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Raubkunst aus den Synagogen - Looted art from synagogues

1970
1945
Main Post 5 December 2017
von Christine Jeske

Spurensuche: Rund 170 jüdische Ritualobjekte wurden im Depot des Museums für Franken in Würzburg wiederentdeckt. Es ist einer der bedeutendste Funde in Deutschland – und einer der größten.

Es sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, schrieb der katholische Pfarrer Adam Wehner in sein Tagebuch. Am 10. November 1938, zur Mittagszeit, drangen SA-Leute in die Synagoge in Arnstein ein. Sie schlugen Fenster, Türen und die Inneneinrichtung in Stücke, informieren Axel Töllner und Hans-Christof Haas in ihrem Beitrag im 2015 erschienenen ersten Gedenkband über die unterfränkischen Synagogen „Mehr als Steine . . .“ (Band III/1, Kunstverlag Josef Fink).

In Heidingsfeld bei Würzburg wütete der braune Mob bereits in der Nacht vom 9. auf den 10. November bei der „Volkserhebung gegen die Juden“. Gegen 3.15 Uhr wurde die Frau des ehemaligen Lehrers Grünfeld aus dem an die Synagoge angrenzenden Schulhaus aus dem Bett geklingelt. Sie hatte den Schlüssel. Kaum hatte sie das Portal geöffnet, begann das Zerstörungswerk, schreibt Cornelia Berger-Dittscheid im oben erwähnten Gedenkband. Auch die Wohnungseinrichtung der Grünfelds sei zertrümmert worden.

In Arnstein entgingen die Ritualobjekte diesen Verwüstungen. Sie waren Monate zuvor in die Synagoge nach Schweinfurt gebracht worden, weil die jüdische Gemeinde in Arnstein aufgelöst worden war. Ebenso lagerten dort die Ritualobjekte der Synagogen von Ebelsbach und Gochsheim. Sie alle wurden dann – jüngsten Forschungen zufolge – vor dem Novemberpogrom von den Nazis beschlagnahmt – also geraubt und enteignet. Andernfalls wären sie am 10. November 1938 zerstört worden. Denn der Innenraum der Schweinfurter Synagoge wurde ebenfalls an diesem Tag von den Nazi-Schergen heimgesucht.

Erforschung der „Judenfrage“

Auch die Ritualobjekte in Heidingsfeld wurden bereits vor dem 9. und 10. November 1938 von den Nazis beschlagnahmt – und nach Angaben von Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums München, in die Maxstraße 4 nach Würzburg gebracht. Dort befand sich damals das Fränkische Luitpold-Museum, das kurz darauf in „Mainfränkisches Museum Würzburg“ umbenannt wurde. Bei der Bombardierung der Stadt am 16. März 1945 wurden endgültig „mehr als die Hälfte der Objekte“ schwer beschädigt. „Sie sind ausgeglüht“, so Purin, „auf eine Kiste sind Gebäudeteile gefallen“. Deshalb blieben darin nur Fragmente übrig.

Die Kult- beziehungsweise Kunstobjekte wurden wohl gezielt aus den Gebets- und Lehrhäusern herausgeholt und zur Aufbewahrung an Museen oder Archive abgegeben, sagt Purin. Es existieren zwar für Unterfranken keine direkten Befehle, aber es sei bekannt, dass die Nationalsozialisten beabsichtigt haben, keine jüdischen Sachwerte zu vernichten, die noch weiterverwendet werden konnten, wertvoll waren oder anhand derer „die Judenfrage“ erforscht werden konnte. Letzteres war laut Bernhard Purin unter anderem das Anliegen von Stellen wie jener des „Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg“ (ERR), einer der größten Rauborganisationen der Nationalsozialisten unter der Leitung des NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg. „Aber auch andere NS-Institute sammelten Judaica“, so Purin.

Die damals beschlagnahmten Ritualien stehen nun unter anderen im Fokus eines Provenienzprojekts, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert wird.

In diesem Projekt wird in den Museumssammlungen nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut gesucht und dabei auch die genaue Herkunft der jüdischen Ritualgegenstände erforscht, sagt Claudia Lichte, stellvertretende Direktorin des Museums für Franken und Leiterin des Projekts. „Wir sind sehr glücklich, dass Bernhard Purin mit uns zusammenarbeitet“, so Lichte, „er ist ein ausgewiesener Experte für Judaica.“

Im Zentrum stehen insgesamt 170 Teile. Sie wurden erst 2016 bei Inventarisierungsarbeiten im Depot auf der Festung Marienberg gefunden. Es ist der größte, in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland wiederentdeckte Bestand, teilte das Museum für Franken Anfang August mit (wir berichteten). Bernhard Purin bezeichnet ihn als „bedeutenden Fund“. Dass es überhaupt dazu kam, dass jüdische Ritualobjekte in diesem Umfang im Mainfränkischen Museum, dem heutigen Museum für Franken, lagerten, beruht wohl auf einen Zufall.

Ein Blick zurück ins Jahr 1947: Im Auftrag der „Monuments Men“, den Kunstschutzoffizieren der US-Armee, sicherten laut Bernhard Purin Museumsmitarbeiter zehn bis zwölf Kisten aus dem bombardierten Museumsgebäude in der Maxstraße und aus Auslagerungsorten und schickten sie – bis auf zwei Behälter – in den Central Collecting Point in Wiesbaden, einem zentralen Sammelpunkte in der amerikanischen Besatzungszone, sowie ins Archival Depot nach Offenbach. Dort wurden Bücher und Dokumente aus jüdischem Besitz zusammengetragen, aber auch Ritualgegenstände, „weil nur dort Judaica-Experten waren“, so Purin. Warum 1947 zwei Kisten im Mainfränkischen Museum zurückblieben, ist nicht bekannt. Und letztlich wurde deren Inhalt in den Wirren der Nachkriegszeit wohl vergessen oder nicht weiter beachtet. Der Blick war in die Zukunft gerichtet. Jedenfalls kam der Inhalt der zwei Kisten ins Depot hoch auf die Festung Marienberg. Dort soll in den späten 1980er Jahren Max von Freeden, der erste Direktor des Mainfränkischen Museums nach 1945, die Kisten gesichtet haben.

Da er nach Kriegsende ein viel beschäftigter Ansprechpartner der US-Kunstschutzoffiziere war, wird er die Objekte wohl gekannt haben. Sein Nachfolger Hanswernfried Muth habe dann unzerstörte Teile restaurieren lassen und mit ihnen eine Vitrine bestückt. Sie steht seither in der Echterbastei, erzählt Erich Schneider, Direktor des Museums für Franken.

Erforschung der Provenienz


Denn im alten Mainfränkischen Museum gab es bereits von jeher eine aus Ankäufen und Überlassungen bestehende Judaika-Sammlung, informiert Claudia Lichte; dazu die aus den Synagogen geraubten Objekte und diejenigen, die Clemens Schenk bis 1945 in seiner Zeit als Museumsdirektor, zugleich Gaudozentenführer und Berater des Gauleiters in kulturellen Fragen aus zwangsenteignetem jüdischen Besitz ausgewählt habe. „Er konnte daraus Objekte für das Museum anfordern, bevor sie versteigert wurden, so Lichte. Deshalb wird ab Januar oder Februar 2018 eine Provenienzforscherin oder ein Provenienzforscher (die Bewerbungsgespräche laufen derzeit) die Neuerwerbungen in den Kunstsammlungen des Mainfränkischen Museums ab 1933 in Augenschein nehmen und deren Geschichte im Hinblick auf von den Nationalsozialisten enteigneten Besitz zu klären versuchen.

Bernhard Purin ordnete in den vergangenen Monaten bereits einen Teil der im Depot entdeckten Objekte unterfränkischen Synagogen zu: Sie kommen nicht nur aus Heidingsfeld, Schweinfurt, Ebelsbach, Gochsheim und Arnstein, sondern auch aus Würzburg und Miltenberg. Bei der Identifizierung zog der Fachmann die von Theodor Harburger zwischen 1926 und 1932 im Auftrag des Verbandes Bayerischer Israelischer Gemeinden erstellte Inventarisierung jüdischer Kunst heran, eine wertvolle Quelle. So stammt eine Sabbat-Lampe vermutlich aus Mellrichstadt, mehrere Thora-Aufsätze zweifelsfrei aus Heidingsfeld, so Purin.

Ringvorlesung für alle


Jeden Donnerstag gibt es bis zum 1. Februar 2018 ab 18.15 Uhr im Hörsaal 5 im Philosophiegebäude der Universität Würzburg am Hubland einen Vortrag zum Thema „Sammlungen – Provenienz – Kulturelles Erbe 2.0“. Die öffentliche Vorlesungsreihe der Fächer Museologie, Geschichte und Kunstgeschichte findet in Kooperation mit dem Würzburger Museum für Franken statt.

„Geraubt und vergessen. Über den Umgang mit jüdischen Ritualobjekten in Bayern ist der Titel des Vortrags von Bernhard Purin, Jüdisches Museum München am 7. Dezember.

Eine Woche später, am 14. Dezember, referiert Barbara Welzel (TU Dortmund) über „Bilder im Museum: Kulturelles Erbe und Partizipation“.

http://www.mainpost.de/ueberregional/kulturwelt/kultur/Raubkunst-aus-den-Synagogen;art3809,9813390
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