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Die Kunst, die der Maler um sich zu haben liebte

1998
1970
1945
Frankfurter Allgemeine Zeitung 2 September 2012
Von Rose-Maria Gropp

Sechs Kunstwerke aus der Sammlung Max Liebermanns sind jetzt an seine Erben restituiert worden. Im Herbst werden sie in Berlin versteigert.


Vielleicht ist diese bildhübsche Studie, die einst Max Liebermann gehörte, von Carl Blechen: „Höhenzug mit blauen Schatten“, um 1820/30, Öl auf Leinwand, auf Hartfaser aufgezogen, 13,1 mal 24,4 Zentimeter groß (Taxe 20.000 bis 30.000 Euro)

Die Bedeutung von Max Liebermann als Maler ist umfassend gewürdigt. Weit weniger bekannt ist der Protagonist des deutschen Impressionismus als Kunstsammler. Schon als ihn ein französischer Journalist im Jahr 1904 in seinem Berliner Haus neben dem Brandenburger Tor besuchte, staunte dieser dort über allein fünfzehn Gemälde von Manet, über Bilder von Degas, Monet und Renoir. Liebermanns persönlicher Kunstgeschmack war zunächst durchaus konservativ, in seinen Pariser Jahren von 1873 bis 1878 hielt er sich von den Impressionisten fern. In Berlin dann fand eine langsame Annäherung statt, auch vermittelt über den kunstaffinen Juristen Carl Bernstein und seine Frau Felice. Im Jahr 1892 dann bekam Liebermann seinen ersten modernen Franzosen, als Bernstein ihm für einen Porträtauftrag ein Blumenstillleben von Manet gab.

Darüber kann man im nächsten „Grisebach-Journal“ lesen, aber vor allem auch noch über eine andere Geschichte, die mit der Sammlung von Liebermann eng verknüpft ist. Diese Geschichte beginnt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933. Es gelang Max Liebermann in den folgenden vier Monaten, seine wertvollsten impressionistischen Gemälde in der Schweiz in Sicherheit zu bringen. Am 11. Mai 1933, einen Tag nach der Bücherverbrennung in Berlin, legte er seine öffentlichen Ämter, auch als Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, nieder. Er starb am 8. Februar 1935.

 
© VILLA GRISEBACH
Die Rückseite der Studie ist beredt: Es finden sich dort unter anderem die kuriose Zuschreibung „Blechend“, oben rechts das Verkaufsetikett des Berliner Kunstsalons Cassirer oder der Stempel „Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“

Seine Frau Martha versuchte, durch Veräußerung weiterer Kunstwerke aus der Sammlung ihre Ausreise in die Schweiz zu erlangen. Doch sie scheiterte an den ständig steigenden Geldforderungen der Nationalsozialisten. Vor der angekündigten Deportation nach Theresienstadt nahm Martha Liebermann sich am 10. März 1943 das Leben. Die Nationalsozialisten zogen ihren gesamten restlichen Besitz ein.

Bis vor einigen Jahren standen die deutschen Behörden offenbar auf dem Standpunkt, dass von der Sammlung nichts mehr auffindbar sei. Das ist inzwischen durch entsprechende Recherchen widerlegt, so dass Liebermanns Erben ein Recht auf Restitution von Werken haben, die „verfolgungsbedingt“ nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze 1935 abhandenkamen.

Eingestuft als Eigentum der BRD

Nun werden am 28. November in der Villa Grisebach in Berlin fünf Zeichnungen von Adolph Menzel und ein kleines Ölbild, vielleicht von Carl Blechen, versteigert, die Martha Liebermann unter Zwang hatte verkaufen müssen. Die Werke wurden vor kurzem aus deutschen Museen an die Erben restituiert. Besonders die hübsche Gebirgsstudie besticht durch ihre Anmut im italienischen Licht. Nachdem Martha Liebermann sich von dem Bild hatte trennen müssen, wurde es vom Nachbesitzer an das geplante Führermuseum in Linz verkauft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es - wie bei Kunstwerken üblich, deren Eigentumsverhältnisse nach dem Ende des Nationalsozialismus ungeklärt waren - als „Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“ eingestuft. So gelangte es in die Museen in Kassel, die es jetzt an die Erben zurückgaben. Die reizende feine Studie zeugt von Liebermanns Interesse an der Kunst des 19. Jahrhunderts; seine Bewunderung gehörte Carl Blechen. Dass diese Zuschreibung aktuell nicht mehr gesichert ist, tut dem Charme des kleinen Werks, das auf 20.000 bis 30.000 Euro geschätzt ist, kaum einen Abbruch.

Max Liebermanns Verhältnis zu Menzels Schaffen mag ambivalent gewesen sein, aber er kaufte trotzdem Zeichnungen von ihm und hängte einige auch in seinen Häusern am Pariser Platz und am Wannsee auf. Unter den fünf Menzel-Blättern, die das Berliner Kupferstichkabinett jetzt zurückgibt, ist das Kreide-Porträt eines Stabsarztes aus dem Jahr 1859 am weitesten durchgearbeitet (Taxe 8000/12.000 Euro), die anderen sind eher skizzenhafte Notate. Mit dieser Restitution ist ein erster Schritt dafür getan, dass die ganze Geschichte der Sammlung von Max Liebermann, die mit dem schlimmen Schicksal seiner Frau Martha so eng verknüpft ist, an die Öffentlichkeit kommt. Diese ganze Geschichte muss noch erzählt werden.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/restitution-und-auktion-die-kunst-die-der-maler-um-sich-zu-haben-liebte-11874804.html
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