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Verdrängen, vergessen, verkaufen - Der Fall Gurlitt und der Kunstbetrieb im Nachkriegsdeutschland - Repression, Forgetting, Sale: The Gurlitt Case and the Art World in Post-War GermNY

1970
1945
Das Erste 24 November 2013


Im Frühjahr 1945 liegt Deutschland in Trümmern. Die Museen sind zerstört, geplündert, die Werke geraubt und über den Kontinent verstreut, viele Sammler ermordet, ihr Besitz gestohlen oder verschollen. Es war der Moment, wo man hätte versuchen können, den millionenfachen Kunstraub rückgängig zu machen.

Hildebrand Gurlitt

Hildebrand Gurlitt war Direktor des Hamburger Kunstvereins. Als Kunsthändler im Auftrag der Nazis spielte er eine Doppelrolle.

Aber es beginnt jene Geschichte, die uns zum Kunstschatz von Schwabing führt. Und mitten hinein in das Problem, dass es auch beim Kunstbetrieb, wie fast überall, keinen Neuanfang in der Bundesrepublik gab. Der Provenienzforscher und Kunstfahnder Willi Korte ist seit Jahrzehnten Raubkunst auf der Spur. Er sieht nach 1945 eine erschreckende Kontinuität: "Also all die Kunsthändler, Kunstexperten, Archivare, also was auch immer sie im Bereich Kunst- und Kulturgut gemacht haben, die während der Kriegszeit vor allem in den besetzen Ländern mit Kunstschutz, Kunstaufkäufen und sonstigen Dingen beschäftigt waren, die konnten ja nach einer kurzen Verschnaufpause in der unmittelbaren Nachkriegszeit ihre Karrieren unbesehen fortsetzen."

Wie Gerechtigkeit herstellen?

Provenienzforscher Willi Korte

Provenienzforscher Willi Korte

Gerechtigkeit herzustellen, wäre eine Herkulesaufgabe gewesen. Die Alliierten machten einen Anfang und brachten von den Nazis geraubte Kunst in die ehemals besetzten Länder zurück. Sie stießen dabei auch auf Gurlitt. "Wenn ich mir die Verhörprotokolle und die Unterlagen der Besatzungszeit ansehe, gerade zu Kunsthändlern, da zieht sich durch deren Aussagen genau das, was auch Gurlitt nach dem Krieg produziert hat: 'Meine Unterlagen sind verbrannt, alles ist so lange her, ich kann mich nicht erinnern. Die meisten Bilder sind auch weg.' Und damit sind die Herren in der Regel durchgekommen", erklärt Korte.

Gurlitts Schatz exemplarisch für den Umgang mit geraubter Kunst

So wie im Fall Gurlitt ereigneten sich die Dinge regelmäßig. Der Kunstfund aus Schwabing ist wie ein Wiedergänger aus einer unerledigten Zeit, die Deutschland einfach nur hinter sich lassen wollte. Und so steht Gurlitts Schatz exemplarisch für den deutschen Umgang mit geraubter und sogenannter entarteter Kunst. Museen, Sammler und Händler begannen schon kurz nach Kriegsende einen regen Austausch und Handel mit Nazi-Raubkunst.

Historikerin Anja Heuß

Historikerin Anja Heuß

"Gerade der Kunsthandel war überhaupt nicht daran interessiert, sich jetzt nach 1945 mit solchen Provenienzfragen zu belasten", sagt Historikerin Anja Heuß von der Staatsgalerie Stuttgart. "Der Kunsthandel wollte natürlich frei verkäufliche Werke, also die nicht mit irgendwelchen Problemen behaftet sind. Und auch die Museen haben sich ja nach 1945 in Westdeutschland stark vor allem als Opfer des Nationalsozialismus gesehen."

"Wenn ich mir die Akten aus diesen Jahren ansehe, da werden den Museen ständig Bilder dieser Moderne, dieser entarteten Kunst angeboten. Fragen hinsichtlich der Herkunft dieser Bilder gibt es nicht. Nein, es ist nur das Interesse am Kunstwerk, nicht an der Geschichte des Kunstwerks", fügt Willi Korte hinzu.

Systematisches Desinteresse an der Provenienz

Museumsdirektoren, Sammler und Händler arbeiten bestens zusammen - man kennt sich ja von früher. Und jene, die unbequeme Fragen stellen oder gar Ansprüche hätten anmelden können, sind ermordet oder geflohen. Das systematische Desinteresse an der Herkunft der Kunst ist die Voraussetzung für einen funktionierenden Kunstmarkt im Nachkriegsdeutschland. Provenienzforscher Korte fragt sich: "Ob es in der Tat nicht mehr war, als nur ein Versehen. Ob es nicht in der Tat eine schweigende Übereinstimmung gab, in der Kunstwelt, im Kunsthandel, in den Museen, diese zwölf Jahre auszublenden."

"Es ist wirklich erschütternd, dass man bis zur Washingtoner Konferenz 1998 eigentlich keinen Wert auf Provenienzen gelegt hat, vor allem nicht auf Provenienzen der Nazizeit natürlich", so Anja Heuß.

Verjährungsgesetz in Sachen Raubkunst abschaffen

Auf der Konferenz von Washington wurde eine "Empfehlung" gegeben, Nazi-Raubkunst zurückzugeben oder zumindest einen Ausgleich mit den Vorbesitzern zu suchen. Die deutschen Museen mühen sich seither, dem nachzukommen. Aber der Kunsthandel nimmt es mit der Unverbindlichkeit dieser Empfehlung sehr genau: Regelmäßig kommt Raubkunst bis heute untern Hammer.

Gestern nun kam aus dem bayerischen Justizministerium der Vorstoß, das Verjährungsgesetz in Sachen Raubkunst abzuschaffen. Eine Idee, die aber im Fall Gurlitt wohl nicht mehr hilft - und Jahrzehnte zu spät kommt. "Ob nun die Hinweise, Forderungen auf Abschaffung der Verjährungsfrist im Bereich Kunst und Kulturgut eine realistische Chance haben, umgesetzt zu werden, da bin ich sehr skeptisch", sagt Korte. "Und ich weiß nicht, ob die Politik da dann das Rückgrat hat, dann die Sache trotzdem durchzuziehen."


http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/gurlitt100.html
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