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Verführung durch Bilder - Das Haus der Kunst in München befasst sich mit seiner Nazi-Vergangenheit

1970
1945
Freie Presse 8 June 2012

München (dapd-bay). Auf dem Weg die Stufen hinauf ins Obergeschoss begleitet den Besucher die Stimme Adolf Hitlers: Aus dem Lautsprecher kommen Ausschnitte seiner Rede zur Grundsteinlegung des Hauses der Deutschen Kunst 1933 in München, oben ist dann die Ansprache zur Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung 1937 vollständig dokumentiert: Anlässlich des 75. Jahrestags seiner Eröffnung setzt sich das Haus der Kunst in München mit seinen Anfängen im Nationalsozialismus auseinander.

Die multimediale Ausstellung "Geschichten im Konflikt: Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch der Kunst 1937-1955" erläutert ab Sonntag den Missbrauch von Kunst für Propagandazwecke und die Diffamierung der Avantgarde. Doch die Schau bleibt aber nicht im Nationalsozialismus stehen, sondern befasst sich auch mit den Jahren nach 1945, als im Haus der Kunst Werke von Malern ausgestellt wurden, die bis Kriegsende bekämpft worden waren.

So stehen zwei widersprüchliche Perspektiven nebeneinander: An großen Gitterkonstruktionen hängen für Propagandazwecke eingesetzte Gemälde aus den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" der Jahre 1937 bis 1944, die Hitler selbst erworben hatte. Nur wenige Schritte weiter sind an den Wänden Bilder zu sehen, die 1937 in der Femeschau "Entwartete Kunst" gezeigt wurden - unter anderem Max Beckmanns "Badekabine" und Franz Marcs "Eber und Sau".

Bindeglied ist der Bildhauer Rudolf Belling, der in beiden Ausstellungen vertreten war: Während seine gegenständliche Darstellung des Boxers Max Schmeling im "Haus der Deutschen Kunst" zu sehen war, wurden zwei abstrakte Skulpturen als "Entartete Kunst" vorgeführt. In der neuen Ausstellung sind nun alle drei zu sehen. Zudem werden Bilder von Künstlern wie Otto Dix, Paul Klee und Pablo Picasso präsentiert, die sinnbildlich für die Ausstellungen der Jahre 1949 bis 1955 im Haus der Kunst stehen.

Die Dramaturgie der Ausstellung, die bis 13. Januar 2013 zu sehen ist, entwickelte der Schweizer Konzeptkünstler Christian Philipp Müller. So hängen von der Außenfassade des Gebäudes als Blickfang große bunte Netze herab - ein verfremdeter Verweis auf die dunkelgrünen Tarnnetze, mit denen die Nationalsozialisten ihren Kunsttempel vor Luftangriffen schützten.

Auch die Praxis der Nationalsozialisten, ein Modell des Hauses der Deutschen Kunst wie ein Kultobjekt durch die Straßen zu tragen, greift Müller auf: Im Maßstab 1:40 ließ er ein mehrere Meter großes Modell des Gebäudes aus weißer Schokolade anfertigen. Mehrere in die Schau integrierte Basketballkörbe wiederum erinnern an die Nutzung des Gebäudes als Offiziersklub der amerikanischen Armee nach Kriegsende.

Die Ausstellung ist laut Ulrich Wilmes, der die Ausstellung zusammen mit Sabine Brantl kuratiert hat, der Versuch, "mit der Geschichte in einer sehr zeitgenössischen Weise umzugehen". Ergänzt wird die Schau durch Videos und vielfältige historische Exponate wie einen Gästebucheintrag des italienischen Diktators Benito Mussolini und Plakate für die Faschingsbälle der Nachkriegszeit.

Neben "Geschichten im Konflikt" reflektiert das Haus der Kunst ab Sonntag auch die Darstellung von Krieg in den Medien. Die Schau mit dem Titel "Bild-gegen-Bild" zeigt Fotografien, Gemälde und Videoinstallationen, die sich auf die Medienberichterstattung über Konflikte der vergangenen 20 Jahre beziehen: angefangen mit dem Irak-Krieg 1991 über die Anschläge vom 11. September 2001 bis hin zum Arabischen Frühling 2011. Zu sehen sind Werke von 19 Künstlern.

Das Spektrum der ausgestellten Werke reicht von Fotografien geheimer US-Militäranlagen über die Titelseiten von 150 Tageszeitungen vom 12. September 2001 bis hin zu einer Animation, die dem Besucher einen Streifzug durch Osama bin Ladens ehemaliges Wohnhaus ermöglicht. Die Ausstellung ist bis zum 16. September zu sehen

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