News:

Verlust und Verfolgung - Loss and Persecution

1970
1945
Der Tagesspiegel 10 October 2013

By Bernhard Schulz

15 Museen haben sich zusammengetan, um mit Ausstellungen und einer Datenbank den Kunsthändler Alfred Flechtheim zu würdigen. Doch die Erben attackieren das Projekt, weil sie nicht einbezogen wurden.

Die Verbrechen der Nationalsozialisten sind längst nicht aufgearbeitet, auch nicht im Bereich der Kunst, trotz nun schon jahrelanger Provenienz- oder Herkunftsforschung. Was wurde geraubt, was ging verloren, was tauchte wo wieder auf? Mit der Geschichte des Kunsthändlers Alfred Flechtheim rückt nun ein besonders kapitaler Fall in den Blick, wohl der komplizierteste der ganzen NS-Raubkunst-Geschichte.

Haller's Flechtheim head at the Museum Kunst Palast. 

Die fliehende Stirn, die geknickte Nase, der lauernde Blick – so hat Otto Dix ihn 1926 gemalt, den Kunsthändler Alfred Flechtheim (1878–1937), seine unverkennbare Physiognomie, die eins war mit dem Beruf des Mannes. Händler war er schon von Herkunft her, er entstammte einer jüdischen Familie von Getreidehändlern aus Münster. Aber er war mehr als ein Händler. Ein „Marchand-Amateur“ wollte er schon in jungen Jahren sein, ein Händler-Liebhaber der Kunst. In der Weimarer Republik war er der bedeutendste seiner Zunft, er kaufte, was er liebte, er handelte damit, und am Ende, nach der Weltwirtschaftskrise, ging er bankrott, längst schon von den Nazis diffamiert als „Kunstjude“.

Unzählige Bilder der Klassischen Moderne gingen durch seine Hände, und das ist der Dreh- und Angelpunkt eines Streits, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Die Nationalsozialisten verfolgten Flechtheim, sie zwangen ihn ins Exil, sie konfiszierten seine Bilder, und einer der Ihren, ein Parteimitglied, übernahm die Düsseldorfer Stammgalerie Flechtheims, allerdings wohl im Einverständnis mit Flechtheim – um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Bilder, die die Nationalsozialisten 1941 aus der Wohnung von Flechtheims Ehefrau Betty holten, wurden „verwertet“, wenn sie nicht schon vorher in alle Winde zerstreut worden waren. Betty hatte sich ihrer Deportation durch Selbstmord entzogen.

Da wird die Historie zum Fall Flechtheim. Zahlreiche Museen, in Deutschland, aber auch bis hin zum New Yorker MoMA, besitzen Gemälde, von Picasso, Beckmann, Klee, Léger, um nur einige zu nennen, Bilder, die sich einst im Besitz Flechtheims befanden. Ob immer auch in seinem Eigentum, ist eine heikle Frage, Flechtheim hatte Geschäftspartner, er handelte bisweilen mit Kommissionsware, und was sich in seiner Wohnung befand – dokumentiert durch Fotos von 1929 –, dürfte zum Teil aus der legendären Berliner Galerie am Lützowufer 13, ab 1921 dem Zentrum von Flechtheims Aktivitäten, genommen worden sein.

Jetzt haben sich 15 Museen in 13 deutschen Städten sowie Zürich zusammengetan, um eine virtuelle Ausstellung zu starten. Sie zeigen, welche Werke in ihren Sammlungen aus Flechtheims Galerien stammen und welche Wege sie bis in die heutigen Museen genommen haben, und haben die Website www.alfredflechtheim.com gestaltet. Die Absicht ist löblich: „Seit 2009 vermuten die Erben bei zahlreichen Werken mit der Provenienz Flechtheim in Sammlungen von Museen im In- und Ausland einen verfolgungsbedingten Verlust“, heißt es auf der Website. Die seither an den einzelnen Museen betriebenen Recherchen „waren der Ausgangspunkt für das Projekt, das Flechtheims außergewöhnliches Wirken als Händler der vom Nationalsozialismus diffamierten Künstler, den abrupten Bruch in der Biografie, seine damit verbundenen Verlusterfahrungen und das tragische Schicksal seiner Familie würdigt“. Allerdings beteiligen sich nicht alle Museen, die Bilder mit der Provenienz Flechtheim ihr Eigen nennen. So haben die Staatlichen Museen Berlin mit der Neuen Nationalgalerie die Teilnahme abgelehnt.

Denn es gibt Unklarheiten. Nicht einverstanden mit dem Projekt sind die Erben Flechtheims, voran der 67-jährige Großneffe Flechtheims, Michael R. Hulton. Parallel zur Projektvorstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ließ er über seine Anwälte am Mittwoch mitteilen: „Wir als Erben können das Projekt nicht unterstützen, weil wir von den beteiligten Museen nicht einbezogen wurden und weil das Verhalten einiger Einrichtungen in keiner Weise den Grundsätzen der ,Gemeinsamen Erklärung’ von 1999 entspricht.“ Diese Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen regelt das Vorgehen bei „NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“ und setzt die „Washingtoner Erklärung“ vom Jahr zuvor um, derzufolge unabhängig von juristischen Einwänden eine „faire und gerechte Lösung“ zwischen anspruchsberechtigten Erben und öffentlichen Einrichtungen gesucht werden soll.

In der Praxis bedeutet das meist die Rückgabe fraglicher Kunstwerke, so wie vor Wochen erst das Kölner Museum Ludwig Oskar Kokoschkas „Portrait der Schauspielerin Tilla Durieux“ zurückgegeben hat – an die Erben Flechtheims. Das Gemälde war 1934, also nach dem Weggang Flechtheims, aus dessen Düsseldorfer Galerie an den Kölner Sammler Haubrich verkauft worden, obgleich es Flechtheim noch 1931 ausdrücklich als Privatbesitz gekennzeichnet hatte.

Andere Museen verschließen sich bislang <der Auseinandersetzung. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München erklärten bereits 2010 ihre Recherchen für abgeschlossen. Sie betreffen unter anderem sechs Werke von Max Beckmann. Die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die eine Sammlung ausschließlich erstrangiger Werke der Moderne besitzt, zeigt sich neuerdings zugeknöpft, es geht um Arbeiten von Paul Klee. In beiden Institutionen sind Kernbestände der Sammlungen betroffen, das erklärt die Abwehrhaltung. Das New Yorker Museum of Modern Art besitzt drei Arbeiten von George Grosz, die einst durch Flechtheims Hände gingen. Ein Rückgabeersuchen lehnte das Museum 2011 ab – und bekam vor Gericht Recht, da bereits Verjährung eingetreten war. Eine Einrede, die die „Washingtoner Erklärung“ von 1998 gerade ausschließen wollte. Doch daran fühlte sich das MoMA nicht gebunden. Flechtheim war 1933 dem Anschein nach freiwillig nach Paris und später London übersiedelt und machte weiter Geschäfte mit seinem Düsseldorfer Kompagnon.

Die Unterlagen von Flechtheims Berliner Galerie gingen 1943 im Bombenhagel unter, diejenigen seiner Londoner Exilgalerie – Ironie der Geschichte – bereits bei einem deutschen Angriff 1940. Ob Flechtheim in den letzten Jahren vor 1933 vollständige Geschäftsbücher geführt hat, ist fraglich. Im Durcheinander von Insolvenz, Pfändungen und Ansprüchen von Geschäftspartnern verlieren sich die Spuren der meisten Kunstwerke.

English guide translation:

The art crimes of the Nazis are far from being worked through, in spite of years of provenance research. What was stolen what was lost, what emerged where again are still open questions. With the history of the art dealer Alfred Flechtheim a particularly important case, probably the most complicated of the whole in Nazi-looted art history, now moves into the limelight.

The sloping forehead, the creased nose, the lurking glance - as Otto Dix painted him in 1926, the unmistakable physiognomy of he art dealer Alfred Flechtheim (1878-1937) was was one with the career of the man. He was an art delaler born into a Jewish family of grain merchants from Münster. But he was more than a dealer, wanting in his early years to be a "Marchand amateur". In the Weimar Republic, he was the greatest of his profession, he bought what he loved, and at the end, after the global economic crisis, he went bankrupt having long been vilified by the Nazis as promoting "Jew art".

Countless works of classical modernism went through his hands, and that is the focal point of a dispute whose end is not yet in sight. The Nazis persecuted Flechtheim, they forced him into exile, they confiscated his paintings, and, one of their own, a Party member, took over the Düsseldorf parent gallery, probably by agreement with Flechtheim. The works of art which in 1941 the Nazis took from the apartment of Flechtheim's wife Betty, were "recycled". Betty meanwhile committed suicide to avoid deportation.

Many museums in Germany, but also New York's MoMA, have paintings of Picasso, Beckmann, Klee and Léger, just to name a few, works that were once were owned by Flechtheim. Whether they were ever in his ownership is a delicate question, Flechtheim had a business partner, he sometimes worked with goods on consignment, and what was in his apartment - documented in photographs from 1929 - is likely in part to have come from the legendary Berlin gallery at Lützowufer 13, which from 1921 was the centre of Flechtheim's activities.

Now 15 museums have joined forces in 13 German cities and Zurich to launch a virtual exhibition. They show which works from Flechtheim's galleries are in their collections and what paths they have taken to reach the museums today. The website is called www.alfredflechtheim.com. The intention is laudable: "Since 2009, the heirs suspect that numerous works with the provenance Flechtheim in the collections of museums at home [in Germany] and abroad were lost due to persecution," it says on the website. The starting point for the project was the individual museums' own research, which recognizes Flechtheim's exceptional work as a dealer in artists defamed by the Nazis, the abrupt break in his biography the associated experience of loss and the tragic fate of his family." However, not all museums assert that the artworks with a Flechtheim provenance are their own. Thus, the Berlin State Museums have rejected the participation of the Neue Nationalgalerie in the project.

Because there is ambiguity. In disagreement with the project are the heirs of Flechtheim, led by his 67-year-old great-nephew Michael R. Hulton. Parallel to the presentation of the project in the Palace of Arts at the Düsseldorf Museum, he sent word through his lawyers on Wednesday: "We, the heirs can not support the project because we were not included by the participating museums and because the behavior of some bodies does not match in any way the principles of, the 1999 German Joint Declaration". This Declaration of federal, state and local authorities regulates the procedure in Nazi-confiscated art and agrees to follow the 1998 Washington Declaration, according to which, regardless of legal objections, a 'fair and just solution' between eligible heirs and public facilities should be found.

In practice, only the Museum Ludwig in Cologne has agreed the return to the Flechtheim heirs of claimed works of art, Oskar Kokoschka's 'Portrait of the actress Tilla Durieux'. After Flechtheim left Germany in 1933, the painting was sold in 1934 by the Düsseldorf Gallery to the Cologne collector Haubrich, although it had been expressly marked as the private property of Flechtheim in 1931.

Other museums will not enter a discussion. The Bavarian State Painting Collections in Munich already declared in 2010 that their research was completed. That research concerned, among other things, six works by Max Beckmann. The Düsseldorf collection of North Rhine-Westphalia, which has a collection of exclusively first-rate works of modernism, evident recently did the same with regard to works by Paul Klee. In both institutions core holdings of the collections are concerned, which explains the defensiveness. The New York Museum of Modern Art owns three works by George Grosz, which once were with Flechtheim. The museum rejected a request for their return in 2011 - and went to court for declaratory title because the statute of limitations had already run. The 1998 Washington Declaration should prevent such a response, but MoMA did not feel bound to it. In 1933 Flechtheim moved to Paris and later to London where it is claimed he appears to have continued business with the Düsseldorf gallery.

The documents of Flechtheim's Berlin gallery were destroyed in bombing in 1943, those of his London gallery in exile, in an irony of history, were already destroyed by a German attack in 1940. The traces of many of these works of art are therefore lost, both through the bombing, the confusion of bankruptcy and the activities of business partners.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/streit-um-ns-raubkunst-verlust-und-verfolgung/8915686.html
© website copyright Central Registry 2019