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' Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt 1895 - 1956. Die Biographie'

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Title

Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt 1895 - 1956. Die Biographie

Author

Meike Hofmann, Nicola Kuhn

Date

March 2016

Description




Meike Hoffmann, Nicola Kuhn: "Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895–1956." C.H. Beck, München. 400 S., 24,95 €.

Publisher's text:

Der Handel mit geraubter Kunst ist das größte Thema der NS-Vergangenheit, das noch auf seine Aufarbeitung wartet. Der Name Hildebrand Gurlitt steht für dieses ungesühnte Unrecht, seit die Welt 2013 von der Entdeckung seiner Kunstsammlung erfuhr. Doch wer war der Mann, der als junger Museumsdirektor für die moderne Kunst kämpfte und sie dann als „entartet“ verkaufte? Der als „Vierteljude“ Raubkunst für Hitlers Führermuseum erwarb und daran Millionen verdiente? Meike Hoffmann und Nicola Kuhn legen die erste Biographie von Hitlers berüchtigtem Kunsthändler vor. Als Pionier der modernen Kunst ist Hildebrand Gurlitt in den zwanziger Jahren vielbewundert – und wird 1930 als Museumsdirektor entlassen, als der Gegenwind von rechts zu stark wird. 1933 verliert er erneut seinen Posten. Doch kurz danach beginnt sein zweiter Aufstieg als Kollaborateur und Profiteur im Nationalsozialismus. Er verschafft dem Deutschen Reich Devisen durch den Verkauf von „Entarteter Kunst“, geht nach Paris und erobert sich den Kunstmarkt in den besetzten Gebieten. Er wird reich mit Bildern, die jüdischen Sammlern geraubt wurden – und ist schon 1948 als Direktor des Kunstvereins in Düsseldorf wieder in Amt und Würden. Auf der Grundlage jahrelanger Recherchen erzählen Meike Hoffmann und Nicola Kuhn eine Geschichte von Tragik, Verbrechen und Verdrängung, die ihren Schatten bis in die Gegenwart wirft.

 

Review 12 March 2016

Ein Kunsthändler, der uns verfolgt mit seinem Erbe
http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article153291952/Ein-Kunsthaendler-der-uns-verfolgt-mit-seinem-Erbe.html 

Der Fall Cornelius Gurlitt sorgte als deutscher Kunstskandal für Aufsehen. Jetzt erscheint eine Biografie seines Vaters Hildebrand Gurlitt. Leider ist sie ziemlich unkritisch. Aus politischen Gründen?

Über die Kulturstaatsministerin Monika Grütters sollte man mittlerweile am besten schweigen. Ob beim Humboldtforum, beim Museumsneubau für die Moderne in Berlin, beim Kulturgutschutzgesetz oder in der Filmbranche – auf allen Baustellen begegnet einem die Politikerin als Verantwortliche.

Und dann hofft man auf eine Grütters-Pause, weil sie sich auf eine weite Reise nach Los Angeles zur Oscarverleihung begibt, hört jedoch gleich vom nächsten Lapsus: Mit ihrer Äußerung, dass Opferverbände nicht in die Limbach-Kommission zur Schlichtung von Raubkunstfragen gehören, löste sie einen medialen Sturm aus.

Buchpremiere mit Ministerin

Am heutigen 15. März stellt Grütters ein Buch vor, das auch ausreichend Aufmerksamkeit ohne ihre Unterstützung bekommen hätte: die Biografie über "Hitlers Kunsthändler" Hildebrand Gurlitt, heißt es, sei vor der Veröffentlichung vom Kulturstaatsministerium auf Herz und Nieren geprüft worden.

Was aber dürfen wir von einem Buch zu Gurlitt erwarten, das Monika Grütters mit einem Grußwort versieht und deren Autorin Meike Hoffmann heißt? Meike Hoffmann, die das Buch gemeinsam mit der "Tagesspiegel"-Journalistin Nicola Kuhn geschrieben hat, ist sozusagen die wissenschaftliche Urgestalt des Gurlitt-Falls, der 2013 publik, aber bereits 2011 staatsanwaltlich relevant wurde.

Die Biografin als Teil der Taskforce

Damals wurde die Kunsthistorikerin Hoffmann mit der Aufarbeitung des Schwabinger Kunstfundes betraut – und später mitverantwortlich für die Untätigkeit gemacht. Sie gehört zu Grütters' Taskforce, die kürzlich aufgelöst und dann unter anderem Namen wieder eingesetzt wurde. Meike Hoffmann ist also einerseits die größte Expertin für Gurlitt und als Mitarbeiterin der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin prädestiniert als Autorin – aber andererseits einem öffentlichen Gezerre ausgesetzt.

Wir erinnern uns: Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956) ist jener Kunsthändler, dessen schwieriges Erbe seit Jahren die Kulturpolitik beherrscht. Sein Sohn Cornelius Gurlitt geriet 2011 ins Visier der Steuerfahndung, später wurden in seinem Haus 1400 Kunstwerke gefunden und beschlagnahmt. Viele der Werke galten seit dem Kriegsende als verschollen.

Man glaubte an einen historischen Moment, daran, eine sensationelle Sammlung an Raubkunst entdeckt zu haben. Doch die Behörden bleiben jahrelang untätig, erklären den Fund für eine Verschlusssache, Restitutionen lassen auf sich warten. 2014 stirbt Cornelius Gurlitt, und der "Schwabinger Kunstfund" gilt seither als unrettbarer Skandal, der dem Ansehen Deutschlands international geschadet hat. Die Zahl der Restitutionen ist verschwindend gering.

Zurzeit warten alle Parteien auf den Ausgang eines Gutachterverfahrens, das Cornelius Gurlitts Cousine Uta Werner angestrengt hat. Es soll geklärt werden, ob Gurlitt zurechnungsfähig war, als er seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermachte. Monika Grütters plant, von all dem scheinbar unbeirrt, derweil schon mal eine Ausstellung der Bilder in der Bundeskunsthalle Bonn – obwohl der Verbleib der Bilder noch gar nicht geklärt ist.

"Hitlers Kunsthändler"?

Und in dieses Schlamassel hinein erscheint also ein Buch, das für sich reklamiert, Ordnung in die Geschichte zu bringen, und sich im Untertitel selbstbewusst "die Biografie" nennt. Hildebrand Gurlitt – "Hitlers Kunsthändler": Die diffamierende Aggressivität des Buchtitels verliert sich schon in den ersten Sätzen.

Wir lesen ein sachlich und mit Bedacht geschriebenes Buch, das manchem Leser in seiner wissenschaftlichen Genauigkeit mit Sicherheit sogar zu trocken sein dürfte – hier ist die eigene Vorstellungskraft gefragt. Dann durchstreift man Jahrzehnte einer reichen Lebensgeschichte, die in ihren Details, Sorgen und Entscheidungen viel mehr über das Mitläufertum jener Jahre aussagt als über das große Geschäft für das Linzer Führermuseum oder die Skrupellosigkeit von Hildebrand Gurlitt.

Gurlitt wird von den Autoren wie von einer geistigen Drohne umkreist. Erstaunlich viele Quellen liegen vor. Briefe, Dokumente und Berichte lassen Gurlitt noch einmal auf die Welt kommen, seine Künstlerinnen-Schwester Cornelia vergöttern und verlieren, ihn jubelnd wie alle anderen in den Ersten Weltkrieg ziehen und als Pazifist zurückkommen. Er aber, der etwas linkische Junge, ist nicht gebrochen und lebensmüde. Er spürt einen "Geltungstrieb", "er will in der Öffentlichkeit wirken".

Aus den Fängen des Vaters, dem aufrechten, kontrollierten Erfolgsmenschen, der auch schon Cornelius Gurlitt hieß und von 1850 bis 1938 als Kunsthistoriker und Architekt in Dresden wirkte, windet sich Hildebrand immer wieder heraus und fällt doch zurück in seinen Schoß. Er hofft auf eine Museumskarriere und nicht, wie der Vater es sich gewünscht hätte, auf eine Unilaufbahn.

Und von diesem Traum, einem Leben im Dienst der Moderne, lässt Hildebrand Gurlitt nicht. Doch sein Geschmack passt nicht in die Dreißigerjahre. Er verliert seinen Posten als Museumsleiter in Zwickau, weil er die Sammlung radikal umbaut – ohne Rücksicht auf lokale Wünsche. Er verliert seinen Leitungsposten in Hamburg, weil er nicht bereit ist, die Hakenkreuzfahne über dem Kunstverein zu hissen.

Mehr als alle politischen Einstellungen wird ihm seine Expressionismus-Besessenheit zum Schicksal, die nach und nach als Bedrohung nationalsozialistischer Werte gesehen wird. Und so steht Hildebrand Gurlitt im Jahr 1933 bereits ein zweites Mal vor den Scherben seiner Existenz, ohne Anspruch auf Pension, aber mit einer Familie, die zu versorgen ist.

Die nächste Katastrophe wartet: "Schon im Frühjahr 1933, zweieinhalb Jahre bevor die 'Nürnberger Rassengesetze' erlassen werden, müssen die Gurlitts ihre Abstammung nachweisen." Vater Cornelius ist empört, "schließlich ist er seit 40 Jahren Mitglied der Nationalliberalen Partei und seit kurzer Zeit Wähler der Deutschen Volkspartei. In seinen Augen kann man nicht deutscher sein." Später wird er Hitler wählen: "Er ist ein großer Mensch", glaubt Cornelius Gurlitt.

Hildebrand Gurlitt hält sich fern von der Politik. Für ihn gibt es beruflich nur noch eine Option: Er muss sich selbstständig machen, wird Kunsthändler, gründet eine Galerie, unterstützt vom Unternehmer Kurt Kirchbach.

Ab 1938 in Diensten des Regimes

Als Gurlitts Vater 1938 verbittert und zurückgezogen stirbt, bricht ein Bann. Es wird das Jahr, in dem Hildebrand Gurlitt, "der sich bislang vom nationalsozialistischen Machtapparat ferngehalten hat", umkippt und "seine moralische Integrität aufgibt". Die Autorinnen nennen das einen "Schritt ins System", eine bewusste Entscheidung, ausgelöst tatsächlich durch eine erneute Aufforderung, seine Abstammung nachzuweisen. Gurlitt stellt sich als Kunsthändler in den Dienst des Regimes.

Meike Hoffmann und Nicola Kuhn deklinieren im Folgenden die wenigen Jahre, in denen Gurlitt einen "Pakt mit den Schergen" schließt, akribisch durch. Demnach verkaufte Gurlitt die Moderne gegen den Willen der Nationalsozialisten auch im Inland: "Als Mischling geht Gurlitt mit seinen Extratouren ein noch größeres Risiko ein als seine Kollegen.

Zwischendurch muss er dem Propagandaministerium versichern, dass die ihm übergebenen Kunstwerke im Inland und von Inländern nicht gesehen werden. Gurlitt spielt trotzdem vorne mit, gehört zur kleinen Zahl an Kunsthändlern, die zu Chefeinkäufern für Hitlers Führermuseum in Linz ernannt werden.

Eine differenzierte Biografie

Wer also war Hildebrand Gurlitt? Tatsächlich schaffen es die Autorinnen, diesen wankelmütigen Mann begreifbar zu machen – und dadurch auch gerecht zu werden. "Seinem eigenen Selbstverständnis zufolge ging es ihm zu allen Zeiten nur um die Sache", ja sogar der Einkauf für das geplante "Führermuseum" fällt für ihn unter diese Kategorie, als "Einsatz für einen höheren Auftrag. Darauf bleibt stur sein Blick gerichtet, das treibt ihn an."

Nach dem Krieg und als Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins treibt er dieses Geltungsbedürfnis auf die Spitze: "Wenn er jetzt Anerkennung findet, so die Logik, kann er auch seine Vergangenheit rechtfertigen. Dieser unbedingte Wille zum Erfolg macht ihn zum Besessenen, ein Sympathieträger ist er nicht."

Aber unkritisch zur Causa Gurlitt seit 2011

Rechtfertigt diese Historie das Verhalten der deutschen Behörden, als sie 2011 die gesamte Sammlung Gurlitt beschlagnahmten, die sich nunmehr im Besitz seines Sohnes Cornelius Gurlitts befand? Rechtfertigt sie einen zähen Prozess und Jahre der Ungewissheit? Sicher nicht. Der unkritische Schlussteil des Buches über die Jahre nach 2011 liest sich dann leider doch noch wie eine vom Ministerium abgesegnete Sicht auf die Causa Gurlitt.

Und so haben wir es mit einer lohnenswerten Biografie über Hildebrand Gurlitt zu tun, eine Person der Zeitgeschichte, die eben nicht einfach als Nazi-Kunsthändler abgestempelt werden kann. Mit Blick auf das Erbe des Kunsthändlers, das uns heute beschäftigt, ist es kein Debattenbuch zum Umgang der Politik mit dem Fall Gurlitt.

 

Review 15 March 2016

Hildebrand Gurlitt - Hitlers Kunsthändler
http://www.sueddeutsche.de/kultur/biografie-hildebrand-gurlitt-hitlers-kunsthaendler-1.2906706 

Er war ganz nah an den Quellen von Raubkunst und kaufte "rauschhaft". Ein neues Buch erhellt Leben und Netzwerke des besessenen Sammlers und Nazi-Profiteurs.

Buchkritik von Ira Mazzoni

Wer war dieser Mann, der glaubte, den Tiger reiten zu können? Wer war er, der angeblich alles im Krieg verloren hatte, am Ende seines Lebens jedoch mehr als 1500 Artefakte sowie Konvolute von Briefen, Rechnungen, Geschäftsbüchern hinterließ, die das Leben seine Sohnes unter der Last von Heimlichkeiten begruben?

Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und die Kunstkritikerin Nicola Kuhn präsentieren nun die erste umfassende Biografie Hildebrand Gurlitts (1895 - 1956). Und das Buch hat Brisanz. Denn die Autorin - Projektkoordinatorin der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin - sammelte schon länger Material zu Hildebrand Gurlitt. Schließlich gehörte er zu dem engen Kreis von vier privilegierten Händlern, die vom Propagandaministerium autorisiert wurden, die in deutschen Museen beschlagnahmte "Entartete Kunst" gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen. Und dabei wurde er offenbar vom zuständigen Funktionär Rolf Hetsch in besonderem Maße bevorzugt.

Hildebrand Gurlitt musste nicht, wie die anderen auf Kommissionsbasis arbeiten. Gleich sein erster Ankauf war ein gut eingefädelter Coup: Innerhalb eines Tages verkaufte er sechs Gemälde von Wassily Kandinsky und ein Werk von Robert Delaunay mit 1000 Franken Gewinn an die Galerie Gutekunst und Klipstein in Bern. Diese vermittelte die Bilder an das Guggenheim-Museum in New York.

Handelsbeziehungen, die noch dem Sohn den Lebensunterhalt sicherten

Spätestens seit diesem 20. Februar 1939 unterhielt Gurlitt demnach beste Beziehungen zum Schweizer Kunsthändler August Klipstein. Auch dem Nachfolger Eberhard W. Kornfeld hielt er die Treue. Auf diese gewachsene Handelsbeziehung konnte sich noch Hildebrands Sohn Cornelius verlassen, wenn er mal wieder eine expressionistische Grafik zum Zwecke des Lebensunterhalts veräußern musste. Dass das Kunstmuseum Bern den sorgsam gehüteten Bilderschatz erben soll, erscheint vor diesem Hintergrund nur konsequent.

Meike Hoffmann verteidigt mit dieser Biografie vor allem ihren sorgsam abgesteckten Claim, dessen hermetische Grenzen durch den sogenannten Münchner Kunstfund löchrig wurden. Plötzlich interessierte sich jeder für den "Nazi-Kunsthändler", der vermeintlich Massen von Raubkunst versteckt hatte. Journalisten bewiesen, dass sie in Archiven schnell fündig werden konnten. Schon im letzten Spätherbst veröffentlichte Thames and Hudson die soliden Recherchen von Catherine Hickley zum Münchner Kunsthort (jetzt auch auf Deutsch: Gurlitts Schatz. Hitlers Kunsthändler und sein geheimes Erbe, Czernin-Verlag, Wien 2016, 325 S., 24.90 Euro.).

Zwei Jahre hatte die "Taskforce Schwabinger Kunstfund", um die angebliche Raubkunst-Sammlung von Cornelius Gurlitt zu untersuchen. Die Ergebnisse sind mager

Schwabinger Kunstfunde Fall Gurlitt: 499 Bilder, elf Ergebnisse

Unterdessen war Meike Hoffmann zum Stillschweigen verpflichtet. Denn sie war die Fachfrau der ersten Stunde, als es darum ging, den von der Staatsanwaltschaft in der Münchner Wohnung von Sohn Cornelius Gurlitt beschlagnahmten Kunstbesitz zu identifizieren. Früher als andere hatte sie Einsicht in die Geschäftsbücher. Wer aber von dem prominenten Mitglied der inzwischen aufgelösten "Taskforce Schwabinger Kunstfund" einen Enthüllungsroman erwartet - wird enttäuscht.

Der Druck, ein "echter Gurlitt" zu werden

Hoffmann verknüpft "ihre" Quellen aus nicht näher benanntem Privatbesitz mit dem, was seit dem Kunstfund ohnehin öffentlich geworden ist. Für den Schlussakkord des Buches - die Schilderung des Falls und der daraus resultierenden Konsequenzen für die Provenienzforschung - übernimmt die Kulturredakteurin des Tagesspiegel, Nicola Kuhn, die Erzählung.

Hoffmann zeichnet das Porträt eines Mannes, der von Beginn an unter dem Druck des Professoren-Hauses steht, ein "echter Gurlitt" zu werden. Zeitlebens wird er die Büste seines berühmten Vaters Cornelius Gurlitt, des deutschen Barock-Papstes und Denkmalpflegers, von Schreibtisch zu Schreibtisch schleppen. Des Vaters Netzwerke öffnen anfangs Türen in die Kunstwelt. Aber Hildebrands Domäne wird die Avantgarde.

Museen sind Marktplätze. Es wird gekauft und verkauft

Sein erstes Museum in der Industriestadt Zwickau macht er zu einem Zentrum der Moderne und der Arbeiterbildung. Nebenbei baut er die erste große Sammlung zeitgenössischer künstlerische Fotografie für den Dresdner Industriellen Kurt Kirchbach auf. Es entsteht eine enge Freundschaft, die über Zeiten erzwungener Arbeitslosigkeit hinweg hilft. Seit den Zwanzigerjahren handelt der junge Kunsthistoriker auch mit Kunst - mit Briefkopf des Museums, was damals nicht unüblich ist. Museen sind Marktplätze. Es wird gekauft und verkauft.

Als Hildebrand Gurlitt wegen nationalistischer Hetze gegen seinen leidenschaftlichen Moderne-Kurs erst den Job in Zwickau und später auch noch den als Leiter des Kunstvereins Hamburg verliert, verlegt er sich ganz aufs Handeln. Als die antisemitischen Gesetze verschärft wurden und Hildebrand wegen seiner jüdischen Großmutter um seine Händlerlizenz bangen muss, übernimmt seine Frau Helene die Geschäfte. Sie führt fortan die Bücher für die Steuer und unterdrückt alles Verfängliche.

Hoffmann legt nahe, dass Kontakte zum Evangelischen Bilderdienst Gurlitt den Weg zur Verwertungsstelle "Entartete Kunst" geebnet haben, wo er Verträge über 78 Gemälde, 278 Aquarelle, 52 Zeichnungen und 3471 Drucke abschließt. Vieles davon geht, entgegen den Abmachungen, direkt an seine norddeutschen und rheinischen Sammler. Etliches auch an andere Händler. Vieles behält er selbst. So weit alles bekannt.

Gurlitt soll an der Seine für deutsche Kunst werben

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Neu ist, dass Hildebrand Gurlitt "im Interesse des Reiches" bereits im Jahr 1940 ins besetzte Holland reisen darf, wo sein alter Bekannter aus Berliner Studienzeiten, Eduard von Plietzsch, Kunstsachverständiger der Dienststelle Mühlmann geworden ist. Ein weiterer alter Bekannter, der Kunstkritiker Erhard Göpel, findet wiederum ein neues Auskommen im Referat Sonderfragen für die besetzten niederländischen Gebiete. Gurlitt ist damit ganz nah an den Quellen von Raubkunst und kauft "rauschhaft".

Im Juni 1941 beruft dann die Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Paris, das Deutsche Institut, Gurlitt in die Seine-Metropole. Er soll Ausstellungen organisieren, für deutsche Kultur werben. Für seine Handelsaktivitäten nutzt er fortan auch die Kuriere der Botschaft. Meike Hoffmann bezeugt darüber hinaus Gurlitts große Nähe zum Deutschen Kunstschutz. Nutznießer waren seine privaten Kunden, genauso wie etliche deutsche Museen.

So war Gurlitt in Paris längst Hans Dampf in allen Gassen, als er von Hermann Voss den Auftrag erhielt, als Einkäufer für Hitlers Linzer Museum tätig zu werden. Wieder zu besonderen Konditionen. Seine letzten Einkäufe tätigte Gurlitt noch nach dem D-Day (6. Juni 1944). Kunst, die er nicht mehr außer Landes bringen konnte, deponierte er bei befreundeten Kunsthändlern und holte sie nach dem Krieg ab, als er wieder in deutscher Kulturmission reisen durfte.

Durch einen Film zur Eile getrieben

Das detailreiche, aber bisweilen betuliche Buch wäre lesbarer, wenn sich die Autorinnen mehr Zeit gelassen hätten, aus einem Sammelsurium von beziehungsreichen Namen und entlarvenden Zitaten eine kohärente Erzählung zu bauen, die Konkurrenzen und Seilschaften unter Kunsthändlern und Kunsthistorikern genau untersucht. Aber die von dem Filmemacher Maurice Philippe Remy angekündigte "wahre Geschichte", trieb Agentur und Verlag zur Eile.

Meike Hoffmann verteidigt ihre nebenberufliche Parforcejagd: Die Biografie werde durch neu ausgewertete Dokumente nicht falsch. Aber präziser. Schließlich geht es um die Entschlüsselung eines Systems, das erheblichen Einfluss auf die Kunstpolitik Nachkriegsdeutschlands gewann.

Meike Hofmann, Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt 1895 - 1956. Die Biographie. Verlag C.H . Beck, München 2016. 400 Seiten mit 36 Abbildungen, 24,95 Euro.



Review 9 March 2016

Ein Lyrik-Code als Anreiz

http://www.elke-heinemann.de/wp-content/uploads/2014/04/FAZ_M%C3%A4rz_2016.pdf

To read, click here.


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