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Große Freude über Kleinigkeiten Historisches Museum: Kunsthistorikerin Maike Brüggen klärt die Herkunft von Gemälden aus der Nazizeit

1998
1970
1945
Frankfurter Neue Presse 19 February 2013
Von Anja Prechel

Alte Telefonbücher, Akten und Korrespondenzen sind die Werkzeuge von Maike Brüggen. Mit ihnen klärt die Kunstdetektivin die Herkunft von Gemälden, die zwischen 1933 und 1945 vom Historischen Museum angekauft wurden und sucht im Fall von Enteignung oder Zwangsverkauf nach den rechtmäßigen Erben.


Kunsthistorikerin Maike Brüggen im Historischen Museum an einer Regalwand mit alten Telefonbüchern – wertvolle Hilfsmittel für ihre Arbeit

Innenstadt: Es ibt Tage, da sitzt Maike Brüggen stundenlang über vergilbten Fotos und Aktenbergen. Kein Kollege, kein Anruf. Weit und breit nur Papier. Einsam sei das manchmal, sagt die 32-Jährige. Trotzdem: Sie würde keine andere Arbeit machen wollen. "Ich wühle gern in alten Sachen." Maike Brüggen liebt ihren Job. Und sie kann sich über jede Kleinigkeit freuen. Ein paar Worte zum Beispiel, ein Name oder eine Jahreszahl, die sie bei ihrer Arbeit weiterbringen – das sind Maike Brüggens kleine Erfolge.

Herkunftsforschung

Die 32-Jährige ist die Provenienzforscherin des Historischen Museums Frankfurt. Seit August 2010 untersucht sie sämtliche Gemälde, die während der NS-Zeit von 1933 bis 1945 in die Sammlung des Museums übergegangen sind, darauf, ob sie möglicherweise unrechtmäßig erworben oder verfolgungsbedingt veräußert wurden. Heißt: Sie prüft, ob sich ein Bild aus dem Besitz einer jüdischen Familie in der Museumssammlung befindet und ob es enteignet oder unter Zwang verkauft wurde.

Herkunftsforschung ist das deutsche Wort für ihre Arbeit. Ein allgemeiner Begriff, der sich nicht nur auf Gegenstände aus der NS-Zeit bezieht, der seit dem Beschluss der Washingtoner Richtlinien diese aber in den Fokus der Forschung stellt. 1998 wurde diese Übereinkunft getroffen. Mit ihm verpflichtet sich Deutschland, Kunst- und Kulturgegenstände, die während des Nationalsozialismus unfreiwillig den Besitzer wechselten, ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Erben und Eigentümer zu finden und gemeinsam zu einer fairen und gerechten Lösung zu kommen.

Eine gerechte Lösung heißt nicht unbedingt, dass das Kunstwerk an die Familie oder deren Nachfahren zurückgegeben werden muss. "Manchmal schlagen die Erben vor, das Bild solle im Museum bleiben und mit einer Tafel versehen werden, die auf seine Herkunftsgeschichte und das Familienschicksal hinweist", sagt Maike Brüggen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg: Zuerst muss sie prüfen, ob ein Bild überhaupt aus jüdischem Besitz stammt und darüber hinaus enteignet wurde oder unter Wert verkauft werden musste. Dann muss sie herausfinden, ob der Besitzer noch lebt, es Nachfahren oder Erben gibt und wo sie leben. Dazu überprüft Maike Brüggen die Rückseite jedes Bildes – etwa 300 sind zwischen 1933 und 1945 in den Besitz des Historischen Museums übergegangen – sie durchforstet Akten, Papiere, Fotos und Fotokopien. Sie prüft die Zugangsbücher des Museums, hierin ist jeder Ankauf, jede Stiftung und Schenkung notiert. Die Einträge vergleicht sie mit den Vermerken auf den Karteikarten, auf denen jedes Stück beschrieben und mit einer Nummer gelistet ist. Die Namen der Besitzer oder Händler untersucht sie ebenfalls: Wurden sie von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt? Wo haben sie gewohnt? Wo war das Geschäft? Gibt es Nachfahren? Um das herauszufinden, durchsucht Maike Brüggen zum Beispiel Telefonbücher aus den Jahren 1933 bis 1945 nach Namen und Adressen. Und findet dabei immer wieder kleine Kuriositäten des Alltags: Reklame für das Mundwasser Odol, gepresste vierblättrige Kleeblätter. Aus kleinsten Puzzleteilen setzt Maike Brüggen die ganze Geschichte eines Kunstwerks zusammen. "Wie eine Detektivin", sagt die Kunsthistorikerin. Sie suchte während ihres Studiums an der Freien Universität Berlin nach einer neuen Herausforderung, als sie einen Aushang für ein Seminar in Provenienzforschung entdeckte. Nach dem Seminar wusste sie: "Das will ich machen!"

Ein sensibles Thema

In drei Fällen hat das Museum bereits Kontakt zu den Erben beziehungsweise zu deren Anwälten. Viel mehr kann Maike Brüggen zu diesem Teil ihrer Arbeit nicht sagen – die Provenienzforschung ist ein sensibles Thema. Ziel ist immer, das Bild zurückzuführen oder eine einvernehmliche Lösung zu finden. Ziel ist aber auch eine systematische Bearbeitung der Museumssammlung. Es geht dabei nicht unbedingt um große Werte, sondern vielmehr ums Prinzip: "Für mich macht es keinen Unterschied, ob das Gemälde 2000 oder 200 000 Euro wert ist", meint die Herkunftsforscherin. "Jedes Haus sollte wissen, woher die Kunstwerke kommen und ob sie rechtmäßig in den Bestand gehören."

In Frankfurt betreibt neben dem Historischen Museum auch das Städel Herkunftsforschung, das Ledermuseum in Offenbach beschäftigt dafür ebenfalls eine Kunsthistorikerin. Maike Brüggen ist überzeugt von ihrer Arbeit. Der Fall des Silberpokals aus der Sammlung von Hedwig und Albert Ullmann, der dem Historischen Museum vor kurzem zum Kauf angeboten wurde, beweist es. Bekannt war, dass die Familie des ehemaligen Casella-Direktors während des NS-Regimes emigrieren musste. Maike Brüggen riet vorerst vom Erwerb des Silberpokals ab und setzte sich mit der Restitutionsabteilung des Auktionshauses Sotheby‘s in Verbindung, die den Kontakt zu den Ullmann-Nachfahren aufnahm. Es stellte sich heraus: Die Familie hatte das Kunstwerk bei ihrer Emigration mit ins Ausland genommen und erst in den 1950er Jahren verkauft. Maike Brüggen hat die einzelnen Informationen zu einem fertigen Puzzle zusammengefügt, dem Kauf des Renaissance-Pokals durch das Historische Museum stand nichts im Weg. Ab April wird der Pokal im Obergeschoss der Staufer-Kapelle des Museums ausgestellt. 

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