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"Er wollte Kunst retten" - "He wanted to Rescue Art" - Haubrich bought five paintings from Hildebrand Gurlitt, now in the Ludwig Museum

1970
1945
Die Welt 19 November 2013

Auch Sammler Josef Haubrich kaufte beim NS-Händler Gurlitt. Julia Friedrich erforscht die Hintergründe

Rund 1400 Kunstwerke befanden sich in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt, dem Sohn des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Viele davon stammten aus deutschen Museen, aus denen die Nazis sie 1937 als "entartet" beschlagnahmt hatten. Ein Blick in den Katalog der Kölner Sammlung Haubrich, die sich heute im Museum Ludwig befindet, zeigt, dass Gurlitt während des Krieges Gemälde an den Sammler verkaufte. Julia Friedrich, Kuratorin am Museum Ludwig, forscht zum Ausstellungswesen und der Sammlungspolitik in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Christiane Hoffmans hat mit ihr gesproche

Wie viele Werke der Sammlung von Josef Haubrich stammen von Hildebrand Gurlitt?

Julia Friedrich:

Josef Haubrich hat zwischen 1940 und 1945 fünf Gemälde bei dem NS-Händler gekauft. Die Nationalsozialisten hatten zwar verboten, Werke der "Entarteten Kunst", die sie aus Museen beschlagnahmt hatten, im Inland zu verkaufen, aber daran hat Gurlitt sich nicht gehalten. Er kannte Haubrich schon viele Jahre und wusste, dass er an expressionistischer Kunst interessiert war.

Damit kauften die Sammler Werke, die der NS-Staat aus Museen beschlagnahmt hatte.

Josef Haubrich hatte genau verstanden, was die Nazis machten, und er wusste, welche Bilder Gurlitt ihm anbot. Aber der Sammler wollte die Kunst, die er so schätzte, vor der Zerstörung retten. Haubrich hat Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix oder Karl Hofer gekauft und später dem Museum geschenkt. Er war so weitsichtig, dass er sogar schon 1934/35 Gemälde von Max Liebermann aus dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum gekauft hat, um sie vor den Nazis zu retten. Um Haubrichs Engagement bewerten zu können, muss man sich vor Augen halten, dass auch er selbst unter Beobachtung der Nazis stand.

Gab es nach dem Krieg kein Bewusstsein für die Problematik der Rückkäufe von NS-Händlern? Haben die Direktoren nicht versucht, die Bundesrepublik zu bewegen, die NS-Gesetzgebung rückgängig zu machen?

Direkt nach dem Krieg lag das Augenmerk der Menschen auf Wiederaufbau. Auch die Museen wollten ihre Moderne-Abteilungen so schnell wie möglich wieder aufbauen. In der Regel wussten sie, wenn die Bilder vorher in einem anderen Museum gehangen hatten und fragten sogar manchmal vor einem Kauf beim Vorbesitzer an. Doch die Käufe waren ja gesetzlich gedeckt. Problematischer wurde es bei Werken, deren Provenienz nicht so eindeutig war. Fast niemand hatte sich damals ernsthaft die Frage gestellt, wo die Werke herkommen, die angekauft wurden. Das gilt natürlich besonders für solche, die die Nazis von jüdischen Sammlern verfolgungsbedingt beschlagnahmt haben, um sie dann zu verkaufen oder zu versteigern.

Das ist heute schwer vorstellbar. Zumal die Alliierten die Museumsdirektoren absetzten, die mit dem NS-Regime paktiert hatten – wie etwa Otto H. Förster, der von 1933 bis 1945 das Wallraf-Richartz-Museum leitete.

In vielen Museen gab es keinen Direktorenwechsel. Und was Otto H. Förster angeht: 1957 setzte die Stadt Köln ihn wieder ein – einen Mann, den die Alliierten 1945 wegen seiner Nazivergangenheit abgesetzt hatten. Förster hatte aus dem Museum Magazinbestände verkauft und erwarb auch eine Menge Werke aus den besetzten Ländern.

Gab es keinen Aufschrei in Köln? Intervenierten die Alliierten nicht?

Damals ist das nicht so kritisch gesehen worden, wie wir es heute tun. Es ging ja "nur" um Kunst. Hätten die Museen Nazikunst gekauft und gezeigt, dann wären die Alliierten sicher eingeschritten. Aber moderne, expressionistische Kunst zu kaufen, damit demonstrierte man eine antifaschistische Haltung. Auch die Tatsache, dass Hildebrand Gurlitt wieder als Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins arbeiten konnte, passt ins Bild.



http://www.welt.de/print/welt_kompakt/koeln/article122028601/Er-wollte-Kunst-retten.html
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