Books & Publications:

' Spuren der NS-Verfolgung. Provenienzforschung in den kulturhistorischen Sammlungen der Stadt Hannover'

Events and Conferences

Title

Spuren der NS-Verfolgung. Provenienzforschung in den kulturhistorischen Sammlungen der Stadt Hannover

Author

Museum August Kestner; Schwartz, Johannes; Vogt, Simone

Date

January 1970

Description

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lea Grüter, Provenienzforschung Museum Acquisitions from 1933 onwards, Rijksmuseum Amsterdam

Die Publikation „Spuren der NS-Verfolgung“ präsentiert Forschungsergebnisse der kulturhistorischen Provenienzforschung der Stadt Hannover. Dies geschieht anhand von Fallbeispielen basierend auf umfassenden Recherchen in Museums-, Bibliotheks- und Stadtarchiven. Angelehnt an die gleichnamige Ausstellung im Museum August Kestner Hannover (2019) werden kulturhistorische Objekte der Stadt im Kontext einer personenbezogenen NS-Verfolgungsgeschichte und deren Entwicklungen bis in die Gegenwart vorgestellt. Der Sammelband ist eine beeindruckend umfangreiche Sammlung zur Verbindung von Vernichtungs- und Kulturpolitik sowie persönlichen Lebenswegen. Er liefert einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Restitutionsdebatte. So wird der Band eingeleitet mit einer detaillierten Erläuterung der Washingtoner Prinzipien. Hauptgedanke dieser Vereinbarung von 1998 zu im Kontext des Holocausts enteigneten Kulturgütern ist die Überlegung, dass öffentliche Institutionen nicht von der NS-Verfolgung profitieren sollten und daher „faire und gerechte Lösungen“ gefunden werden müssen (S. 16-25). Die Frage, was darunter im Umgang mit in der NS-Zeit enteigneten Kulturgütern zu verstehen ist, wird akademisch jedoch fast ausschließlich von Juristen diskutiert, obschon der Kern der Debatte ein gesellschaftspolitischer ist. Die vorliegende Publikation trägt dazu bei, diese historische Dimension des gesellschaftlichen Verbrechens herauszuarbeiten.

Es ist eine Stärke des Bandes, dass er die verschiedenen Spuren der beraubten Personen in ihrer Komplexität nebeneinanderstehen lässt. Dabei zeigen Objekte mit unterschiedlichen materiellen Werten, dass die dahinterstehenden Verbrechen dadurch nicht voneinander abzugrenzen sind und sich an ihnen alle Gesellschaftsschichten beteiligten. Letztlich steht hinter all den Objekten die Intention der Vernichtung des Individuums und seiner gesellschaftlichen Spuren in der Stadt Hannover.

Das Beispiel des „Heimeinkaufsvertrags“ von Klara Berliner zeigt in ergreifender Weise, wie sehr der bürokratisierte Raub ein Schritt auf dem Weg zum Holocaust war. Der Vertrag war eine „freiwillige“ Erklärung Berliners über die Abgabe ihres gesamten Besitzes zur eigenen Unterbringung im Konzentrationslager. Die Nichte des Erfinders der Schallplatte und des Grammophons starb 1943 einsam an einer Lungenentzündung durch die hygienischen Umständen in Theresienstadt. Die Verschleierung des Verbrechens beginnt in der Sprache. Klara Berliner ist sich dessen bewusst, wenn sie in einem Brief zu dem Vertrag bezeugt: „Habe falls dieser aus irgendwelchen Gründen aufgehoben wird keinerlei Recht auf irgendwelcher Rückerstattung und dann also praktisch nicht mal mehr die Mittel mir einen Strick zum Aufhängen zu kaufen. D.h. wenn das überhaupt noch nötig sein sollte […] ich musste ‚freiwillig‘ 100% eintreten.“ (S. 104) Spur des Besitzes Berliners ist ein Rokokoschrank, den das Museum August Kestner im Jahr 1942 erwarb.

Dem Kunsthistoriker Ferdinand Stuttmann wird als Direktor des Museum August Kestner aufgrund seiner bedeutenden Rolle bei der städtischen Taxierung jüdischer Kulturgüter ein einleitendes Kapitel gewidmet (S. 34-49). Immer wieder nimmt er in den verschiedenen Fallbeispielen Einfluss. Das Verdrängen der subjektiven Verantwortung durch eine Fokussierung auf das Objekt und die damit einhergehende Negierung des Verbrechens an der Person wird in der Publikation immer wieder verdeutlicht. In vollem Bewusstsein über die Deportation der Besitzerin widmet Stuttmann sich beispielsweise hingebungsvoll dem Ankauf des kulturell wertvollen Berliner Rokokoschranks zu Gunsten der Stadt Hannover (S. 107). Bis weit in die Gegenwart galt er als „umsichtiger Museumsmann, dessen Verdienste um die Sicherstellung der hannoverschen Bestände […] von Stadt und Land gleichermaßen gerühmt wurde“ (S.46).

Es ist als vorbildhaft hervorzuheben, dass ein Schwerpunkt der Fallbeispiele das kritische Betrachten der Spuren und ihrer Einbindung in Machtverhältnissen bis hin zu aktuellen Restitutionsansprüchen und Erbensuchen bildet. Hannover wird dabei zum konkret kritisch hinterfragten Erinnerungsort, gleichzeitig jedoch zum Brennglas der bis in die Gegenwart fortdauernden Lücken der NS-Verfolgung. So beschäftigt sich die Publikation auch immer wieder mit der Unzulänglichkeit und Problematik von individuellen und zeitgeschichtlichen Erzählungen. Während ein Artikel beschreibt, wie Profiteure der Enteignungspolitik nach kurzen Entnazifizierungsverfahren ungehindert an ihren Erfolg anknüpfen konnten und vom wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit profitierten (S. 48), verdeutlicht ein anderer, wie die Erbengemeinschaft des jüdischen Antiquitätenhändlers Philipp Lederer über Jahrzehnte unter anderem mit der Argumentation von abgelaufenen Fristen behördlich abgespeist wurde (S. 157f.).

Aus meiner Sicht ließe sich anhand der beschriebenen Fälle klar die Bedeutung der am Objekt hinterlassenen Spuren für den gegenwärtigen Diskurs aufzeigen. Denn auch die Wiedergutmachungspolitik nach den Washingtoner Prinzipien der 1990er-Jahre ist keineswegs frei von erinnerungspolitisch aufgeladenen Narrativen. Hier wäre eine konkretere und mutigere Ausformulierung der Bedeutung der Spuren in der Gegenwart wünschenswert gewesen. Es finden zwar Reflexionen über mögliche „faire und gerechte Lösungen“ in den Schlussfolgerungen der Beiträge statt, aber auch eine gebetsmühlenartige Bezugnahme auf die Erfüllung der gleichnamigen Prinzipien.

Besonders deutlich wird diese weniger kritische Betrachtung der verwendeten Narrative in Bezug auf die Gegenwart im Artikel „Das Vorleben der Dinge im Museum. Die Biographie eines Schatzfundes 385-1934 n. Chr.“ (S. 120-135). Möglicherweise durch die Positionierung des Artikels mitten in der Publikation schafft er eine merkwürdige Relativierung des Subjektfokus. Denn in allen anderen in der Publikation komplex recherchierten Sammlungen von Fragmenten werden die Transaktionen von Objekten eindrücklich als lebendige Spuren dargelegt, die komplexe individuelle und gesellschaftliche Zusammenhänge und Umbrüche verknüpfen und bezeugen. In dieser Zeugenschaft sehe ich einen entscheidenden Unterschied zum „Lebenslauf eines musealen Sammlungsgutes“ (S. 122). Denn die Zeugenschaft bezieht sich auf die Welt wie eine „Flaschenpost“ (S. 203) und macht diese nicht umgekehrt zu einem Beiwerk des Objekts. Das populäre anthropologische Idiom der „Objektbiographie“ ist gerade im Kontext subjektiver Verdinglichung sprachlich problematisch und im Kontext aktueller Restitutionsdebatten zu hinterfragen.[1] Es gelingt dem Band dennoch aufzuzeigen, dass kulturhistorischer Wert und Zeugenschaft des Objekts innerhalb einer Publikation nebeneinanderstehen und sich ergänzen können.

Die Zerstörung der Wahrheit beginnt mit der Reduktion der pluralen Spuren im abstrakten Begriff von Erinnerungskultur. Diese muss immer wieder neu ausbuchstabiert werden und dazu bietet der vorliegende Band eine Reflexionsgrundlage. Er zeigt, dass „Erinnerung“ nicht nur aus Opfernarrativen besteht, sondern auch aus den Rechtfertigungen der Profiteure und dem Vergessen der Vielen. Die Publikation verdeutlicht, dass die Betrachtung der Spuren selbst innerhalb der andauernden Restitutionsdebatten ernster genommen werden sollte. Die Wahrheit lässt sich beinahe 80 Jahre nach dem Verbrechen in den wenigsten Fällen komplett „restituieren“ oder wiederherstellen und konfrontiert uns in der Gegenwart vor allem mit Lücken. In der Begegnung mit den Fragmenten und Objekten können wir jedoch in eine Auseinandersetzung mit diesen treten und ein Gespräch neu beginnen. Der Band beweist, dass die Wahrheit, die sich an den Objekten unsichtbar manifestiert, darin in der Gegenwart sehr viel lebendiger ist, als wenn sie nur ein administratives Problem in Bezug auf Besitzverhältnisse wäre. Restitutionspolitik lässt sich in diesem Sinne nicht allein als Lösungsversuch denken, sie wird zur konstruktiven gesellschaftlichen Frage nach Gerechtigkeit. Die Publikation lässt die Suche nach ihnen für sich selbst sprechen und ist dabei dennoch quellenkritisch und informativ sowie auch für den fachfremden Leser verständlich.

Anmerkung:
[1] Siehe hierzu auch Dan Hicks, Necrography: Death-Writing in the Colonial Museum, in: British Art Studies 19 (2021), https://doi.org/10.17658/issn.2058-5462/issue-19/conversation (19.11.2021).

Redaktion
Veröffentlicht am
26.11.2021
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
 
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Land
Sprache Beitrag
Deutsch

English translation:

Museum August Kestner et al. (Ed.): Provenance research in the cultural and historical collections of the city of Hanover

Reviewed for H-Soz-Kult by Lea Grüter, Provenance Research Museum Acquisitions from 1933 onwards, Rijksmuseum Amsterdam

The publication “Traces of Nazi Persecution” presents research results from the cultural-historical provenance research of the city of Hanover. This is done using case studies based on extensive research in museum, library and city archives. Based on the exhibition of the same name in the Museum August Kestner Hanover (2019), cultural-historical objects of the city are presented in the context of a personal history of Nazi persecution and its developments up to the present day. The anthology is an impressively extensive collection on the connection between extermination and cultural politics as well as personal life paths. It makes an important contribution to the current restitution debate. The volume begins with a detailed explanation of the Washington principles. The main idea behind this 1998 agreement on cultural goods expropriated in the context of the Holocaust is the consideration that public institutions should not benefit from Nazi persecution and that “fair and just solutions” must therefore be found (pp. 16-25). The question of what this means in dealing with cultural assets expropriated during the Nazi era is, however, almost exclusively discussed academically by lawyers, although the core of the debate is a socio-political one. The present publication contributes to working out this historical dimension of social crime. What this means in dealing with cultural assets expropriated during the Nazi era is, however, almost exclusively discussed academically by lawyers, although the core of the debate is a socio-political one. The present publication contributes to working out this historical dimension of social crime. What this means in dealing with cultural assets expropriated during the Nazi era is, however, almost exclusively discussed academically by lawyers, although the core of the debate is a socio-political one. The present publication contributes to working out this historical dimension of social crime.

One of the strengths of the band is that it allows the various traces of the robbed people to stand side by side in their complexity. Objects with different material values ​​show that the crimes behind them cannot be separated from one another and that all social classes are involved in them. Ultimately, behind all the objects stands the intention of annihilating the individual and their social traces in the city of Hanover.

The example of Klara Berliner’s “home purchase contract” shows in a moving way how much the bureaucratic robbery was a step on the way to the Holocaust. The contract was a "voluntary" declaration by Berliners that they would give up all their property for their own accommodation in the concentration camp. The niece of the inventor of the record and the gramophone died lonely from pneumonia in 1943 due to the hygienic conditions in Theresienstadt. The concealment of the crime begins in language. Klara Berliner is aware of this when she testifies to the contract in a letter: “If it is canceled for any reason, I have no right to any refund and then practically no longer have the means to buy me a rope to hang up. Ie

An introductory chapter is dedicated to the art historian Ferdinand Stuttmann as director of the Museum August Kestner due to his important role in the city appraisal of Jewish cultural assets (pp. 34-49). Again and again he exerts influence in the various case studies. The repression of subjective responsibility by focusing on the object and the associated negation of the crime against the person is repeatedly made clear in the publication. With full awareness of the deportation of the owner, Stuttmann devoted himself, for example, to buying the culturally valuable Berlin rococo cupboard for the benefit of the city of Hanover (p. 107). Up until the present day he was regarded as a "prudent museum man,

It is to be emphasized as exemplary that a focus of the case studies is the critical examination of the traces and their integration in power relations up to current restitution claims and requests for inheritance. Hanover becomes a specifically and critically questioned place of remembrance, but at the same time a lens for the gaps in Nazi persecution that have persisted up to the present day. The publication also deals again and again with the inadequacy and problems of individual and contemporary historical narratives. While one article describes how those who profited from the expropriation policy were able to build on their success unhindered after brief denazification procedures and benefited from the economic upswing of the post-war period (p. 48), another makes it clear that

From my point of view, the cases described could clearly show the significance of the traces left on the object for the current discourse. Even the reparation policy based on the Washington principles of the 1990s is by no means free from narratives charged with the politics of memory. A more concrete and bolder formulation of the meaning of the traces in the present would have been desirable. There are indeed reflections on possible “fair and just solutions” in the conclusions of the contributions, but also a prayer wheel-like reference to the fulfillment of the principles of the same name.

This less critical consideration of the narratives used in relation to the present becomes particularly clear in the article “The past life of things in the museum. The biography of a treasure find 385-1934 AD ”(pp. 120-135). Possibly by positioning the article in the middle of the publication, it creates a strange relativization of the subject focus. Because in all the other collections of fragments researched in the publication, the transactions of objects are impressively presented as living traces that link and testify to complex individual and social relationships and upheavals. In this testimony, I see a decisive difference to the “life cycle of a museum collection item” (p. 122). Because the testimony relates to the world like a "message in a bottle" (p. 203) and does not, conversely, make them an accessory to the object. The popular anthropological idiom of “object biography” is linguistically problematic, especially in the context of subjective reification, and needs to be questioned in the context of current debates on restitution.[1] The volume nevertheless succeeds in showing that the cultural-historical value and evidence of the object stand side by side within a publication and can complement each other.

The destruction of truth begins with the reduction of the plural traces in the abstract concept of culture of remembrance. This has to be spelled out again and again, and this volume offers a basis for reflection. He shows that “memory” consists not only of victim narratives, but also of the justifications of the profiteers and the forgetting of the many. The publication makes it clear that the examination of the traces should be taken more seriously, even within the ongoing debates on restitution. Almost 80 years after the crime, the truth can in very few cases be completely "restituted" or restored and in the present it confronts us primarily with gaps. In the encounter with the fragments and objects, however, we can come to terms with them and start a conversation again. The volume proves that the truth, which manifests itself invisibly in the objects, is much more alive in them in the present than if it were just an administrative problem in relation to property relations. In this sense, restitution policy cannot be thought of as an attempt at a solution; it becomes a constructive social question of justice. The publication lets the search for them speak for itself and is nevertheless critical of the source and informative as well as understandable for non-specialist readers. as if it were just an administrative problem of ownership. In this sense, restitution policy cannot be thought of as an attempt at a solution; it becomes a constructive social question of justice. The publication lets the search for them speak for itself and is nevertheless critical of the source and informative as well as understandable for non-specialist readers. as if it were just an administrative problem of ownership. In this sense, restitution policy cannot be thought of as an attempt at a solution; it becomes a constructive social question of justice. The publication lets the search for them speak for itself and is nevertheless critical of the source and informative as well as understandable for non-specialist readers.

Note:
[1] See also Dan Hicks, Necrography: Death-Writing in the Colonial Museum, in: British Art Studies 19 (2021), https: / /doi.org /10.17658 /issn.2058-5462 / issue-19 / conversation (November 19, 2021).

Citation

Lea Grüter: Review of: Museum August Kestner; Schwartz, Johannes; Vogt, Simone (Ed.) : Traces of Nazi persecution. Provenance research in the cultural and historical collections of the city of Hanover. Cologne  2019 . ISBN 978-3-86832-551-5 , In: H-Soz-Kult, November 26th, 2021 , <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-114165> .

Copyright (c) 2022 by H-NET, Clio-online and H-Soz-Kult, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact hsk.redaktion@geschichte.hu-berlin.de.

Source:
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-114165

Source

Cologne 2019: Wienand Verlag 20GmbH

 

return to list of books and publications
© website copyright Central Registry 2022