doubt there was – let’s call it: a certain reservation concerning the restitution and the search for the original owners of those paintings."

The Victim’s Duty to Claim?

We were unable to get a statement from the Ministry of Finance. Objects from the assets of the Reich are being checked for restitution claims, we were told. None of the paintings fall within the definition of a persecution inducted Nazi deprivations  – according to the current state of knowledge!

We ask ourselves: Has there really been enough research? "I have the feeling that in some museums there is still the opinion that it is a debt that has to be collected by the victims," says Koldehoff.” "They are free to come and ask whether we have something from them. The opposite is the case. In the Washington Declaration of 1998, the museums have committed to another approach: .... We are actively searching ourselves. We publish what we find. And if applicable we will also return the paintings. So it is not the victim’s duty to claim. It is the duty of the guilty to return."

It is a scandal that looted art still hangs in museums and offices. That should finally be addressed with all force. No matter how much it costs.

 

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/br/2013/raubkunst-gurlitt-100.html
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