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Museum verweigert R├╝ckgabe von NS-Raubkunst

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Suddeutsche Zeitung 15 April 2013
Von Kia Vahland

 
Das renovierte Lenbachhaus am Königsplatz mit dem Neubau: Kurz vor der Wiedereröffnung des Museums wird verhandelt, ob Paul Klees "Sumpflegende" an die rechtmäßigen Erben der einstigen Besitzerin zurückgegeben wird.

Den Nazis diente Paul Klees Gemälde "Sumpflegende" einst als Beispiel für Geisteskrankheit, die Besitzerin wurde enteignet. In den achtziger Jahren kaufte das Münchner Lenbachhaus das Bild - und weigert sich bis jetzt, die Raubkunst an die rechtmäßigen Erben zurückzugeben.

In drei Wochen wird das Münchner Lenbachhaus nach langem Umbau wieder eröffnen, ein Museum, in dem sich die künstlerischen Avantgarden beispielhaft studieren lassen. Die Münchner werden das feiern, die Touristen hinströmen. Der Aufbruch der Künste im frühen 20. Jahrhundert, die explodierenden Formen und Farben der frühen Abstraktion, das steht seit der Nachkriegszeit für das bessere, das moderne Deutschland. Für ein Land, das sein Selbstverständnis nach dem NS-Regime auch auf das kreative Potenzial der verfolgten Künstler gründete.

Vielleicht aber werden die Kuratoren kurz vor der Eröffnung noch einmal umhängen müssen, um eine Lücke an der Wand zu verdecken. Vielleicht nämlich gehört Paul Klees "Sumpflegende" von 1919 dann schon nicht mehr dem Museum und der Münter-Stiftung. Die Erben der Vorbesitzerin Sophie Lissitzky-Küppers fordern das verspielt-abstrakte Bild zurück, weil die Nazis die private Leihgabe erst aus dem Hannoveraner Provinzialmuseum abzogen und dann 1941 unter Missachtung ihrer eigenen Rechtslage verkauften. Die Stadt München weigerte sich bislang hartnäckig, den Anspruch der Erben anzuerkennen.

Jetzt aber verhandeln die beiden Parteien, auf dringendes Anraten des Landgerichts München. Am 24. April könnten erste Ergebnisse vorliegen. Zu erwarten ist, dass die "Sumpflegende" früher oder später herausgegeben wird, wenn nicht freiwillig, dann auf Druck der Gerichte. Vieles spricht dafür, dass der Fall gegen den Konsens der Washingtoner Erklärung von 1998 verstößt, wonach in der Nazizeit gestohlenes Kulturgut an die Erben der Opfer zu restituieren, also zurückzugeben ist.

Die "Sumpflegende" war schon einmal in München ausgestellt. Damals diente das Gemälde als Beispiel für Geisteskrankheit und, wie Adolf Hitler sagte, "Kulturzersetzung". Die "Sumpflegende" hing 1937 in der Schau "Entartete Kunst" in den Hofgartenarkaden knapp über Kniehöhe an einer Wand, auf die spöttisch ein Spruch des Künstlers George Grosz geschmiert war: "Nehmen Sie Dada ernst - es lohnt sich".

Die Kunsthistorikerin und Händlerin Sophie Lissitzky-Küppers war ihrem zweiten Ehemann, dem Maler El Lissitzky, 1926 in die Sowjetunion gefolgt und geriet dort als Deutsche später in sibirische Verbannung. Als sie nach dem Krieg in Hannover nach ihren Leihgaben fragte, hieß es, die seien verschollen. 1982 aber, vier Jahre nach dem Tod der rechtmäßigen Eigentümerin, erstand die Stadt München gemeinsam mit der Gabriele-Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung die "Sumpflegende" auf dem freien Markt. Lissitzky-Küppers' Sohn konnte erst 1991 aus Russland ausreisen und musste sich in München sagen lassen, man habe das Bild besten Gewissens erstanden - obwohl die unglückliche Herkunft zum Kaufzeitpunkt bekannt war, wie ein Brief belegt.

Leider ist die Beweislage in den wenigsten Fällen so lückenlos wie in diesem. Nur selten werden Gemälde der NS-Aktion "Entartete Kunst" zurückgefordert, die längst über alle Museen und viele Privatsammlungen verteilt sind. Gestritten wird in der Regel über Werke, die verfolgte jüdische Sammler und Händler in der NS-Zeit verloren. Ermutigt durch die Washingtoner Erklärung und die Recherchen der Museen fordern Kinder und Kindeskinder nun zurück, was einst der Familie gehörte.

Oft aber fehlen beiden Seiten die nötigen Beweise. In den ersten Jahren von 1933 an haben die Nazis noch nicht alle Juden systematisch enteignet. Nötig ist eine akribische Einzelfallrecherche zu Besitzverhältnissen, zu Kontakten mit Vertretern des Regimes. Das Problem ist nur: Dafür ist es oft zu spät. Juden ließen ja nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre Papiere in Deutschland zurück, als sie flohen. Und in der Nachkriegszeit hatte kaum jemand ein Interesse an den Enteignungsbeweisen der Nazis, weswegen sie verschwanden oder vergessen wurden.

In vielen Museen herrschten nach dem Krieg dieselben Kunsthistoriker wie zur NS-Zeit; sie hüteten ihre Zungen. Als in den Siebzigerjahren eine neue Generation die Posten übernahm, ging das alte Herrschaftswissen verloren - und im Geist der Zeit kümmerte man sich weniger um Privateigentum als darum, die Lücken der Moderne im Sammlungsbestand zu schließen. So kam es reihenweise zu problematischen Ankäufen wie der Münchner Entscheidung für die "Sumpflegende".

Galeristen wollten derweil niemanden durch Indiskretionen verprellen und erzählten allerorts die Legende von den im Krieg verbrannten Kaufunterlagen. Gerade hat das Münchner Auktionshaus Neumeister einen alten Schrank geöffnet - und entgegen den Usancen der Branche die Akten und säuberlich beschrifteten Kataloge der NS-Zeit der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Für Restitutionsforscher könnte das einen Durchbruch bedeuten - und zu etlichen neuen Rückgaben führen. Denn unter den Käufern in diesen Unterlagen finden sich etliche Museumsdirektoren, welche die Gunst der Stunde für ihre Häuser nutzten.

Wessen Schätze dagegen damals an Privatleute gingen, dessen Nachfahren haben heute wieder das Nachsehen: die Washingtoner Erklärung bindet nur öffentliche Museen. Eine Ausnahme bilden die immensen Privatsammlungen, die NS-Granden wie Hermann Göring zusammenraubten. Die verurteilten großen Kriegsverbrecher wurden noch von den Alliierten enteignet, ihre Kunstwerke kamen in die öffentlichen Sammlungen, wenn die Vorbesitzer nicht aufzufinden waren.

Der Forschungsbedarf in den Museen ist so immens, dass die wenigen festangestellten Provenienzkundler verzweifeln müssen an der Masse einerseits, der schlechten Quellenlage andererseits. Dass sich aber die Museen heute grundsätzlich gegen Rückgaben sperren, lässt sich nicht behaupten. Seit 1998 sind in Deutschland mehr als 9000 Objekte restituiert worden. Darunter sind Bilder, nach denen niemand gefragt hatte wie etwa 2012 das Blumenstillleben aus der Werkstatt von Jan Brueghel in der Münchner Pinakothek.

Viele Museen verweigern sich nur, wenn Nachweise der Verfolgung fehlen, wie etwa bei Picassos "Madame Soler" in den Münchner Staatsgemäldesammlungen. Das 1935 verkaufte Bild gehörte der nichtjüdischen Witwe eines Sammlers, die selbst nach dem Krieg nie einen Rückgabeanspruch erhoben hat. Das kann man von Sophie Küppers-Lissitzky nicht behaupten. Die Stadt München täte gut daran, den Erben die "Sumpflegende" abzukaufen. Dann müssen die Kuratoren auch nichts umhängen kurz vor der Wiedereröffnung.

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