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Flechtheim und die Folgen - Flechtheim and the Consequences

1970
1945
Eiskellerberg 10 October 2013
By C. F. Schröer

"Eine Frage der Ehre und Erinnerung". Flechtheim-Erbe Michael Hulten droht und kündigt Gesprächsbereitschaft an



Alfred Flechtheim in seiner Berlin Galerie, Aufnahme von 1928 (Foto Ullstein)

Museum Ludwig restituiert sechs Zeichnungen

"Mixed feelings“, antwortet uns Michael Hulten auf die Frage, welche Eindrücke er von seinem kurzen Aufenthalt in Deutschland mitgenommen hat? - „Gemischte Gefühle. Als Jude denkt man immer an die Vergangenheit hier.“ Bevor er nach San Francisco, Kalifornien, zurückfliegt, wo er seit vielen Jahren lebt, hat der eher schmächtige, freundliche Herr noch Köln besucht. Dort traf er mit dem neuen Direktor Philipp Kaiser und der Sammlungsleiterin Julia Friedrich vom Museum Ludwig zusammen. Gleich sechs Zeichnungen aus den Beständen des Kölner Museums wurden ihm als Erben von Alfred Flechtheim übergeben. Darunter wertvolle Blätter von Paula Modersohn-Becker, Ernst Barlach, Karl Hofer und Aristide Maillol. Das Museum hatte zuvor bereits ein Gemälde von Oskar Kokoschka, das „Bildnis Tilla Durieux“, an die Flechtheim-Erben restituiert.



restituiert "Bildnis Tilla Durieux", gemalt von Oskar Kokoschka 1910. Von Axel Vömel 1934 an Josef Haubrich verkauft

Dieses Bild, wie auch alle sechs Zeichnungen hatte der Kölner Sammler Josef Haubrich nach der Machtübernahme der Nazis 1933 bei dem Galeristen Axel Vömel erworben. Dieser wiederum hatte die Düsseldorfer Galerie von Alfred Flechtheim kurzerhand übernommen. Bis heute streiten die Rechtsgelehrten und auch die Kunsthistoriker, ob man diese Übernahme „Arisierung“ nennen soll. In Köln hat man sich davon frei gemacht und sieben seit Jahren rechtlich umstrittene Werke an den Erben des Eigentümers Flechtheim zurückgegeben. Um weitere Werke u.a. von George Grosz wird weiterhin gestritten.

Michael Hulten ist sichtlich erleichtert über den unerwartet glücklichen Ausklang seiner Deutschlandreise. In München und Düsseldorf zeigt man sich nicht gesprächsbereit. Auch dort, in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geht es immerhin um sechs Bilder Max Beckmanns und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen bislang um zwei Werke, die „Federpflanze“ von Paul Klee und das Stilleben „Violon et encrier“ von Juan Gris. Das Werk ist Bestandteil der aktuellen Ausstellungen zum Fall Flechtheim.

 

"Federpflanze", Öl auf Leinwand, 1919 von Paul Klee (l.),  "Geige und Tintenfass", Öl auf Leinwand, 1913 von Juan Gris

Ob er sich erklären könne, warum man ihn in München und Düsseldorf nicht auch zu einem persönlichen Gespräch empfangen habe, das er doch seit Jahren anbiete? - „Ich bin immer gesprächsbereit. Vielleicht haben die Angst, daß wir Recht haben?“ lautet Hultens Vermutung. Tags zuvor in Düsseldorf hatte er noch schweres Geschütz aufgefahren. Kaum hatten die 14 zu einem Flechtheim Projekt vereinigten Museen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im Museum Kunstpalast ihre neue Webseite Flechtheim.com vorgestellt, eilte die versammelte Journalisten- und Kuratorenschar ein paar hundert Meter durch den Hofgarten zur Gegenpressekonferenz der Flechtheim-Erben. In einem Hotel hatte Hulten, flankiert von zwei Anwälten, Markus H. Stoetzel aus Marburg und Mel Urbach von der New Yorker Madsion Avenue, heftige Vorwürfe gegen die deutschen Museen erhoben, mit einem Ultimatum gedroht, eine eigene Webseite, Alfred Flechtheim.org, „The true story“ präsentiert und gleichzeitig die Gründung einer „Flechtheim-Stiftung“ in Aussicht gestellt.

Urbachs „Message“: Bis zum 30. April 2014 sind wir gesprächsbereit. Danach werde man „rather tough“. Sogar mit dem Staat Israel drohte der Anwalt, wenn die deutschen Museen und Privatsammlungen nicht in Verhandlungen über die von dem Flechtheim-Erben zurückgeforderten Kunstwerke einträten. Allein in Deutschland liegen allein 12 Restitutionsgesuche seitens Hultens vor.

 Flechtheim Stiftung in Gründung

Hulten, Sohn des Flechtheim-Alleinerbens Heinz-Alfred Hulisch, der sich nach 1947, dem Jahr seiner Einbürgerung in England, Henry-Alfred Hulton nannte, ist 67 Jahre alt. Er hat sich nun zur Gründung einer „Alfred und Betty Flechtheim-Stiftung“ durchgerungen, auch weil er dem Vorwurf begegnen möchte, die „Werke aus den Museen abzuräumen“. Er hofft vielmehr auf Lösungen „wie in Bonn“. Mit dem Kunstmuseum Bonn konnte im vergangenen Jahr eine gütliche finanzielle Einigung über das expressionistische Gemälde “Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ von Paul Adolf Seehaus erzielt werden. Das Bild wurde an Hulten restituiert, weil es bis 1933 zu Flechtheims Privatbesitz gehörte. Heute zählt das Bild als Schlüsselwerk des „Rheinischen Expressionismus“ zur Bonner Sammlung, aktuell ist es in der Ausstellung „Ein Expressionistischer Sommer Bonn 1913“ zu sehen.

Nach dem Bonner Modell könnte auch in Köln eine Einigung gelingen - und die sechs, jetzt restituierten Zeichnungen verblieben am Ende in der Sammlung Haubrich.


Rotation. "Leuchtturm mit rotierenden Strahlen", Öl Leinwand, von Paul Adolf Seehaus 1913 gemalt und in Bonn ausgestellt, wurde unlängst restituiert und verbleibt doch an alter Stelle

Rekonstruktion der Sammlung Felchtheim

Aber was käme dann überhaupt in die Stiftung? Darüber wurde auch auf der Pressekonferenz nicht viel bekannt. Offenbar sind die Pläne noch nicht sehr weit gediehen. Hulten sicherte allerdings zu, dass die neue Stiftung nach deutschem Recht gegründet wird  und ihren Standort in Deutschland, in Berlin oder Düsseldorf, finden soll. Alle „Gegenstände, die zurückgegeben werden“ sollen nach Hultens Wunsch dort Unterbringung finden. Er denkt nicht nur an die Kunstwerke, sondern auch an alle anderen persönlichen Erinnerungsstücke und Einrichtungsgegenstände von Betty und Alfred Flechtheim. Die Kunstwerke findet er in den Museen „meist gut aufgehoben“. Doch will er die Eigentumsrechte geklärt wissen. Die Stiftung werde auch mit dem Auftrag gegründet, die Forschung über das Erbe Flechtheims und ähnlicher Fälle voranzutreiben.

Die verschollene "Sammlung Flechtheim" soll rekonstruiert und dokumentiert werden. Sie habe an die 200 heute weltbekannte Kunstwerke umfasst, bevor die Nazis Flechtheim aus Deutschland vertrieben und sich der Sammlung bemächtigten. „Es ist eine Frage der Ehre und der Erinnerung an Flechtheim und an die Familie Flechtheim“.  

 

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