News:

Kunsthalle Karlsruhe: Ein Diebstahl kommt ans Licht

1970
1945
Stuttgarter Zeitung 21 June 2012
By Georg Patzer

Karlsruhe - Was Zufälle manchmal bewirken können. Vor einigen Monaten gönnte sich die Kunsthalle Karlsruhe ein paar neue Schränke für ihr berühmtes Kupferstichkabinett. Die alten wurden ausgeräumt, und man nahm sich die Zeit, genau nachzusehen, was so in den Schränken liegt. Natürlich weiß man es, eigentlich. Aber manchmal hat der Zahn der Zeit an der Kunst genagt, und dann muss man das auch vermerken oder reparieren. Und manchmal steht auf der Karteikarte auch nur „Serie von 20 Blättern“. Aber dann liegt manchmal trotzdem ein 21. Blatt dabei, zum Beispiel eine Kopie, die einfach mal dazugelegt worden war, damals. Oder man entdeckt, dass eines der Blätter nach neuesten Erkenntnissen doch nicht dazugehört. Manchmal entdeckt man noch ganz andere Sachen. Denn eine ganz genaue Inventur, die macht man bei einem Bestand von mehr als 90.000 Blättern auch nicht allzu oft.

Diesmal kam etwas ganz Erstaunliches ans Licht: Auf 43 Radierungen des niederländischen Stechers Marcus de Bye entdeckte man auf der Rückseite nicht die Inventarnummer, die sie eigentlich haben müssten, sondern eine Signatur, die mit den Buchstaben „WIE“ anfing. Da wurde man stutzig: das ist eine Wiesbadener Nummer! In Wiesbaden, im „Collecting Point“ der Alliierten, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg alle Kunstwerke gesammelt, die aus jüdischem Besitz stammten und von den Nazis gestohlen worden waren. Tessa Rosebrock, in der Kunsthalle ­zuständig für die Pro­venienzforschung, begann nachzuforschen.

Ein mühsamer Weg bis zur Erkundung des wahren Besitzers

Es war ein mühsamer und langer Weg, bis der Eigentümer und die Geschichte ermittelt werden konnten. Eine seltsame Geschichte. Auf den Karteikarten des Collecting Points stand neben einer knappen Bildbeschreibung (zum Beispiel „Marcus de Bye, after Potter, 16 etchings, various ­bears“ – „16 Radierungen, verschiedene Bären“), der Hinweis auf einen Wiedergutmachungsprozess mit Datum (13. 11. 1950) und „Iwan Moos, Jewish“. Diese 43 Drucke fanden sich auch auf einer Liste der Kunsthalle, die der damalige Direktor Kurt Martin angelegt hatte. Wahrscheinlich um die Objekte nach der Nazizeit schneller wieder identifizieren zu können, wurde diese Raubkunst nicht in den normalen Bestand aufgenommen, sondern als Leihgabe, mit einer eigenen Signatur (Lg), verzeichnet.

Iwan Moos war bekannt: Er war ein berühmter Karlsruher Galerist, Kunsthändler und Grafikverleger, der nach dem Ersten Weltkrieg auch avantgardistische Kunst verkaufte, zum Beispiel von Künstlern der Karlsruher „Gruppe Rih“. 1936 musste er seine Galerie an die noch heute bestehende Kunsthandlung Graeff verkaufen (und bekam nicht einmal den vereinbarten Kaufpreis), 1938 wurde er nach Dachau verschleppt, 1940 ins Lager Gurs, von wo er in die Schweiz fliehen konnte. Nach dem Krieg wurde er wieder Kunsthändler und klagte bald auch gegen die Diebe seines Besitzes. Seinen Lebenslauf, auch die abenteuerliche Flucht, immer unter Lebensgefahr, kann man im „Gedenkbuch für die Karlsruher Juden“ nachlesen.

Obwohl Kurt Martin schon am 21. August 1950 vermerkte, dass Herr Moos „im Rahmen dieses Termins eine Reihe von Objekten als seinen Besitz identifizieren“ konnte, ist nicht klar, was weiter geschah. In Unterlagen im Generallandesarchiv fand sich eine Quittung eines Karl Lindegger von 1954 für die Radierungen von Marcus de Bye, ebenso für Kulissen für ein Puppentheater von Hans Thoma und anderes.

Die ganze Geschichte wird man nie mehr erfahren

Dennoch scheint er die Radierungen nicht abgeholt zu haben. Jedenfalls konnte Rosebrock jetzt Moos’ Tochter, Marion Meyer-Moos, in Genf ausfindig machen, die bestimmte, dass man die Blätter an ihren Cousin in Toronto schicken möge. Aber dann geschah noch etwas Erstaunliches. Denn als die örtliche Tageszeitung die Pressemitteilung der Kunsthalle veröffentlichte, meldete sich ein Freund von ­Marion Meyer-Moos, der in der Nähe von Karlsruhe wohnt, und sagte, er habe diverse Papierarbeiten und Kulissen für ein Puppentheater von Hans Thoma, die er 2006 im Auftrag von Marion Meyer-Moos abgeholt habe, bei sich zu Hause. Er habe versucht, sie zu verkaufen, es ist ihm aber nicht gelungen. Auch dafür hatte Lindegger ja quittiert . . . Da Frau Meyer-Moos mittlerweile gestorben ist, werden in dieser Woche nun auch diese Kunstwerke an ihren Cousin in Toronto geschickt.

Aber warum Lindegger damals so viel quittiert und nicht abgeholt, warum Moos nicht selbst beim Termin mit Martin seine Sachen mitgenommen hat und warum Moos damals nicht reklamiert hat, als er von Lindegger nichts bekam – das alles wird man wohl nie erfahren.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kunsthalle-karlsruhe-ein-diebstahl-kommt-ans-licht.78edbeaa-e2b2-4cd8-926f-59b5f18a8643.html
© website copyright Central Registry 2019